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1.
Jahresbericht. Zum 19. Juli 1922.
Wir schauen zurück auf das
erste Stiftungsjahr: Jakob
Bosshart ist der erste Preisträger des Gottfried Keller-Preises. Der
Stiftungsrat möchte damit Verehrung und Dankbarkeit bekunden, die die
Schweiz
dem Dichter schuldet, der nach einer die ganze Manneskraft fordernden
Erziehertätigkeit, trotz fortwährenden Hemmungen durch körperliche
Leiden, alle
Kräfte zu einem grossen Werk (Ein Rufer in der Wüste) zusammenraffte,
in dem
Lebensreife, Menschenkunde und Erkenntnis der gesellschaftlichen und
seelischen
Wirrnisse unserer Zeit einen wahren Schweizerspiegel geschaffen haben.
Der
künstlerischen Schranke solcher dichterischer Gegenwartskritik wohl
bewusst,
glaubt der Stiftungsrat im jetzigen Zeitpunkte, wo es unserm Schrifttum
weniger
an erzählerischen Fertigkeiten als an neuem Gehalt fehlt, sich für
diese
Leistung einsetzen zu sollen, die im Innersten von Ideen bewegt ist,
welche das
junge Geschlecht die Seinen nennen darf. Der Gottfried Keller-Preis
soll
helfen, das Interesse des Schweizervolkes diesem mahnenden, tiefen und
reichen
Buche zuzuwenden.
Dass ein Mann solcher Prägung,
solch innerer und äusserer
Eignung gefunden werden konnte, lässt diesen ersten Schritt als
glücklich, das
Jahr als Gewinn empfinden. In hohem Masse hat es erfüllt, was durch die
Gründung der Martin Bodmer-Stiftung am 19. Juli 1921 gehofft und
angestrebt
wurde. Dieses Tages sei heute wiederum gedacht. Ist er nicht doppelt
bedeutsam
für uns, in dessen Zeichen zwei Dichter geboren sind: Gottfried Keller
und
Johann Jakob Bodmer? Ihr Geist hat der Stiftung Pate gestanden, in
ihrem Sinn
und Namen soll sie einer neuen Zeit neue Wirkung bringen. Der Erstere,
das
ergibt sich einstweilen von selbst, steht im Vordergrund und vor allem
im
öffentlichen Bewusstsein. Der Andere, Fernere, in subtilerer Region
Bedeutende
wird im Sinne seiner Sendung der kritischen Schöpfung Mentor sein. Dass
diese,
an sich schon rarer, erst in zweiter Linie zu Worte kommen soll, liegt
in der
Natur der Dinge.
Nicht versäumt sei hier und
heute noch ein Wort über den
Sinn dieser Privatstiftung, die fälschlich so gerne mit ihren grösseren
Schwesterinstitutionen vermengt wird. Durchaus nicht in der Absicht,
mit der
Schweizerischen Schillerstiftung und der Werkbeleihungskasse des
Schriftstellervereines
zu wetteifern, wurde sie ins Leben gerufen. Mit klarem Willen stellt
sie sich
auf eigenen Boden: einen Einzigen verehren – und auch dies nur in
massvollen
Abständen: vorläufig alle zwei Jahre.
Bedeutet eine grössere
Geldspende und die Wirkung einer
ausgebauten Propaganda nach Aussen hin das Besondere dieses Preises, so
soll
sein tieferer und innerer Gewinn vor allem in der Seltenheit und
Auslese, in
der isolierenden Erhöhung liegen, womit er bewusst der Breitentendenz
unserer
nivellierenden Zeit entgegen tritt. E i n e Gefahr bringt solche
Einstellung
mit sich, eine Schwierigkeit steigert sie: da Rechte zu finden. Ist es
nicht
anmassend, die Verantwortung solchen Entscheides auf sich zu nehmen?
Wird nicht
die Zukunft bald dieses, bald jenes Urteil der Lächerlichkeit
preisgeben? O
leere Klügelei! Gespenst der Kleinlichkeit! Dass es schwer ist, fühlen
wir.
Dass man irren kann, wissen wir – wissen alle die treu Mitsuchenden und
Mitragenden – und trotzdem und dennoch: wir glauben und wollen! Unsern
Zeitgeist
(nicht unsere Zeit, denn sie ist reich und herrlich) aber alles was
heute
zwischen ertötender Erstarrung und brauendem Chaos, zwischen
Veräusserlichung
und Zerwühlung – mit einem Wort zwischen Amerikanismus und Europäismus
pendelt,
zu überwinden, das ist die Pionierarbeit unserer Tage.
Weder Zwang noch Entfesselung
tut uns Not, sondern
Klarheit. Dazu müssen wir die Kraft haben, viel Ererbtes zu verwerfen,
den Mut,
das Stirb und Werde der grossen Wende zu vernehmen, die Freiheit uns zu
besitzen. Aus der Fläche in die Tiefe, aus dem Fluch der Einseitigkeit
in
alldurchbrauste Fülle – dann wird es gar nicht mehr so sehr auf
richtiger oder
unrichtiger, auf den letzten Endes immer zufälligen Griff in ein eben
so
zufälliges Material ankommen, sondern darauf, dass Körper und Seele
wieder
eins, dass Blut und Geist verbunden, dass das Herz Brennpunkt werde
eines immer
volleren, immer harmonischeren Lebensrhythmus. Wir stehen hoffend,
erwartend an
einem Anfang. Die Zukunft wird Vieles bringen – wird sie auch Vieles
erfüllen?
Vielleicht ist dies gar nicht so wichtig, wenn wir dabei nur lernen,
als
heutige Menschen auf neuer Stufe wieder lernen: zu bewundern, uns zu
freuen und
das ganze, grosse, heilige Leben zu suchen. Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum zweiten Jahr (1923)
Wir wollen’s in gedämpfteren
Tönen halten – diesmal. Denn
keine „Probe“ war zu bestehen. Nicht Ruhe zwar sollen uns die
Zwischenjahre
bedeuten, vielmehr etwas wie Stille nach der Aussaat (die wir selber
freilich
nicht besorgen), wie verborgen wirkendes Wachstum. In rauen Tönen
geredet: Rund
Fr. 2'000.-- standen uns zur Verfügung, und ihre Verwendung wurde also
beschlossen:
Traugott Vogel in Zürich erhält
für einen noch
unveröffentlichten Roman die Ehrengabe von Fr. 1'000.--, Fritz von
Unruh, Deutschland,
als Würdigung seines Schaffens, Fr. 400.--, Eduard Behrend, München, an
seine
Ausgabe von Jean Paul-Briefen, Fr. 300.--. Der Rest steht noch aus. Das
sind ja
Bescheidenheiten, an der Not der Zeit gemessen. Aber, kann es je genug
gesagt
sein: wir wollen jene Exklusivität, die in der Ursprungsbedeutung des
Wortes
Aristokratisch ist – wir wollen das Beste. Wohl uns, wenn wir Gutes
finden! Was
ist’s aber mit solch kleinen Zwischengaben? Auch sie sind gut. Möchten
sie nur
soviel wirken, das kein Versanden eintritt. Möchte damit doch immer das
rechte
Mass an Vibration gefunden werden, die Pausenjahre zu erfüllen. Hier
und dort
eine kleine Aufmunterung, wo es sichtender Umschau gut erscheint.
Solches wird
den Stiftungsrat trotz seiner stolzen Losung: Einer! nicht beleidigen.
Im
Gegenteil: können junge Kräfte gestärkt werden, verborgene Quellen zu
frischerem Rinnen kommen, dann wird der Strom auch, wenn es Zeit ist,
brausen!
Immerhin dürfen wir uns nicht verhehlen, wie sehr wir augenblicklich in
Sturmzone stehen! Das Morgen kann wegfegen was heute gut erscheint. An
den
Wahrern ist es, sich zu bewähren! Dank ihnen allen, die es bis heute
taten.
Das zweite Jahreswirken ist
beschlossen, und wir möchten
ihm nichts weiter beifügen als den Wunsch: Dem dritten gute Sterne!
Martin
Bodmer.
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Jahresbericht
zum dritten Jahr (1924)
Das Kuratorium hat beschlossen,
die Beratungen für den
Gottfried Keller Preis auf das Frühjahr 1925 zu vertagen. Wir erlauben
uns
deshalb, Ihnen lediglich den Rechnungsabschluss des dritten
Stiftungsjahres zu
unterbreiten. An kleineren Ausgaben sind folgende zu nennen:
Prof. Howald in Zürich wurden,
im Anschluss an eine
Sammlung, von Seiten der Stiftung Fr. 200.-- überreicht. Ricarda Huch
in
München erhielt als Ehrengabe zu ihrem 60. Geburtstag Fr. 1'000.--. Die
Wahl
Dr. Korrodis in den Vorstand der Schiller-Stitung veranlasste ihn
formhalber
bei uns als Vicepräsident zurückzutreten. Er wird jedoch nach wie vor
dem
Kuratorium angehören und uns mit seinem wertvollen Rat zur Seite
stehen. Als neuer
Vicepräsident wurde Dr. Max Rychner gewählt.
Die Tätigkeit dieses Jahres
blieb leider eine sichtende.
Unser Rundschreiben vom September gibt den verehrten
Vorstandsmitgliedern
Aufschluss darüber. Hoffen wir, dass im kommenden Jahr die zuwartende
Haltung
endlich aufgegeben werden könne, hoffen wir, dass die lange Wartefrist
reichlich belohnt werde! Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum vierten Jahr (1925)
Das laufende vierte Jahr
unserer Stiftung steht im
Zeichen Heinrich Federers. Der zweite Gottfried Keller-Preis im Betrag
von Fr. 6'000.-- ist ihm durch einstimmigen Beschluss des Vorstandes
vom 20.
März dieses Jahres verliehen worden.
Federer, der selbst
Vorstandsmitglied ist, nahm an den
Verhandlungen nicht teil. Dass die Wahl gerechtfertigt war, beweist der
spontane und warme Widerhall in der schweizerischen Presse, ja man darf
wohl
behaupten in allen geistigen Schichten unseres Landes. Wir wollen uns
der
Tatsache nicht verschliessen, eine unproblematische Wahl getroffen zu
haben,
und können sie zugleich rechtfertigen mit den Worten aus unserem
Schreiben an
den Dichter:
[...]
Dass wir sie von den
diesjährigen Beratungen nicht in Kenntnis setzten, werden Sie uns
gewiss nicht
verübeln, war diese pia fraus doch nur das Vorzeichen eines
erwartenden, ja
notwendigen Resultates. Denn noch gilt es für die junge Stiftung sich
zu
bewähren, sich Vertrauen und Sympathie zu erobern. Nur dann wird es ihr
möglich
sein, ihren Wirkungskreis allmählich auf schöne Art zu erweitern,
Verborgenem
ans Licht zu helfen, für Unbekanntes einzustehen. Wie aber könnte sie
sich
besser bewähren, als durch Urteile, die dem ganzen Volk aus dem Herzen
gesprochen sind? Sie machen uns, verehrter Herr Federer, diese Aufgabe
leicht.
Indem wir Ihr Lebenswerk im Gesamten und Ihre jüngste Schöpfung im
Besonderen
krönen, tun wir nichts Anderes, tun wir nichts als unsere Pflicht und
wissen
wohl, wie gering das eigene Verdienst dabei ist. Aber eine sonntägliche
Pflicht
ist es, denjenigen Dichter zu ehren, der unter den Lebenden im klarsten
Sinne schweizerisch
wirkt und den wir mit stolzem Dank unter die Ersten zählen, auf deren
Namen
unsere Sache sich gründet.
Wir dürfen uns aber auch der
weiteren Tatsache nicht
verschliessen, dass sich gerade in jüngeren Kreisen auch weniger
günstige
Kommentare bemerkbar machten. Sie galten nicht sosehr dem Preisträger
als
vielmehr unserer Zaghaftigkeit, stets nur das bewährte Alte auf den
Schild zu
heben. Haben wir uns um Kommentare zu kümmern? Ja und nein.
Keinesfalls, wo es
sich um Konzessionen handeln sollte, ob an Schaffende oder an das
Publikum.
Sicher aber dann, wenn wir unserer Mission nicht gerecht zu werden
scheinen.
Die junge Generation zeiht uns des Konservativismus. Sind wir
reaktionär, wenn
wir die alte Garde heranziehen, um wenigstens Köpfe in der Führerreihe
zu
haben? Denn das ist unsere Aufgabe: auf Führer zu weisen. Ja, können
denn w i r
etwas dafür, wenn, nach einem hübschen Worte Korrodis, bei den Jungen
nur
Rekruten da sind und kein Marschall erscheint? Vier Jahre besteht nun
die
Stiftung, aber es hat sich noch keiner gezeigt. Und alle zwei Jahre
sollte nach
Vorschrift ein Laureatus her! Hier, glaube ich, gibt die Erfahrung
einen Wink,
es künftig etwas anders zu halten. Wir werden darüber beraten müssen,
aber um Eines
wohl kaum herumkommen: grössere Intervalle in der Preisverleihung.
Nehmen wir
zum Beispiel fünf Jahre. Die Ehrengaben von jährlich etwa Fr. 1'000.--
in der
Zwischenzeit blieben sich gleich. Der Preis selbst aber würde
gewichtiger und
zugleich die Möglichkeit wachsen, einen geeigneten Träger zu finden.
Ein
Gottfried Keller-Preis von Fr. 20'000.-- wäre der heutigen
Wirtschaftsordnung
unbedingt angemessener als der bisher Vorgesehene.
An Finanziellem ist noch zu
berichten, dass das
Kuratorium für die Aufführung von Faesis „Opferspiel“ den
Internationalen Festspielen Fr. 3'000.-- garantierte. Die Endabrechnung
erfolgte noch nicht, doch erhielten wir bereits die Mitteilung, dass
die Hälfte
der Garantiesumme zurückerstattet werden könne.
Eine schmerzliche Mitteilung
ist der Austritt Heinrich
Federers aus unserem Vorstand. Zum erstenmal verliert die Stiftung
einen ihrer
Mitarbeiter. Aber es wäre undankbar von uns, darüber zu markten. Die
erschütterte Gesundheit des Dichters ist Grund genug, seine schon
mehrfach
geäusserte Absicht zu ehren. Wir lassen ihn denn scheiden mit dem
wärmsten Dank
für alles bisher Geleistete und nehmen mit Freuden seinen Vorschlag an,
uns
noch weiterhin auf Werke hinzuweisen, die ihm beachtenswert erscheinen.
Schliesslich sind ja nicht unsere paar Sitzungen die Hauptsache,
sondern die
Ausschau nach dem Guten überhaupt. Mag denn auch das äussere Band
gelöst sein,
durch diese feineren Fäden bleiben wir mit ihm verbunden und seines
Urteils
teilhaftig.
Das nächste Jahr wir kein Preis
zu verleihen sein.
Wünschen wir, dass für den innern Ausbau eine glückliche Lösung
gefunden werde,
dass die Stille eine wirkende sei. Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum fünften Jahr (1926)
Wie vorauszusehen, verlief
unser fünftes Rechnungsjahr
recht ruhig. Zu ruhig? Die Stiftung hatte keinerlei Ausgänge. Von
keiner Seite
ein Ruf. Kein Lynkeus meldete sich – es war wohl nichts zu melden.
Doch: im
September dieses Jahres – aber es ist schon das Neue – kam die
Anregung,
Walther Meier für sein Jean Paul-Buch eine Ehrengabe von Fr. 1'000.--
zu
verleihen. Der für diese Zwecke zuständige engere Vorstand zeigte sich
einstimmig bereit dazu. So ist zum erstenmal ein kritisches Werk durch
die
Stiftung gewürdigt worden. Ideell darf diese Buchung noch zum alten
Jahr
geschlagen werden.
Und das Neue ist bereits wieder
ein Preisjahr! Wir kommen
auf unsere Meinung zurück, das Preisintervall von zwei Jahren sei zu
eng. Ja,
wenn man über die Landesgrenzen ginge! Aber das wird vorerst nicht
ratsam sein.
Geistige Unbegrenztheit in Ehren, aber man hat doch im eigenen Hause
Pflichten.
Die ganze zeitgenössische Welt empfindet so – sollten wir es anders
halten?
Damit ist freilich die Hoffnung, einem Genius zu begegnen, sehr
begrenzt, und
unsere Ansicht, es in fünf Jahren eher zu tun als in zweien, gewiss
vernünftig.
Aber es entgeht uns nicht, wie zweischneidig auch dies sein kann. Zu
lange
Pausen bringen ins Hintertreffen, und es ist nicht unmöglich, dass die
Wirkung
selbst eines grösseren Preises geringer sei, als die eines häufig
Wiederkehrenden.
Was tun...? Die Vorstandsmitglieder werden vielleicht so gütig sein,
sich bei
Gelegenheit darüber zu äussern. Ich denke, auf die Zeitspanne kommt es
am Ende
doch recht wenig an. Ordnung muss ja herrschen, aber die Sache darf
nicht von
ihr erdrückt werden! Das Werk ist alles, und so oft es kommt, soll es
willkommen sein. W e n n es denn nur käme!
Eine etwas unliebsame Erfahrung
machen wir mit den
Internationalen Festspielen. Die Stiftung hatte zur Ermöglichung der
Aufführung
von Faesis „Opferspiel“ Fr. 3'000.-- vorgestreckt und bei Abschluss der
Spiele
den Bericht erhalten, die Hälfte der Summe werde zurückbezahlt. Nachdem
ein
Jahr lang nichts geschah, wandten wir uns an den ehemaligen Sekretär
der
Festspiele mit dem Ersuchen um schleunigste Erledigung. Darauf der
Bericht: das
Komitee, das heute nichtmehr existiere, habe damit nichts zu tun! Ein
„Verein
Schweizerbühne“ habe sich damals der Sache angenommen und über das Geld
verfügt. Übrigens habe auch dieser liquidiert. Was tun? Was einer
solchen Nebulosität
gegenüber tun! Abschreiben und sich in Zukunft vor all diesen idealen
ad hoc
Gebilden hüten. Und noch eins: nie Leihen! Nur schenken. Dafür sind wir
da.
Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum sechsten Jahr (1927)
Wenn wir in unserem letzten
Bericht die Anregung machten,
dem Gottfried Keller-Preis etwas grössere Intervalle zu gönnen, - aus
Gründen
die man kennt -, so waren wir für dieses Jahr so glücklich, bereits
davon
absehen zu können. Das Preisjahr konnte in gewohnter Ordnung
eingehalten
werden. Es waren keine schlecht beratenen Geister, die uns in die
Westschweiz
führten. Die mit Bosshart und Federer ehrwürdig begonnene Reihe erhielt
durch
C. F. Ramuz ein weiteres Ehrenglied. Der Preis soll seiner neuesten
Schöpfung
„La beauté sur la terre“ gelten. Selbstverständlich ist damit auch das
Gesamtoeuvre mit einbegriffen, doch liegt uns daran, ein Werk im
Besonderen
auszuzeichnen, und so taten wir es gern und zuversichtlich mit diesem
jüngsten.
Unsere Stiftung tritt damit zum erstenmal über die Grenzen der
deutschen
Schweiz hinaus und freut sich, in einer so bedeutenden Gestalt wie der
Ramuz
die Verbindung mit dem welschen Bruderland gefunden zu haben. Das
westliche
Sprachgebiet bedeutet viel für uns und hat es immer bedeutet. Wir
können durch
diese persönliche Ehrung nur einen geringen Teil des Dankes abtragen,
den wir
ihm schulden. Aber ist der Sinn solcher Preise nicht überhaupt ein,
wenn auch
schwacher, Abschlag unserer Schuld an den Geist. Freilich sollen sie ja
vor
allem dem werdenden Geist gelten, dem Geist der Jugend! Wir lasen
kürzlich
folgende Sätze: „Heute können wesentliche Menschen nicht gefördert
werden, weil
angeblich „dafür“ kein Geld da ist. Um so mehr ist es die Aufgabe der
Verteiler
von Kulturpreisen, nur sinnvolle Wahlen vorzunehmen. Sinnlos ist aber
jede
Wahl, die Menschen krönt, denen diese Krönung nur noch ein Orden mehr
ist neben
einer Riesensammlung. Solche Wahl ist sinnlos, egoistisch und faul:
sinnlos,
weil mit dem Preis nichts erreicht wird als eine Pose des Verteilers,
dass er
auf der Höhe der Zeit steht; egoistisch, weil der Preisverteiler für
sein gutes
Geld einen glanzvollen Namen einzuhandeln sucht; und faul, weil es
nicht viel
Mühe kostet, sie zu finden.“ Das stimmt. Wir wären froh, die
Unbekannten, die
Jungen zu finden. Aber wo bleiben sie...? Wir verdanken jede Anregung,
und wir
bitten ernstlich darum!
Eine bedauerliche Mitteilung
ist der Austritt Carl
Albrecht Bernoullis aus dem Konsultorium. Er teilt uns mit, dass er
sämtliche
Nebenämter in Rücksicht auf seine vermehrte wissenschaftliche
Inanspruchnahme
niederlegen müsse. Wir verdanken ihm seine Tätigkeit als Mitglied
unserer
Stiftung aufs herzlichste, wir danken ihm noch im Besonderen für seine
warme
und aufrichtige Teilnahme an unserer Sache und wünschen ihm alles Gute
für die
Zukunft. Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum siebten Jahr (1928)
Dieses wiederum in abwartender
Ruhe verlaufene Jahr soll
uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stiftung eine Krise
durchmacht.
Nicht so sehr ihrer Einrichtung, als ihrer Idee wegen. Der bisherige
Vizepräsident, Dr. Max Rychner, reichte seine Demission mit der
Begründung ein,
es komme ihm nicht mehr zu über eine Schweizer Literatur zu Gericht zu
sitzen,
an deren Existenz er nicht glaube. Blicke er zurück auf die paar
Bücher, denen
er viel verdanke und die ihn weitergebracht hätten, so seien sie alle
von
Autoren, die für unseren Preis nicht in Frage kämen.
Wir geben Dr. Rychner gerne zu,
dass es immer schwerer
wird, Heutigem mit der Losung GOTTFRIED KELLER gerecht zu werden. Ja,
wir können
ihm auch darin nicht widersprechen, dass gewisse Namen, die nur schwer
mit der
Stiftung in Einklang zu bringen sind, die Geister noch mehr bewegen
werden,
wenn ein Jakob Bosshart und ein Federer „auf Klios Tafel kaum mehr
leserlich
sein werden und ihre Romane nicht mehr lesbar.“ (Dass bei den Namen
selbst die
Meinungen sich teilen, tut nichts zur Sache.) Gewiss ist, dass die
Stiftung
durch ihren eigenen Namen etwelcher lokaler Enge verhaftet bleibt, auch
wo die
Urkunde ihr weitgehendste Freiheit verbürgt. Aber wir haben nicht vor,
über
Sinn oder Unsinn dieser Beschränkungen zu markten. Wir haben nicht die
geringste Lust, jemanden zu halten, den die Sache langweilt, oder ihn
zu
langweilen, indem wir das vielleicht doch Gute an ihr vorbringen.
Es genüge, dass in allerletzter
Stunde noch ein Buch
erscheint, das wir mit freudigem Dank durch die Gabe ehren. Das
„GEISTESERBE
DER SCHWEIZ. Schriften von Albrecht von Haller bis Jacob Burckhardt.
Auswahl
und Nachwort von Eduard Korrodi. Zürich 1929“, wird auch Zweifler
überzeugen,
welches Gut in der Beschränkung liegen kann! Dieses prachtvolle Buch
vertritt
jene Schweiz, der man gerne angehören will und bildet ein höchst
eigenes
Gegenstück zu den kostbaren Borchardt’schen und Hofmannstal’schen
Anthologien
im Sinne Herders. Was können wir mehr wünschen, als dass in Zukunft ein
Schweizergeist wachse, der des alten, hier vertretenen würdig sei?
Martin
Bodmer.
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Jahresbericht
zum achten Jahr (1929)
In seiner Sitzung vom 2.
November hat der Vorstand der
Martin Bodmer-Stiftung einstimmig beschlossen, den diesjährigen
Gottfried
Keller-Preis im Betrage von Fr. 6'000.-- dem königsberger
Literaturforscher
Joseph Nadler zu geben. Wenn im letztjährigen Bericht von einer Krise
die Rede
war, in der die Stiftung sich befinde, so darf sie durch diesen
Beschluss als
überwunden gelten. War es eine Art Sackgasse, in die man allmählich
hineinzukommen drohte, so sind wir heute wieder völlig im Freien! Man
könnte
nun wohl behaupten, der Erfolg sehe einer Gewaltskur ähnlich, indem man
durch die
Preisverleihung offen zugebe, mit dem eigenen Land nichts mehr anfangen
zu
können. Dies war ja das Argument, das unseren früheren Vizepräsidenten
zu
seinem Rücktritt bewog! Aber nicht, weil es keine Schweizer Literatur
mehr
gibt, sondern um den Preis noch beizeiten vor gewohnheitsmässiger
Lokalisierung
– im örtlichen wie im sachlichen Sinn – zu bewahren. Dass die Wahl
dabei auf
keinen Dichter fiel, sondern auf einen Vermittler, darf als
symptomatisch
gelten. Mehr als es wohl irgend ein heutiger Dichter vermöchte, gibt
uns die
Wahl dieses Mannes für die Zukunft ein Mass. Wir haben damit eine
Stellung
bezogen, die künftigen Schweizern, denen der Preis gehören soll, zugute
kommen
wird. Denn ein Forscher solchen Formates ist nicht nur Vermittler,
sondern Führer.
Wir Schweizer haben zudem besonderen Grund, Joseph Nadler dankbar zu
sein.
Durch persönliches Wirken war er unserem Lande jahrelang verbunden, und
ist es
durch menschliche Beziehungen heute noch aufs schönste. Vor allem aber
gilt
unser Dank dem gewaltigen Werk, das allen Gebieten deutscher Zunge
unerhörte
Zusammenhänge eröffnet hat. Wie reich sind gerade wird durch seine
„Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“ beschenkt
worden!
Möge er diesen Preis auffassen als Abschlag auf eine Geistesschuld und
zugleich
als ein Zeichen unserer grossen Verehrung für sein Wirken.
Es wurde ferner beschlossen,
Adolf Koelsch für seine von
zartestem Dichtergeist beseelten naturwissenschaftlichen Skizzen eine
Ehrengabe
von Fr. 2'000.-- zu überreichen, und dem jungen Gotthard Jedlicka für
seine
viel versprechende Biographie Toulouse Lautrecs Fr. 1'000.--.
Endlich soll Prof. Carl J.
Burckhardt in Basel angefragt
werden, ob er gewillt wäre, dem Konsultorium unserer Stiftung
beizutreten. Wir
können nur herzlich auf eine zustimmende Antwort hoffen. Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum neunten Jahr (1930)
Das verflossene Jahr verlief,
wie alle einem Preisjahr
folgenden, naturgemäss still. Die im Ausland lebende Schweizerdichterin
Regina
Ullmann erhielt eine Gabe von Fr. 300.--, der Editions des Lettres de
Lausanne
wurden für die Übersetzung des „Grünen Heinrich“ ins Französische, die
J.P.
Zimmermann besorgt, Fr. 1'000.-- überwiesen.
Insgesamt hat die Stiftung beim
Eintritt in ihr erstes
Jahrzehnt rund Fr. 38'500.-- gespendet, wovon Fr. 24’000.-- auf Preise
fallen
und Fr. 14'500.-- auf sonstige Vergabungen. Wie weit sie damit ihren
Zweck
erfüllt hat, wie weit sie überhaupt ihren Voraussetzungen nachgekommen
ist,
soll beim Abschluss des Dezenniums erörtert werden.
Noch sei dankbar erwähnt, dass
unser Konsultorium durch
den Beitritt von Prof. Dr. Carl J. Burckhardt eine ungewöhnliche
Bereicherung
erfahren hat. Wir begrüssen ihn mit herzlicher Freude. Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum zehnten Jahr (1931)
Die Martin Bodmer-Stiftung hat
das erste Dezennium hinter
sich. Wir erlauben uns, einen kleinen Überblick über ihre Tätigkeit in
diesem
Zeitraum zu geben, in dem wir die Ansprache folgen lassen, die am
Bankett zu
Ehren von Dr. Hans Carossa, am 4. November 1931 im Muraltengut gehalten
wurde:
Meine sehr verehrten Damen und
Herren. Wenn ich am
heutigen Abend nocheinmal das Wort ergreife, so ist es vor allem, um
Sie in
diesem Hause aufs herzlichste willkommen zu heissen und Ihnen für ihr
freundliches Erscheinen zu danken. Der besondere festliche Anlass, der
uns hier
zusammengeführt hat, ist Ihnen ja bekannt – doch möchte ich in aller
Kürze noch
zweierlei erwähnen, das mit zum heutigen Tag gehört. Vor allem
Gottfried
Keller! Der Preis ist in seinem Namen gestiftet, und was damit gemeint
ist,
bedarf ja keiner langen Begründung. Er will den guten Geistern der
Heimat
dienen. Er möchte im Kellerschen Sinne mithelfen, das alte Erbgut des
Landes zu
wahren und zu fördern, dass es immer wieder lebe und fortlebe. Aber er
hat
darüber hinaus noch eine weitere Bestimmung, und diese ist mindestens
so
wichtig und gibt ihm erst seine volle Bedeutung und seinen Wert,
nämlich über
das Eigene und Begrenzte hinaus Vermittler zu sein mit dem grossen
Brudergeist
des Auslandes.
Wo Menschen verschiedener
Länder suchend oder gebend
zueinander kommen, können sie es nie so frei und herzlich und fruchtbar
tun wie
im Namen ihrer Dichter. Ein Abend wie der heutige soll vor allem
Bekenntnis
sein zum Primat des Dichters, als dem gültigen Vertreter seines Volkes
und dem
wahrhaften Bindeglied der Nationen. –
Nun ist aber noch ein Zweites,
das heute erwähnt zu
werden verdient, nämlich, dass die Stiftung ihr zehnjähriges Jubiläum
feiert. Am Geburtstag Gottfried Kellers, am 19. Juli 1921, ist sie
unter den
Auspizien von Dr. Ed. Korrodi und mir gegründet worden. Es sei darum
gestattet,
hier in ein paar kurzen Worten der fünf Preisträger des ersten
Dezenniums zu
gedenken.
Der erste Gottfried
Keller-Preis wurde Jakob Bosshart
(1922) für seinen Zeitroman „Ein Rufer in der Wüste“ verliehen. Man
wollte
damit, und vor allem in jenen wirren Tagen, nicht so sehr auf ein
Kunstwerk als
auf ein mutiges und willkommenes Gegenwartsbuch hinweisen. Als Dokument
der
gesellschaftlichen und seelischen Zustände in der Schweiz der Kriegs-
und
Nachkriegsjahre wird es seinen Wert behalten. Darüber hinaus aber ist
es auch
die Höhe eines vor allem der Heimat gewidmeten und die Heimat
spiegelnden
Werkes, und endlich Lohn und Ernte eines mühsalreichen Lebens.
Als zweiter erhielt Heinrich
Federer (1925) den Preis, in
Anerkennung seines gesamten Schaffens. Es war kein Zufall, dass die
vorgesehene
biennale Pause gleich anfangs um ein volles Jahr überschritten wurde,
ehe man
zu einem Entschluss kam. Man hatte auf die Entdeckung einer unbekannten
Grösse
gehofft, hatte gewartet und gewartet, aber vergeblich! Dieser Wahl
freilich brauchte man sich nicht zu schämen! Einen Volksschriftsteller
von
solchem Format mit dem Namen Gottfried Kellers zu verbinden, war
weitesten
Kreisen aus dem Herzen gesprochen und konnte Vertrauen und Sympathie
für unsere
Sache nur festigen. Dass Solche, die sich dabei übergangen fühlten,
diese
Entscheidung nicht eben begrüssten, war vielleicht menschlich, wenn
auch
durchaus unbegründet. Denn kein junges Talent ist übersehen worden aus
dem
einfachen Grund, weil keines da war!
Zum drittenmal wurde der Preis
C. F. Ramuz (1927)
verliehen für sein Werk im allgemeinen und seine jüngste Schöpfung „La
beauté
sur la terre“ im besonderen. Wiederum keine Entdeckung. Aber man
verzichtete auch
nachgerade auf Entdeckungen! Hatte man damals geglaubt, mit dem Preis
eine Art
von Wünschelrute zu besitzen, so wurde er in der Not und Unruhe der
Zeit immer
mehr Bekenntnis zum Reifen und Dauernden, und die Ehrung unseres
bedeutendsten
westschweizerischen Erzählers bedarf damit keiner weiteren
Rechtfertigung.
War die Heimat nun – sogar in
ihrer Mehrsprachigkeit –
durch würdige Häupter vertreten, so lag es nahe, den Blick über die
Grenzen
hinaus zu richten. Kurz vorher geschah es, dass ein ausscheidendes
Mitglied die
Zweckmässigkeit der Preise überhaupt in Abrede stellte, womit immerhin
die
Frage nach der Existenzberechtigung der ganzen Einrichtung aufgeworfen
war.
Aber schon die darauf folgende
Wahl von Joseph Nadler
(1929) zum Träger des vierten Gottfried Keller-Preises erwies die
Grundlosigkeit solcher Befürchtungen. Die Ehrung Nadlers für seine
„Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“ brachte
zweierlei:
Vor allem den Schritt ins Ausland. Damit sollte der Bestand einer
hiesigen, und
sogar wertvollen Schweizerliteratur keineswegs in Abrede gestellt sein,
aber
einer gewohnheitsmässigen Würdigung derselben war vorgebeugt. Und nicht
zu
ihrem Schaden. Das damit unstreitbar gehobene Prestige der Stiftung
kann
künftigen schweizer Preisträgern nur zugute kommen. Neu war ferner die
erstmalige Krönung einer wissenschaftlichen Arbeit. Es sei wieder
einmal darauf
hingewiesen, dass der kritische Schutzpatron unserer Stiftung – wenn
auch nicht urkundlich bestätigt – Johann Jakob Bodmer ist, der wie
Keller an
ihrem Gründungstag, dem 19. Juli, geboren wurde. Eine unbeabsichtigte,
aber
umso freundlichere Fügung war es, die gerade Nadler den ersten Forscher
sein
liess, der in seinem Zeichen stand!
Den fünften Preisträger,
verehrte Anwesende, kennen Sie. Hans
Carossa sitzt unter uns, und ich möchte ihn in meinem und meiner Frau
Namen
hier aufs herzlichste willkommen heissen. Ich kann nur wünschen, dass
ihn sein
Weg noch recht oft nach Zürich führen werde, auch ohne feierliche
Anlässe, und
dass er sich dabei auch stets dieses Hauses erinnern möge. Wir hoffen
zuversichtlich, dass der heutige Tag nur ein Anfang war. Ich darf
Ihnen, lieber
Herr Carossa, wohl sagen, dass Sie uns mit nichts eine grössere Freude
machen
können, als wenn Sie bisweilen hier anklopfen. Wir warten darauf.
Verehrte Anwesende, ich möchte
diesen kleinen Überblick
nicht schliessen ohne noch eine letzte und bedeutsame Feststellung:
nämlich,
dass Hans Carossa nicht nur der Fünfte in der Reihe der Preisträger
ist,
sondern auch der erste Dichter in ihr! Auf den Dichter, meine verehrten
Damen
und Herren, bitte ich Sie das Glas zu erheben und anzustossen: Evoë
poeta!
Worte
gesprochen bei der
Überreichung des Gottfried Keller-Preises an HANS CAROSSA, Muraltengut,
4.XI.1931. Von Martin Bodmer.
Ich
glaube, es ist das
aufrichtige Bedürfnis eines Jeden, der sich schon mit den Werken von
Hans
Carossa beschäftigt hat, ihm auf irgendeine Art dafür zu danken. Wenn
wir dem
Dichter, der heute als Gast unter uns weilt, den Gottfried Keller-Preis
überreichen, so möge er darin weniger die literarische Ehrung aus der
Schweiz
erblicken, als eine besondere Form des Dankes für all das, was wir an
Gaben
durch die Jahre von ihm empfangen haben. Die Werke dieses in der Stille
lebenden Mannes und wirkenden Arztes lassen sich heute noch fast an
einer Hand
aufzählen. Solche Enthaltsamkeit bei einem schöpferischen Menschen
mutet
wunderbar an. Darin liegt zweifellos ein Quell seiner Kraft, dass
dieses
Dichterleben Pausen kennt, indessen wie ein langsam wachsender Baum das
Werk
sich darin ausbreitet. Der Dichter hat Zeit zu warten, und man spürt es
auch
Allem an, was von ihm kommt. Immer wieder ist es als reif und klar
bezeichnet
worden, als rein und edel, wie nur Meisterliches ist. Gewiss. Es hält
jene
goldene Mitte, die dieses Werk im vollen Sinne klassisch macht. Aber
damit ist
ja soviel und auch wenig gesagt. Seine Grenze und Grösse liegt
vielleicht
unmittelbar in dem kleinen Wort: es ist goethesch. Was wäre zwar
überhaupt im
ganzen letzten Jahrhundert deutscher Geistigkeit denkbar ohne Goethe!
Und
dennoch steht ihm Carossa, so gewagt oder verbraucht es auch klingen
mag, in
einer besonderen und eigenen Weise nahe. Als Kuriosum mag die seltsame
Ähnlichkeit der beiden Handschriften gelten. Ein blosses Spiel des
Zufalls – auch
wenn wir von der heutigen Überschätzung solcher Dinge absehen – kann
und wird
dies nicht sein. Aber auf andere Weise, mit dem Herzton seines Wesens,
gehört
Carossa einer goetheschen Sphäre an. Wir wollen uns nicht unterfangen,
hier
näher darauf einzugehen, aber es dünkt uns, diesem Verhältnis liege
etwas von
der geheimnisvollen und viel umrätselten Beziehung Fausts zum Erdgeist
zugrunde, jenem Geist, der der Gottheit lebendiges Kleid wirkt. „Du
führst die
Reihe der Lebendigen vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder im
stillen
Busch, in Luft und Wasser kennen“ Nur Einem, dem Solches gegeben war,
konnten
die „Heiligtümer der Erde, die Metalle, die Tiere, die schlafenden
Seelen – der
spielende Pflanzengeist in seinen allversuchenden Formen“ zum innersten
Bestand
seines Wesens werden. All dies webt und atmet in Carossas Werk, das
jenem
Kristall gleicht, in dem „das Licht, das sonst so strenge, - sich
einmal
vergisst und jubelnd in seine Farben auseinanderklingt“.
Des
Dichters Jugend fällt in
die Zeit der Jahrhundertwende, in diese merkwürdige selbstzufriedene
Zeit mit
ihrem blinden Glauben an Fortschritt und abermals Fortschritt. Wenn wir
uns
vergegenwärtigen, was uns als das Bezeichnende an den Jahren zwischen
1880 und
1900 erscheint, so hebt sich die Frühzeit des Dichters, so heben sich
die
beiden Bücher „Eine Kindheit“ und „Verwandlungen einer Jugend“ durch
ihre
helle, gleichsam zeitunberührte Luft seltsam dagegen ab. Hier
entwickelt sich
ein Mensch, der mit dem ganzen Trachten und Streben dieser Zeit kaum
etwas
gemeinsam hat, der auf dem Weg ist, mit den wachsenden Jahren seine
eigene Welt
zu bauen und zu erfüllen. Erschüttert wird sie, wie alles überhaupt,
durch das
Schicksal von Krieg und Sturz des Alten, das über den reifen Mann
hereinbricht.
Seine Welt aber hat es nicht gestürzt und seinen Lebensraum nicht
zerstört. Er
hat dieses Schicksal geformt – und völlig anders als irgend ein
Zeitgenosse. Er
hat es geformt mit einer fast lautlosen Leidenschaft. Er sieht den
Jammer der
versunkenen Epoche und die Trostlosigkeit der neuen – doch das
Entscheidende
liegt erst dahinter. Wir müssen vorwärts schauen. „Zeiten des Krieges
und der
Gefahr sind auch Zeiten des grossen Aufschwungs. Wir leben in einer
beginnenden
Zeit.“ Aber auch dies ist noch nicht das Entscheidende. Nicht darum
geht es vor
allem, sondern um das Ewige, um den Geist. Dass „das Leben am Ende doch
einmal
schwingen wird wie der Geist es will“ – darum geht es! –
Alle
Werke Carossas bewegen
sich um das Selbstbekenntnis herum. Stofflich mag dies eine Beengung
sein. Das
Besondere dieser Dichtung liegt aber nicht im Stoff. Hier ist es eine
denkbar
schlichte, eine spröde und oft beinahe karge Fabel über alles Äussere,
über
alles Wirkliche hinausgehoben, in einen Zustand fast durchsichtiger
Innigkeit.
Man hat den „Doktor Bürger“, diesen tagebuchartigen Erstling Carossas
eine
NaFr.olge Werthers genannt. (Ist er übrigens wirklich ein Erstling?
Fast möchte
man vermuten, es seien uns noch wesentliche Dinge vorenthalten, die ihm
vorausgingen! Nennen wir ihn also vorsichtiger die erste
Veröffentlichung des
Dichters!) So unbestreitbar richtig der Vergleich mit Werther ist, so
seltsam
seine blosse Möglichkeit in unserer Zeit. Was wäre ihr fremder als
weltschmerzliche Flucht zur Natur hin, als Zweifel am Erkennen und
Verzweiflung
am Wissen, als Leiden an der ganzen Tiefe und Überfülle des Lebens, und
Befreiung davon durch das Wort? Hier aber ist dieses alles! Hier ist es
wieder
wie vor anderthalb Jahrhunderten, und wird wiedereinmal sein und immer
wieder –
denn über sich selbst hinaus kann ja das Menschenherz nie kommen! Aber
in
gewissen Augenblicken ist es ihm gegeben, Besonderes auf besondere Art
zu
sagen. Und der Dämon, der es dazu treibt, frägt nicht, ob dieser Ton
der Zeit
recht sei oder nicht. Solches Tun wächst in tieferer Schicht, und die
Frage
nach seiner Berechtigung in der Zeit ist eine müssige. Wenn die Welt
des Doktor
Bürgers nichts als der Widerschein einer beinahe transparenten Seele
ist, so
ist sie im Rumänischen Tagebuch die
Wirklichkeit des Krieges von einem sicheren und klugen Auge gesehen.
Hier
blickt der Arzt, der gewohnt ist, auch auf das Kleinste und Einzelne
liebevoll
zu schauen, um dadurch zum Bilde des Ganzen zu gelangen. Und seltsam,
wie in
diesem Kriegserlebnis der Krieg fast unwesentlich wird vor eben dem
scheinbar
Kleinen und Einzelnen, vor dem zeitlosen Wellenschlag des Lebens. Diese
ewige
Melodie lässt ihn nicht los. In immer neuen Abwandlungen begegnen wir
ihr. Dem
Dichter, der diesem Dasein schon so viele Wunder und Zartheiten
entlockt hat,
strömt es fortwährend neu zu. Bald wird er uns eine „Legende vom
ärztlichen
Leben“ schenken. Aus dem Wenigen, das uns daraus zu Gesicht kam (im
ersten und
zweiten Jahrgang der „Corona“), lässt sich bereits erkennen, dass der
Dichter
hier zum ersten Mal eine neue Situation durch die Gegenüberstellung
handelnder
Charaktere schafft, und man darf gespannt sein, wie sie sich weiter
entwickeln
werden! Man spürt aber auch, dass diese Legende Glied ist in einer
organischen
Kette. Wohl ist wieder an der Begrenzung des Stoffes auf den
Lebenskreis des
Arztes festgehalten. Aber das Leben, das sich in diesem Kreis
entfaltet, weitet
ihn zu einer Welt. In dieser ganzen, immer reicher und voller werdenden
Welt
des Dichters ist kein Schatten zuviel noch zu wenig, kein Ton zufällig
oder
gleichgültig, kein Gedanke, der sich nicht ins Gesamte eingliederte,
kein Bild,
das sich dem Zusammenhang nicht fügte, keine Stimmung, die nicht aus
Gewesenem
stiege und Kommendes bereitete... Sie lebt vom wundervollen
Ineinandergreifen
gestaltender Kräfte, sie ist das organische Werk eines Lebens. Es wird
immer
wieder darüber gestritten und gefragt, was Meisterschaft sei. Nun –
Solches!
Gewiss, Lauterkeit der Form und Sprache, Harmonie des Ganzen – all dies
mag
dazugehören, aber nicht daran liegt es! Auch nicht an besonderen
Situationen
und Charakteren. Was das Werk Carossas vom ganzen heutigen Schrifttum
so
eigentümlich unterscheidet ist dieses, dass es nicht sosehr das Dasein
selbst
in seiner Vielfältigkeit gibt, als eine in sich vollkommene
Geistermusik dazu.
Am
schwebendsten vielleicht in
den Gedichten. Wenn wir von Carossa nichts als diese besässen, wir
wären reich
beschenkt. Sie sprühen gleichsam in der Strahlengarbe den ganzen
Seelenbezirk
des Dichters wieder, diese zeitlose, vom Persönlichen ins Gültige
gehobene
Welt. Dass sie ihm nicht leichthin in den Schoss gefallen, sondern mit
Tätigkeit erkämpft und mit Ehrfurcht erstritten ist, darin liegt ihr
köstlicher
Sinn und ihre spendende Kraft. „Das grosse Leben bestehen und über sich
dabei die
Sterne fühlen,“ – dies vor allem ist es, was uns Carossa zu sagen hat.
Wir
danken ihm dafür. Mögen
Sie, verehrter Herr Carossa, den Preis, der Ihnen übergeben wird, als
eine
besondere Form unseres Dankes ansehen. Wir sind uns bewusst, damit nur
Stückwerk
zu geben. Aber was immer es sei, es kommt von Herzen, und er ist
Unzähligen aus
dem Herzen geredet.
Eine bedauerliche Mitteilung
ist der
Austritt von Robert de Traz aus dem Konsultorium der Stiftung, dem er
seit der
Gründung angehört hat. Weitgehende Inanspruchnahme veranlasst ihn heute
zu
diesem Entschluss. Wir sagen ihm auch an dieser Stelle für seine
freundliche
Mitwirkung herzlichen Dank und fügen die seinem Abschied gewidmeten
Zeiten noch
bei:
Cher
Monsieur, Permettez-moi de vous dire avant tout combien j’ai regretté
votre
absence mercredi dernier! Le résultat de la séance était la décision
unanime
d’accorder le prix à Hans Carossa, poète d’une pureté et lucidité
peut-être
unique dans la poésie allemande d’aujourd’hui. Le prix ne lui sera
cependant présenté
qu’en septembre, la saison actuelle n’étant pas favorable à l’écho
nécessaire.
Une nouvelle désolante est votre résolution de nous quitter. Je ne
comprend que
trop bien vos raisons et vois qu’il n’est malheureusement pas dans mon
pouvoir
de vous retenir. Il ne me reste qu’à vous remercier infiniment de votre
aimable
assistance pendant bientôt dix ans, et d’espérer que l’on vous verra
néanmoins
de temps en temps à Zurich. En vous priant de croire, cher Monsieur, à
mes
meilleurs sentiments, je vous salue, très cordialement, Martin
Bodmer.
nach oben
Jahresbericht zum elften Jahr
(1932)
Es ist nicht ohne Absicht, dass
wir in diesem Jahr der
Stiftung völlige Ruhe gegönnt haben. Nicht Unentschiedenheit, keinerlei
Wahlsorgen
oder Skrupeln bestimmten uns dazu. Diese Kinderkrankheiten sind
vorüber, und
die Stiftung steht fest und gesichert. Aber es dünkt uns, dass auf das
letzte,
reiche und gewichtige Jahr ein stilles folgen müsse. In diesen wahrhaft
heimgesuchten Zeiten kann es nicht der Sinn der Stiftung sein, zu
experimentieren, sich zu vertun. Aus der Not der Stunde zeichnet sich
ihre
Bestimmung immer deutlicher ab: sich bekennen zum Klaren und
Gesicherten, zum
Reifen und Tüchtigen. Das wollen wir ehren, und nichts als das. Aber
dafür
braucht es Pausen. Nicht nur, um wieder nachdrücklicher schöpfen,
sondern auf
das Schöpferische umso nachdrücklicher hinweisen zu können! Martin
Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum zwölften Jahr (1933)
Das Jahr 1933 war wiederum ein
Preisjahr, in dem der
sechste Gottfried Keller-Preis zur Verleihung kam. Es fand sich in der
Jahrhundertfeier unserer Universität dafür ein besonders festlicher und
vor
allem ein Anlass, dem Preis ein neues Wirkungsfeld zu geben. Eingedenk
ihrer
weitgefassten Bestimmung, nicht nur persönliche Leistungen zu ehren,
sondern
dem Geistesleben überhaupt zu dienen, sofern es in lebendiger Beziehung
zum
schweizerischen Kulturleben steht, benutzte die Martin Bodmer-Stiftung
die
Gelegenheit zu einer überpersönlichen Zusammenfassung ihrer Mission.
Wie konnte sie den Eintritt in
ihr zweites Dezennium
würdiger begehen, als durch sichtbare Verbindung mit der Vaterstadt
Gottfried
Kellers! Der Gottfried Keller-Preis, real und ideell von Zürich
ausgehend, ist
seiner Bestimmung, geistig überregional, d.h. im besten Sinne
schweizerisch zu
sein, bisher in schönster Weise gerecht geworden, und seinem Ansehen
nach immer
noch eine der gewichtigsten Literaturehrungen, die zu vergeben sind.
Wenn statt
einer Persönlichkeit nun einmal die Forschung als solche bedacht worden
ist, im
besonderen die zürcherische Literaturforschung, so kehrt der Preis
damit für
einmal zu seinem Ausgangspunkt zurück. Und konnte er es in schönerer
Weise tun,
als indem er die Alma Mater Turicensis ehrte?
Wir setzen die verschiedenen
Dokumente, die gewechselt
wurden, in ihrem Wortlaut hierher.
1. An den Herrn Rektor der
Universität Zürich,
Herrn Professor Dr. Fritz Fleiner, Zürich, 3. Januar 1933.
Hochverehrter
Herr Rektor,
Es
war schon lange mein Wunsch, mich
einmal für die Hochschule meiner Vaterstadt einzusetzen. Die nahende
Jubiläumsfeier bietet dafür eine schöne und gewiss einzigartige
Gelegenheit.
Ich möchte es in der Weise tun, dass die Gottfried
Keller-Preis-Stiftung (die
vor zwölf Jahren von mir gegründet wurde), dieses Jahr auf eine
Preisverleihung
verzichtet und sich dafür die Ehre gibt, der Universität Zürich bei
Anlass
ihres Jubiläums Fr. 10.000.-- zu überreichen. Es ist mir bekannt, dass
für eine
allgemeine Spende gesammelt wird, doch bedingt es die Form meiner
Stiftung,
dass das Literarische vor allem betreut werde. Ich kann mir kaum
denken, dass
dem von Seiten der Hochschule etwas im Weg stehen könnte. Sollte es
doch der
Fall sein, so darf ich Sie wohl um freundliche Mitteilung bitten? Ich
möchte
die Summe zu freiem Gebrauch unter die vier literaturwissenschaftlichen
Abteilungen der philosophischen Fakultät verteilen. Unter Umständen
wäre ich
auch einmal bereit, die jetzige Gabe in eine grössere, bleibende
Stiftung
umzuwandeln. Damit wäre zugleich im schönsten Sinn an mein eigenes
Interessens-
und Arbeitsgebiet angeknüpft, vor allem an meine weitschichtigen
Sammlungen.
Dass diese in irgendeiner Form einmal der allgemeinen Forschung
zugänglich
gemacht werden, ist fast eine Voraussetzung ihrer Anlage. Im sinnvollen
Austausch der Mittel und Möglichkeiten lässt sich auf diesem Gebiet
wohl noch
Wertvollstes erreichen. Vorerst ist es mir aber eine besondere Freude,
mich in
solch hohem und festlichem Augenblick der Hochschule verbunden zu
fühlen. Ich
empfehle mich Ihnen, hochverehrter Herr Rektor, als Ihr in aufrichtiger
Ehrerbietung ergebener Martin Bodmer.
2. An das Rektorat der
Universität Zürich.
Hochverehrter
Herr Rektor,
Die
Martin Bodmer-Stiftung gibt sich
die Ehre, den diesjährigen Gottfried Keller-Preis im Betrage von Fr.
8.000.-- der Universität Zürich bei Anlass ihres hundertjährigen
Jubiläums
hiermit zu überreichen. Den Grundsätzen und dem Charakter der Stiftung
entsprechend soll diese Summe ausschliesslich der
literaturgeschichtlichen
Forschung – mit Ausschluss der Linguistik – zugute kommen. Sie soll auf
die
literaturgeschichtlichen Seminarien folgendermassen verteilt werden:
Das Seminar für
neuere deutsche
Literaturgeschichte unter Prof. E. Ermatinger erhält Fr. 2.000.--
Das Seminar für
neueste deutsche
Literaturgeschichte unter Prof. R. Faesi erhält
Fr. 2.000.--
Das Seminar für
französische und
italienische Literaturgeschichte unter
Prof. Th. Spoerri
erhält Fr. 2.000.--
Das Seminar für
englische
Literaturgeschichte unter Prof. B. Fehr erhält Fr. 1.000.--
Das Seminar für
griechische und
lateinische Literaturgeschichte unter
Prof. E. Howald
erhält Fr. 1.000.--
Diese Beträge
sollen folgendermassen verwendet werden:
a) Zur
Anschaffungen für die
Seminarbibliotheken
b) Zur Drucklegung
von literaturgeschichtlichen
Arbeiten, soweit es die Dozenten für nötig erachten
c) Nach sonstigem
Ermessen der
betreffenden Dozenten im Rahmen des Stiftungszweckes
Zürich,
18. April 1933.
Mit
ausgezeichneter Hochachtung,
Namens der MARTIN BODMER-STIFTUNG für einen GOTTFRIED KELLER-PREIS:
Martin
Bodmer.
2a. Herrn Professor Fritz
Fleiner,
Universität,
Z ü r i c h. 18.
Apri1993.
Sehr
verehrter Herr Professor Fleiner,
Ich
erlaube mir, Ihnen beiliegend eine
Urkunde der Martin Bodmer-Stiftung nebst einem Check zu Handen der
literarischen
Seminarien der Universität Zürich zu überreichen. Darf ich Sie um die
Freundlichkeit bitten, den betreffenden Herren Dozenten den Inhalt des
Schriftstückes zur Kenntnis zu bringen, und die darin festgelegte
Verteilung
der Summe gütigst durch die Kanzlei ausführen lassen zu wollen. Der
Betrag ist
leider nicht ganz so hoch ausgefallen, wie ich es ursprünglich hoffte
veranlassen zu können. Bei seiner endgültigen Festsetzung ergab es
sich, dass
die Stiftung durch einen höheren Betrag zusehr belastet würde. Auch war
es dem
Stiftungszweck entsprechend nicht möglich, die Summe der allgemeinen
Jubiläumsspende zuzuwenden. Ich darf aber dennoch hoffen, dass sie
nicht
unerwünscht sei. Indem sie im engeren Rahmen ihren Zweck erfüllt, kommt
sie
vielleicht doch auch dem Ganzen zugute! Ich habe Ihnen, sehr verehrter
Herr
Professor Fleiner, bereits früher betont, wie sehr es mein Wunsch ist,
der
Hochschule bei Gelegenheit einmal etwas Bleibendes zuzuwenden. Leider
erlaubt
es die heutige Zeit nicht. Umsomehr freue ich mich, der Universität
wenigstens
auf diese Weise an ihrem Ehrentag verbunden zu sein. Ich begrüsse Sie,
sehr
verehrter Herr Professor, als Ihr in aufrichtiger Ehrerbietung
ergebener Martin
Bodmer.
3. Universität Zürich.
19.
April 1933, Herrn Martin Bodmer,
Freudenberg, Zürich.
Sehr
verehrter Herr, Mit bestem Dank
bestätige ich Ihnen den Empfang Ihres freundlichen Briefes vom 18.
April a.c.
und des Checks von Fr. 8.000.--. Wir sind Ihnen für das grosse Geschenk
aufrichtig erkenntlich, und ich werde am Jubiläum auch dem weiteren
Publikum
davon Kenntnis geben. Eine Kopie des Schreibens, in dem Sie namens der
Martin
Bodmer-Stiftung die Grundsätze über die Verwendung der Fr. 8.000.--
aufgestellt
haben, werde ich dem Dekanat der Philosophischen Fakultät I zu Handen
der
Fakultät und der beteiligten Docenten zustellen, und ich bin überzeugt,
dass
meine Kollegen sich über die Förderung der literaturhistorischen
Studien durch
Ihr Geschenk sehr freuen werden und selbstverständlich die Summen
bestimmungsgemäss verwenden. Mit freundlichen Grüssen verbleibe ich Ihr
Prof.
Fleiner. Rektor.
4. Universität Zürich,
Dekanat
der philos. Fakultät I, 24.
April 1933.
Sehr
verehrter Herr Bodmer, Der Rektor
der Universität hat mir die Mitteilung gemacht von der Schenkung, die
Sie durch
die Gottfried Keller-Stiftung bei Anlass des Jubiläums unserer
Fakultät,
insbesondere unsern literaturhistorischen Seminarien, gemacht haben. Im
Namen
der Philosophischen Fakultät I und in meinem persönlichen Namen spreche
ich
Ihnen unseren Dank aus. Diese Schenkung beglückt uns nicht nur durch
die
Möglichkeit, die sie uns gibt, unsere Seminarien zu bereichern und
unsere
Forschungen zu fördern, sondern durch den Nimbus, der Ihre Stiftung
umgibt, in
dem durch diese Verleihung auch ein Schimmer auf uns fällt, so dass wir
uns
erstaunt und mit einem etwas schlechten Gewissen fragen, ob wir
wirklich auch
zu den Mehrern des geistigen Gutes gehören, die Sie sonst in Ihrem
Preise
auszeichnen. Auf alle Fälle sind wir uns bewusst, dass eine solche Gabe
auch eine
Verpflichtung ist, in allem wissenschaftlichen Tun und Forschen den
Kontakt zu
suchen mit den schöpferischen Quellen unseres sprachlichen und
geistigen
Volkstums. Mit dem Ausdruck unserer grossen Dankbarkeit Namens der
Philosophischen Fakultät I. Der Dekan: Th. Spoerri.
nach oben
Jahresbericht
zum dreizehnten Jahr (1934)
Das dreizehnte Jahr – es bleibe
dahingestellt, welche
Bedeutung man dieser eigenen Zahl beilegen wolle – ist vorbei. Es hätte
stiller
nicht sein können, denn keinerlei Ausgaben sind zu verzeichnen. Aber
die
Zurückhaltung war eine auferlegte. Durch die Festgabe an die
Universität Zürich
waren wir mit einem ziemlichen Passivum ins neue Jahr getreten und
damit
gezwungen, der Stiftung zur Äufnung ihrer laufenden Mittel eine Zeit
der Ruhe
zu gönnen. Dies ist geschehen. Aber was ist sonst geschehen? Es wird
darüber zu
reden sein. Eines ist jetzt schon gewiss, dass die Preisfrage keine
leichte
sein wird. In diesen bewegten Zeiten muss man sich fragen, ob es
geraten sei,
die heimatlichen Grenzen zu verlassen – und dennoch: wer spottete den
Grenzen,
wenn nicht der Geist! Ihm und ihm allein zu huldigen ist unsere
vornehmste
Pflicht. Sollte es aber nicht möglich sein, dass die Sonnenfülle dieses
Jahres
auch in der Heimat etwas zur Reife gebracht habe, ausser den Früchten
und dem
Wein? Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum vierzehnten Jahr (1935)
Wohl noch kein Stiftungsjahr
hat einen so regen
Meinungsaustausch gebracht wie dieses vierzehnte, in dem der siebente
Gottfried
Keller-Preis vergeben werden sollte. Rund drei Dutzend Briefe sind von
März bis
in den Oktober zwischen den Mitgliedern des Kuratoriums gewechselt
worden, wozu
noch einige mündliche Besprechungen kamen. Diese Mühe, für die der
Unterzeichnete nicht unterlassen möchte, den Betreuern der Stiftung
auch an
dieser Stelle seinen herzlichen Dank auszusprechen, ist leider ohne
Erfolg
geblieben. Wohl konnte man sich auf einen Kandidaten einigen, aber
Erwägungen
anderer Art liessen davon absehen, den Preis im heutigen Zeitpunkt nach
dem
Ausland zu geben, und so beschloss man, die Angelegenheit auf das
nächste
Frühjahr zu verschieben. Der Mann, dessen Gestalt und Werk einen Preis
zweifellos gerechtfertigt hätte, ist der Schwabe Emil Strauss. Die
Schweiz hat
Grund genug, an seinem Schaffen Anteil zu nehmen und hätte sich nur
freuen
können, dies auch einmal sichtbar zu bekunden. In Strauss lebt ein
Stück von
unserem Geist und unserer Landschaft, und wie der Grüne Heinrich über
seine
Heimat hinaus ins grosse Brudervolk gewachsen ist, so können wir im
Werk des Alemannen
einen Teil jenes Deutschen Reiches sehen, zu dem im schönsten und
tiefsten
Sinne auch wir gehören. Es zeigt sich einmal mehr, was für seltsame
Zeiten wir
erleben, in denen es nicht ratsam ist, die eigenen politischen Grenzen
zu
verlassen, um den freien Geist zu ehren. –
Umso erfreulicher, dass sich im
Lauf des Jahres eine
Gelegenheit bot, schweizerisches Schaffen zu würdigen. An Weihnachten
hat die
Stiftung Dr. Werner Günther in Neuenburg für sein Werk „Der ewige
Gotthelf“
eine Ehrengabe von Fr. 500.-- überreicht. Die Arbeit ist zweifellos ein
wertvoller Beitrag zur Gotthelf-Forschung. Dass sie gegenüber
phantasievollen
Spekulationen wieder diejenigen Dinge in den Vordergrund gerückt hat,
die
dorthin gehören, war ebenso verdienstvoll wie notwendig. Wir können
diese
Zeilen nicht schliessen, ohne der Hoffnung Ausdruck zu geben, dass über
die
künftigen Bemühungen um die Preisfrage günstigere Sterne stehen mögen.
Martin
Bodmer.
nach oben
Jahresbericht zum fünfzehnten Jahr
(1936)
Wir mussten den letzten Bericht
mit dem Bedauern
schliessen, dass 1935, obwohl es ein Preisjahr war, zu keinem Ergebnis
geführt
hatte. Dafür ist nun der Wunsch, es möchten bessere Sterne über der
Zukunft
stehen, in Erfüllung gegangen. Man ist im Frühjahr erneut an die
Preisfrage
herangetreten, hat gesichtet und gewogen und einmal mehr erkannt, wie
Wenige
den Rang der bisherigen Preisträger zu halten vermögen. Aber aus der
kleinen
Schar hat sich der Stiftungsrat diesmal rasch und einstimmig für
Hermann Hesse
entschieden und durfte sich freuen, dass seine Entscheidung in der
Öffentlichkeit allgemeine und herzliche Zustimmung fand. Der Preis ist
Hesse
auf Ostern überreicht worden, mit dem naFr.olgenden Schreiben des
Unterzeichneten:
Zürich,
28. März 1936.
Sehr
verehrter und lieber Hermann Hesse,
Es ist mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass das Kuratorium
der
Gottfried Keller-Preis-Stiftung Ihnen den Got tfried Keller – Preis von
sechstausend Franken einstimmig zuerkannt hat. Die öffentliche
Bekanntgabe,
sowie die Überreichung des Preises, soll auf Ostern stattfinden; da ich
jedoch
nicht möchte, dass Sie die Nachricht anders als auf direktem Wege
erfahren,
übermittle ich Ihnen dieselbe sofort nach der eben erfolgten
Beschlussfassung.
Der Preis kommt damit nach vieljährigem Unterbruch wiedereinmal in die
Schweiz.
Wenn dies hier freudig begrüsst werden wird – zweifellos auch im Sinne
des
Zeitgeistes – so brauche ich nicht zu betonen, dass dieser keineswegs
die
Veranlassung war. Nein, so leicht die Wahl uns fiel, sind wir uns doch
bewusst,
zu besonderem Nationalstolz kein Recht zu haben. Denn wenn Sie auch
längst
einer der Unseren sind, sei doch das Nachbarland nicht vergessen, aus
dem Sie
herüberkamen. Freilich von dort, wo der Rhein noch schmal ist und seine
alten
Brücken die Ufer so freundlich verbinden, dass man sich frägt, was
hüben und
drüben scheiden sollte. Was Sie mitgebracht haben, war uns vertraut wie
das
Eigene. Und durch Sie wiederum ist ein Stück von unserem Wesen und
unserer
Landschaft ins grosse Brudervolk gewachsen. So spiegelt Ihr Werk als
Ganzes, ob
es erdnah sei oder weltweit, von der Scholle bis zur Zaubersphäre, den
Geist
jenes altheiligen Reiches, zu dem wir gerne gehören und als dessen Teil
wir uns
immer fühlen werden. Ich bitte Sie, in diesem Preis nicht mehr zu sehen
als
einen bescheidenen Teil des Dankes, den wir dem Vermittler und Bewahrer
eines
hohen Erbes schulden. Ich grüsse Sie herzlich und verehrungsvoll als
Ihr Martin
Bodmer.
Der Dichter dankte mit einem
Brief an den Stiftungsrat,
sowie einen an den Unterzeichneten. Beide seien hier mitgeteilt:
Montagnola,
29. März 1936.
Hochgeschätzte
Herren!
Durch
einen liebenswürdigen Brief von
Herrn Martin Bodmer bekam ich heute, am Morgen eines schönen
Frühlings-Sonntags, die überraschende Nachricht, dass Sie mir den
Gottfried
Keller-Preis zuerkannt haben. Diese so unerwartete Auszeichnung trifft
mich zu
einer Zeit, in der ich die gewaltige Krise der deutschen Literatur am
eigenem
Leib zu spüren bekomme, und ist für mich darum eine doppelte Freude.
Wenn ich
auch von meiner literarischen Leistung eher skeptisch denke (ich bin im
Grunde
mehr ein moralisch-religiöser als ein künstlerischer Charakter), so
glaube ich
doch, wenigstens in einer Hinsicht den Absichten und dem Sinn Ihrer
Stiftung zu
entsprechen: dadurch, dass sich in mir Schweizertum und
sprachlich-kulturelles
Deutschtum wirklich von Jugend an eng verbanden. Enkel einer
Welschschweizerin,
Sohn eines um 1880 in Basel eingebürgerten Balten, habe ich neben dem
baltischen Deutsch meines Vaters schon in der Kindheit sowohl die
Basler als
auch die schwäbische Mundart gehört, gelernt und gesprochen. Ich
spreche Ihnen,
verehrte Herren, meinen herzlichen Dank aus für die Hilfe, die Freude
und die
Tröstung, welche die Verleihung Ihres Preises mir bedeutet. Ihr in
alter Hochachtung
ergebener Hermann Hesse.
Montagnola,
29. März 1936.
Verehrter,
lieber Herr Martin Bodmer!
Sie
haben mich an diesem schönen,
warmen Frühlingssonntagmorgen in der Tat gewaltig und auf wunderbare
Weise
überrascht. Ich war im Garten, als die Magd mit der Briefpost kam, ich
ging mit
einem Seufzer, als ich sah, dass es ziemlich viele Briefe seien, dem
Mädchen
nach ins Haus und setzte mich ans Lesen – und der erste, obenauf
liegende Brief
war der Ihre! Für das Kuratorium lege ich Ihnen einen Brief bei. Ihnen
persönlich aber möchte ich mit diesen Zeilen sagen, dass meine Freude
und
Überraschung sehr gross sind, und dass diese Freude mir in einer
Periode
ausgesprochen schlechten Befindens an Leib und Seele zufällt, mich also
doppelt
empfänglich und dankbar findet. Es war ganz besonders freundlich und
hübsch,
dass Sie es übernahmen, mir das Ereignis persönlich und in so schönen
Worten
mitzuteilen. Ich muss sagen: es hätte auf keine Weise hübscher,
würdiger und
erfreuender getan werden können. Seien Sie recht sehr bedankt und
gegrüsst von
Ihrem ergebenen Hermann Hesse.
Die Annalen der Stiftung haben
ferner noch den
fünfzigsten Geburtstag von Dr. Eduard Korrodi zu verzeichnen, dem bei
Anlass
dieser Feier eine Ehrengabe von Fr. 2.000.-- überreicht wurde, in
Anerkennung
seines kritischen Waltens, seines unentwegten Dienstes am
schweizerischen
Schrifttum und der Förderung, die das geistige Zürich seiner Initiative
verdankt. Wir wiederholen den Wunsch, dass die Stiftung noch lange der
lebenden
Wirkung seines Temperamentes teilhaftig sein möge. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum sechzehnten Jahr (1937)
Das abgelaufene Stiftungsjahr
war ein stilles, wie es
sich durch den Stand der Finanzen nach einem Preisjahr von selbst
ergibt. Und
doch konnten erfreulicherweise in etwas grösserem Umfang als früher
zwei
Vergabungen gemacht werden. Julius Schmidhauser erhielt eine Ehrengabe
von Fr. 1.500.-- in Anerkennung seines bisherigen und zur Förderung
seines
künftigen Schaffens. Die Arbeit Schmidhausers darf durch ihre
denkerische Bedeutung
und schriftstellerische Eigenart einen besonderen Platz im
schweizerischen
Geistesleben beanspruchen. Er schreibt uns:
Ihre
Gabe dient dazu, den Abschluss
eines grösseren Werkes philosophisch-dichterischer Art zu sichern.
Darüber
hinaus aber ist mir Ihr Zuspruch bedeutungsvoll als Zeichen der
Anteilnahme an
einem noch notwendig im Verborgenen reifenden Werk. Und ich bin sehr
berührt
von der mit gar nicht selbstverständlichen Tatsache, dass Sie mir Ihr
Vertrauen
schon vor der Herausgabe des neuen Werkes schenken. Vielleicht ist
solcher
Zuschuss in den grossen und grösseren inneren Nöten des Schaffens mehr
als
spätere Auszeichnung.
(Schmidhauser
an
Bodmer, 27. Oktober 1936)
Wir freuen uns um der Stiftung
willen über solche Worte.
Eine zweite Vergabung von Fr. 1.000.-- erhielt der Dichter Robert
Walser,
eine der originellsten und begabtesten Gestalten unseres Schrifttums,
die
Anerkennung und Hilfe zweifellos verdient. Walser lebte seit Jahren in
einer
Heilanstalt, aus der er nun entlassen werden konnte. Da er wieder durch
Schreiben sein Leben verdienen muss, dünkt uns eine Zuwendung gerade in
diesem
Zeitpunkt am Platze, und sie bleibt es auf die Gefahr hin, dass dem
Dichter
nichts mehr gelingen sollte. Das Schaffen seiner guten Tage dürfte sie
mehr als
rechtfertigen. Es scheint, dass die Stiftung in diesen beiden Fällen
just im
rechten Augenblick eingreifen konnte. Liegt nicht darin ein guter Teil
von
ihrem Sinn und ihrer Aufgabe?
Zum Schluss bleibt uns noch
eine schmerzliche Pflicht zu
erfüllen. Dr. Hugo Marti, der treue Mithelfer und Rater seit der
Gründung der Stiftung ist von uns geschieden. Viel zu früh ist dieser
freundliche Geist den Leiden des Körpers erlegen. Noch lag ein Leben
voller
Tätigkeit und Hoffnung vor ihm, und wer erfahren hat, wie er seine
Arbeit
auffasste, die alltägliche und die ihm liebe festtägliche, wie er allem
was an
ihn herantrat mit der gleichen männlichen Haltung begegnete, der weiss
auch,
was mit Hugo Marti verloren ist. Ich erinnere mich einer Divergenz mit
ihm
wegen einer Preisfrage. Er war eigens dafür nach Zürich gereist, und
wir
besprachen die Sache. Ich habe mich selten über eine
Meinungsverschiedenheit so
gefreut, und gern überzeugt nachgegeben, wie dieser sachlichen und
ritterlichen
Denkweise gegenüber. So schlicht Hugo Marti im Leben war, so schwer ist
die
Verantwortung für seine Nachfolge, wo immer er gewirkt hat. Er hatte
etwas
Gerades und Echtes an sich, das durch blosse Begabung nicht zu ersetzen
ist –
„er war ein Mann, nehmt alles nur in allem“. Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum siebzehnten Jahr (1938)
Im abgelaufenen Preisjahr ist
der achte Gottfried
Keller-Preis zur Verteilung gelangt, und wir freuen uns, dass auch er
wie seine
Vorgänger einen würdigen Träger gefunden hat. Das Kuratorium hat
einstimmig
beschlossen, ihn dem Historiker, Prof. Ernst Gagliardi, zu verleihen.
Wir
wollen die Gewichtigkeit des Preises weder überschätzen noch
unterschätzen,
aber es ist doch so, dass man sich unter den Preisträgern durchwegs in
bester
Gesellschaft befindet und der vielleicht etwas einseitige, aber heute
mehr als
je zu rechtfertigende Sinn dieser Privat-Stiftung, ein hohes Niveau zu
halten,
ist erfüllt. Man wird sich vielleicht fragen, wie ein Literaturpreis zu
einem
Historiker kommen konnte. Das hängt mit der Tatsache zusammen, dass die
Preisfrage ein immer kritischeres Problem wird. Für uns muss freilich
die
dichterische Leistung an erster Stelle stehen. Doch der Zeitgeist –
oder wie
man ihn nennen will – ist ihr offensichtlich nicht gewogen, wenigstens
nicht im
Rahmen Gottfried Kellers, denn auch wenn man diesen Begriff weitherzig
fasst,
ist er ein gewisses Programm. Aber es ist nicht allein das Problem des
fehlenden poetischen Geistes, das uns beschäftigt. Auf der anderen
Seite stehen
die wachsenden Rücksichten, die auf politische Meinungen, nationale
Empfindlichkeiten, weltanschauliche Überzeugungen u. dergl. zu nehmen
sind, und
die Entschlusskraft hemmen. Es ist ein Zeichen der Zeit, dass einstige
Selbstverständlichkeiten wie jene, frei disponieren zu können, es nicht
mehr
sind! In dieser Lage war der Gedanke, sich auch anderswo umzusehen, ein
glücklicher. Wir haben damit unsere engeren Grenzen erstmals verlassen,
denn
wenn auch in Nadler eine wissenschaftliche Leistung den Preis erhielt,
so blieb
es doch bei der Literatur. Aber ich glaube, unser Schritt ist nicht nur
zu
verantworten, er ist im Gegenteil der allgemeinen Zustimmung gewiss. Es
ist
nicht der Moment, sich engherzig an den Begriff des Literarischen zu
halten und
einen Meinungswechsel über schriftstellerische Kategorien zu beginnen!
Wir
dürfen es vielmehr als Fügung betrachten, dass sich uns eine so
unerwartet
schöne Lösung zeigte. Es war ein Glücksfall, im eigenen Lande einer
Leistung zu
begegnen, die eben im geistigen Sinne zusammenfasst, was die Stunde
erfordert –
und dennoch ihre Zeit überdauern wird. Die Erweckung unserer
Vergangenheit, wie
sie in Gagliardis „Geschichte der Schweiz von den Anfängen bis zur
Gegenwart“
auf neue Art geleistet ist, bedeutet heute mehr als eine Angelegenheit
der
Gebildeten. Im ganzen Volk ist das Bedürfnis nach nationaler
Verbundenheit
erwacht, und diese findet ihren sichtbaren Mittelpunkt im Denkmal der
Geschichte. Wir sind stolz auf die Leistung eines Zeitgenossen, in der
die
ruhmreiche Tradition der zürcherischen und schweizerischen
Historiographie
weiterlebt. Wir lassen den Wortlaut der Prof. Gagliardi überreichten
Urkunde
folgen:
Zürich,
den 29. Oktober 1938.
Sehr
verehrter Herr Professor
Gagliardi!
Es
ist mir eine Ehre, Ihnen mitteilen
zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen
Gottfried
Keller-Preis einstimmig beschlossen hat, Ihnen den diesjährigen
Gottfried
Keller-Preis im Betrag von sechstausend Franken zu überreichen, in
Würdigung
Ihrer Forschertätigkeit und in Anerkennung Ihrer Verdienste um die
Gestaltung
unseres geschichtlichen Erbes. Es ist nicht der Ort, auf Ihre Bedeutung
als
Historiker hinzuweisen. Dies ist an anderer Stelle und von berufener
Seite
geschehen. Aber ich darf feststellen, dass der Augenblick, Ihr Werk
öffentlich
zu ehren, ein glücklicher, ja bedeutungsvoller ist. Sie blicken von der
Höhe
des Lebens herab auf eine reife Ernte, und hinaus in eine pläne- und
arbeitsreiche Zukunft. Der Abschluss Ihrer Geschichte der Schweiz aber
fällt in
eine Zeit, die dafür besonders empfänglich ist. Die Darstellung unserer
Vergangenheit ist heute mehr denn je eine Angelegenheit des ganzen
Volkes, und
so möge denn in unserer Gabe auch ein Teil des Dankes beschlossen sein,
den die
Nation Ihnen schuldet. Mir persönlich ist es eine Genugtuung, dass
dieser Dank
von meiner Vaterstadt ausgehen darf, mit der Ihr Werk in so besonderer
Weise
verbunden ist. Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Professor Gagliardi,
die
Versicherung meiner tiefgefühlten Verehrung. Namens der Martin
Bodmer-Stiftung
für einen Gottfried Keller-Preis, der Präsident, Martin Bodmer.
Zum
Schluss möge noch eine
Stelle aus dem Dankesschreiben des Preisträgers hier angeführt sein:
Erlauben
Sie mir, Ihnen mit meinem
allerherzlichsten Dank für den von Ihnen persönlich überreichten
Gottfried
Keller-Preis noch einmal zum Ausdruck bringen, wie sehr mich der
Beschluss
Ihres Kuratoriums ehrt und freut. Es gilt dasselbe von den schönen
Worten, mit
denen Sie den Preis in der Zeitung und in dem mir heute überreichten
Briefe
begleiteten. Das Erzeugende an meinen Büchern war fast immer ein
Gestaltungsbedürfnis, d.h. letzten Endes etwas Künstlerisches, das sich
allerdings nicht in dichterischer Form äussern konnte. Vielmehr blieb
es durch
den Zwang des Stofflichen gehemmt. Aber es ist nun einmal so, dass
bedeutende
Historiker wie Mommsen oder Treitschke in diesem Sinne verhinderte
Dichter
waren, ohne dass ich mich mit ihnen irgendwie vergleichen dürfte. So
hat die
Zuerkennung eines literarischen Preises für mich einen besonderen
Glanz, und
ich danke Ihnen auch für die Freude, die Sie mir hierbei und hierdurch
bereiteten. Schliesslich wäre es unehrlich, wenn ich nicht auch zum
Ausdruck
brächte, dass der Preis viel Freude und Erleichterung in mein äusseres
Leben
hineinbringt, dass er meine gesundheitliche Erholung fördert und
erleichtert.
[...] Es freut mich, dass ich Sie bei dieser Gelegenheit sehen und
begrüssen
durfte, und diese persönliche Berührung rechne ich ebenfalls zu den
Erquickendsten, die mir in den letzten Jahren zu Teil ward. Ernst
Gagliardi.
(Gagliardi
an Bodmer,
23. Oktober 1938)
Zum Schluss haben wir noch
mitzuteilen, dass dem
Philosophen Wilhelm Kiefer in Riehen bei Basel als Unterstützungsgabe
die Summe
von fünfhundert Franken von der Stiftung überwiesen worden ist.
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Jahresbericht
zum achtzehnten Jahr (1939)
Das Jahr 1939, das achtzehnte
unserer Stiftung, ist das
dunkelste seit ihrem Bestehen. Drei Jahre nach dem grossen Krieg ist
sie ins
Leben getreten – wer hätte damals anderes als Jahrzehnte des Friedens
vor sich
gesehen! Nun stehen wir erneut im Weltbrand und niemand weiss, was das
Ende
sein wird. Es ist möglich, dass mit viel Anderem auch dieser Preis,
dessen Name
Schweizertum und Bürgertum verkörpert, durch den Krieg oder seine
Folgen
hinweggefegt wird. Es ist aber auch möglich, dass diese beharrenden und
bewahrenden Kräfte, deren heute nicht wenige sind, ihn hindurchretten
werden in
glücklichere Tage. Wir möchten glauben, dass gerade aus dieser Zeit der
Not,
die von unserem Volk begriffen und mit vorbildlicher Haltung
aufgenommen wurde,
ein guter Geist wachsen und es durchsetzen werde, dass auch das Ende
ein gutes
sei. Möge die Stiftung in ihrem sehr beschränkten Rahmen das ihre dazu
beitragen. Es wäre unser Wunsch und ihre Rechtfertigung.
Das Berichtjahr ist ein stilles
gewesen, wie es sich nach
der Preisverleihung von selbst ergibt. Nur zwei kleinere Ausgaben sind
zu
verzeichnen. Der Direktor der Zentralbibliothek hat die Stiftung
angefragt, ob
sie bereit wäre, Fr. 200.-- an die Mietskosten für das Conrad Ferdinand
Meyer-Zimmer in Kilchberg beizutragen, um den Arbeitsraum des Dichters
wenigstens noch für einige Zeit der Öffentlichkeit zugänglich zu
machen. Es
erschien uns ein Gebot der Pietät, diesem Wunsche Dr. Felix Burckhardts
zu
willfahren. Ferner wurden Dr. Korrodi Fr. 500.-- zur Durchführung der
fünfzigsten Geburtstagsfeier von Dr. Fritz Ernst übergeben. Das
Gelingen dieses
Festes, das ein literarisches und menschliches Erlebnis war, lässt auch
diesen
Betrag als im Sinne der Stiftung wohl angewendet erscheinen. Martin
Bodmer.
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Jahresbericht
zum neunzehnten Jahr (1940)
Wenn schon zu Ende des letzten
Stiftungsjahres die Stürme
sich ankündigten, die Europa seither erschütterten, und wir dabei die
Möglichkeit erwogen, dass mit so Vielem auch die Stiftung in Frage
gestellt
werden könnte, so sei dem neuen Jahr der Dank vorausgeschickt, dass die
Schrecken noch einmal an unserem Lande vorbeigegangen sind. Es wäre
müssig,
sich hoffend oder sorgend über die Zukunft zu äussern. Das Beste
scheint uns,
der Gegenwart tätig zu dienen. Auch das 19. Stiftungsjahr war ein
tätiges. Im
Herbst 1939 wurde auf Antrag von Herrn Prof. Faesi dem Dichter Rudolf
Pannwitz eine Gabe von Fr. 400.-- ausgerichtet. – Der von E. Korrodi,
F.
Ernst und E. Brunner begründeten und betreuten „Tornisterbibliothek für
den
Schweizersoldaten“ wurden Fr. 500.-- übergeben. Der Betrag zur
Unterstützung
dieser Heftchen war wohl angewendet. Wie leicht wiegen sie, und wie
köstlich
ist ihr Inhalt! Es ist zu wünschen, dass dieses verdiente Unternehmen
auch über
die Mobilisationszeit hinaus erhalten bleibe, stellt es doch
Volkserziehung im
schönsten Sinne dar. – Der neu organisierte Lesezirkel Hottingen
erhielt Fr.
1.000.-- mit der Bestimmung, dass der Betrag ausschliesslich zur
DurFr.ührung
literarischer Veranstaltungen zu verwenden sei. Nach der Regel war 1940
ein
Preis fällig. Aus zwei Gründen haben wir uns entschlossen, auf dessen
Ausrichtung zu verzichten. Es fehlte uns die überzeugende
Persönlichkeit, die
es gerechtfertigt hätte, in diesen aussergewöhnlichen Zeiten die Blicke
des
Schweizervolkes auf sie zu lenken. Es fehlte aber auch an den Mitteln,
die uns
früher zur Verfügung standen. Die allgemeine Erscheinung sinkender
Einkünfte
und wachsender Steuern hat die Stiftung zum erstenmal seit ihrem
Bestehen zu
einer Einschränkung genötigt. Statt eines Preises wurden vier
Ehrengaben von je
Fr. 1.000.-- verliehen, und zwar: dem Meister der bernischen
Mundarterzählung
Simon Gfeller, dem vaterländischen Geschichtsschreiber und glarner
Dichter
Georg Thürer, dem walliser Erzähler Maurice Zermatten, und dem
neuenburgischen
Essayisten und Kulturkritiker Denis de Rougemont. Diese Auswahl scheint
uns
darum eine glückliche, weil sich in ihr der eine schweizerische
Staatsgedanke
in der Eigenart von vier Vertretern charakteristischer Landesteile
spiegelt.
Sie alle sind auf ihre Weise Träger des kellerschen Geisteserbes, und
ihre
Ehrung erhält noch dadurch eine besondere Note, dass sie am fünfzigsten
Todestage Gottfried Kellers erfolgte. Wir freuen uns durch diesen Dank
an vier
verdiente Miteidgenossen das Andenken unseres grossen Zürcher Dichters
ehren zu
können. Zum Schluss noch eine erfreuliche fiskalische Mitteilung. Der
oben
erwähnte Rückgang der verfügbaren Mittel veranlasste uns, dem Steueramt
den
Antrag auf Steuerbefreiung zu stellen. Am 16. Juli d.J. hat der
Regierungsrat
beschlossen, die Stiftung ab 1. Januar 1940 von der Steuerpflicht zu
befreien.
Ein weiteres Gesuch um Befreiung von der eidgenössischen Krisenabgabe
wurde
ebenfalls in positivem Sinne entschieden, sodass die Liquidität der
Stiftung
künftig eine erfreuliche Verbesserung erfahren wird. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum zwanzigsten Jahr (1941)
Zwanzig Jahre sind seit der
Gründung der Gottfried
Keller-Preis-Stiftung ins Land gegangen. Es mag dabei scheinen, dass
diese
private Institution, die zwar mit Absicht wenig von sich reden macht
und nur im
Rahmen ihrer Möglichkeiten wirken möchte, doch etwas gar zu unbemerkt
dahinlebt. So ist denn auch keine Druckerschwärze von den sonst emsigen
Jubiläumsfahndern der Presse an dieses kleine Ereignis verschwendet
worden.
Aber wir können eine solche Zurückhaltung im Zeitalter der
Papierknappheit nur
begrüssen! Im zehnten Jahresbericht (1931) hatten wir Rückschau über
das erste
Dezennium der Stiftung gehalten. Heute sei uns ein kurzer Überblick
über die
Tätigkeit des zweiten Jahrzehnts gestattet. Um mit der materiellen
Seite zu
beginnen sei festgestellt, dass das Stiftungsvermögen eine leichte
Aufrundung
erfahren hat, während der Ertrag aus Wertschriften etwas zurückgegangen
ist.
Letztes Jahr konnte dieser Ausfall durch die Erwirkung der
Steuerfreiheit z.T.
wieder ausgeglichen werden, trotzdem aber war es angezeigt, mit den
Mitteln
vorübergehend etwas haushälterischer umzugehen, was uns zum Verzicht
auf den
neunten Gottfried Keller-Preis bewog. Aus der beigefügten Übersicht
ergibt
sich, dass im zweiten Jahrzehnt etwa 28% weniger vergabt wurde als im
ersten.
Seit der Gründung sind Fr. 79.000.-- an Preisen und Spenden vergeben
wurden,
was einem Jahresdurchschnitt von rund Fr. 4.000.-- darstellt. Die
Bedeutung
dieser eher bescheidenen Summe liegt in der Regelmässigkeit ihrer
Wirkung. Dass
sie dauernd für das literarische Schaffen gesichert ist, erweist sich
als ein
mit den Jahren wachsender Vorzug. Denn Tatsache und Bedeutung der
Vorgänger
sind nicht gleichgültig für die NaFr.olgenden. Jeder von Ihnen hat
irgendwie
Teil am Ganzen in das er eingefügt wurde. Wie ein edler Wein mit dem
Alter
kostbarer wird, müsste es auch ein Dichterpreis sein. Wir wagen
keineswegs, es
von diesem zu behaupten, aber es uns als Ziel zu setzen. Halten wir die
Tätigkeiten der letzten zehn Jahre gegen jene des ersten Dezenniums, so
darf
bei einiger Verschiedenheit ihrer äusseren Auswirkung eine
grundsätzliche
Stetigkeit der geistigen Haltung festgestellt werden. Wir haben uns nie
auf
Experimente eingelassen und nicht die Absicht es zu tun. Wir haben uns
auch nie
darauf kapriziert, Wunderkinder aufzuspüren und ihrer möglichen Zukunft
Gevatter zu stehen. An glänzenden Augenblickserscheinungen und
Einzelleistungen
sind wir mit Absicht vorbeigegangen und haben uns an das Erprobte und
Bewährte
gehalten. Mag dies auf den ersten Blick einfacher erscheinen, so
bezweifeln
wir, dass dem wirklich so sei und würden auch dann nicht davon abgehen.
Die
Erfahrung zeigt, dass es meist ebensoviel Mut braucht, eine gereifte,
umfassende Leistung zu ehren wie brillante Arabesken. Über die
Preisträger, ihr
Werk und die Gründe, die uns zur Wahl veranlassten, haben wir uns in
den
einzelnen Jahresberichten geäussert. Hier sei nur kurz versucht, das
über die
Haltung der Stiftung Gesagte durch ihre Tätigkeit zu beleuchten. Der
sechste
Gottfried Keller-Preis war in eine Festgabe für die Universität Zürich
umgewandelt worden. Gerne ergriff die Stiftung den seltenen Anlass der
Jahrhundertfeier unserer Hochschule „zu einer überpersönlichen
Zusammenfassung
ihrer Mission.“ Wenn der damalige Dekan der philosophischen Fakultät I
bekannte, dass eine solche Gabe eine Verpflichtung sei, „in allem
wissenschaftlichen Tun und Forschen den Kontakt zu suchen mit den
schöpferischen
Quellen unseres sprachlichen und geistigen Volkstums,“ so möchten wir
gerne
glauben, dass sie im Sinne dieses Wunsches allerlei Früchte, wenn auch
kleine,
so doch schmackhafte, getragen habe. Der siebente Gottfried
Keller-Preis wurde
Hermann Hesse zuerkannt. In dem damals neunundfünfzigjährigen wurde
kein
Unbekannter geehrt, sondern der seit einem Menschenalter spendende,
eine
weitverbreitende Leserschaft bezaubernde Dichter. Er selber aber hatte
noch
keinerlei öffentliche Anerkennung erfahren. Warum diese – wir denken
vor allem
an das Ehrendoktorat – so manchem weniger Würdigem zuteil wurde und
wird,
gehört es zu den Paradoxa, an denen herumzurätseln müssig ist. Für
Hermann
Hesse jedenfalls bedeutete der Gottfried Keller-Preis eine tiefe,
vielleicht
über seine reale Bedeutung hinausgehende Freude und Genugtuung, die
ihrerseits
wieder seinen Wert erhöht. Nicht unähnlich liegt der Fall des achten
Gottfried
Keller-Preis, der dem Historiker Ernst Gagliardi zuerkannt wurde.
Gewiss war
der Ordinarius für Geschichte an der Universität Zürich weit über
Fachkreise
hinaus bekannt, war ihm über die üblichen Fachschriften hinaus eine
Gesamtleistung gelungen, wie sie in der Schweiz nicht häufig ist. Der
feinnervige Reisende und Kenner seltener Werte, der scharfe Beobachter
und
kluge Gesprächspartner hat jedem, der mit ihm in Berührung kam, den
Eindruck
eines reichen und reifen Geistes hinterlassen. Wer ihn näher kannte,
weiss
aber, dass er trotzdem unter einer gewissen Grau in Grau-Stimmung
seiner Umwelt
gelitten hat. So war denn auch ihm der Preis durchaus keine Ehrung
unter
anderen, sondern eine Beglückung und zweifellos die letzte grosse
Freude seines
Lebens. Das Jahr des neunten Preises fiel in den Krieg und unter die
eingangs
erwähnten materiellen Umstände, die eine vorübergehende Einschränkung
erforderten. So zog man es vor darauf zu verzichten und dafür
Ehrengaben unter
vier namhafte Schriftsteller zu verteilen. Wir haben uns im letzten
Jahresbericht darüber geäussert. Nächstes Jahr soll der zehnte Preis
verliehen
werden. Wird davon mitten im Toben der schreckgepeitschten Welt noch
die Rede
sein können? Vielleicht nicht... Wenn aber doch, so sei es im Geiste
der
Tradition. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum einundzwanzigsten Jahr (1942)
Wir haben dieses Jahr auf die
Verleihung eines Preises
verzichtet. Nicht, dass es an Anwärtern gefehlt hätte. Der Schreibende
hatte
Ernst Jünger vorgeschlagen, und seiner Bitte um weitere Anregungen
wurde durch
die Nennung prominenter in- und ausländischer Autoren Folge gegeben.
Ein
stattliches Dutzend Namen war beisammen – aber näher besehen verengte
sich der
Kreis. Der Preis hinaus ins Reich? Es war manches dagegen vorzubringen,
uns so
wird es bis zum Ende dieses Krieges wohl bleiben. Dann also in der
Schweiz?
Aber hier wurde eine Entscheidung aus anderen Gründen schwierig. Wenn
einerseits die Geste, die es gewesen wäre, den Preis nach Deutschland
und
insbesondere an Jünger zu geben, bedenklich schien, so war es auf der
anderen
Seite auch jede Konzession an lokale Interessen. Die Stiftung hat sich
bisher
frei davon gehalten, und dabei soll es bleiben. Der Rat Prof. Faesis,
die
Entscheidung noch etwas hinaus zu schieben, war in dieser Lage das
richtige.
Durch Zuwarten wird manches geklärt und nichts versäumt. So erhoffen
wir denn
die Lösung vom kommenden Jahr und glauben heute schon, dass sie uns
nicht
schwer fallen wird. Es sei noch mitgeteilt, dass dem französischen
Keller-Forscher und – Übersetzer, Prof. Henry Chauchoy aus Lille, eine
Ehrengabe von Fr. 500.-- überreicht wurde. Der kleinen, von den Herren
des
Kuratoriums veranstalteten Feier, konnte der Präsident leider nicht
beiwohnen,
doch hatte er Gelegenheit, Prof. Chauchoy in Genf zu begrüssen. Martin
Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum zweiundzwanzigsten Jahr (1943)
Wenn wir unseren letztjährigen
Bericht mit dem Wunsche
beschlossen haben, 1943 möge eine Lösung bringen, so dürfen wir beim
Rückblick
auf das abgelaufene Berichtsjahr feststellen, dass dieser Wunsch aufs
Schönste
in Erfüllung gegangen ist. Robert Faesi ist vom Kuratorium einstimmig
zum
Preisträger bestimmt worden, und die Ehrung konnte ihm am 10. April,
seinem 60.
Geburtstag, vom Präsidenten überreicht werden.
Worte Gesprochen bei der
Überreichung des Gottfried
Keller-Preises an ROBERT FAESI, 10. April 1943.
Lieber
Robert Faesi!
Wenn
das Kuratorium der Gottfried
Keller-Preis-Stiftung seine letzte Beratung ohne Sie abgehalten hat, so
geschah
dies mit Grund, und Sie können sich denken, dass ein triftiger war, der
uns
veranlasste, für einmal auf Ihren Rat zu verzichten. Sie selbst
bildeten
nämlich den Gegenstand der Verhandlungen, und noch selten sind diese so
rasch
und reibungslos verlaufen, ist ein Beschluss so selbstverständlich
einstimmig
gefasst worden! Es ist mir nun eine besondere Freude, Ihnen mitteilen
zu können,
dass Sie zum diesjährigen Träger des Gottfried Keller-Preises
auserlesen sind.
Ich beglückwünsche Sie – aber auch uns! - zu dieser Wahl. Es ist mir
nicht
bekannt, ob Ihnen gesetzlich etwa noch ein Veto zusteht, aber Sie
werden es
nicht anwenden, denn unser Entscheid ist z u wohlbegründet! Er drängte
sich
sosehr auf, dass man die Fragen wie wir dazukamen, eher umkehren
müsste: wie
wäre es möglich gewesen nicht dazu zu kommen! Die heutige
Geburtstagsfeier war
nur der äussere Anlass, aber immerhin ein Anlass. Sechs Dezennien haben
Sie auf
den Schultern, und gehaben sich dabei noch so jugendlich, als wäre erst
die
Hälfte des Weges zurückgelegt. Aber Sie haben Ihre Zeit wohl
angewendet! Wenn
ich nach den Jahren messe, die wir uns kennen – es sind mindestens
fünfundzwanzig
– so müssten Sie eigentlich steinalt sein. Denn schon damals waren Sie
längst
eine Berühmtheit. Schon vor einem Vierteljahrhundert waren Sie ein
Begriff,
verkörperten Sie weitgehend das literarische Zürich, und darüber hinaus
die
edelste Tradition des heimatlichen Schrifttums. Aber „Noblesse oblige“.
Wer
jung schon Ruhm erwirbt, übernimmt auch die verpflichtenden Bürde, ihn
zu
erhalten. Dass Ihnen dies gelungen ist, und auf mehr als einem Gebiet,
ist der
schönste Preis Ihres Lebens. Ihr Gesamtoeuvre war denn auch der
eigentliche
Anlass, Ihnen jenen andern Preis, der den Namen Gottfried Kellers
trägt, zu
verleihen. Das Ansehen des Forschers und Dozenten Faesi ist so
gesichert, dass
es für sich allein genügte. Aber Sie haben es fertiggebracht, nicht
dazu noch
ein dichtender Literaturhistoriker zu sein, sondern ein wirklicher
Dichter! Und
sogar einer, der alle drei Gattungen pflegt. Es führte zu weit und ist
hier
nicht der Ort, zu messen und zu werten. An die wissenschaftliche
Ausbeute mögen
sich künftige Doktoranden der Germanistik machen. Wir wollen lediglich
die
Tatsache der schönen Ernte feiern und uns darüber freuen. Wie reich sie
ist,
führte mir kürzlich ein Blick auf meine eigenen „Faesiana“ zu Gemüt.
Diese sind
wohl nicht einmal vollständig, und doch, welch stattliche Reihe! Da
sind einmal
die mir lieben „Zürcher Idyllen“, das erste was ich von Ihnen las, es
ist lange
her. Da sind auch die Miniaturen aus dem „Poetischen Zürich“ des
dixhuitième,
in der Blütezeit des Lesezirkel Hottingen und in Gemeinschaft mit denen
Eduard
Korrodis entstanden. Da ist die klassische Tragödie „Odysseus und
Nausikaa“,
sind die Komödien „Die offenen Türen“ und „Die Fassade“ – während mir
„Der
Magier“ und „Leerlauf“ leider fehlen. In dieser Zeit beschäftigen Sie
die neuklassischen
Bestrebungen im Drama, denen Sie in Verbindung mit der Gestalt Paul
Ernsts
nachgehen. In die Tage des letzten Weltkrieges fällt auch die herrliche
Grenzdienstgeschichte vom „Füsilier Wipf“, die heute eine begreifliche
Auferstehung im Film und erweiterter Fassung erlebt. Kurz nach dem
Krieg hatte
Sie der damals entstandene Amalthea Verlag für eine Deutung Rilkes
gewonnen,
während der Insel-Verlag das Bedürfnis nach einer Sammlung
schweizerischer
Lyrik aller Landeszungen durch Herausgabe Ihrer verdienstvollen
„Anthologia
Helvetica“ entgegenkam. Sieben Jahre später ist sie als „Ernte
schweizerischer
Lyrik“ erneut in Zürich verlegt worden. Zur selben Zeit wie die
„Anthologia“
erschienen die „Dichternöte oder wahrhaftige Tragikomödie und
grausliches Martyrium
der schweizerischen Schriftsteller“, ein Kasperlispiel, das seine
Erstaufführung zu Gunsten notleidender Schriftsteller im Freudenberg
erlebte.
Mit den „Gestalten und Wandlungen schweizerischer Dichtung“
beschäftigen sich
zehn Essays. Danach spricht wiederum der Dichter in den lyrischen
Bänden „Aus
der Brandung“ und „Der brennende Busch“, denen vor wenigen Jahren ein
dritter
folgte: „Das Antlitz der Erde“. Die Novellen „Der König von Ste.
Pélagie“ und
die sechs Jahre spätere „Vom Menuett zur Marseillaise“ führen in eines
Ihrer
Lieblingsgebiete, das Frankreich des Überganges vom ancien régime in
die neue
Zeit. Im gleichen Jahr, 1924, entsteht auch die umfassende Einführung
in das
Werk C.F. Meyers, und im folgenden das „Opferspiel“, dessen damalige
Aufführungen
im Stadttheater in unvergesslicher Erinnerung sind. In den folgenden
Jahren
kommt vor allem der Literaturhistoriker zu Wort. Es erscheinen „Heimat
und
Genius“, Festblätter zur schweizerischen Geistesgeschichte; „Spittelers
Weg und
Werk“; in der Festgabe für Max Huber der Aufsatz „Zürcherart und
Zürchersprache“; die „Gedenkrede beim Tod Rainer Maria Rilkes“, endlich
„Der
gegenwärtige Goethe“, und die Einleitung in die Atlantisausgabe der
Werke
Gottfried Kellers. Der Dichter wiederum ergreift das Wort mit der
Festkantate
„Tag unseres Volkes“ für die Eröffnung der schweizerischen
Landesausstellung
1939, und die letzte und vollste Frucht Ihres Schaffens ist und allen
gegenwärtig, „Die Stadt der Väter“. Wahrlich, die Reihe ist so
vielgestaltig,
dass Sie, lieber Jubilar, vielleicht selbst von einem oder andern Ihrer
Kinder
vergessen haben, dass es existiert. Der Baum trägt ja bekanntlich seine
Blüten
nicht, um sie zu zählen, sondern weil er blühen muss. Aber wenn ein
solches
Oeuvre in den meisten Fällen ein vollbemessenes Leben erfordert, so
versichert
ein Blich auf Ihre jugendliche Gestalt, dass dies für Sie nicht gilt,
und unser
noch manche Gaben harren. Für die bisherigen gebührt Ihnen der Preis,
den ich
Ihnen hiermit überreiche. Betrachten Sie ihn als Dankesschuld, die die
Stadt
der Väter Ihnen zollt. Für Ihre kommenden Werke können wir nur eine
gewogene
Zukunft erhoffen und Sie versichern, dass unsere herzlichen Wünsche Sie
dahin
begleiten. Ihr Martin Bodmer.
Im Lauf des Sommers erhielten
wir von der „Stiftung der
Schweizerischen Landesausstellung für Kunst und Forschung“ ein
Schreiben zu
Handen des Gottfried Keller-Preis-Stiftung, worin diese angefragt
wurde, ob sie
sich an einer Ehrengabe für den Schriftsteller Dr. h.c. Peider Lansel
beteiligen würde, die ihm bei Anlass seines 80. Geburtstages überreicht
werden
sollte. Die Stiftung des Landesausstellung für Kunst und Forschung, der
ihre
Statuten nur eine beschränkte Beteiligung erlauben, hat sich bereits
erklärt,
unter ihrem eigenen Namen oder mit anderen Institutionen zusammen die
Übergabe
des Ehrengeschenkes in einer des Beschenkten würdigen Form vorzunehmen.
Wir
erklärten uns bereit, an das Ehrengeschenk für Peider Lansel einen
Betrag von
Fr. 1'000.-- zu leisten.
Ferner wurden wir angefragt, ob
Stiftung die Lage des in
Not befindlichen französischen Dichters Jean Jouve durch eine Gabe
etwas
erleichtern könnte. Wir glaubten diese Bitte im Hinblick auf den
unstreitbaren
Wert des Mannes nicht ablehnen zu können, und übermachten ihm den
Betrag von Fr.
1'000.-- in Anerkennung des bedeutenden Vertreters französischer
Geistigkeit,
den die Schweiz heute beherbergt. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum dreiundzwanzigsten Jahr (1944)
Nachdem im Rechnungsjahr 1943
Fr. 8.000.--
verausgabt worden waren, musste gewohnheitsgemäss wieder ein Pausenjahr
eingeschaltet werden. Wir freuen uns aber, Ihnen mitteilen zu können,
dass es
trotzdem keine Zeit völliger Brache war und immerhin Fr. 3.000.-- zur
Verteilung kamen.
Der Schreibende war darauf
aufmerksam gemacht worden,
dass der Zeitschrift „Trivium“ ein Beitrag zur Stabilisierung ihres
Budgets
nicht ungelegen käme. Dieses von zürcherischen Hochschulkreisen
ausgehende
Unternehmen erfüllt durch sein hohes Niveau gerade in diesen Zeiten
eines
erschreckenden Zerfalls aller Worte eine im besten Sinne schweizerische
und
zugleich europäische Aufgabe und scheint uns darum unterstützenswert.
Wir haben
ihm zuhanden der Herausgeber Fr. 2.000.-- überwiesen.
Ferner kam der Stiftung die
Mitteilung zu, dass der in
der Schweiz lebende deutsche Schriftsteller Georg Kaiser in grosser
Notlage
sei. Eine Umfrage bei den Mitgliedern des Kuratoriums über die
Opportunität
einer Zuwendung ergab trotz gewisser Vorbehalte eine zustimmende
Mehrheit. Die
Begabung Kaisers ist unbestreitbar und seine Kunst, wenn auch nicht
jedermanns
Sache, bedeutend. Es wurden ihm in Anbetracht dessen Fr. 1.000.--
übergeben, was die zweifellos bedrängte Situation des Dichters
wenigstens
vorübergehend erleichtern konnte. Einen etwas ungewöhnlichen aber
bezeichnenden
Passus seiner Antwort setzen wir kuriositätshalber hierher: „Sobald
meine
Verbindung mit USA nach Beendigung des Krieges wiederhergestellt ist,
werde ich
Ihrer Stiftung einen höheren Betrag zur Unterstützung begabter
schweizerischer
Schriftsteller zufliessen lassen.“ Hoffen wir das beste für die
künftigen
Begabungen unseres Landes!
Zum Schluss noch die
bedauerliche Mitteilung, dass Carl
Helbling seinen Rücktritt aus dem Kuratorium erklärt hat. Seine Gründe
sind
leider triftige. Wenn er erklärt, dass ihm die Schillerstiftung das
Referat
über die deutschschweizerische Literatur übertragen habe, was seine
Aufmerksamkeit sehr beanspruche, dass er ferner durch die Herausgabe
der Werke
Gottfried Kellers, die er neben seinem vollgerüttelten Schulpensum
erledigen müsse,
mit Arbeit überhäuft sei, wenn er schliesslich meint, dass ausser den
paar
„Rochers de bronze“ nicht ständig dieselben Kuratoren einem
Stiftungsrat
angehören müssten – ist dem schwer zu widersprechen. So bleibt denn nur
übrig,
diesem Bericht das Antwortschreiben an Dr. Helbling beizufügen, mit der
Hoffnung, die Kuratoren gehen damit einig.
Genf, 28. Juni 1944
Lieber
Herr Dr. Helbling,
Schönen
Dank für Ihren Brief vom 25.
Juni, dem ich entnehme, dass Sie über die Erneuerung des Stiftungsrates
meiner
Stiftung besser orientiert sind als ich selber. Aber in der Tat, Sie
haben
recht. Die Amtsdauer, die sich stets stillschweigend erneuert, ist
wiedereinmal
abgelaufen. Nicht recht haben Sie mit Ihrem Entschluss, aus dem
Kuratorium
auszuscheiden. Ich bedauere es offengestanden sehr, dass dieses
homogene
Gremium durch Ihr Ausscheiden einen empfindlichen Verlust erleidet.
Aber Ihre
Argumente sind leider stichhaltig, und Ihr Ton bei aller Freundlichkeit
so
entschieden, dass ich nicht wage zu insistieren. Ich begreife Ihren
Wunsch
durchaus, und so leid es mir tut, Sie scheiden zu sehen, muss ich, und
müssen
mit mir die übrigen Mitglieder des Kuratorium sich wohl damit abfinden.
Es
bleibt mir nur übrig Ihnen für die freundliche Hilfe zu danken, die Sie
während
so vielen Jahren der Stiftung zukommen liessen. Ihr Rat und Urteil
waren uns
immer von grösstem Wert und haben manche Entschlüsse wohltuend
beeinflusst.
Mögen Ihre Wünsche für die Zukunft der Stiftung in Erfüllung gehen, und
diese
sich weiterhin als eine nützliche Einrichtung erweisen.
Mit
dem erneuten Dank für Ihre
Mitarbeit bitte ich Sie die freundlichsten Grüsse entgegenzunehmen.
Ihres
Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht zum vierundzwanzigsten
Jahr (1945)
Im laufenden Jahr hat zwischen
den Mitgliedern des
Kuratoriums ein reger Gedankenaustausch stattgefunden. Dies lag schon
darum
nahe, weil ein Preis verteilt werden sollte, und ferner weil das allzu
klein
gewordene Gremium einer Ergänzung bedurfte. Wenn man feststellen muss,
dass
weder das Eine noch das Andere zustande gekommen ist, so könnten unsere
Beratungen nach einem unfähigen Parlament aussehen – aber das trifft
nun
durchaus nicht zu. Die Sache steht viel erfreulicher. Was die Ergänzung
betrifft, so wollte man sie einer mündlichen Aussprache vorbehalten,
die sich
aber durch kleine Tücken des Schicksals dies Jahr nicht einrichten
liess. Es
wurden jedoch so ausgezeichnete Anwärter, wie etwa die Professoren und
Doktoren
Staiger, Hunziker, Wehrli, Zemp in Vorschlag gebracht, dass es nicht
schwer
sein dürfte, sich nächstens auf einen, oder besser noch zwei der
Genannten zu
einigen. Als Preisträger standen zur Diskussion Albert Steffen, Cécile
Lauber,
Fritz Ernst. Es war auch die Frage eines kleineren Preises, verbunden
mit einer
Ehrengabe etwa für einen jüngeren Kritiker, oder diejenige einer
Teilung des
Preises erwogen worden. Hier ist nicht der Ort, sich über das Für und
Wider
auszulassen. Die Waage neigte sich eindeutig Fritz Ernst zu, als eine
dritte
Lösung auftauchte, die umso angenehmer war, als sie die Preisfrage nur
hinausschob, aber keineswegs präjudizierte, und umso erfreulicher, als
sie
erlaubte, im rechten Augenblick eine Schuld abzutragen. Durch den
Verzicht auf
die diesjährige Verleihung eines Preises kann Demjenigen in schlichter
und
würdiger Form der Dank ausgesprochen werden, auf dessen Initiative die
Gründung
der Stiftung zurückgeht, und dessen immerwacher Anteil ihr geistiges
Profil
entscheidend beeinflusst hat. Eduard Korrodi, der sich einen Preis
erbeten hat,
soll ein Geschenk der Stiftung von Fr. 6.000.-- erhalten. Dass seine
Verdienste
um das schweizerische Kulturleben einen Preis zwar rechtfertigen,
dürfte aus
der Rede hervorgehen, die der Unterzeichnete zu Ehren von Korrodis
sechzigstem
Geburtstag hielt und auf die hier lediglich verwiesen sei. Aber wir
ehren den
Jubilar auch dadurch, dass wir uns seinem Verzicht fügen.
Im Rechnungsjahr hat die
Stiftung eine Ehrengabe von Fr.
1.000.-- an Prof. Robinet de Cléry verliehen in Anerkennung seiner
Verdienste
um die Veröffentlichung des ersten integralen Textes der Gespräche
Frédéric
Soret mit Goethe. Eine Gabe von Fr. 200.-- wurde dem jungen
Schriftsteller E.V.
Steenken übergeben. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum fünfundzwanzigsten Jahr (1946)
Man könnte erwarten, dass des
fünfundzwanzigsten
Jahrestages der Stiftung in festlichen Werten gedacht werde. Aber wenn
er schon
in der Öffentlichkeit unbemerkt vorübergegangen ist, so legen uns zwei
weitere
Umstände nahe, auch im Jahresbericht auf einen Panegyrikus zu
verzichten.
Einmal war das laufende Jahr ein so stilles, dass sich kein besonderer
Grund
zum feiern ergibt. Denn schliesslich lebt eine Preisstiftung von ihrer
unmittelbaren Tätigkeit, und auch eine Rückschau ist nur sinnvoll
sofern sie an
diese anknüpft. Dann aber entspricht es zusehr dem Charakter gerade
dieses
Unternehmens, in stiller Zurückgezogenheit zu wirken, als dass es einem
bloss
äusserlichen Anlass zuliebe davon abgehen sollte. Und schliesslich –
meinen wir
– sollen die Festtage fallen wie man sie setzt, und so behalten wir uns
vor, zu
gegebener Zeit auf eine zusammenfassende Würdigung der
Stiftungstätigkeit
zurückzukommen. Hier möge lediglich eine rekapitulierende Tabelle des
silbernen
Jubiläums gedenken. Dass das Jahr ein stilles war, lag am letztmaligen
Beschluss des Kuratoriums, dem Initianten der Stiftung bei Anlass
seines
sechzigsten Geburtstages in angemessener Form zu danken. Er verbat sich
zwar
einen Preis, aber die Dispositionen führten doch zu den Konsequenzen
eines
solchen, sodass erst 1947 die Mittel wieder den Stand erreicht haben
werden,
der ein freieres Disponieren erlaubt. Immerhin sind zwei erfreuliche
Dinge zu
melden. Eine Ehrengabe von Fr. 1.000.-- konnte Dr. Carl Helbling in
Anerkennung
seiner Tätigkeit als Herausgeber der Gesamtausgabe von Gottfried
Kellers Werken
überreicht werden. In unserem Schreiben erwähnten wir, das Kuratorium
sei sich
bewusst, dass die Summe angesichts der Verdienste Helblings eine
bescheidene
sei. Doch glaubten wir in der Annahme nicht fehl zu gehen, dass gerade
er als
langjähriges Mitglied unseres Gremiums Verständnis für die Beschränkung
habe,
die die Stiftung sich unter den heutigen Verhältnissen auferlegen
müsse. Wir
bäten ihn deshalb, in dieser Gabe nicht so sehr die materielle Seite zu
sehen,
als den Ausdruck dankbarer Verbundenheit mit seiner Arbeit. Dass vor
allem die
Keller-Ausgabe im edlen Geist, in dem sie betreut werde, zum guten Ende
komme,
sei unser aufrichtiger Wunsch.
Auf diese Zeilen hin antwortete
Carl Helbling mit einem
Brief, der in seiner spontanen Wärme ein schöneres Zeugnis für die
Stiftung
ist, als Jubiläumsaufsätze es sein könnten, weshalb wir ihn im Wortlaut
hersetzen.
Einen
solchen Ferienanfang lasse ich
mir gerne gefallen! Es hat etwas Beruhigendes, wenn in einem Augenblick
des
Lässigwerdens von gültiger Seite gesagt wird, das im Zuge der Arbeit
Geleistete
tauge etwas, sei brauchbar, ja sogar gut. So wird der Tag kurzen
Freiheitsbeginns zum Festtag, erhalt er sein Recht. Dafür, dass Sie
diese
Sanktion ausgesprochen, sage ich Ihnen meinen tiefgefühlten Dank. Ihre
Gabe ist
mir eine Ehrung, die mich fast ein wenig stolz macht, wäre Stolz
angebracht, wo
ich nicht mehr als ein Dienender am Grossen sein will. Aber ich kann
ihn nicht
ganz wegleugnen, zumal die freundliche Überraschung von einer Seite
kommt, die
neben Ihrem Namen den des Dichters trägt, dem meine Bemühung gilt. Ich
würde
lügen, unterdrückte ich mein simples Vergnügen, das mir Ihr Check
gemacht hat.
Aber noch mehr rührten mich die gütigen und ehrenden Worte Ihres
schönen
Briefes, den ich den wenigen Dokumenten beischliesse, die ich
aufbewahre. Seien
Sie im Übrigen versichert, dass ich alles tun werde, Ihren Wunsch zu
erfüllen,
die Gottfried Keller-Ausgabe zu würdigem Abschluss zu bringen, in
spätestens
vier Jahren soll es so weit sein. ... Mit der Bitte, meinen herzlichen
Dank für
das Walten der Stiftung den übrigen Herren des Kuratoriums übermitteln
zu
wollen, und mit der Versicherung, dass mich Ihre Ehrung beglückt und
aufmuntert, verbinde ich meine aufrichtigen Wünsche für das Gedeihen
Ihrer
schönen Institution und für das Wohlergehen Ihrer selbst wie Ihres
Hauses.
(Helbling
an Bodmer,
14. Oktober 1946)
Schliesslich können wir noch
die erfreuliche Tatsache
melden, dass sich Dr. Max Wehrli bereit erklärt hat, unserem Kuratorium
beizutreten. Wir freuen uns, die wir mit der Stiftung allmählich selber
älter
geworden sind, dass auch die jüngere Generation nachrückt, und freuen
uns
doppelt, einen Zürcher und hervorragenden Vertreter der
Literaturwissenschaft
gewonnen zu haben, dessen Rat und Einsicht der Stiftung künftig zugute
kommen
wird. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum sechsundzwanzigsten Jahr (1947)
Wenn im letzten Bericht wenig
zu sagen war, so diesmal
umso mehr. Wir können auf ein fruchtbares Jahr zurückblicken, in
welchem
insgesamt Fr. 9.000.-- für Preis und Ehrengaben verausgabt wurden.
Träger des
zehnten Gottfried Keller-Preises ist Fritz Ernst, dem wir den Preis mit
einem
Schreiben folgenden Wortlautes überreichten:
Verehrter
Fritz Ernst! Es war mir im
Laufe der letzten Lustren nicht selten vergönnt, Ihnen meine
Bewunderung für
Ihr Schaffen auszudrücken, das in immer neuen und stets in neuern Weise
vollkommenen Schriften sichtbar geworden ist. Und diese Bewunderung war
nicht
nur eine rezeptive, durfte ich doch als Herausgeber der Corona dazu
beitragen,
einige Ihrer Geisteskinder in würdiger Form an die Öffentlichkeit zu
bringen.
Aber unsere Beziehungen sind ältere. Die erste Begegnung geht in eine
Zeit
zurück – es mag 1915 oder 1916 gewesen sein –, da Sie Probelektionen am
Gymnasium erteilten. So flüchtig der Eindruck für Sie und die damalige
ungebärdige Schülerschar gewesen sein mochte, so habe ich davon doch
einen
nachhaltigen Eindruck behalten. Auf diesem Gebiet – der humanen
Jugenderziehung
–, das Ihnen eine Herzensangelegenheit war, haben Sie denn auch während
eines
halben Lebens eine segensreiche Tätigkeit entfaltet, und Mittelschule
und
Volkshochschule wissen Ihnen dafür Dank. Heute setzen Sie diese
Tätigkeit an
der höchsten Lehranstalt des Landes fort, und es ist zu hoffen, dass
Ihr Wirken
als Lehrer und Gelehrter, Ihre Berufung als Bildner und Leiter unserer
akademischen Jugend dieser noch lange zugute komme. Aber für eine
wachsende
Lesergemeinde sind Sie vor allem der Schriftsteller, und zwar einer,
dem man
getrost europäische Bedeutung zugestehen kann. Es ist hier nicht der
Ort, sich
über Ihre Schriften auszulassen, jedoch dürfte ein blosser Blick auf
diese
unsere Behauptung erhärten. Der Dichter Rudolf Alexander Schröder
äusserte
einmal mir gegenüber: „Fritz Ernst ist der erste lebende Essayist in
deutscher
Sprache. Die Schweiz weiss vielleicht zu wenig, was sie an ihm
besitzt.“ Das
war vor Jahren. Heute liegen zweiundsechzig Ihrer Essays in drei Bänden
gesammelt vor, und wer darin blättert, hat wahrhaft das Gefühl einer
abendländischen Höhenwanderung. In der helvetischen Heimat beginnt sie,
führt
über den deutschen Kulturraum und dessen goethesche Mitte hinaus in den
europäischen, die edlen Geister Frankreichs, Italiens, Spaniens,
Englands,
Russlands werden aufgerufen – und wo könnte sie schöner enden als im
zeitlosen
Begriffs von Herders Humanität! Und doch bilden diese Essays kaum die
Hälfte
Ihres gesamten Schrifttums. Man darf hoffen, dass auch der andere Teil
bald
vorliegen und ihm noch manche Seite meisterlicher Prosa folgen werde.
Ich
gestehe, dass mich über den bedeutenden Gehalt hinaus auch die Kadenz
dieser
Prosa stets bezaubert hat. Wenn Ihnen immer wieder Formulierungen
gelingen wie
etwa diese über General Wille: „In seinen Schriften widerhallt der
schwere
Schritt des seiner Vollmacht tief bewussten Mannes...“, oder über
Herder: „Bei
Herder beginnt alles von vorn und führt fast alles ins Unendliche...“,
so ist
das ebenso wenig aphoristisch wie rhetorisch, sondern Prosa von jener
Dichte
und Leuchtkraft, in der mir eben das Wesen des Dichterischen zu liegen
scheint.
Denn was ist Dichtung anderes, als in der Sprache gestaltetes Leben.
Wenn ich
diese Zeilen damit begann, dass es mit im Laufe des Jahre öfters
vergönnt
gewesen sei, Ihnen den Dank für neu erscheinende Schriften zu äussern,
so
möchte ich Sie auch mit einem Dank beschliessen. Diesmal aber nicht für
ein
einzelnes Werk und als Privatperson, sondern für Ihr Gesamtoeuvre im
Namen der
Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis. Darf ich
hoffen, dass
es auch im Sinn und Namen weitester Kreise der geistigen Schweiz und
des
geistigen Europas sei? Ihr Martin Bodmer.
(Bodmer an
Ernst, 12.
September 1947)
Die schöne Antwort Fritz Ernsts
möge im Wortlaut hier
folgen:
Verehrtester
Herr Bodmer! Die
Auszeichnung, die Sie mir im Namen des Kuratoriums Ihrer Stiftung durch
die
Verleihung des Gottfried Keller-Preises für das Jahr 1947 erweisen,
bewegt mich
tief. Zwar verlangt man von uns Menschen mit Recht, dass wir uns in
erster
Linie vor uns selbst verantworten. Aber was könnte uns Säumige und
Irrende
besser trösten, als der Beifall der Trefflichsten, die sich weniger an
die
Unvollkommenheit des Ergebnisses, als an die glaubhafte Anstrengung
halten? Ich
spreche Ihnen und Ihrem Kuratorium meinen herzlichen, den Anlass
überdauernden
Dank aus. Für Ehrung und Ermunterung bin ich gegenwärtig umso
empfänglicher,
als ich meine Essays im Gefühl eines sich für mich schliessenden
Lebensabschnittes sammelte und mich seither auf der Suche nach einer
neuen
Ausdrucksform befinde. Sollte ich je zum Ziele oder in dessen Nähe
kommen, so
wünsche ich mir als ersten Zeugen Sie, Verehrtester Herr Bodmer. Lassen
Sie
mich auch noch aussprechen, dass Ton und Inhalt Ihres Begleitschreibens
mir die
höchste Auszeichnung, deren ich teilhaft werden konnte, erst recht
teuer machen.
Ich bin und bleibe Ihr sehr ergebener Fritz Ernst.
(Ernst an
Bodmer, 12.
September 1947)
Ferner hat das Kuratorium
beschlossen, dem
österreichischen Philosophen Rudolf Kassner eine Ehrengabe von Fr.
2.000.-- zu
überreichen. Der Beschluss war noch vor Erscheinen seines neuesten
Buches: „Das
neunzehnte Jahrhundert. Ausdruck und Grösse“, und unabhängig davon
gefasst
worden. Doch bot seine Publikation einen doppelt willkommenen Anlass,
dem
bedeutenden Gestalter geistiger und geistesgeschichtlicher
Zusammenhänge, der
als Gast in unserem Lande weilt, die höchst willkommene Gabe zu
übermitteln.
Wie wenig verwöhnt auch Männer vom Range und der Berühmtheit Kassners
sind,
beweist die Antwort des vierundsiebzigjährigen Mannes:
Sie
haben mir eine sehr grosse Freude
gemacht, und ich danke Ihnen aus ganzem Herzen. Denken Sie, es ist die
erste
Ehrung in meinem langen Leben und Schaffen, und dass sie mit dem Namen
Gottfried Keller verbunden ist, macht sie mir noch einmal so wert und
teuer.
Dank und Dank!
(Dieser
Brief ist im
Archiv nicht nachzuweisen)
Wenn man bedenkt, dass auch
Hofmannsthal nie eine Ehrung
erhalten hat und – wie ich leider erst Jahre nach seinem Tod erfuhr –
über den
Gottfried Keller-Preis beglückt gewesen wäre, so muss man die damals
vielleicht
allzugrosse Zurückhaltung des Kuratoriums bedauern, aber auch die
Möglichkeit,
die in der Stiftung liegen, und die freilich auch eine Verantwortung
ihrer
Treuhänder bedeuten, hoch veranschlagen.
Endlich ist noch zu melden,
dass die Stiftung der Tagung
des P.E.N.-Clubs, die Anfang Juni in Zürich stattfand, Fr. 1.000.-- zur
Verfügung gestellt hat. Die Summe ist folgendermassen verwendet worden:
Alfred
Kerr und Herman Ould erhielten zur Erleichterung ihres Aufenthaltes in
der
Schweiz je Fr. 250.--, und Franz Csokor Fr. 500.--. Von allen sind
freundliche
Dankesschreiben eingegangen. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht zum siebenundzwanzigsten
Jahr (1948)
Das verflossene Rechnungsjahr
war naturgemäss wieder
stiller, hatte doch 1947 mit Preis und Ehrengaben und anderen
Zuwendungen die
verfügbaren Mittel erschöpft. Zudem ist der Kassenstand für das
kommende
Preisjahr zu äufnen, sodass uns kein grosser Spielraum blieb. Es ist
erfreulich, dass dennoch zwei Ehrengaben und ein Betrag verliehen
werden
konnten. Nach brieflicher Verständigung haben die Mitglieder des
Kuratoriums
beschlossen, dem in Zürich lebenden Schriftsteller Gottlieb Heinrich
Heer und
dem ebenfalls in Zürich lebenden Estländer Edzard Schaper Ehrengaben
von je Fr.
1'500.- zu überreichen. Schaper war bis zum Zusammenbruch einer der
hoffnungsvollsten jüngeren Autoren des Insel-Verlages. Durch den Krieg
hat
seine bedeutend anhebende Laufbahn einen jähen Unterbruch erfahren, und
es ist
zu hoffen, dass der hochbegabte Balte sich in der Schweiz eine neue
Existenz
wird aufbauen können. Sein Antwortbrief ist so hübsch, dass wir die
Hauptstellen daraus hier anführen:
Ich
weiss mich frei von Übertreibung,
wenn ich sage, dass seit dem Tage, an dem mir die Übersiedlung in die
Schweiz
gestattet wurde, mir nichts mehr so grosse und so tiefe Freude bereitet
hat,
wie Ihre Eröffnung vom 15. Oktober, das Kuratorium habe beschlossen,
mir die
Ehrengabe zukommen zu lassen, deren Empfang zu bestätigen ich die Ehre
habe.
Empfangen Sie meinen bewegten Dank und übermitteln Sie bitte, was Ihnen
an
diesem Brief des Weitersagens wert erscheint, den Mitgliedern des
Kuratoriums.
Es ist nicht chinesische Höflichkeit, wenn ich mir erlaube, Ihre
Auffassung von
der Bescheidenheit der Gabe nicht zu teilen. Ich habe die Gabe als
gross
empfunden, was ihre materielle Bedeutung betrifft, als noch grösser
aber im
Sinne einer moralischen Aufmunterung, wie sie mir zum ersten Male in
meinem
Leben zuteil geworden ist, und in diesem Sinne wird sie mir, wieviel
Aufmerksamkeit meine Arbeit vielleicht noch in Zukunft finden könnte,
immer als
sehr, als einmalig gross erscheinen und mich mit bleibendem Dank der
Stiftung
und dem Lande, das sie beherbergt, verbinden. Wenn meine künftige
Arbeit
imstande sein sollte, das Vertrauen zu bestätigen, das meine bisherige
Leistung
Ihnen einflösst und Sie zu dieser Förderung veranlasst hat, wäre die
Verpflichtung eingelöst, in die ich mich innerlich versetzt sehe – sehr
froh,
nach vielen Jahren der Verschollenheit nun doch eine Hoffnung oder
Erwartung
Urteilsfähiger zu sein.
(Schaper
an Bodmer,
21. Oktober 1948)
Soweit Schaper, dessen Zeilen
wiederum beweisen, wie
wenig verwöhnt oft die fähigsten Köpfe sind, hat sich doch letztes Jahr
auch
Kassner im Grunde nicht anders geäussert! Auch die Antwort Gottlieb
Heinrich
Heers ist für die Stiftung eine Ermunterung. Er schreibt unter Anderem:
Sie
haben mir gestern mit der
Zusendung einer Ehrengabe und einem liebenswürdigen Begleitschreiben,
dessen
Anerkennung meines literarischen Bemühens mich fast beschämt, eine
ausserordentliche Freude bereitet. Ich möchte Ihnen und dem Kuratorium
für die
hochherzige Gabe und die Geneigtheit meiner Arbeit gegenüber meinen
ergebendsten Dank aussprechen! Wie die Anerkennung mich in weiteren
Bestrebungen fördern wird, so kommt mir Ihre grosszügige Ehrengabe
offen
gestanden gerade aufs Schönste gelegen: sie ermöglicht mir, die
geschichtlichen
Studien zu einem schon längere Zeit gehegten Romanplan weiter
voranzutreiben.
(Heer an
Bodmer, 17.
Oktober 1948)
Das ist ja schliesslich der
Sinn der Stiftung, durch materielle
Hilfe, auch wenn sie sich in bescheiden Grenzen halten muss, die Flügel
des
Geistes zu beschwingen. Und vor allem Jenen muss diese Hilfe erfreulich
sein,
denen sie unverhofft in den Schoss fällt. Natürlich hat es auch immer
wieder
Leute, die sich melden, die mit Proben ihres Könnens aufwarten. Vieles
davon
gehört in den Papierkorb. Aber bisweilen lässt ein besonderer Ton doch
aufhorchen. So sandte uns kürzlich Franz Fassbind einige Gesänge seiner
„Hohen
Messe“. Sie mag vermessen sein, aber das kühne Unternehmen ist nicht
ohne
Grösse, und so glaubten wir, eine Zuwendung von Fr. 300.- verantworten
zu
können. Und nun richten sich die Blicke schon auf das kommende Jahr.
Was mag es
der Stiftung bringen? Wird man sich übungsgemäss ans Alt-Bewährte
halten, oder
wird nach über einem Vierteljahrhundert ihres Bestehens, vielleicht
einmal ein
Meteor auftauchen, das zu entdecken und preiszukrönen Verdienst und
Ehre wären?
Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht zum achtundzwanzigsten
Jahr (1949)
Die unermüdliche Zeit rollt
dahin – oder sind nur wir es,
die fahren, und sie steht still? – aber auf jeden Fall werden
Stiftungen älter
wie Menschen, und die unsere, die zwar mit einiger Verspätung ins Leben
trat,
deren Anlass aber doch der hundertste Geburtstag Gottfried Kellers war,
kann
nun schon seinen hundertdreissigsten feiern! Was sie vor allem zu
feiern hat,
ist jedoch der elfte Gottfried Keller-Preis, den das Kuratorium dem
Philosophen
und Schriftsteller Rudolf Kassner zuerkannt hat. Um ganz genau zu sein,
müssen
wir zwar bekennen, dass der Jahresbericht dem Rechnungsjahr vorauseilt,
und
also streng genommen der im Dezember dieses Jahres verliehene Preis ins
neunundzwanzigste Stiftungsjahr fällt, das vom 1. August 1949 zum 31.
Juli 1950
reicht. Aber diese kalendarische Ungenauigkeit dauert nun schon so
viele Jahre,
und ist so harmlos, dass sie wohl weiterhin geduldet werden kann, es
sei denn,
die Herren Kuratoren erhöben Einspruch!
Kassner also, der 1873 in
Mähren geborene Österreicher,
war der Erwählte. Damit ist zum ersten Mal seit 17 Jahren der Preis an
einen
Nichtschweizer gegangen. Die Kandidatenliste war reich besetzt, eben
weil man
es für angezeigt hielt, den Blick wieder einmal ins Ausland zu richten.
Dass
dies seit 1933 schwer möglich war, gehört zum Stück Weltgeschichte, die
wir
seither erleben. Aber mit dem Öffnen auch der geistigen Grenzen stellte
sich,
allein im deutschsprachigen Gebiet, das uns doch vor allem am Herzen
liegt,
sogleich eine ganze Reihe bedeutender Namen ein. Ich erwähne nur einige
von
denen, die das Kuratorium beschäftigt haben. R.A. Schröder, E.R.
Curtius,
Bergengruen, Ernst Jünger, Schaper, Lernet-Holenia, Zuckmayer, Gertrud
von Le
Fort... Auch die Schweizer wurden nicht vergessen, man erwog Namen wie
Steffen,
Stickelberger, Welti, Hiltbrunner, Heer, Frisch, Ehrismann, Lang,
Cécile
Lauber, Regine Ullmann, Ines Loos, Kaegi, Jedlicka, Picard, Emil
Brunner...
Auch die Westschweiz bietet würdige Namen, wie etwa de Traz,
Chenevière, de
Reynold, Zermatten, de Rougement... Aber Kassner, als Mensch überaus
sympathisch, als Denker weit, gross, von überzeitlicher Bedeutung,
hatte alles
in allem vor den Anderen doch einen gewissen Vorsprung, und vereinigte
bald
alle Stimmen der Preisträger auf sich. Wir lassen traditionsgemäss den
Briefwechsel zwischen Präsident und Preisträger folgen.
Das erste
Schreiben lautet:
Lieber
Herr Kassner! Es ist mir eine
Ehre und eine Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium
der Martin
Bodmer-Stiftung beschlossen hat, Ihnen den Gottfried Keller-Preis für
das Jahr
1949 zu verleihen. Ich darf Ihnen wohl verraten, dass wir unsere jedes
zweite
Jahr fälligen Entscheidungen nicht leicht nehmen. Wenn wir uns seit
1933 aus
begreiflichen Gründen an den heimatlichen Kreis hielten, so ist diese
Beschränkung nun aufgehoben, aber die Aufgabe wird dadurch nur
verantwortungsvoller. Denn die deutschsprachige Welt – und wir greifen
auch
über sie hinaus – liefert uns eine ganze Reihe bedeutungsvoller Namen.
Es ist
zwar längst zur Gewohnheit geworden, dass die Stiftung auf Experimente
verzichtet und den Anspruch, junge Talente zu entdecken und zu fördern,
Andern
überlässt. Sie hält sich an reife und anerkannte Lebenswerke. Aber
selbst dann
noch ist die Wahl nicht leicht! So standen wir auch diesmal vor einer
ansehnlichen Zahl von Leistungen und hatten uns für die Eine zu
entscheiden.
Dass es die Ihre war, lieber Freund, wir Sie zwar nicht allzusehr
wundern. Sie
kennen die geistige Lage, und wissen um das Werk, das Sie ihr
abgerungen haben
und noch weiter abringen, besser Bescheid als irgend Jemand. Auf wen
sollte die
Wahl denn schliesslich fallen, wenn nicht auf Sie, in dem Vergangenes
und
Kommendes, Wissendes und Seherisches in einem wohltuend-harmonischen
Gleichgewicht verbunden sind. Ihr Werk ist menschlich und bedeutend in
einem, und
das scheint mir sehr selten. Sie dürfen sich also sagen, dass der
Entscheid
nahe lag. Aber ich kann mir doch denken, dass es Sie freut, wenn ich
Ihnen
sage, dass die Wahl spontan, eindeutig und einstimmig auf Sie gefallen
ist.
Betrachten Sie es als bescheidene Abschlagszahlung für Vieles, was
Ihnen längst
geschuldet war. Wer könnte Ihrem fünfzigjährigen Wirken, das Sie, unter
oft
schweren Bedingungen, dem Geiste und nur ihm geweiht haben, seine
Bewunderung
versagen. Sie sind stets ein grosser und eindringlicher Frager gewesen,
und Sie
haben es durch Ihre oft erstaunlichen Antworten verstanden, der
Aufforderung
des Alten Angelus Silesius immer näher zu kommen: „Mensch werde
wesentlich!“
Wer darum Ihre Leistung kennt, muss sie auch anerkennen, und wird Ihnen
dafür
ohne Vorbehalt danken. Wenn wir diesen Dank in die Form des Gottfried
Keller-Preises kleiden, so tun wir es als Verehrer Ihres Werkes, dem an
Konzentration und seelischer Spannweite heute kaum etwas an die Seite
zu
stellen wäre. Wir tun es aber auch als Verehrer Ihrer Persönlichkeit,
die
schlicht und liebenswert ist wie wenige, und wir dürfen uns dabei als
Sprecher
einer grossen Gemeinde fühlen! Nehmen Sie denn, verehrter Herr Kassner,
diesen
Dank freundlich entgegen. Unsere Wünsche folgen ihm ins erhabene
Wallis, Ihre
neue Wahlheimat, durch die Sie im schönsten Sinne einer der Unsern
geworden
sind. Ihr Martin Bodmer.
(Dieser
Brief ist im
Archiv nicht nachzuweisen)
Rudolf
Kassner hat darauf
folgendermassen geantwortet:
Sierre,
16.12.1949. Lieber Dr. Martin
Bodmer, verehrter Gönner und Freund! Sie haben mir eine grosse Freude
bereitet
und eine grosse Ehre erwiesen. Als Sie mir vor zwei Jahren die
Ehrengabe der
Gottfried Keller-Stiftung überreichten, schrieb ich Ihnen dankend: es
sei dies
das erstemal, dass mir in meinem langen Leben für mein Wirken Ehre
erwiesen
worden sei von wo auch immer, jetzt kommt sie nocheinmal, verstärkter,
d'une
manière plus retentissante von derselben Stelle. Wie soll ich Ihnen das
danken,
danken für die grosse Freundlichkeit, mit der Sie mir vom ersten Tage
an, da
ich Ihr schönes Haus betreten durfte, begegnet sind. Ich möchte aber
hier auch
Ihrer lieben Frau gedenken, an die mich – ich möchte sagen: vom ersten
Augenblick an die freundschaftlichste Gesinnung und Dankbarkeit binden.
Ich
danke Ihnen noch im Besonderen für den gütigen Brief, der die Schenkung
begleitet hat, desgleichen für die Gesinnung, die sich darin
ausspricht. (Es
folgen einige private Bemerkungen) Ihr aufrichtig ergebener Dr. Rudolf
Kassner.
Zum
Schluss sei noch mitgeteilt, dass
die Stiftung auf Antrag der Kuratoren zu Ehren des 50. Geburtstages des
Unterzeichneten am 23. November 1949 eine kleine Feier im Zunfthaus zur
Saffran
veranstaltet hat. Dieser reizende, durch eine Reihe eindrucksvoller
Reden verschönte
Abend wird denen, die ihn erlebt haben, zuvörderst aber dem viel zu
verwöhnten
Geburtstagskinde in unvergesslicher Erinnerung bleiben! Martin Bodmer!
nach
oben
Jahresbericht
zum neunundzwanzigsten Jahr (1950)
Der Chronist kann sich in
seinem Bericht über die Stiftungstätigkeit
des abgelaufenen Jahres kurz fassen. Da der Kassastand zu Beginn des
Jahres
1950 auf etwas unter Null gesunken war, musste sich die Stiftung – wie
es
zwischen zwei Preisjahren die Regel ist – grösserer Zurückhaltung
befleissen.
Eine Extravaganz hat sie sich jedoch geleistet, und zwar eine doppelte,
(nachdem sie bereits letztes Jahr das Bankett zu Ehren des Schreibenden
gestiftet hatte!), indem sie nun auch den Druck der bei diesem Anlass
ausgetauschten Reden übernahm. Aber die Gelegenheit wird sich ja kaum
wiederholen, und so mag denn diese einmalige Abweichung vom
eigentlichen Zwecke
der Stiftung hingenommen werden.
Ferner nahm es der
Unterzeichnete auf sich, dem unter
schwierigsten Verhältnissen tätigen Wiener Goethe-Verein zu Handen
seines
Präsidenten Prof. Eduard Castle einen Beitrag von Fr. 500.-- zu
überweisen. Die
ausgezeichnete Festschrift, die diese verdiente Vereinigung bei Anlass
des
Goethe-Jahres herausbrachte, rechtfertigt zweifellos diese kleine
Anerkennung,
die von der Schweiz aus dem sympathischen Nachbarlande gezollt wird.
Endlich
ist im Einvernehmen mit Dr. Korrodi dem Dichter Franz Fassbind ein
Betrag von
Fr. 1'000.-- zugewiesen worden. Dieser Betrag wurde ihm nicht als
Ehrengabe
übermittelt. Er soll vielmehr, zusammen mit einem Beitrag des Bundes,
dazu
dienen, dem Dichter etwelche Freizügigkeit bei der Beendigung des
ersten Teils
seiner Hohen Messe zu gewähren, aber
keine Ehrung sein. Wir haben uns schon vor 2 Jahren an dieser Stelle
über den
kühnen Versuch geäussert, den dieses „Weltgedicht“ darstellt, und die
Stiftung
hat damals eine Summe von Fr. 300.-- gespendet. Sein unentwegtes Ringen
und
Streben verdient es aber wohl, der damaligen Aufmunterung eine etwas
nachdrücklichere folgen zu lassen. Dass das Unternehmen des jungen
Dichters ein
problematisches ist, verhehlt sich der Schreibende nicht, und hat dies
auch
Franz Fassbind offen erklärt. Aber die Stiftung ist in ihrer
Gesamthaltung so
ausgesprochen konservativ, dass sie sich solche gelegentliche Abstecher
in
umstrittenere Bezirke wohl leisten kann. Möge dafür das nächste, das
Preisjahr,
die Kuratoren wieder um eine unbestrittene Grösse vereinigt wissen!
Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht zum dreissigsten Jahr
(1951)
Das verflossene Stiftungsjahr
hat sich, wie sein Vorgänger,
in ruhigen Bahnen bewegt, und der Wunsch des Chronisten, mit dem er
seinen
letztjährigen Bericht schloss, somit nicht erfüllt. Zwei Gründe sind
dabei
massgebend gewesen: der eine, rein äussere, ist die Wirtschaftslage.
Trotzdem
die Stiftung Steuerfreiheit geniesst, sind ihre Einkünfte so, dass sie
es kaum
mehr rechtfertigen kann, jedes zweite Jahr einen Preis von Fr. 6'000.--
zu
vergeben. Sie müsste damit in der Zwischenzeit auf die Verleihung von
Spenden
und Ehrengaben gänzlich verzichten, was uns eine unangebrachte Beengung
erscheint. Ja, wenn man jedes zweite Jahr sicher wäre, den eindeutigen
Preisträger zu finden! Wir wissen aber nur zu gut, dass dies nicht der
Fall
ist, ja, dass die Stiftung von ihrem Wert einbüsste, wenn sie auf
Kosten des
Preises kleinere Ehrungen und Hilfen völlig aufgeben müsste. Und dies
umso mehr
noch, als ein Preis von Fr. 6'000.-- heute bei weitem nicht mehr dem
Wert
entspricht, den er bei Gründung der Stiftung und noch vor dem Zweiten
Weltkrieg
hatte. Es scheint uns darum gerechtfertigt, den Intervall von zwei auf
drei
Jahre zu erweitern, wobei sich gleichzeitig die Frage stellt, ob der
Preis
nicht von Fr. 6'000.-- auf 7 - 8000.-- erhöht werden wollte. Diese
Probleme
werden nächstens vom Kuratorium zu behandeln sein. Ein zweiter Grund,
der uns
darauf verzichten liess, dieses Jahr à tout prix einen Preis zu
verleihen, war
das Fehlen einer Persönlichkeit, die markant und eindeutig als
Preisträger in
Frage gekommen wäre. Angesichts dieser Gründe zog man es auf Vorschlag
von Prof.
Faesi daher vor, die zur Verfügung stehenden Mittel für Ehrungen zu
verwenden.
Dem Philosophen Leopold Ziegler wurde bei Anlass seines 70.
Geburtstages in
Anerkennung seiner Leistungen auf kultur- und religionsphilosophischem
Gebiet
eine Ehrengabe von Fr. 2'000.-- überreicht. Aus dem Schreiben des
Unterzeichneten an Leopold Ziegler möge folgende Stelle angeführt sein:
Sie
haben, verehrter Herr Ziegler ein
Leben lang für echte geistige Werte gekämpft und solche geschaffen. Sie
sind
sich auch im hohen Gedankenflug stets der Verantwortung gegenüber Ihren
Mitmenschen bewusst gewesen und haben den Boden einer gesunden Realität
nie
verlassen. Sie gehören zu den seltenen Europäern, denen sich die Grösse
des
Fernen Ostens wahrhaft erschlossen hat, und sind doch stets ein guter
Abendländer geblieben. Vor allem aber haben sie in Zeiten der
Heimsuchung Mut
bewiesen und Ihrer Heimat damit menschlich und geistig einen
unschätzbaren
Dienst erwiesen. Möge sie dessen eingedenk sein. – Wir sind uns
bewusst, wie
bescheiden angesichts Ihrer Leistung unsere Gabe ist, die wir Ihnen
überreichen, und bitten Sie darin vor allem ein Zeichen geistiger
Verbundenheit
und einen herzlichen Gruss aus dem Nachbarlande zu sehen.
(Bodmer
an Ziegler,
29. April 1951)
Prof. Ziegler hat mit folgendem
Schreiben geantwortet:
Unter
den unerwartet vielen ehrenden
und ermutigenden Zeichen, die mir in diesen Woche eine wachsende
Aufnahmebereitschaft für mein Werk zu bezeugen scheinen, ist mir Ihr
schöner
Brief von ganz besonderem Werte. Durchaus nicht nur, weil er mir die
bereits
vollzogene Überweisung einer nahmhaften Ehrengabe meldet – wiewohl auch
sie,
ich leugne es nicht, mir hochwillkommen ist. Schon deshalb zwar, weil
sie mir
Hoffnung gibt auf einen Erholungsurlaub in der Schweiz, den ich mir
seit langem
ersehne. Nein, nicht um deswillen allein ist mir die Ehrung gerade
Ihres
Vaterlandes so überaus kostbar und teuer. Sondern weil ich mich der
Schweiz
seit den Knabenjahren enger verbunden und stärker verpflichtet fühle,
als einem
ausserdeutschen Lande sonst – Italien nicht ausgenommen. Vor beinahe
einem
halben Jahrhundert ist Gottfried Keller, ich möchte mit Hofmannsthal
sagen: in
mein Geblüt gedrungen, und mit den Klassikern Weimars und Adalbert
Stifters
Erzieher, Weggenosse, Freund, Trost und „Bruderherz“ eh und je gewesen
und
geblieben. Von dort her nun eine solche Würdigung zu erleben, wie sie
aus Ihren
Sätzen spricht, gereicht mir zu einem späten Glück, ich darf ohne
Übertreibung
sagen, zu einer späten Erfüllung. Wie werden sich meine Schweizer
Freunde mit
mir freuen! In Dankbarkeit und Herzlichkeit, Ihnen, Herr Präsident,
stets
ergeben: Ziegler
(Ziegler
an
Bodmer, 9. Mai 1951)
Es wurde ferner Dr. Hermann
Kesser auf Antrag von Prof.
Faesi eine Gabe von Fr. 1'000.-- überreicht. Wenn die Verdienste Dr.
Kessers um
das deutschschweizerische Schrifttum auch ziemlich weit zurückliegen,
so sind
sie doch unbestreitbar, und seine heutige Notlage rechtfertigt den
Beschluss
des Kuratoriums umso mehr. Wie dringend diese zu sein scheint, erhellt
aus
einem Satz von Kessers Antwortschreiben. „Ihr so freundlicher Brief
soll mir
die Situation erleichtern und mich hoffen lassen, dass Sie sich bei
einer
nächsten Situation gütigst wieder meiner erinnern!“ Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht zum einunddreissigsten
Jahr (1952)
Wir haben unseren letztjährigen
Bericht mit der
Feststellung eingeleitet, dass es aus verschiedenen Gründen angezeigt
wäre,
einen Preis künftig nur jedes dritte Jahr zu verteilen. Einmal darum,
weil die
Preissumme der allgemeinen Geldentwertung entsprechend erhöht werden
könnte,
ohne dass deswegen auf die üblichen und wünschbaren Ehrengaben
verzichtet
werden müsste, sodann aber und vor allem aus dem offensichtlichen
Mangel an
überzeugenden Kandidaten. Da wir bereits im dritten Jahr seit der
letzten Preisverleihung
stehen (an Rudolf Kassner, 1949), war es auch im Sinne des erweiterten
Intervalls angezeigt, einen Preis zu beschliessen. Aber es zeigte sich
erneut,
wie schwer ein Entscheid zu fällen ist. Das Kuratorium ist zweimal
zusammengetreten und hat sich in eingehendem Meinungsaustausch mit
einer Reihe
von Anwärtern beschäftigt, von denen schliesslich fünf in vorderster
Reihe
standen. In der Schweiz sind es drei Gelehrte und Essayisten, während
von
Dichtern im hohen Sinne des Wortes nur bei zwei Deutschen die Rede sein
konnte.
Die Wahl ist schliesslich auf die Dichterin Gertrud von Le Fort
gefallen, mit
der erstmals eine Frau den Preis erklärt. Gleichzeitig und
ausnahmsweise aber
hat das Kuratorium beschlossen, bereits für den nächsten Preis den
Namen eines
schweizer Kulturhistoriker festzuhalten [Gemeint war der Historiker
Werner
Kaegi (1901-1979), Preisträger von 1954]. Diese Nomination soll
freilich nur
unter dem Vorbehalt in Kraft treten, dass in der Zwischenzeit keine
geeignetere
Persönlichkeit auftaucht. Was die Zeitspanne betrifft, so ist es
wünschbar,
dass sie nicht länger bemessen sei als die zur Äufnung der Preissumme
benötigte
Frist. Aus diesem Grund hat man sich auch an den traditionellen Betrag
von Fr.
6'000.-- gehalten. Die Frage einer allfälligen Erhöhung wird das
Kuratorium zu
geeigneter Zeit behandeln. Wir sind überzeugt, dass das Kuratorium mit
seiner
Wahl die glücklichste Hand gehabt hat, die es haben konnte. Nicht nur
hält die
Preisträgerin den Rang ihrer Vorgänger, und setzt deren Reihe würdig
fort; das
Werk Gertrud von Le Fort kommt auch durchaus dem entgegen, was die
Stiftung zu
fördern und zu ehren sucht. Auf den ersten Blick zwar mag das Wesen des
protestantischen Liberalen Gottfried Keller und der katholischen
Konvertitin
unvereinbar scheinen. Man würde dem Sinn der Stiftung aber nicht
gerecht,
wollte man sie an so enge, und gar konfessionelle Grenzen binden! Es
ist der
lebendige Geist der Tradition, um den es hier geht, und der beim
Zürcher wie
bei der Westfalin eines Wesens ist. Werk und Wirkung beider gehören in
einem
höheren Sinn zusammen, und verkörpern in einer immer seelenloseren Welt
dieselbe Ehrfurcht vor der Grösse des Lebens und seinen ewigen
Ordnungen. Wir
freuen uns, an dieser Stelle auf den tiefschürfenden Essay Prof. Faesis
hinweisen zu können, den dieser bei Anlass der Preisverleihung über das
Werk
der Dichterin verfasst hat. (Abendausgabe der NZZ vom 14.11.1952.) Im
NaFr.olgenden sei das Schreiben des Unterzeichneten an Gertrud von Le
Fort
mitgeteilt, sowie deren Antwort an die Stiftung:
Verehrte
Frau von Le Fort, es ist mir
eine Ehre und eine Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass das
Kuratorium der
Martin Bodmer-Stiftung in seiner letzten Sitzung einstimmig beschlossen
hat,
Ihnen den Gottfried Keller-Preis für das Jahr 1952 zu verleihen. Es ist
das
zwölfte Mal, dass der 1921 begründete Preis zur Verleihung gelangt, und
das
erste Mal, dass eine Frau damit ausgezeichnet wird. Diese Wahl stand
unter
einem guten Stern, und wird zweifellos im In- und Ausland begriffen und
begrüsst werden. Aber die Betreuer der Stiftung dürfen sich auch
glücklich
schätzen, den Augenblick nicht versäumt zu haben, da ein Werk von
Ewigkeitsgehalt in seiner Grösse und Reife vorlag. Aus mancherlei
Gründen hat
die Stiftung die Preisträger der letzten zwanzig Jahre im
schweizerischen Raum
gesucht. Der letzte Deutsche, dem wir über die Grenze hin die Hand
reichten,
war Hans Carossa. Seither gehörten freilich auch Weltbürger wie Hermann
Hesse
und Rudolf Kassner dazu, aber sie lebten diesseits – und dass solches
überhaupt
ins Gewicht fallen konnte, ist nur eines der vielen Zeichen für die
Zerrissenheit unserer armen Welt. Umso glücklicher sind wir, dass der
wiederum
befreite Blick im grossen Nachbarland einer Lebensschöpfung begegnet,
bei der
nicht gezögert werden muss, zu der getrost „ja“ gesagt werden kann. Ihr
Werk,
verehrte Frau von Le Fort, ist deutsch, und doch auch im tiefsten Sinne
abendländisch. Sie haben darin beispielhafte und ergreifende Schicksale
gestaltet, haben unvergessliche historische Bilder geschaffen. Umso
mehr als
das. Dieses Werk ist Wesensdeutung aus dem machtvollen Grund des
Glaubens
heraus. Das ist heute selten geworden, aber gerade heute tut es Not.
Wir sind
Ihnen daher doppelt dankbar für eine Leistung, die in Zeiten massloser
seelischer Verarmung vom Reichtum unvergänglicher Werte lebt. Wenn wir
diese
Gefühle in die Form des Gottfried Keller-Preises kleiden, so wissen wir
uns
darin einig mit der grossen Gemeinde Ihrer Leser und Verehrer. Mögen
Sie darin
aber auch den Dank der Schweiz sehen, mit der Sie ja bereits Bande der
Freundschaft verknüpfen, und die stolz ist, Sie zumindest ein
kleinwenig zu den
ihren zählen zu dürfen. Wir sprechen den Wunsch aus, dass Ihr Wirken
weiterhin
segensvoll und Ihnen noch eine Zeit fruchtbaren Schaffens bescheiden
sei. Im
Namen des Kuratorium versichere ich Sie, verehrte Frau von Le Fort,
meiner
ausgezeichneten Hochachtung, Martin Bodmer.
(Bodmer
an Le Fort,
12. November 1952)
Sehr
verehrter Herr Bodmer! Mit
grösster Überraschung empfing ich Ihren schönen Brief, der eine so hohe
Ehre
und Freude für mich brachte. Sie legen mit diesem Dichterpreis Ihrer
hochherzigen Stiftung, die ihren Namen von dem grossen,
verehrungswürdigen
Meister Gottfried Keller empfing, ein Geschenk von solcher Bedeutung in
meine
Hand, dass ich kaum weiss, wie ich Ihnen danken soll, sagt es mir doch,
dass
meine Dichtung einen Widerhall fand, wie ich ihn nie zu hoffen gewagt,
und wie
ich ihn mir schöner und wärmer nicht denken kann. Ich empfinge es aber
nicht
nur für mich, sondern auch für meine Heimat beglückend, dass eine so
grosse
Auszeichnung einer Deutschen zufallen konnte, denn wir sind uns doch
hier immer
noch schmerzlich bewusst, welche Schatten durch unser Land auf alle
Länder
unseres Erdteils fielen. So hat es mich denn auch besonders freudig
bewegt,
dass Sie in meinen Dichtungen den Ausdruck abendländischen Geistes und
abendländischen Glaubens hervorheben, liegen mir beide doch im Blick
auf die
bedrohte Zukunft unseres Erdteils von Jahr zu Jahr tiefer am Herzen.
Ganz
besonders herzlich aber danke ich Ihnen noch für Ihr gütiges Gedenken
an meine
Verbundenheit mit dem Schweizer Land, der alten Heimat meiner Familie.
Ich
hatte schon oft Grund, Ihr gastliches Land zu lieben und ihm dankbar zu
sein.
Sie haben einen neuen Grund hinzugefügt. Ich bin glücklich, wenn Sie
mich – wie
Ihr Brief es tut – ein wenig zu den Ihren zählen. Ich hoffe und glaube,
dass
Ihre Auszeichnung meiner Dichtung innere Kraft und Freudigkeit schenken
wird,
auf dem bisherigen Weg fortzuschreiten so lange mir Gott hier noch Zeit
vergönnt. Mit der Bitte, auch dem Kuratorium Ihrer Stiftung den
Ausdruck meiner
grossen Freude übermitteln zu wollen, bleibe ich in tiefer Dankbarkeit
Ihre
ergebene Gertrud von Lefort.
(Le Fort an
Bodmer,
16. November 1952)
Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum zweiunddreissigsten Jahr (1953)
Der diesjährige Jahresbericht
lässt sich in die
lakonische Meldung zusammenfassen, dass nichts zu melden ist. Das mag
auf den
ersten Blick befremdlich erscheinen, aber es hat seinen stichhaltigen
Grund.
Wir erinnern an den Beschluss des Kuratoriums bei Anlass der
letztjährigen
Beratung, dass der Verleihung des Preises ins Ausland, an Gertrud von
Le Fort,
die möglichst baldige Ehrung eines Schweizers folgen sollte. Das ist
aber nur
durchzuführen, wenn man bis zur Wiederäufnung des Fonds darauf
verzichtet,
Ehrengaben zu verleihen und überhaupt etwas auszugeben. Denn vergessen
wir
nicht, dass die Stiftung, wie alle „Rentner“, oder, um mit Gottfried
Keller zu
reden, alle blossen „Zinsleinpicker“ unter den heutigen
Geldverhältnissen ärmer
geworden ist, als sie es zu ihrer Gründungszeit, und überhaupt während
der
guten Zwischenkriegstage war! Als Positivum darf dagegen auch
festgestellt
werden, dass sie in ihren Dispositionen freier und beweglicher ist, als
dies
bei Einrichtungen ähnlicher Art im Allgemeinen der Fall ist. Ein
gabenloses
Jahr – von denen die Geschichte der Stiftung übrigens schon drei zu
verzeichnen
hat – verstösst bei uns gegen keine Statuten und ist diesmal umso mehr
zu
rechtfertigen, als der Grund ja nicht in Unentschlossenheit oder allzu
vorsichtiges Abwarten ist, sondern der, die nächste Preisverleihung
baldmöglichst vornehmen zu können. Dies dürfte im Frühjahr 1954 der
Fall sein,
in welchem Zeitpunkt wir uns an die verehrten Kuratoren wenden werden.
Es zeigt
sich übrigens, dass unser mehrfach geäusserter Vorschlag, das
Preis-Intervall
auf drei Jahre zu erhöhen – gegenüber dem bisher üblichen zweijährigen
Zyklus –
keineswegs die beste Lösung darstellt. Sofern man an Ehrengaben
festhält, wird
er sich zwangsläufig durchsetzen. Verzichtet man aber darauf, so kann
die
Zwischenzeit sehr verkürzt werden. Und gerade dass es diesmal wünschbar
schien,
legt nahe, sich nicht durch ein allzu rigoroses System zu binden,
sondern im
Gegenteil den Bedürfnissen entsprechend möglichst elastisch zu bleiben.
Das
Kuratorium soll die verfügbaren Mittel auch zeitlich nach freiem
Ermessen
verwenden können. Nur so kann einigermassen wettgemacht werden, was die
Stiftung allmählich an Wirtschaftspotential verloren hat. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht zum dreiunddreissigsten
Jahr (1954)
Es war ein Preisjahr, und jedes
Preisjahr ist eine Freude
für die Stiftung. Bisweilen bringt es auch die Spannung einer
Überraschung,
einer unerwarteten Wendung, eines Fundes mit sich. Für diesmal war die
Genugtuung über den glücklichen Entscheid von nichts Ähnlichem
begleitet. Das
Kuratorium hatte sich ja schon bei Anlass des vorletzten Preises für
den
folgenden entschieden, und sich über die Wahl des in Basel wirkenden
Historikers
Prof. Werner Kaegi geeinigt. Eine kleine Aufregung entstand quasi in
letzter
Minute durch die Wachsamkeit eines Kurators, dem gewisse Gerüchte zu
Ohren
gekommen waren. Konnte ein Preis, der den Namen Gottfried Kellers
trägt, unter
Verhältnissen verliehen werden, die beim Dichter des „Jesuitenzug“
gewiss
Kopfschütteln erregt hätten? Aber man wollte nicht auf Gerüchte
abstellen und
blieb bei der Meinung, das vorliegende Werk Kaegis sei – wie Prof.
Wehrli sich
ausdrückte - „nach wie vor prädestiniert für den Preis“. So löste sich
alles
zum besten! Wir lassen überlieferungsgemäss hier den Wortlaut unseres
Schreibens an den Preisträger folgen sowie dessen Antwort.
Lieber
Herr Professor Kaegi, es ist
mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der
Martin
Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis beschlossen hat, Ihnen
den
Gottfried Keller-Preis für das Jahr 1954 zu verleihen, in Anerkennung
Ihrer
Verdienste um die Geschichtsforschung, und in Bewunderung darüber, dass
Sie als
Gelehrter auch ein Schriftsteller von ungewöhnlichem Range sind. Wenn
es ein
Privileg der Stiftung ist, von Zeit zu Zeit über das in ihrem
Schutzpatron
verkörperte literarische Gebiet hinauszugreifen, und die Sphäre der
Forschung
in ihre Wirksamkeit mit einbeziehen zu können, so fällt uns immer
wieder auf,
wie dünn gesät die Werke sind, die dafür in Frage kommen. Jene nämlich,
die mit
bedeutendem Gehalt auch eine sprachschöpferische Leistung verbinden.
Dass Sie,
sehr verehrter Herr Professor Kaegi, zur kleinen Schar gehören, der
solches
gelang, ist kein Geheimnis mehr. Wir entdecken Sie nicht, wir freuen
uns nur,
einer bewährten Leistung unsere Verehrung bezeugen zu dürfen. Vor mehr
als
einem Vierteljahrhundert schon habe ich Sie als Übersetzer Huizingas,
etwas
später als Herausgeber der Studien Ernst Walsers, dann natürlich Jacob
Burckhardts kennengelernt, und der Wunsch lag nahe, den umsichtigen
Betreuer
verwandter Geister nun auch als zu kennen. Ich las zuerst „Michelet und
Deutschland“, und aus der Lektüre ist dann, wenn auch für kurze Zeit
nur, eine
aktive Zusammenarbeit geworden. Zwei Ihrer wichtigen Schriften
„Voltaire und
der Zerfall des christlichen Weltbildes“, und „Vom Glauben
Machiavellis“ sind
in der Corona veröffentlicht worden, nachdem schon Ihre Übertragung von
Huizingas „Naturbild und Geschichtsbild im 18. Jahrhundert“ dort
erschienen
war. Und dann kam der erste Teil der „Historischen Meditationen“!
Nichtmehr bei
mir, wenn ich auch stolz wäre, dieses Werk in der Schriftenreihe der
Corona zu
besitzen. Seine edle Sachlichkeit und besinnliche Schönheit lösten eine
umso
tiefere Wirkung aus, als es in wahrhaft schicksalhafter Zeit erschien.
Ein Teil
dieser Wirkung lag freilich auch in der Kühnheit, mitten in der
Bedrohung des
zweiten Weltkrieges Dinge auszusprechen, die dem mächtigen Nachbarn im
Norden
ärgerlich sein mussten, wenn er sie verstand. Ich musste lächeln, als
mir
kürzlich die Besprechung der Historischen Meditationen von Fritz Ernst
aus dem
Jahr 1942 in die Hände fiel. Ich hatte gewohnterweise unterstrichen,
was mir
treffend schien. Es war aber bei mehrfachem Lesen so ziemlich alles
unterstrichen worden, vom „wahren Historiker“ bis zum „Humanissimus“
der Sie in
Wahrheit sind. Ein Menschenalter voller Tätigkeit – nicht zuletzt auch
als
Lehrer und Lenker der akademischen Jugend – liegt hinter Ihnen, und
doch ist es
erst die Mitte, ist es die prächtige Höhe des Lebens, vor der ein
weites Land
liegt. Ihr Hauptwerk, die Biographie Jacob Burckhardts, harrt des
Abschlusses,
und manches wird ihr noch folgen. Aber es ist hier nicht der Ort, auf
das
erreichte Vergangene und das erhoffte Künftige näher einzugehen.
Berufenere
werden es tun. Doch dies darf ich Ihnen sagen, dass Viele in Ihnen
einen der
besten Vertreter unserer Heimat und ihres Geistes sehen. Ich bin mir
wohl
bewusst, dass der Preis, der Ihnen heute verliehen wird, nicht
aufwiegt, was
wir Ihnen schulden. Betrachten Sie ihn aber als das, was er vor allem
sein
möchte: als ein Zeichen des Dankes für ein Werk und der Verbundenheit
mit ihm.
Ihr Martin Bodmer.
(Bodmer
an Kaegi, 16.
Mai 1954)
Die Antwort Prof. Kaegis lautet
folgendermassen:
Sehr
verehrter, lieber Herr Dr.
Bodmer, für die Ehrung durch den Gottfried Keller-Preis Ihrer Stiftung,
die Sie
meinen Arbeiten der vergangenen Jahre haben angedeihen lassen, möchte
ich Ihnen
meinen herzlichen Dank zum Ausdruck bringen. Sie haben mir damit eine
freundliche Hand geboten in einem Augenblick, da mich ein leises Grauen
anwandeln wollte vor dem letzten Aufstieg zur Vollendung des dritten
Bandes
meiner Burckhardt-Biographie. In diesen Momenten der Ermüdung sind so
gütige
Worte wie diejenigen Ihres Briefes eine reine Erquickung. Man kann sich
wohl
immer wieder in Erinnerung rufen, dass die Steinhauer an den Türmen der
Kathedralen auch nicht gefragt haben, ob jemand ihre Arbeiten sehen und
würdigen könne; aber zuweilen ist doch ein so ermunterndes Zeichen wie
dasjenige, das ich Ihnen und dem Kuratorium Ihrer Stiftung verdanke,
wie ein
kühles Glas Wasser nach langer Wanderung im Sonnenbrand. Mit etwas mehr
Ruhe und
Freude als es sonst geschehen wäre, hoffe ich nun in zehn Tagen eine
Ferienreise durch Frankreich anzutreten und in den kommenden Jahren
dank dem
immer noch schätzenswerten materiellen Empfang Ihres Preises ein paar
Studien-
und Erholungsreisen in die Arbeit einschalten zu können, zu denen mir
sonst die
Mittel gefehlt hätten. Insbesondere aber danken möchte ich, dass Sie
mir das
Gefühl gestärkt haben, es gebe noch Kräfte in unserer Öffentlichkeit,
die der
Zerstörung des geistigen Lebens durch Motorenlärm und technische
Betriebsamkeit
Widerstand leisten und den bescheidenen Raum, den das Leben von
Wissenschaft
und Kunst zum atmen nötig hat, nicht ganz verkümmern lassen wollen,
auch wenn
keine unmittelbaren Vorteile für Nachwuchsförderung und
Arbeitsbeschaffung zu
erwarten sind. Darf ich Sie bitten, auch den Herren des Kuratoriums den
Ausdruck meines tief bewegten Dankes übermitteln zu wollen. Mit
freundlichen
Grüssen bleibe ich Ihr herzlich ergebener
Werner
Kaegi. Basel, den 16. Juli 54.
Was Ehrengaben betrifft, so
stehen im Allgemeinen in
einem Preisjahr keine Mittel dafür zur Verfügung. Wir sind aber in
einem
dringlichen Fall ausnahmsweise von der Regel abgewichen und haben dem
achtzigjährigen Schriftsteller Prof. Hermann Uhde-Bernays einen Betrag
von Fr.
1'000.-- überwiesen, um damit das rechtzeitige Erscheinen und
Erscheinen
überhaupt seiner verdienstvollen Arbeit über Rudolf Borchardt zu
ermöglichen.
Wir benützten gerne diese Gelegenheit, damit auch das Andenken an den
höchst
ungewöhnlichen Dichter und Forscher Borchardt zu ehren, der leider in
den
Annalen der Stiftung fehlt, obwohl dafür der Zeitraum eines viertel
Jahrhunderts zur Verfügung gestanden wäre. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum vierunddreissigsten Jahr (1955)
Das Berichtsjahr zeichnete sich
übungsgemäss durch Ruhe
aus. Wir sagen übungsgemäss, denn nach einem Preisjahr musste die
Stiftung ihre
Tätigkeit stets beschränken, doch war es immerhin üblich, einige Gaben
oder
Ehrengaben zu verteilen. Durch den ständigen Rückgang der Zinsen sehen
wir uns
leider veranlasst, auch damit zurückzuhalten, soll der Hauptzweck noch
erreicht
werden: die Verleihung eines Gottfried Keller-Preises. Bei
gleichbleibendem
Kapital ist dessen Ertrag von ca. Fr. 4'500.-- bei Gründung der
Stiftung auf
rund Fr. 3'000.-- zurückgegangen, so dass wir nur mit Mühe noch alle
zwei Jahre
den üblichen Preis von Fr. 6'000.-- zusammenbringen und dabei auf
Sonderausgaben verzichten müssen. Es zeigt sich dabei, wie gänzlich
überholt
die Bestimmungen über die sog. Mündelsicherheit der Anlagen einer
Stiftung
sind, die nur Staatsobligationen vorsehen. Hätten wir seinerzeit
Versicherungsaktien anlegen können, wie es dem Schreibenden
vorschwebte, so
besässe die Stiftung das Dreifache an Vermögen. Zudem aber kommt noch,
dass die
bisherige Preissumme bei weitem nicht mehr den ursprünglichen Geldwert
besitzt
und heute von einer Reihe andern literarischen Preisen, vor allem dem
der
Schillerstiftung, übertroffen wird. Die Frage stellt sich deshalb – da
eine
Herabsetzung des Preises ausgeschlossen ist – ob nicht ein dreijähriges
Intervall angezeigt wäre, das den Vorteil hätte, den Preis auf Fr.
8'000.-- zu
erhöhen. Dazu noch wäre es möglich in der Zwischenzeit kleinere
Ehrengaben zu
verteilen, was beim jetzigen System immer schwieriger wird. Diese
Fragen wurden
bei Anlass der Kuratoriumssitzung vom 28. 10. 1955 erörtert, ohne dass
man sie
indessen abgeklärt hätte. In der gleichen Sitzung wurde vorgeschlagen,
auf die
Einrichtung eines Konsultoriums künftig zu verzichten, und Herrn Prof.
Carl
Burckhardt zu bitten, dem Kuratorium beizutreten. Da er heute über mehr
Zeit
verfügt, hat er sich liebenswürdiger Weise dazu bereit erklärt, und wir
danken
ihm für sein Entgegenkommen aufs verbindlichste. Ferner wurde
beschlossen,
Herrn Dr. Werner Weber, Feuilletonredaktor der NZZ anzufragen, ob er
bereit
wäre, sich dem Kuratorium zur Verfügung zu stellen. Er hat die Wahl
angenommen
und wir möchten auch ihm herzlich dafür danken. Nun bleibt noch die
schmerzliche Pflicht, des Verlustes zu gedenken, den die Stiftung durch
den
Hinschied ihres Mitbegründers und treuen Mentors Eduard Korrodi
erlitten hat.
Wir wollen uns nicht unterfangen, hier ein Bild von Dem zu entwerfen,
den
Robert Faesi in seiner „Erinnerung an Eduard Korrodi“ in so
meisterhafter Weise
zeichnet. Es sei lediglich gesagt, dass er der Stiftung von ihrem
ersten Tag an
ein unermüdlicher Lynkeus so besonderer Art war, dass er ihr Profil
weitgehend
geprägt hat. Im vollen und schönsten Sinne des Wortes dürfen wir sagen:
„Denn
er war unser“. Es sei gestattet, das Andenken Korrodis an die Stiftung
durch
zwei Briefe festzuhalten: den Kondolenzbrief des Unterzeichneten, und
die
Antwort darauf.
Gestatten
Sie mir, Ihnen den Ausdruck
meines aufrichtigen und herzlichen Beileides zum Hinschied von Eduard
Korrodi
zu übermitteln. Ich habe ihn lange – zu lange nicht mehr gesehen, aber
wie sehr
wird er mir fehlen! Das Wissen, dass er nicht mehr da ist, ist etwas
anderes
als die Scheu, den Scheuen in den seltenen Augenblicken aufzusuchen, da
mein
Weg mich nach Zürich führte. Wir haben uns eigentlich nie, auch früher
nicht
sehr häufig gesehen, und doch haben mir die 35 Jahre unserer
Freundschaft viel
bedeutet. Einen grossen Teil dessen, was mir zu schreiben gelang,
verdanke ich
ihm. Wie zart und reizend wob er in seine Briefe, was er an wichtigem
zu sagen
hatte! Und er war darum so unglaublich belebend, weil auch sein
Wohlwollen
witzig war und nie pathetisch. Er nahm es nicht leicht, aber er machte
es einem
leicht, wenn er ermunterte. Auch die Martin Bodmer-Stiftung geht ja auf
seine
Initiative zurück, und er wäre nicht er, hätte er es dabei bewenden
lassen!
Während der vierunddreissig Jahre ihres Bestehens kam die meiste
Anregung von
ihm, und wir alle, die den Gottfried Keller-Preis betreuen, werden sie
ihm
nicht vergessen. Er lässt eine grosse Lücke weit über alles Einzelne
hinaus,
und alle die ihn kannten, ermessen im Schmerz der Verlustes noch
einmal, was er
ihnen war. Sein Andenken aber wird denen, die ihm begegneten, und eine
Strecke
Weges mit ihm gehen durften, lebendig und teuer bleiben.
(Bodmer an
den Bruder
Hermann Korrodi, 6. September 1955. Eduard Korrodi verstarb am 4.
September)
Ihr
teilnehmender Brief vom 6.
September hat mich und meine Angehörigen tief berührt. Es spiegelt sich
in ihm
das Wesen meines lieben Bruders, und Sie haben treffende und zarte
Worte
gefunden für die Art Ihres Umgangs mit ihm und die reizvolle
Leichtigkeit, die
bei aller Scheu und Verletzbarkeit ihm eigen war. Diese
freundschaftliche
Würdigung und das Wissen, dass Ihnen sein Andenken, gemeinsam mit uns,
lebendig
und teuer bleiben wird, sind für uns sehr wohltuend. Die Martin
Bodmer-Stiftung, die meinem Bruder Jahrzehnte hindurch am Herzen lag,
hat an
seinem Grab einen Kranz von leuchtenden, herrlichen Blumen
niedergelegt, für
den ich Ihnen den bewegten Dank der Trauerfamilie ausspreche. Ihre
Anteilnahme
an unserem Verluste dankbar emfpindend, grüsse ich Sie als Ihr
ergebener H.
Korrodi.
Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum fünfunddreissigsten Jahr (1956)
Es wäre – streng genommen –
über das verflossene
Geschäftsjahr nichts zu melden, wenn man es nach seiner kalendarischen
Dauer
vom 1. August 1955 bis 31. Juli 1956 nimmt. Wie sollte dies auch bei
dem
heutigen Zinsschwund möglich sein, nachdem Ende 1954 ein Preis vergeben
worden
war! Aber wir haben diese Berichte ja stets auf das Kalenderjahr
ausgedehnt,
und wie könnte im diesjährigen die Nachricht der soeben erfolgten
Verleihung
des Gottfried Keller-Preises an Max Rychner verschwiegen werden! Man
hatte sich
ja schon vor längerer Zeit einstimmig auf diesen Kandidaten geeinigt,
und er
ist bei einer neuerlichen Umfrage ebenso eindeutig bestätigt worden. Es
war
ohne Zweifel das Gebot der Stunde. So wurde denn, als der Kassenbestand
es
wieder erlaubte, die Preisverleihung vorgenommen. Dabei ist erstmals
die Summe
auf Fr. 8'000.-- erhöht worden, was indes mit der Geldentwertung kaum
Schritt
hält, sind doch 8'000 heutige Franken ungleich weniger als 6'000 zur
Zeit der
Gründung waren. Die künftige Angleichung der Stiftung an die
veränderten
Zeitumstände ist eine der Kardinalfragen, vor die sich das Kuratorium
gestellt
sieht. Einstweilen ist sie nicht anders zu lösen als durch Verzicht auf
Ehrengaben und Erweiterung des Preisintervalls von zwei auf drei Jahre.
Alter
Übung gemäss lassen wir den Briefwechsel des Präsidenten mit dem
Preisträger
hier folgen und freuen uns, die durchwegs positive Aufnahme feststellen
zu
können, die der Beschluss des Kuratoriums gefunden hat. Die Briefe
lauten:
Lieber
Max Rychner: Es ist mir eine
Ehre, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin
Bodmer-Stiftung
für einen Gottfried Keller-Preis einstimmig beschlossen hat, Ihnen den
diesjährigen Gottfried Keller-Preis in der Höhe von 8'000 Franken zu
überreichen. Mit dieser Auszeichnung möchten wir vor allem Ihre
Verdienste als
wegweisender Kritiker der zeitgenössischen Literatur ehren. Sie gilt
aber auch
Ihren Leistungen als Herausgeber und Deuter weltliterarischer Texte,
sie gilt
dem Übersetzer und nicht zuletzt dem Dichter und Meister einer
formschönen
Sprache. Sie treten als jüngster Preisträger in einen nicht unwürdigen
Kreis.
Leider weilt von den zwölf bisherigen Preisträgern nur die Hälfte noch
unter
den Lebenden, die sich über den Zuwachs freuen werden. Doch auch die
ins Höhere
Eingegangenen mögen sich, wie Goethe sagt, „von ihren Sitzen lüpfen“,
da M.R.
sich ihnen im Geiste zugesellt! Sie verwalten, lieber Max Rychner, seit
über
dreissig Jahren ein hohes Amt. Das vielleicht Bemerkenswerteste daran
scheint
mir, dass es Ihnen gelungen ist, seine Ausübung auf unentwegt gleicher
Höhe zu
erhalten. Nun kommt hinzu, dass der Beruf des Kritiker keiner der
dankbarsten
ist, setzt man dabei doch eher andere ins Licht des Ruhmes, als dass
man selber
hineingerät. Es liegt gewiss mehr Entsagung darin, als viele, die davon
Nutzen
ziehen, ahnen können. Und doch ist die Sendung des Kritikers so
notwenig wie
heilsam, denn wo käme man hin, wenn es überall nur sprosste und blühte
und kein
kundiger Gärtner die Fülle behutsam zu ordnen und zu lenken verstünde.
Aber so
unentbehrlich diese Sendung ist, so dünn gesät sind jene, die ihr im
höchsten
Sinne gerecht werden! Ich glaube fast, es sei heute leichter, einen
guten Roman
zu schreiben, als gut über ihn zu schreiben oder gar ein Gesamtbild
seines
Wesens und seines Wertes zu entwerfen, wie Sie es in Ihrem jüngsten
Essay über
den deutschen Roman gezeichnet haben. Kritik in diesem Sinne ist selten
und –
was uns beängstigen muss – wird immer seltener. Es scheint mir recht
einsam um
Sie herum zu werden, und doch stehen Sie ja auf der Höhe Ihres
Schaffens! Je
mehr die Reporter und die Leute des Tages überhand nehmen und daneben
die
Fachgelehrten und sogenannten Experten – die gewiss alle ihre
Verdienste haben
–, desto rascher sterben die Kritiker alten Schlages aus, wie Sie ihn
noch
darstellen. Seine Bedeutung liegt ja nicht darin, dass er die geistige
Produktion laufend unter die Lupe nimmt, um sie zu analysieren oder sie
der
Menge mundgerecht zu machen, sondern dass er ein Meister der Wahl und
ein Meister
des Wortes sei. Und das, lieber Max Rychner, sind Sie auf fast
unübertroffene
Weise für den heutigen europäischen Schriftraum. Nicht weniges von
Ihrer
kürzlichen Würdigung Carossas trifft auf Sie selber zu: Sie arbeiten
mit der
Behutsamkeit des barmherzigen Samariters und der Achtsamkeit des
Klassizisten.
Es geht, in dieser zerrissenen Zeit, etwas Edles und Heilendes von
Ihrem Wirken
aus, das sich nicht nur darin äussert, was Ihnen wert erscheint,
sondern auch
darin, wie Sie es zu werten wissen. Sie haben Ihr Leben lang mit dem,
was Sie
über Literatur schrieben, was Sie übersetzten, was Sie dichteten, was
Sie
edierten und kommentierten, kurz, mit Ihrem Gesamtoeuvre so viel des
geistig
Guten gestiftet, dass es für uns eine Freude ist, dies durch die
Verleihung des
Gottfried Keller-Preises bezeugen zu dürfen. Ihr Martin Bodmer.
(Bodmer
an Rychner,
30. November 1956)
Die Antwort Rychners ist die
folgende:
Lieber
Martin Bodmer, der Gottfried
Keller-Preis, dessen jugendlicher Stifter Sie waren, hat das Schöne an
sich,
dass Sie, der Vorsitzende des Kuratoriums, zu einer Laudatio des
Empfängers
ausholen, welche die Zuerkennung auf einzigartig persönliche Weise
begründet
und weiten Kreisen überzeugend nahe bringt. So auch in meinem Falle. Es
stimmt
mich froh und dankbar, dass das gesamte Kuratorium mit meiner Wahl
einverstanden war, höher aber noch stimmt mich Ihr Brief, seine
Grossherzigkeit, der tiefe Grundton menschlich-naher Äusserung, seine
Würdigung
meines Bemühens, die über alle Mängel – mir so sehr bewusst! –
hinwegsieht und
nur beim Gelungenen verweilt. Empfangen Sie all meinen wahrer
Bewegtheit
entstammenden Dank für Brief und Preis! Ich entsinne mich so gut der
frühen
Jahre, als Sie jung und suchend in denselben Hörsälen der Universität
wie ich
nach einem Platz spähten, ein zarter Mensch, zu dem es mich hinzog, was
mir die
törichte Hemmung: „Er wird es missverstehen – Er wird glauben, ich
erhoffe
etwas von ihm“, stets wieder durchquerte. Als Jüngling hat man ein
übermässig
reizbares und etwas verschrobenes Ehrgefühl, das es nicht erträgt, auch
nur
einen Augenblick nicht voll begriffen zu werden, und das es dann
versäumt, an
Begreifen das zu leisten, was ihm obläge. Es kamen die Jahre, wo ich
mehrfach
im „Freudenberg“ Ihr Gast war, d.h. zunächst Gast Ihrer
unvergesslichen,
unvergessenen Mutter, die einem das Haus gleich so wohlig zu machen
verstand.
Sie haben damals Ihre Sporen verdient und die unbequeme Lehre auf sich
genommen, grosse Männer zu empfangen; doch jetzt bin ich Ihnen dankbar
dafür,
dass Sie unserer Stadt einen Mittelpunkt gaben, den sie seit Ihrem
Weggang
vermissen muss. Leicht war das aus unseren Gegebenheiten nicht, und Sie
haben
es sich nicht leicht gemacht; es war eine ganz eigene Leistung, die
Willen,
Entscheidung, Zielgewissheit voraussetzte, neben vielen menschlichen
Eigenschaften, die den Aufenthalt in Ihrem Haus und um Sie, wie ich von
mehreren Seiten erfuhr, so ausgesprochen angenehm machten. (Valéry war
entzückt
darüber, im Schlafzimmer Aschenbecher vorzufinden; schon das nahm er
zum
Anlass, Sie zu rühmen...). Sie haben dann Ihren Gottfried Keller-Preis
gestiftet und damit gewissen Verdiensten einen Orden sui generis
zugedacht, Sie
haben in den feindseligen Jahren des Kulturabbaus Ihre „Corona“
erscheinen
lassen, worin das Schöne in der Sprache noch einmal seinen oberen Rang
bekunden
durfte, Sie haben in aller Stille an dem Dombau Ihrer herrlichen
Bibliothek
gewirkt. Dazu kommen die den Tätigen so sehr beanspruchende Arbeit im
Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, Ihr Samariterdienst an dem auf
gegenseitiges Wundenschlagen so unheilvoll erpichten Menschengeschlecht
– und
bei alledem haben Sie Ihre Verbundenheit mit dem ungeheuren Wesen
Weltliteratur
überdacht und haben in Ihrem neuen Buch von ihr als ein Bruder des
goetheschen
Humanus ein Zeugnis abgelegt, von dem jede Seite Ihre eigenste Stimme
hat. Sie
haben es verstanden, aus den Hauptmotiven Ihres Daseins „Folge zu
bilden“ (noch
einmal, und immer wieder Goethe!), und am Segen solchen Unternehmens
liessen
Sie beständig andere teilhaben. Dass Sie meiner Bemühung Ihre
Aufmerksamkeit
zugewandt haben, ehrt mich, zudem ist es mir eine lebendige Freude, die
wie
eine Flamme hochzuckt. Dafür danken zu dürfen, ist nochmals ein
Geschenk, das
meinen Händen anvertraut wird. In herzlicher Verbundenheit der Ihre Max
Rychner.
(Rychner an
Bodmer,
5. Dezember 1956)
Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum sechsunddreissigsten Jahr (1957)
Wir stellten bereits in unserem
letzten Jahresbericht
fest, dass sich die Stiftung, was ihre materielle Seite betrifft, den
Zeitumständen anpassen müsse. Es wäre zwar übertrieben – zumindest für
die
Schweiz übertrieben – von einer wirtschaftlichen Revolution zu reden,
in der
wir uns befinden, aber wir sind immerhin in Zustände hineingeglitten,
die noch
vor dem Zweiten Weltkrieg, geschweige denn zur Zeit der
Stiftungsgründung nicht
im entferntesten vorauszusehen waren. Der Schreibende hat schon
mehrfach
angedeutet, dass das Kuratorium sich in dieser Hinsicht vor
entscheidende
Fragen gestellt sieht. Wenn er trotzdem bisher darauf verzichtet hat,
die
verehrten Herren Kuratoren zu einer Aussprache darüber einzuberufen, so
ist der
Grund der, dass die Dinge einstweilen ihren fast zwangsläufigen Lauf
nehmen, an
dem wir so oder so nicht viel ändern können. Es war schon letztes Jahr
entschieden worden, dass eine Erhöhung der Preissumme auf Fr. 8'000.--
angesichts der fortschreitenden Geldentwertung wünschbar sei, ja
notwenig, um
mit anderen literarischen Preisen Schritt zu halten. Um aber diesen
Betrag zur
Verfügung zu haben, müssen wir einstweilen auf Ehrengaben verzichten,
und den
Abstand zweier Preisverleihungen auf drei Jahre erhöhen. Die einzige
Möglichkeit, die erlauben würde, von diesen Restriktionen Abstand zu
nehmen,
wäre eine wesentliche Erhöhung des Stiftungskapitals. Das ist aber eine
Massnahme, über die der Stifter mit sich selbst ins Reine kommen muss!
Auf
jedenfall ist die heutige Lage des Kapitalmarktes denkbar ungeeignet
dafür, und
muss einstweilen auf günstigere Zeiten verschoben werden. Es erscheint
darum
als eine Zumutung, die „Wächter des Preises“ zu einer Aussprache zu
bemühen,
deren Ergebnis weder von ihrem noch vom Willen des Schreibenden
abhängt. Er ist
übrigens der erste zu bedauern, dass dieser Bericht so ganz nur auf
materielle
Fragen gestellt ist, und möchte mit Cicero ausrufen: o tempora, o
mores! Er
hofft aber, sich im nächsten dafür umso entschiedener wieder den Dingen
zuwenden zu können, die Grund und Sinn der Stiftung bedeuten. Martin
Bodmer.
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Jahresbericht
zum
siebenunddreissigsten Jahr (1958)
Wieder ist ein Jahr vergangen,
ohne dass das Kuratorium
zu einer Aussprache zusammengetreten wäre. Bei der ohnedies grossen
Inanspruchnahme seiner Mitglieder haben diese es wohl nicht bedauert –
vielleicht nicht einmal bemerkt – aber ist damit auch dem Sinn der
Stiftung
gedient? Der Unterzeichnete weiss natürlich, wie gern die Kuratoren
bereit
sind, ihm mit Rat und Tat zum Wohl dieser kleinen Unternehmung
beizustehen.
Wenn er sie darum nicht bemüht hat, so hat dies seinen wohlüberlegten
Grund. Er
ist ihnen aber doch eine Erklärung schuldig, wozu er sich erlaubt, die
Lage
kurz zu rekapitulieren. Das Stiftungskapital, das laut der gesetzlichen
Bestimmung für Stiftungen nur mündelsicher, d.h. in Obligationen
angelegt
werden darf, beträgt heute wie vor 37 Jahren noch 110'000.-- Fr. Wie
überlebt
diese Bestimmung ist, wird jedem in die Augen springen der weiss, dass
selbst
ein konservativ angelegtes Aktienkapital sich in derselben Zeit
mindestens
verdreifacht hat. Dazu kommt noch, dass der Zinsertrag sogar
zurückgegangen
ist, und wir trotz Steuerfreiheit nur mit etwa 3'800 Fr.
Jahreseinkommen
rechnen können. Auf der anderen Seite aber war es angezeigt, die
Preissumme im
Hinblick auf die allgemeine Geldentwertung zu erhöhen, wie dies
erstmals bei
der Preisverleihung an Max Rychner der Fall gewesen ist. Natürlich
können wir
davon nichtmehr abgehen, hielten es im Gegenteil für wünschbar, die
Preissumme
noch etwas zu erhöhen. Denn ein Preis von Fr. 10'000.-- hat heute kaum
mehr
Gewicht, als einer von Fr. 6'000.-- vor dem Krieg. Was bedeutet das?
Dass wir
entweder das Kapital verdoppeln müssen, oder den Preisintervall
vergrössern.
Über das erstere liesse sich gelegentlich sprechen, vorerst aber möchte
der
Stifter es vorziehen, die zweite Lösung zu prüfen. Wäre sie ein
wirklicher
Nachteil? Würde sie den Zweck der Stiftung empfindlich treffen? Der
Unterzeichnete glaubt es nicht, lässt sich aber gerne eines besseren
belehren.
Dann müssen eben neue Mittel und Wege gefunden werden – vor allem
Mittel! Es
scheint uns aber, der Gottfried Keller-Preis sei von Anfang an eine
konservative Institution gewesen, abhold allem Tageserfolg u. aller
Sensation.
Sie kann es sich darum auch leisten, seltener von sich reden zu machen,
ohne
dass damit die Bedeutung ihrer Entscheide herabgesetzt würde. Ein
Träger des
Gottfried Keller-Preises ist noch immer beachtet worden, und wird es
auch
künftig, wenn das Kuratorium weiterhin sich so glücklich bewährt. Wir
möchten
darum annehmen, dass es bei der steigenden Flut von Literaturpreisen
für
denjenigen, der den Namen Gottfried Kellers trägt, eher ein Vor- als
ein
Nachteil ist, wenn er etwas seltener zur Verteilung gelangt. Abgesehen
davon,
dass es bei dem doch eher spärlichen Vorkommen wirklich geeigneter
Kandidaten
leichter ist, nur jedes dritte Jahr einen geeigneten Preisträger zu
finden,
kann so auch die Preissumme ohne Schwierigkeiten auf einer würdigen
Höhe
gehalten, ja allenfalls noch etwas erhöht werden. Dies, verehrte Herren
Kuratoren, sind die Gründe, die den Unterzeichneten veranlasst haben,
auch das Jahr
1958 noch für die Äufnung des Fonds vorzusehen. Im kommenden Frühling,
etwa auf
Ostern, könnte dann der nächste Preis verliehen werden. Anregungen
dafür sind
freilich schon jetzt und jederzeit willkommen. Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum achtunddreissigsten Jahr (1959)
Diesmal ist es nun doch ein
Preisjahr! Aber uns dünkt,
die dreijährige Wartezeit habe ihr gutes. Nicht nur zur Äufnung des
Fonds,
sondern ganz einfach, weil es bei rascherem Tempo zu wenige
Gesamtoeuvres gibt,
die im Sinne der Stiftung zu krönen wären. Seit der ersten
Preisverleihung 1922
sind bis heute 15 Preise verteilt worden, was einen etwa
zweieinhalbjährigen
Durchschnitt bedeutet, und dieser Rhythmus hat sich bewährt. Bewährt
hat sich,
so scheint uns, auch die elastische Form, die das Kuratorium weder in
der Höhe
des Preises noch in seinem Zeitabstand bindet. Es steht ihm ja auch
frei,
Ehrengaben zu verleihen, sofern die Mittel dazu reichen, und wir
erinnern uns
daran, dass bis zum Jahr 1954 insgesamt 52 Ehrengaben im Gesamtbetrag
von Fr.
55'200.-- zur Verteilung gelangten. Seitdem die Preissumme erhöht
worden ist,
war dies leider nicht mehr möglich.
Die Kuratoren haben sich am 24.
Oktober 1959 in Zürich
versammelt, und die Situation eingehend erörtert. Namen wie Inglin,
Guggenheim,
Lauber, Fassbind, Frisch, Dürrenmatt wurden geprüft, aber aus
verschiedensten
Ursachen wieder zurückgestellt. Es blieben die drei Hauptkandidaten Max
Mell,
Emil Staiger und Maurice Zermatten. Für den Erstgenannten käme ein
Preis heute
etwas post festum, wogegen der verdiente Literaturhistoriker die Seite
der
Theoretiker unter den Preisträgern im Moment zusehr verstärken würde,
finden
sich doch unter den sieben letzten Preisgekrönten nur zwei Dichter,
Robert
Faesi und Gertrud von Le Fort. So war es wünschbar, diesmal einen
Schriftsteller zu ehren, und willkommen, einen solchen zu finden. Nach
anregender Diskussion fiel die einstimmige Wahl auf den Walliser
Maurice
Zermatten, der sich aus manchen Gründen als geeignetster Kandidat
erwies. Durch
diesen Beschluss sollte ein Lebenswerk ausgezeichnet werden, in welchem
Heimatgefühl sich mit einer Gestaltungskraft von hohem Rang zur
künstlerischen
Einheit verbindet. Nicht zuletzt aber war es auch willkommen, nach 32
jährigem
Unterbruch wieder einmal den französischen Sprachraum berücksichtigen
zu
können. Nach Erledigung dieses Hauptgeschäftes wurde auf Antrag des
Unterzeichneten noch beschlossen, als neues Mitglied Dr. Daniel Bodmer
ins
Kuratorium der Stiftung aufzunehmen. Statutengemäss muss stets ein
männlicher Nachkomme
vom Vater des Stifters dem Kuratorium angehören. Da dieser nun selber
erwachsene Nachkommen hat, und mit 60 Jahren die Schwelle des
kanonischen
Alters überschreitet, scheint es nicht unangebracht, dass sein ältester
Sohn
sich in die Stiftung einzuleben beginnt. Wir heissen ihn im Kuratorium
willkommen. Martin Bodmer.
Traditionsgemäss wird noch die
Mitteilung des Präsidenten
an den Preisträger, sowie dessen Antwort bekanntgegeben. Am 12.
November
1959 richtete der Erstere an Maurice Zermatten die folgenden Zeilen:
Cher
Monsieur
Zermatten, c’est avec une vive satisfaction que je puis vous
communiquer, de la
part des curateurs de la ‚Fondation Martin Bodmer pour un prix
Gottfried
Keller’, leur décision unanime de vous attribuer le Prix Gottfried
Keller de
Frs. 8'000.--. Permettez-moi de vous rappeler en deux mots ce que
représente ce
prix, décerné tous les deux ou trous ans seulement. La Fondation se
propose de
couronner des écrivains, suisses ou étrangers, pour l’ensemble d’une
œuvre qui
témoigne d’un esprit original et créateur, et qui, en même temps, émane
du
génie de notre pays. Quelle oeuvre contemporaine répondrait mieux à ces
exigences que la vôtre? D’ailleurs, depuis 32 ans, c’est la première
fois que
le prix Gottfried Keller revient à un Romand: C. F. Ramuz le reçut en
1927.
Aujourd’hui, nous nous félicitons non seulement d’avoir trouvé en vous
l’homme
et l’écrivain digne d’un tel successeur, mais encore de rencontrer en
votre
oeuvre la spiritualité de nos écrivains les meilleurs. Il vous a été
donné
d’évoquer d’une manière admirable, par vos écrits, cette terre qui est
la
vôtre, sa nature, son histoire et le coeur de ses habitants… Du “Coeur
inutile”
jusqu’à “La Fontaine d’Aréthuse”, quel défilé ininterrompu de romans
saisissants où se reflète l’âme du Valais! “La Colère de Dieu”, “Le
Sang des
Morts”, “L’Esprit des Tempêtes“, „Les Montagnes sans Étoiles“ – et je
n’en cite
qu’un bien petit nombre – évoquent par leur seul titre quelque chose de
la
force qui les secoue et les domine. Mais derrière la tempête s’élève le
chant,
la douceur d’une nature bénie, les “Nourritures Valaisannes”, les
“Saison
Valaisannes”, “L’Escalier dans le Mur”… Et enfin l’histoire, les
“Contes des
Hauts-Pays du Rhône”, et l’admirable pièce d’”Isabelle de Chevron”.
Mais l’histoire
des histoires, c’est sans doute “Sion à la lumière de ses étoiles”,
evocation
grandiose d’une terre que, grâce à vous, des milliers d’êtres
comprendrons
mieux et aimeront advantage. Le prix que nous vous décernons, nous en
sommes
concients, n’est qu’un modeste signe de reconnaissance que le pays vous
doit.
Veuillez également y voir le témoignage d’estime et d’admiration que
mes
collègues et moi portent à votre oeuvre, digne parmi toutes d’un prix
qui porte
le nom de Gottfried Keller. Croyez-moi votre bien dévoué Martin Bodmer.
Sion,
14. 11. 59.
Cher Monsieur Bodmer, j’étais encore en plein exercise de mon regiment
quand on
est venu m’annoncer la merveilleuse nouvelle. Imaginez ma joie, mais
aussi ma
surprise. J’ai d’abord cru que l’on me faisait une farce. Jamais secret
fut-il
si bien gardé? Quand la radio confirma ce qu’un de mes officiers avait
appris
par le téléscripteur d’une redaction, je pus croire tout à fait à ma
chance.
Cher Monsieur Bodmer, comment vous exprimer toute ma gratitude? Une
fois déjà –
ça devait être en 1940 – vous m’aviez accordé un prix. Votre générosité
est
inépuisable. La lettre que je trouve chez moi en rentrant me comble.
Plus que
la grande somme – que vous m’attribuez, je suis touché par votre
extrême
délicatesse à justifier votre choix, – que je trouve, moi, si peu
justifiable.
Ce que vous m’écrivez sur mes livres est une admirable récompense. Dans
l’année
où j’aborde mon demi-siècle, j’y vois un signe du destin. Ce premier
mot que je
vous mets dans la hâte de mon retour à la vie civile voudrait seulement
vous
dire, mais avec émotion, un merci qui me vient du fond du coeur. Le
grand
mécène que vous êtes vient de faire un heureux de plus. Maurice
Zermatten.
nach oben
Jahresbericht
zum neununddreissigsten Jahr (1960)
Es lag im Berichtsjahr keine
Veranlassung zu einer
Aussprache des Stiftungsrates vor, und so muss sich diese Übersicht
denn auf
technische Fragen beschränken. Wie stets nach einem Preisjahr herrscht
die
Brache, die der Erholung des Zinskontos zu dienen hat. Wir haben schon
öfter
darauf hingewiesen, dass dies kein Nachteil sei, ja dass selbst eine
dreijährige Pause zu verantworten wäre. Der Umstand, an keine festen
Termine
gebunden zu sein, erweist sich als Vorzug der Stiftung. Aus Erfahrung
können
wir feststellen, dass die sporadische Verleihung des Gottfried
Keller-Preises
seiner Wirkung keineswegs Abbruch tut, wenn er dabei nur seinen durch
bald 40
Jahre bewährten Rang beibehält. Aber freilich: ohne die materielle
Seite geht
es nicht. Die letzten zwei Preise betrugen Fr. 8'000.--, doch dürfen
wir uns
nicht darüber täuschen, dass dies noch immer einen gewaltigen
Rückschritt
darstellt gegenüber den Fr. 6'000.--, die schon 1922 als Preissumme
ausgesetzt
waren! Dazu kommt, dass seither auch die Anzahl der Preise sich
vervielfacht
hat, und manche höher sind als unsere. Wir sind deshalb der Meinung,
man sollte
den Gottfried Keller-Preis auf Fr. 10'000.-- erhöhen, um ihn seiner
ursprünglichen Bedeutung wenigstens einigermassen anzugleichen.
Einstweilen ist
dies bei einem dreijährigen Intervall und bei Verzicht auf Ehrengaben
möglich.
Um indessen etwas mehr Spielraum zu haben, schlug der Unterzeichnete
der
Schweizerischen Kreditanstalt vor, die ca. 3% rentierenden
mündelsicheren
Staatsobligationen wenigstens teilweise durch höher zinsende zu
ersetzen, was
für die erwünschte etwas grössere Bewegungsfreiheit gerade genügen
würde. Am
23. Januar 1960 hat uns die Kreditanstalt diesbezüglich Vorschläge
gemacht,
jedoch darauf hingewiesen, dass es empfehlenswert wäre, die Frage der
Wiederanlage
vorgängig der Kontrollstelle der Stiftung, d.h. dem Eidgenössischen
Departement
des Innern, vorzulegen. Denn es gibt höher verzinsliche
Industrie-Obligationen
von absoluter Sicherheit, die man aber nicht im engeren Sinne als
mündelsicher
bezeichnet. Eine derartige Beschränkung ist der Stiftung übrigens gar
nicht
auferlegt, denn §6 der Stiftungsurkunde bestimmt lediglich, dass das
Stiftungsgut den jeweiligen Zeitumständen entsprechend möglichst sicher
anzulegen sei. So haben wir denn mit Schreiben vom 6. Februar 1960 dem
Eidg.
Departement des Innern den Fall ausführlich dargelegt und um Zustimmung
zu
einer Transaktion im oben erwähnten Sinne gebeten. Als nach einem
Vierteljahr
keine Antwort eingetroffen war, wandten wir uns erneut mit einem
eingeschriebenen
Brief vom 2. Mai 1960 ans E.D.I. Auch dieser ist bis heute ohne Antwort
geblieben. Ja selbst die bei überlasteten Behörden sonst übliche
Empfangsanzeige blieb aus. Auf diese Erfahrung hin stellt sich die
Frage, ob
wir, nach Einreichen des vorliegenden Berichtes an die Kontrollstelle,
deren
Schweigen als Zustimmung betrachten und die bescheidene Umstellung
vornehmen
sollten? Eine Äusserung der verehrten Kuratoren hierzu wäre wertvoll.
Martin
Bodmer.
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Jahresbericht
zum vierzigsten Jahr (1961)
Der Berichterstatter kann sich
kurz fassen. Das
vierzigste Stiftungsjahr verlief ebenso ruhig wie sein Vorgänger, was
angesichts des schon mehrfach erörterten Status des Stiftung keiner
Begründung
mehr bedarf. Durch die Umdisposition der Anlagen, deren Rendite c. 3,1%
betrug,
konnte diese nun auf einen Durchschnitt von c. 4,1% gebracht werden.
Die
Einnahmen von c. Fr. 4'100.-- pro Jahr erhöhen sich auf c. Fr. 5'400.--
jährlich. Damit aber können wir nun zu Beginn jedes dritten Jahres über
eine
Preissumme von Fr. 10'000.-- verfügen, welche Anordnung dem Zweck der
Stiftung
einstweilen gerecht werden dürfte, ohne dass das Kapital erhöht werden
müsste.
Im kommenden Jahr ist nun wieder ein Preis fällig, und die Kuratoren
haben
darüber zu entscheiden, wer als der oder die Würdigste dafür in Frage
kommt.
Martin Bodmer.
nach oben
Jahresbericht
zum einundvierzigsten Jahr (1962)
Da im abgelaufenen Berichtsjahr
ein Gottfried
Keller-Preis zu verleihen war, hat sich er Unterzeichnete im November
1961 mit
einer Umfrage an die Mitglieder des Kuratoriums gewandt, und
gleichzeitig die
Namen einiger Persönlichkeiten – Männer und Frauen, Schweizer und
Ausländer –
zur Diskussion gestellt, die als Preisträger zumindest zu erwägen
waren. Es
sind, in alphabetischer Reihenfolge: Werner Bergengruen, Kurt
Guggenheim,
Meinrad Inglin, Ernst Jünger, Marie-Louise Kaschnitz, Max Mell, Edzard
Schaper,
Emil Staiger, W. von den Steinen, Silja Walter. Von sämtlichen
Kuratoren sind
Antworten eingetroffen, in denen die Vorschläge z.T. sehr ausführlich
erwogen
wurden. Als weitere Anwärter sind noch empfohlen worden: Ingeborg
Bachmann,
Paul Celan, Günther Eich, Rudolf Pannwitz, J.R. von Salis, Albert J.
Welti,
Carl Zuckmayer. Im ganzen wurden siebzehn Kandidaten geprüft, wobei
sich
bereits eine engere Auswahl abzeichnete. Dennoch stand bei diesem
schriftlichen
Gedankenaustausch noch kein Name derart im Vordergrund, dass auf eine
Zusammenkunft der Kuratoren hätte verzichtet werden können. Sie fand am
27.
Januar 1962 in Zürich statt. Es zeigte sich dabei wieder, wie anregend
und
eigentlich unerlässlich eine mündliche Aussprache ist, die ja zur
Tradition
gehört und vor einer Preisverleihung noch stets gepflegt wurde. Von den
drei
Autoren, um die es schliesslich ging: Mell, Schaper und Staiger, fiel
die Wahl
auf Emil Staiger. Die Preisurkunde, die ihm der Unterzeichnete am 31.
März 1962
übersandte, lautet folgendermassen:
Verehrter,
lieber Professor Staiger!
Es ist mir ein besonderes Vergnügen, Ihnen mitteilen zu können, dass
die Martin
Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis beschlossen hat, Ihnen
den
XVI. Gottfried Keller-Preis im Betrag von Fr. 10'000.-- zu überreichen.
Dieser
Preis ist, wie schon sein Name es ausdrückt, in erster Linie mit
Dichtung
verbunden, und es sind vor allem dichterische Lebenswerke, die bisher
geehrt
wurden. Wenn die Wahl der Kuratoren dennoch auf einen Gelehrten fiel,
so müssen
dafür triftige Gründe bestanden haben, und dies war denn hier auch der
Fall! Es
ist ein seltenes Glück, einem Manne zu begegnen, dem es gelang, grosse
Dichtung
in doppelter Weise zu deuten und zu erhellen: als Forscher und als
Übersetzer.
Seit einem Vierteljahrhundert haben Sie, verehrter Emil Staiger, der
Welt Werk
um Werk geschenkt, und jedes hatte seinen derart eigenen Ton, dass man
immer
wieder aufhorchte und mit Spannung erwartete, was weiter folgen werde.
Alle
diese Arbeiten, „Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters“, die
„Meisterwerke
deutscher Sprache“, die „Grundbegriffe der Poetik“, die „Schwäbische
Kunde“,
„Die Kunst der Interpretation“, „Musik und Dichtung“, endlich der
„Goethe“ – um
nur die wichtigsten zu nennen – kreisen gleicherweise um das Wesen der
Poesie,
ja mehr noch, sie sind erfüllt davon und vermögen uns auf neue Weise
den Geist
des Kunstwerks zu erschliessen. Diese Gabe der Interpretation ist daher
so
ungewöhnlich, weil hier im Gegensatz zum üblichen Verfahren der
Literaturwissenschaft nichts von aussen ins Werk getragen, vielmehr
alles aus
diesem selbst und aus dem bezeugten Willen seines Schöpfers entwickelt
wird.
Und diese werkgerechte Deutung findet ihre Krönung in der grossen
Goethe-Biographie. Welch kühnes Unterfangen war es, heute eine
dreibändige
Arbeit über Goethe zu schreiben! Sie haben es aber nicht nur gewagt.
Sie haben
uns damit „den“ Goethe unserer Zeit geschenkt, und dies war wohl der
wichtigste
aller Gründe, der Sie zum Preisträger bestimmt hat. Und zu all dem
hinzu kommt
nun noch der Übersetzer! Hier ist es nicht mehr die eigene, die
deutsche
Literatur, die Sie uns durch ungewöhnliche Einfühlung nahe bringen,
sondern die
griechische. Das ist schwieriger, problematischer. Aber wer Ihre
Verdeutschungen des Sophokles, Euripides, Callimachus, der Sappho, der
griechischen Lyrik, der griechischen Epigramme mit den Originalen und
mit
anderen Übertragungen vergleicht, der wird feststellen, dass auch hier
derselbe
klare, „heilig-nüchterne“ Geist am Werk ist, der den Faust
interpretierte, und
dass ihm das eine wie das andere gleichermassen gelungen ist! Mögen Sie
denn,
verehrter Emil Staiger, den Gottfried Keller-Preis als Ausdruck des
Dankes und
der Bewunderung für Ihr reiches und doch noch so vielversprechendes
Lebenswerk
entgegennehmen. Ihr Martin Bodmer.
Er erhielt das nachstehende,
vom gleichen Tage datierte
Dankschreiben Professor Staigers:
Hochverehrter
Herr Dr. Bodmer, es ist
eine ganz ausserordentliche Nachricht, die Sie mir zu senden die Güte
hatten.
Seien Sie und das ganze Curatorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen
Gottfried Keller-Preis überzeugt, dass ich das Ereignis in seiner
vollen
Bedeutung zu schätzen weiss. Sie umreissen in Ihrem liebenswürdigen
Brief meine
Arbeit mit dem grössten Wohlwollen. Sie sehen sie überdies genau in dem
Licht,
in dem ich sie selbst am liebsten sähe, aber doch kaum zu sehen wage.
Nichts
ist beglückender, als so das innigste Bestreben als Wirklichkeit
anerkannt zu
finden. Das führt mich zu dem besonderen Charakter des Gottfried
Keller-Preises. Ich bin mir im Klaren darüber, dass mir damit in der
Öffentlichkeit ein neuer, höherer Rang zugesprochen wird, an den ich
mich erst
gewöhnen muss. Was mich aber noch mehr erfreut, ist die Reihe der
bisherigen
Preisträger, in die Sie mich aufgenommen haben. Ich bekenne Ihnen
aufrichtig:
es ist jene Gemeinschaft der Geister, der seit vielen Jahren meine
tiefste
Liebe und Bewunderung gehört, in deren Nähe mich immer wieder das
Gefühl einer
seelischen Heimat erfüllt, wenn sonst der Tag mir Goethes Wort von der
„verwirrenden Lehre von verwirrendem Handel“ zu bestätigen scheint.
Diesem
Geist die Treue zu halten und mich nicht verwirren zu lassen, bin ich
entschlossen.
Ihnen aber, hochverehrter Herr Dr. Bodmer, und dem Curatorium Ihrer
Stiftung
danke ich aus bewegtem Herzen als Ihr ergebener Emil Staiger.
Damit reiht sich der sechzehnte
Gottfried Keller-Preis
würdig an seine Vorgänger. Der siebzehnte aber wird voraussichtlich im
Frühling
oder Herbst 1964 zur Diskussion stehen, also im Jahr der
Landesausstellung,
Jahr der nationalen Besinnung und Darstellung. Möge auch der Stiftung
gegeben
sein, das ihre dazu beizutragen! Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum zweiundvierzigsten
Jahr (1963)
Das
verflossene Stiftungsjahr war wiederum ein überbrückendes, so dass über
die
Tätigkeit des Stiftungsrates nichts zu berichten ist. Es sei lediglich
darauf
hingewiesen, dass die ungefähr Fr. 5'400.--, die wir nun dank neuen
Dispositionen
jährlich einnehmen – statt der früheren Fr.4'100.-- es gestatten,
bereits im
kommenden Jahr wieder einen Preis von Fr. 10'000.-- zu verleihen. Der
letzte
wurde im Frühjahr 1962 vergeben. Dies ist umso erfreulicher, als 1964
ein Jahr
der nationalen Besinnung und Bewährung sein wird, worauf wir schon im
letzten
Bericht hingewiesen haben. Wie schön wäre es, wenn auch ein Preisträger
gefunden würde, der sich würdig in den allgemeinen Rahmen, in die
Freude von
„Vaterlandes Saus und Brause“ fügte! Freilich können wir’s nicht
erzwingen, und
werden uns an die altbewährten Stiftungsregeln halten, auch wenn der
als würdig
Befundene von weither geholt werden müsste. Zu den Finanzen noch dies:
wir sind
uns bewusst, dass die Lage der Stiftung, wie die aller
Privatstiftungen, prekär
bleibt, auch wenn sie einstweilen verbessert ist. Eine Preissumme von
zehntausend Franken ist heute ein Minimum, soll der Preis neben der
ideellen
auch eine materielle Bedeutung behalten, die ihm von Anfang an
zugedacht war.
Bei der unaufhaltsamen inflatorischen Strömung in der wir uns befinden,
wird
man sich fragen, ob teilweise Umstellung der Anlagen auf Aktien, d.h.
auf
Sachwerte, nicht eine Frage der Selbsterhaltung wird. Eine Stiftung
riskiert
ihren Sinn zu verlieren, wenn sie sich nicht der Zeit anpassen kann. In
einer
ähnlich angelegten und vom Bund beaufsichtigten Rotkreuzstiftung, die
der
Unterzeichnete mit betreut, stellt sich genau dieselbe Frage. Es wird
gelegentlich mit den Bundesbehörden über eine neue, zeitgemässe
Interpretation
des Begriffs „mündelsicher“ zu verhandeln sein – ein kleines Zeichen
unter
vielen, wie mächtig alles bisher Stabile heute in Fluss geraten ist.
Martin
Bodmer.
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Jahresbericht
zum dreiundvierzigsten Jahr (1964)
Der Unterzeichnete trägt die
alleinige Verantwortung
dafür, dass auch das dreiundvierzigste Jahr ein stilles blieb. Es wurde
damit
zwar keineswegs gegen das Reglement verstossen, im Gegenteil haben wir
uns
genauer an die überlieferten Intervalle, wenn zweieinhalb Jahre
übersprungen
werden, denn im letzten hat Emil Staiger den Preis erhalten, sodass
erst das
kommende wieder ein reguläres Preisjahr ist. Trotzdem hat der Präsident
der
Stiftung Anlass, sich beim Kuratorium zu entschuldigen, hat er doch im
letzten
Jahresbericht eine Preisverleihung für 1964 – quasi im Zeichen der Expo
– in
Aussicht gestellt! Aber es muss zugegeben werden, dass die sehr schöne
Expo mit
unserem Preis herzlich wenig zu tun hatte – weniger noch als es bei der
Landi
der Fall gewesen wäre. Wir brauchen uns also keine Sorgen um eine
verpasste
Gelegenheit zu machen. Die Mittel wären zwar vorhanden gewesen, aber so
knapp,
dass die Zeitspanne bis zum nächsten Preis nur umso länger geworden
wäre. Nun
sind wir freier. Es kann im kommenden Jahr ein Preis von zehn- oder gar
zwölftausend Franken vergeben werden, und wenn es richtig erscheinen
sollte,
schon 1966 ein weiterer. Diese Lage dürfte nicht ohne Einfluss auf die
Wahl
sein, denn bei mehreren ungefähr gleichwertigen Kandidaten – wie es
voraussehbar ist – wird man sich leichter für den einen oder anderen
entscheiden, wenn nicht allzu lange darnach eine zweite Wahl möglich
wird. So
übergibt der Unterzeichnete seinen Jahresbericht den verehrten
Kuratoren in der
Hoffnung, sie im Laufe des kommenden Frühjahrs zu einer Wahlbesprechung
versammeln
zu können. Martin Bodmer.
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Jahresbericht
zum vierundvierzigsten Jahr (1965)
Es war vorgesehen, dass 1965
ein Preisjahr sein und die
Entscheidung im Frühling fallen sollte. Infolge von Krankheit des
Unterzeichneten konnte jedoch die Zusammenkunft des Kuratoriums erst am
5.
Oktober stattfinden. Dies geschah im wunderschönen Rahmen der Besitzung
von
Prof. Robert Faesi in Wädenswil, wofür ihm auch an dieser Stelle
gedankt sei.
Im Verlauf der anregenden Aussprache, in der die Namen von Inglin,
Schaper,
Guggenheim, Emil Brunner, H.U. v. Balthasar, Welti, Taube diskutiert
wurden,
konzentrierte sich die Diskussion bald auf die beiden im Vordergrund
stehenden
Gestalten Meinrad Inglin und Edzard Schaper. Das Für und Wider hielt
sich
merkwürdig lange die Waage, doch neigte sich diese schliesslich zu
Inglins
Gunsten, der dann in ehrenvoller Einstimmigkeit gewählt wurde. Ein
wichtiges
Argument ist dabei nicht berücksichtigt worden, was hier nachgeholt
sei: seit
1943 (Preis an Robert Faesi) ist kein Preis mehr an einen
deutschschweizerischen Romancier verliehen worden, und überhaupt nur an
zwei
Schriftsteller. Alle anderen waren Gelehrte und Essayisten. Inglin ist
also
seit 25 Jahren der erste Deutschschweizer, der den Gottfried
Keller-Preis
erhält! Übungsgemäss lassen wir hier den Briefwechsel zwischen dem
Unterzeichneten und dem Preisträger folgen. Martin Bodmer.
Cologny,
22. Oktober 1965. Verehrter
Herr Dr. Inglin, es ist mir eine Ehre, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass
das
Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis
einstimmig beschlossen hat, Ihnen den XVII. Gottfried Keller-Preis in
der Höhe
von Fr.10'000.-- zu verleihen. Ihr jüngstes Werk „Erlenbühel“ kommt
gerade
zurecht, um Ihrem reichen Oeuvre noch ein Körnchen Salz beizumischen
und damit
zu bestätigen, dass ein schöpferischer Autor sich selbst treu bleibt,
indem er
sein Werk erweitert. Ich weiss, wir hätten schon vor 43 Jahren mit dem
Preis zu
Ihnen kommen können, denn Ihr grossartiger Erstling, “Die Welt von
Ingoldau“,
erschien im Jahr seiner Gründung. Auch zehn Jahre später wäre es
möglich
gewesen, als Sie die gleichsam taciteische Prosa der „Jugend eines
Volkes“
schrieben, und wiederum einige Jahre später „Die graue March“, endlich
Ihr
Hauptwerk, den „Schweizerspiegel“, den der deutsche Literaturhistoriker
Hermann
Pongs den besten Querschnitt durch das Schweizervolk seit dem
„Salander“ nennt,
ja von dem er sogar feststellt, er führe den grossen Stil des „Witiko“
fort.
Kann man von hoher Warte aus einem Dichtwerk höheres Lob spenden? Noch
eine
Reihe von Romanen folgt – und dann die Novellen! „Güldramont“, „Die
Lawine“…,
Meisterwerk auf Meisterwerk. In der wachsenden Flut von Lesestoff, der
vom
Epigonischen bis zum Avantgardistischen reicht, bilden Sie einen
ruhenden Pol.
Wie gut, dass es das noch gibt! Wir sind uns dessen schon lange
bewusst, nicht
erst heute, da der Preis zu Ihnen kommt. Aber die Stiftung geht ihren
bedächtigen Gang. Es war ja nie ihr Ergeiz, Talente zu entdecken, nicht
ihr
Ziel, einen Sensationsrummel, wie er immer wieder vorkommt, etwas
hinzuzufügen,
sondern zu ehren, was sich in der Zeit bewährt hat. Wie schwierig das
ist,
erweist die Tatsache, dass von den sechzehn bisherigen Preisträgern nur
die
Hälfte Schriftsteller waren, und davon nur vier Deutschschweizer. In
vierzig
Jahren… Man mag das übertrieben konservativ finden – aber es hat sich
als
richtig erwiesen in unserer turbulenten Zeit. Dass Ihr Gesamtwerk noch
so
frisch ist wie am ersten Tag, beweist seine Lebensfülle, beweist aber
auch,
dass es nichts mit den Nebenströmungen zu tun hat, die heute ihren
Modeerfolg
haben. Es gehört vielmehr zum Hauptstrom, der unser Geistesleben trägt
und
weiterhin tragen wird. Man mag einwenden, es sei kein besonderes
Verdienst für
einen Stiftungsrat, auf etwas hinzuweisen, dessen Wert ja unbestritten
ist. Wie
Viele versäumen es aber aus reiner Nachlässigkeit, nach dem Guten zu
greifen,
das nahe liegt? Sagt doch schon Lessing: „Wer wird nicht einen
Klopstock loben?
/ Doch wird ihn jeder lesen? Nein! / Wir wollen weniger erhoben / Und
häufiger
gelesen sein.“ Dazu möchte die Preisverleihung anregen. Dennoch sei
gerne
zugegeben, dass wir offene Türen einrennen, wenn wir Ihr Schaffen
ehren. Sie
sind die stärkste moderne Erzählerstimme der Schweiz, und haben unseren
Segen
nicht nötig. Aber wir haben Sie nötig, um zu unterstreichen, dass es
trotz der
Ungunst der Zeit noch schöpferische Menschen gibt, die halten, was ihre
Anfänge
hoffen liessen; dass unser Land noch Schriftsteller hervorbringt, die
durch und
durch schweizerisch sind, und dennoch weltliterarischen Rang haben; –
vor allem
aber, dass noch Werke entstehen, die uns den Glauben an das Alte Wahre
bestätigen. Ihr Werk, verehrter Herr Dr. Inglin, tut es. Kann man mehr
und
Heilsameres von ihm sagen? In Herzlichkeit Ihr Martin Bodmer.
Privatbrief
an Meinrad Inglin. 21. Oktober 1965. Sehr
verehrter Herr Dr. Inglin, darf ich dem offiziellen Brief noch ein paar
private
Zeilen hinzufügen. Sie spüren wohl aus dem Ton des ersteren, wie sehr
mir daran
liegt, Ihnen die Prozedur der Stiftung verständlich zu machen. Sie ist
bedächtig, und gleichzeitig in ihrem „Zeremoniell“ sehr einfach, sehr
wenig
feierlich. Aber die Hauptsache ist: sie hat noch immer das Rechte
getroffen!
Schon in den frühen Zwanzigerjahren hat mir Ihre Prosa grossen Eindruck
gemacht, und es war mir klar, dass in dieser Richtung die echte
Erzählerkunst –
nicht nur der Schweiz, sondern der deutschen Sprache – sich entwickle.
Aber wie
es oft geht: zufällig lag die jeweilige Konstellation so, dass Ältere
zum Zug
kamen. Jakob Bosshart, Heinrich Federer, C.F. Ramuz, Hermann Hesse,
Hans
Carossa, Gertrud von Le Fort... und immer hiess es, mit den Jüngeren
habe es ja
noch Zeit, das Oeuvre gelte, nicht der Einzelerfolg. Unterdessen sind
wir alle
älter geworden, und die meisten Dichter-Preisträger nicht mehr unter
den
Lebenden. Aber was gilt ist der Leitgedanke, und der ist stets derselbe
geblieben: das im Goetheschen Sinne „Bewährte“ zu ehren. (Das ist, auf
die
Schweiz übertragen, mit dem Namen des Preises gemeint.) Ich glaube, die
Stiftung
erfüllt damit in kleinem Kreise ihre besondere Aufgabe. Dass ihr
seinerzeitiger
Animator, Eduard Korrodi, den heutigen Beschluss des Kuratoriums aufs
wärmste
begrüsst hätte, ist gewiss. Mögen auch Sie, verehrter Herr Dr. Inglin,
sich des
Preises so erfreuen wie es für uns, und insbesondere für mich, eine
Freude ist,
ihn in Ihren Händen zu wissen! Ihr Martin Bodmer.
Schwyz,
den 26. Oktober 1965. Sehr
verehrter Herr Dr. Bodmer, Anerkennung, Missverständnisse, Lob und
Tadel
begleiten den Schaffenden bis ins Alter. Er wird bei alledem die
Zuversicht
gewinnen und bewahren, dass sich am Ende zeigen muss, was von seinem
Werke wert
ist, ihn selbst zu überdauern. Trotzdem wird er die Hoffnung kaum je
verlieren,
dass unabhängig von Erfolg und Misserfolg auch die paar wirklich
Einsichtigen,
Urteilsfähigen ihm noch bei Lebzeiten ihren Segen erteilen. Zu diesen
Wenigen
gehört für mich schon längst der Gründer und spiritus rector der
„Corona“, der
eine grossartige Ernte einbrachte und sich mit eigenen Beiträgen (über
Andersen, über die Lagerlöf) legitimierte, der Kenner und Sammler der
Weltliteratur, der Stifter des Gottfried Keller-Preis mit seiner
offenbaren
Entschlossenheit, immer nur das Preiswürdigste auszuzeichnen. Sie
werden daraus
ermessen können, wie sehr mich dieser Preis und die hohe öffentliche
Anerkennung, die Sie damit verbinden, freuen müssen. Preise, Ruhm und
Ehre
waren mir in meinem oft nicht leichten Schriftstellerleben willkommen,
aber nie
so erstrebenswert wie die Erfüllung dessen, was ich als meine Aufgabe
empfand.
Der Gottfried Keller-Preis ist mir die schönste Bestätigung, dass ich
es recht
gemacht habe. Dafür danke ich dem Kuratorium der Stiftung und vor allem
Ihnen
selber von Herzen. Ihr Meinrad Inglin. PS: Ich wanderte mit meiner Frau
ohne Postverbindung
im Tessin herum, als mich auf Umwegen die überraschende Kunde
erreichte, und
kehrte dann zu spät heim, um Ihnen ohne Verzögerung antworten zu
können. Nehmen
Sie bitte die Neuauflage meines „Schweizerspiegels“ entgegen, die ich
mit der
gleichen Post an Sie abschicke. Daniel Bodmer hat mit mir zusammen
verständnisvoll und gewissenhaft daran gearbeitet.
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Jahresbericht
zum fünfundvierzigsten Jahr (1966)
Die Finanzen der Stiftung
erfordern, man weiss es, dass
zwischen zwei Preisen ein Ruhejahr eingeschaltet werde. Das verflossene
war ein
solches, und so ist denn auch nichts besonderes darüber zu berichten.
Aber
diese Brachezeit zwischen der Frucht, wie sie der Landbau kennt, hat
auch ihr
Gutes, weit über die materielle Seite hinaus. Dank den neuen
Anlagemöglichkeiten
steht zwar nun bequem alle 24 Monate ein Betrag von Fr. 10'000.-- zu
Verfügung.
Aber selbst das ist einstweilen fast mehr als nötig, es sei denn, man
wolle die
Preissumme erhöhen. Was die geistige Seite betrifft, wäre es forciert,
innerhalb
des Interessegebietes und Kulturraumes, mit denen sich die Stiftung
befasst,
mehr als alle zwei Jahre einen Preisträger finden zu wollen. Darum
möchte der
Unterzeichnete seine Umfrage an die Herren Kuratoren und eine
allenfalls
nachfolgende Aussprache nicht vor dem nächsten Herbst durchführen,
obwohl er
sich bewusst ist, dass ein Name – bei aller Freiheit der Entscheidung –
bereits
im Vordergrund steht. Es schiene ihm aber gut, den der Stiftung eigenen
Rhythmus beizubehalten und damit ihren Charakter zu wahren. Martin
Bodmer.
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Jahresbericht
zum sechsundvierzigsten Jahr (1967)
Am 30. Oktober 1967 haben sich
die Kuratoren der Stiftung
zu einer Aussprache über die dieses Jahr fällige Preisverleihung
getroffen. Als
erstes Traktandum figurierte die Austrittserklärung von Prof. Carl
Burckhardt,
der es an der Zeit findet, sich mit 77 Jahren aus Vorständen und
Kuratorien
zurückzuziehen. Wir teilen diese Ansicht für den Spezialfall, den die
Stiftung
darstellt, keineswegs und teilten dies auch Prof. Burckhardt mit. Es
war
indessen nicht möglich, ihn von seinem Entschluss anzubringen, weshalb
dem
eminenten Kollegen mit dem Ausdruck des Bedauerns über sein Ausscheiden
der
Dank für die geleisteten Dienste übermittelt wurde. Es stellte sich
sodann die
Frage nach einem Ersatz, wobei der Vorschlag, Prof. Wolfgang Binder,
Ordinarius
für neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Zürich als
neuen
Kurator zu wählen, einstimmig gutgeheissen wurde. Prof. Binder hat die
Wahl
angenommen und wir heissen ihn in unserem Kreise herzlich willkommen.
Über das
Haupttraktandum, die Preisverleihung, entspann sich sodann eine
eingehende und
anregende Diskussion. Von einem Dutzend, z.T. öfters schon genannten
Namen sind
aus Altersgründen Otto von Taube und Max Mell endgültig ausgeschieden
worden.
Aus anderen Gründen beschloss man, auf Kurt Guggenheim, Ruth Blum,
Bernt von
Heiseler nicht mehr zurückzukommen. Dagegen können Hans Urs von
Balthasar, Otto
Friedrich Walter und Silja Walter, Erika Burkart, Ingeborg Bachmann und
allenfalls
auch Marie Luise Kaschnitz bei kommenden Diskussionen in Erwägung
gezogen
werden. Für diesmal fiel die Wahl unbestritten und einstimmig auf
Edzard
Schaper. Die Gründe dafür können nicht besser dargelegt werden, als es
durch
Prof. Max Wehrli in seinem gehaltvollen Essay „Hinter den Linien“, zum
Werk
Edzard Schapers, im Sonntagsblatt der NZZ vom 3. Dezember 1967
geschehen ist.
Traditionsgemäss folgen hier die Laudatio des Unterzeichneten sowie das
Antwortschreiben des Preisträgers. Martin Bodmer.
Brief des Preisstifters vom 1.
Dezember 1967:
Verehrter
Herr Dr. Schaper, es ist mir
eine Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin
Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis beschlossen hat, Ihnen
den
XVIII. Gottfried Keller-Preis im Betrage von Fr. 10'000.-- zu
überreichen. Der
Preis ist an keine Nationalität gebunden, soll aber seinem Namen gemäss
für ein
Oeuvre verliehen werden, das dem schweizerischen Charakter nahe steht.
Wenn
bisher Deutsch- und Welschschweizer, Deutsche und Österreicher den
Preis
erhielten, so fällt er nun erstmals an einen Wahlschweizer. Ihre
wirkliche
Heimat liegt fern, und doch haben Sie sich für unser Land entschieden.
Dem
Blute nach aus Niedersachsen und Ostfriesland, im heute polnischen
Ostrowo
geboren, hat das Baltikum Ihre geistige Entwicklung bestimmt. Ihre
entscheidenden Werke kreisen um die Auseinandersetzung zwischen Ost und
West,
nicht theoretisch oder aus blossem Interesse, sondern als Lebensinhalt,
wie er
nur aus Erfahrenem und Erlittenem möglich wird. Und auch dies nicht nur
im
Sinne jenes Ostens, von dem Sie zuerst nach Finnland und Schweden und
schliesslich in die Schweiz weichen mussten, und jenes Westens, dessen
Erbe Sie
in sich tragen. Die Sache ist komplizierter. Sie haben sowohl den
Bolschewismus
wie die östliche Frömmigkeit erlebt, Härte so gut wie Haltung des
Westens. All
dies kreuzt sich in Ihrem Werk, und nicht zufällig fühlen Sie sich als
„Bürger
zwischen Zeit und Ewigkeit“. Die Antithese beherrscht auch Ihre Romane,
vor
allem die zwischen 1935 und 1954 entstandenen, die sich zu Paaren
verbinden
lassen, auch wenn dies nicht beabsichtigt sein mochte: „Die sterbende
Kirche“ –
„Der letzte Advent“, „Der Henker“ – „Der Gouverneur“, „Die Freiheit des
Gefangenen“ – „Die Macht der Ohnmächtigen“... „Macht und Freiheit“ –
solche
Titel mussten nicht gesucht werden, sie bezeichnen Stationen eines
inneren
Weges. Und der Weg führt weiter: „Die letzte Welt“, „Der gekreuzigte
Diakon“,
„Das Tier“, in der Schweiz verlegt, wo der Flüchtling den Tanzbär
abgibt...,
„Der vierte König“, den Lesern der NZZ unvergessen wie das
humorumspielte
„Attentat auf den Mächtigen“. Und damit ist ja nur dies und jenes aus
einer
Fülle herausgegriffen, die Sie in Ihrem jüngsten Werk, dem
„Schattengericht“,
gleichsam Heerschau passieren lassen. Und noch sind die Übertragungen
aus dem
Finnischen und Schwedischen nicht dabei. Welches Oeuvre breitet sich
vor uns
aus! Entscheidend ist nun aber doch die Frage, warum Sie gerade die
Schweiz als
neue Heimat gewählt haben. Konnten Sie sich wohlfühlen in einer Umwelt,
die
derjenigen, der Sie entstammen, so denkbar ferne steht? Gewiss, Sie
haben
treueste Freunde hier gefunden. Sie sind von einer schweizerischen
Hochschule
geehrt worden, Ehrenbürger eines schweizerischen Kantons. Aber konnte
das
ordentliche kleine Land – und das ist es selbst noch im grossartigen
Wallis, in
dem Sie leben – konnte es Ihnen mehr werden als blosses Refugium? Was
in Ihrem
Werk Gestalt geworden ist, kann so wenig aus der Schweiz stammen, wie
der
„Grüne Heinrich“, oder „Die Leute von Seldwyla“ im Ostraum unseres
Kontinents
entstanden sein könnten. Hat denn die Stiftung das Recht, Ihnen einen
Preis zu
verleihen, der den Namen Gottfried Kellers trägt? Gewiss! Sie gehören
durch
Ihre Wahl und Gesinnung zum Land, in dem gewiss nicht nur, aber doch
vor allem
noch die alte Überlieferung von Ordnung und Freiheit herrscht. Diese
Güter sind
ja, als Idee und als Forderung im christlichen und menschheitlichen
Sinne das
Ziel Ihres Werkes. Bei aller Neuheit ist es konservativ, bei aller
Kühnheit
gläubig, ja vor allem gläubig. Auch die Form ist solid. Ich meine damit
den
Gegensatz zum heute Üblichen, der das ironische Spiel der „Verfremdung“
nicht
mitmacht. Sie halten an der Handlung im Geiste der grossen Romane der
Weltliteratur fest. Also an der Tradition. Ihre Erlebniswelt reicht
zwar weit
über unsere Grenzen und Begrenzungen hinaus. Was können wir uns aber
besseres
wünschen, als auf solche Art bereichert zu werden. In diesem Sinne
möchte ich
die Verbindung auffassen, die wir heute durch den Gottfried
Keller-Preis
bekräftigen: dass Sie ein neuer Zweig am Stamm, aber doch voll und ganz
der
Unsere sind. Ihr Martin Bodmer.
Antwort des Preisträgers vom 4.
Dezember 1967:
Hochverehrter
Herr Dr. Bodmer, Ihr
Brief vom 1. Dezember mit der Nachricht, das Kuratorium Ihrer Stiftung
für
einen Gottfried Keller-Preis habe beschlossen, diesen Preis – nun er
zum
achtzehnten Male verliehen wird – mir zuzusprechen, hat mich sehr
bewegt. Und
mein Dank für die Zuerkennung des Preises, den ich Ihnen als dessen
Stifter und
als Präsident des Kuratoriums ausspreche, wird vermehrt durch die
Freude, mich
wie bei der Verleihung der Ehrenbürgerrechte zweier oberwalliser
Gemeinden –
nun auf so solenne Weise aufgenommen zu wissen in einem geistigen
Vaterland und
eine Gemeinschaft, von der Goethe, auf Schiller gemünzt, meinte, „der
Einzelne
könnte sein Bestes wohl doch nur in einer Gemeinschaft Gleichstrebender
leisten“. Zu der Gemeinschaft „treuester Freunde“, die ich, wie Sie
schreiben,
in Ihrem-meinem Vaterland gefunden habe und in der mir in diesen
feierlichen
Tagen nur mein vor Jahresfrist verstorbener, um die Pflege des Werkes
Gottfried
Kellers hochverdienter Freund Carl Helbling schmerzlich fehlt, in dem
sich auf
die schönste Art und Weise Weltoffenheit mit spezifisch schweizerischer
Urbanität paarte und der gewiss mit Freude Anteil ab meiner
Auszeichnung
genommen hätte, haben Sie mit den Gliedern des Kuratoriums meine Arbeit
und
mich über Tag und Jahr hinaus in die Gemeinschaft aller jener
aufgenommen, denen
ich mich in Gesinnung und Gesittung zugehörig gefühlt habe, – auch um
den Preis
einer gewissen Vereinsamung in der ‚literarischen Welt’. Aber jener
Boden einer
gewissen geistigen Fraternität, den ich mit zunehmenden Jahren in
Zeiten tiefer
Niedergeschlagenheit oftmals bitter entbehrt und für dessen Fehlen ich
der
Unstetheit und dem einzelgängerischen Eigensinn meines Lebens zwischen
Grenzen,
Nationen und Konfessionen die Schuld zuschreiben zu müssen glaubte, –
der
Gottfried Keller-Preis hat ihn mir gegeben, weil sein Kuratorium mich
in ‚Wahl
und Gesinnung’ zum Lande gezählt hat. So halte ich es auch nicht für
das
wenigst würdige meiner ‚Werke’, das Vorwort für die deutschsprachige,
dem
Oberwallis vorbehaltene Ausgabe des Kantonalen Familienbüchleins
geschrieben zu
haben. Mein hoher Vorfahr in Zürich dünkte sich ja auch nicht zu gut,
dass er
nicht Bettagsmandate verfasst hätte. Sie haben, hochverehrter Herr Dr.
Bodmer,
so viele gute Worte für meine Arbeit gefunden, die sich nun ihrem Ende
nähert,
wie ich zu spüren meine. Deshalb hielt ich ja wohl auch
Schattengericht. Und
mein Freund Max Wehrli kommt mit jeder Deutung dessen, was ich –
oftmals ohne
zu wissen –, gewollt habe, in jedem seiner Aufsätze näher und näher
meinem
Herzen, dass ich kaum mehr weiss, wo ich zu denken aufgehört habe und
wo er mir
das noch nicht ausgesprochene Wort von den Lippen liest. Ich bin, ich
fühle es
in grosser Dankbarkeit, die kaum je mehr so rein wiederkehren wird, wie
unbeholfen sie sich auch geben mag, ein reich Beschenkter, und weiss es
und
sage Dank, ‚DANK mit grossen Buchstaben’, wie man sich im Schwedischen
ausdrückt, um das Singulare eines Dankes anzudeuten. Ihr ganz ergebener
Edzard
Schaper.
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Jahresbericht
zum siebenundvierzigsten Jahr (1968)
Wieder einmal ein Berichtsjahr
von dem nichts zu
berichten ist. Die verehrten Herren Kuratoren kennen den Rhythmus.
Zwischen
zwei Preisen ist ein Ruhejahr einzuschalten, was der Preissumme zugute
kommt,
aber auch sachlich nicht zu bedauern ist. So ruhig der Zeitraum für die
Stiftung war, haben uns doch zwei Vorkommnisse veranlasst, uns etwas
mit ihrem
Sinn und ihrer Berechtigung zu beschäftigen. Das eine war der Aufruhr
um die
Rede unseres einstigen Preisträgers Emil Staiger. Er ist zwar längst
verklungen, was aber zurückblieb, ist die immer wieder spürbare
Tatsache, dass
der aus Deutschland importierte avantgardistische Hochmut auch bei uns
grassiert, dass der Geist oder Ungeist der „Gruppe 47“ auch hier seinen
Terror
ausübt und für verblödet erklärt, was ihm nicht passt. Dazu gehört aber
so
ziemlich alles was uns wertvoll ist. Sollen wir dem künftig Rechnung
tragen?
Gewiss nicht! Es wird uns im Gegenteil ermuntern, erst recht am Alten
Wahren
festzuhalten, das auch in einer neuen Jugend wirkt und immer wirken
wird. Auf
einem ganz anderen Gebiet erweist sich die Stiftung als eine Sache,
deren
materielle Bedeutung immer mehr hinschwindet. Wird sie damit auch
unzeitgemässer? Kürzlich erhielten wir von der Fondazione Agnelli in
Turin –
einer neugegründeten Kulturstiftung die u.A. ein Jahrbuch europäischer
Kulturstiftungen herausgibt – die Aufforderung, ihr die uns
betreffenden
Unterlagen zu senden, etwa – so hiess es, nach dem beigelegten Muster
der
Agnelli Stiftung selbst. Diese verfügt über ein Jahreseinkommen von
anderthalb
Millionen Dollar... Trotzdem haben wir nicht gezögert, Zweck, Tätigkeit
und
Bilanz unseres rund tausendmal bescheideneren Unternehmens mitzuteilen
– und
übrigens einen freundlichen Dank für die „wertvolle Mitarbeit“
erhalten. Ironie
– ? Wohl kaum. Man kann sich fragen, ob so begrenzte Dinge neben den
heute
Zeitgemässen noch einen Sinn haben. Aber: suum cuinque. Und so werden
wir fortfahren,
zwischen Skylla und Charybdis moralischer und materieller Extreme
hindurchzusteuern, und in kleinem aber edlem Kreise zu wirken. Martin
Bodmer.
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Jahresbericht
zum achtundvierzigsten
Jahr (1969)
Der Stiftungsrat tagte am 27.
Oktober 1969 – erstmals
seit seinem Bestehen ausserhalb von Zürichs Mauern! Die Herren
Kuratoren hatten
einer Einladung des Vorsitzenden nach Cologny aufs liebenswürdigste
Folge
geleistet, und damit nach helvetischem Brauch sie Sprachengrenzen
keineswegs
als Grenzen geistiger Belagen betrachtet. Denn es war ja diesmal
ausschliesslich von deutschsprachigem Schaffen die Rede. Zwei Gesuchen
um
Ehrengaben wurde keine Folge gegeben, da bei ihrer Berücksichtigung
zahlreiche
gleichwertige Leistungen eine ebensolche Ehrung verdienten. Der Wunsch
von
Prof. Faesi, aus Altersgründen als Kurator zurückzutreten, wurde vom
Kuratorium
mit Widerstreben entgegengenommen, insbesondere vom Unterzeichneten,
der damit
als letztes Mitglied aus der Gründungszeit zurückbleibt. Zur Genugtuung
der
Anwesenden erklärt sich Prof. Faesi mit dem Vorschlag des Vorsitzenden
einverstanden, erst im Laufe des kommenden Jahres abgelöst zu werden.
1970 [richtig:
1971] nämlich bringt das fünfzigjährige Jubiläum der Stiftung. Zu
diesem Anlass
soll eine Publikation der Laudationes veranstaltet und mit einer
kleinen Feier
verbunden werden. Dass Prof. Faesi dabei sein muss, nicht als Gast,
sondern als
Mittelpunkt, ist selbstverständlich. Haupttraktandum der Tagung war
indessen
die Frage nach dem Preisträger. Jeder der Anwesenden äusserten sich
über die
vorgeschlagenen Persönlichkeiten. Aus einer belebten Diskussion ging
schliesslich einstimmig Golo Mann als Träger des 19. Gottfried
Keller-Preises
hervor. Traditionsgemäss beschliessen wir den Bericht über ein
Preisjahr durch
die Mitteilung von Laudatio und Dank des Preisträgers.
Brief an Golo Mann:
Cologny,
den 12. Dezember 1969.
Verehrter Golo Mann, es ist mir eine Ehre, Ihnen mitteilen zu dürfen,
dass das
Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis
beschlossen hat, Ihnen den XIX. Gottfried Keller-Preis im Betrag von
10'000
Franken zu überreichen. Dieser Preis wird alle zwei Jahre für ein
Gesamtoeuvre
verliehen, und ist an keine einschränkende Bestimmung gebunden, es sei
denn die
naheliegende, dass das gekrönte Werk in einer sinnvollen Beziehung zum
Schutzpatron des Preises stehe. Gerade das bedeutet aber heute eine
nicht
unwesentliche Begrenzung, ja es sieht bisweilen so aus, als ob der
Zeitgeist
selbst den Intentionen des Preises zuwider laufe. Nicht zufällig haben
sich
darum die Kuratoren auf Ihren Namen geeinigt. Und mehr als nur geeinigt
– denn
das setzte Meinungsverschiedenheiten voraus, und solche gab es nicht.
Ihr Werk
und Wirken kommt auf höchstem Niveau dem entgegen, was der Preis meint,
und so
ist die Wahl denn auch spontan und überzeugt getroffen worden. Es ist
hier
nicht der Ort, die Verdienste des Historikers zu analysieren und die
Vorzüge
des Stilisten zu untersuchen. Wir überlassen das den Fachleuten. Dass
beides,
der Gelehrte und der Schriftsteller, in seltener Harmonie beisammen
sind,
bedeutet einen Glücksfall, und so möchten wir denn vor allem danken für
dieses
Werk, und uns freuen, dass es sich in voller Entfaltung befindet. Das
Ungewöhnlichste daran scheint mir seine gleichmässige Höhe, die es über
einen
Zeitraum von gut dreissig Jahren hält, und die eine Folge von rund
sechzig
Titeln umfasst. Schon die frühesten Essays, z.B. „Politische Gedanken“
(1938),
stehen in ihrer Haltung dem jüngsten nahe, und umfangreiche Arbeiten
wie die
„Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ sind von derselben
sprachlichen Dichte objektiven Klarheit wie kurze Ansprachen, etwa der
Dank bei
Eröffnung des Thomas Mann-Archivs. Es liegt darum ein tieferer Sinn
darin, dass
Ihre erste editorische Tätigkeit mit dem Namen „Mass und Wert“
verbunden ist.
Dennoch ist das alles weit entfernt von beharren beim früh schon
Erreichten.
Eine Begabung wie die Ihre wird immer reifer und kann an Leben und
Erfahrung
nur reicher werden.
Schon
Ihr Werdegang zeichnet sich ja
durch eine unglaubliche Vielseitigkeit aus. Nach Abschluss der
Universitätsstudien in Deutschland – bei Jaspers – ist es ein Lektorat
an der
École normale Supérieure zu St.-Claude, ein Jahr an der Université de
Rennes,
ein Lehramt am Olivet College in Michigan, eine Professur in Clermont
[richtig:
Claremont], Californien. Es folgen Lehrstühle an der Universität
Münster, an
der Technischen Hochschule in Stuttgart, die Herausgabe der imposanten
Propyläen Weltgeschichte... Und all dies sind ja nur Hinweise, die
keinen
Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so wenig wie wir uns verhehlen,
mit
Verleihung des Gottfried Keller-Preises Eulen nach Athen zu tragen!
Denn Sie
sind ja bereits im Besitz von einer Reihe von Ehrungen, Träger des
Fontane-Preises, des Schiller-Preises, des Büchner-Preises... Wenn
dieser
allerjüngste Ihnen trotzdem Freude bereitet, sind wirs zufrieden. Wir
ehren in
Ihnen, lieber Golo Mann, den Europäer, oder richtiger den Okzidentalen,
der die
deutsche, französische und angelsächsische Kultur gleicherweise
umfasst, aber
doch auch einer der Unsern ist. Als Bürger von Kilchberg, wo Ihr Vater
in der
gleichen Erde wie Conrad Ferdinand Meyer ruht, sind Sie auch Zürcher
und
gehören zur Stadt, in der das Thomas Mann-Archiv im alten Hause Johann
Jakob
Bodmers eine bleibende Stätte gefunden hat. Als ständiger Sommergast
von
Berzona gehören Sie auch dem Tessin... Kurz, Sie gehören der Schweiz!
Möge der
Gottfried Keller-Preis zum Band werden, das Sie noch enger, noch
herzlicher mit
Ihrer Wahlheimat verbindet! Ihr Martin Bodmer.
Antwort des Preisträgers:
Kilchberg,
den 13. Dezember 1969.
Verehrter Martin Bodmer, seit ein paar Tagen wusste ich durch Dr.
Werner Weber,
dass irgendeine Auszeichnung für mich im Werden sei. Als aber gestern
Ihr Brief
kam, war ich doch zutiefst überrascht, erfreut, gerührt. Dies, eine der
schönsten Ehren, welche die literarische Schweiz zu vergeben hat,
erwartete ich
wirklich nicht. Gestehen will ich, dass etwas von Beschämt-Sein sich
mit darein
mischt; vielleicht habe ich von meinem Vater, beileibe nicht den
epischen
Genius, wohl aber die Skepsis gegenüber der eigenen Leistung geerbt.
Wenn
jedoch Andere, und Andere, die etwas verstehen, es anders sehen, wie
sollte ich
mich nicht freuen? Und Ihr Brief, so generös im Urteil, so
vertrauensvoll in
dem, was Sie über mein Verhältnis zur Schweiz sagen, konnte die
Botschaft
schöner nicht umrahmen. Das Land ist mir wirklich zur zweiten Heimat
geworden,
stetig, nach einem ersten Höhepunkt fast leidenschaftlicher Zuneigung
vor 30
Jahren. Ich hatte sie mit einer von mir sehr verehrten und geliebten
Freundin
gemein, die glaube ich auch die Ihre war, Ricarda Huch. Unter den
Geschichtsschreibern
ist sie es, deren Werk mit bei meinen Arbeiten am häufigsten
vorgeschwebt hat;
ich habe ihm auch einen Gegenstand entnommen, dessen Gestaltung ich
mich nun
erkühne. Hoffentlich wird sie der Stiftung keine Schande machen.
Verehrter
Martin Bodmer, ich danke Ihnen herzlich. Ihr Golo Mann.
nach oben
Jahresbericht
zum neunundvierzigsten Jahr (1970)
Da 1969-1970 kein Preis zu
verleihen war, ist auch wenig
zu melden. Laufende Geschäfte haben keine stattgefunden. Für Ehrengaben
ist
vorläufig keinen Platz mehr, und die jüngere Generation wendet sich
kaum mehr
um Unterstützung an die Stiftung, wie dies früher der Fall war. Andere
Möglichkeiten und vor allem eine andere Einstellung sind auch hier zu
spüren.
Der Sinn der Stiftung bleibt davon unberührt. Dagegen muss der
Unterzeichnete
eine Voreiligkeit richtig stellen, die ihm im letzten Jahresbericht
unterlaufen
ist. Seine Ankündigung, 1970 sei das fünfzigjährige Jubiläum war
verfrüht! 1971
erst wird es bringen, und wir haben keinen Grund, der Zeit
vorauszueilen, sie
stürmt schon so rasch genug davon... Der Schnitzer ist insofern nicht
unerklärlich, als die Gründung der Stiftung recht kompliziert war.
Ursprünglich
von Eduard Korrodi für 1919, den hundertsten Geburtstag Gottfried
Kellers als
öffentliche Stiftung geplant, zog sich die Suche nach Mitteln in die
Länge. Man
hoffte auf 1920, den dreissigsten Todestag Kellers, aber auch das
gelang nicht,
und so übernahm der Unterzeichnete allein die materielle Seite, nachdem
das
heikle Geschäft der Rückerstattung bereits eingegangener Spenden
abgewickelt
war. Im Juli 1921 trat sie endlich ans Licht, und der erste Preis
konnte 1922
an Jakob Bosshart verliehen werden. Eine gewisse Verwirrung bei der
Jubiläumsbestimmung war also nicht grundlos. Dennoch bleibt alles
Angekündigte
bestehen, nur um ein Jahr verschoben: die Veröffentlichung der
Laudationes und
eine kleine Gedenkfeier in Cologny, zu der alle noch lebenden
Preisträger
eingeladen sind. Dazu kommt nun aber als neue Möglichkeit die
Preisverleihung!
Sie liesse sich aufs schönste damit verbinden. Zufällig wäre es die
zwanzigste
seit Bestehen der Stiftung. Das Kuratorium würde zur Abklärung dieser
Frage
rechtzeitig zu einer vorbereitenden Zusammenkunft in Zürich geladen.
Bei diesem
Anlass liesse sich wohl auch die NaFr.olge unseres verehrten Herrn
Seniors
regeln. Martin Bodmer.
nach oben
[50. bis 55.
Jahresbericht, 1971 bis 1976.]
Der letzte Jahresbericht, den
mein Vater,
Martin Bodmer, verfasst hat, betrifft das 48. Jahr der Stiftung, die
Periode
1968/69 [richtig: 49. Jahr, die Periode 1970/71]. Der letzte
Preisträger, den
mein Vater noch miterlebt hat, war Golo Mann (1969).
Es ist hier also über die Zeit
von 1. Juli
1969 [richtig: 1970] bis 30. Juni 1976 Rechenschaft abzulegen, d.h.
über das
49. [richtig: 50.] bis 55. Jahr der Stiftung. Ich muss hier gleich
voraussschicken, dass die Tätigkeit der Stiftung in diesen sieben
Jahren gemäss
den Wünschen des Stifters und dem von ihm 1921 aufgestellten Reglement
weitergeführt wurde, und dass nur diese Berichterstattung durch mich,
den neuen
Präsidenten, leider unterblieben ist. Meine immer grösser werdende
Beanspruchung durch nebenberufliche Tätigkeiten im Dienste unseres
kulturellen
Lebens (Bibliothek in Cologny, Literaturkommission des Kantons Zürich,
Nietzsche-Haus in Sils-Maria, Pro Helvetia, Tonhalle Zürich u.s.f.) mag
dafür
zwar keine Entschuldigung, aber vielleicht eine Erklärung sein. Schon
seit
Jahren wartet die Kontrollinstanz unserer Stiftung, das Eidgenössische
Departement des Innern, mit grosser Geduld auf diesen Bericht und auf
die
Rechnung der vergangenen Jahre, aber da das Stiftungsvermögen von der
Schweizerischen Kreditanstalt verwaltet wird, die auch immer dafür
sorgt, dass
wir die Verrechnungssteuer zurückerhalten, und da wir ja als Stiftung
Steuerfreiheit geniessen, besteht die Gewähr, dass auf diesem Gebiet
alles
korrekt läuft. Ich werde am Schluss dieses Berichtes auf unsere
Finanzen
zurückkommen.
Mein Vater, der am 22. März
1971 nach
längerer, in den letzten Monaten sehr beschwerlichen Leidenszeit
gestorben ist,
hat in seinem Testament gewünscht, dass ich ihm als Präsident der
„Martin
Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis“ nachfolgen solle. Ich
habe
dann in erster Linie zwei neue Mitglieder des Kuratoriums gesucht – für
meinen
Vater und für den zurückgetretenen Prof. Robert Faesi –, und
glücklicherweise
haben sich die Herren Prof. Lothar Kempter und Dr. Fritz Hindermann
gerne zur
Verfügung gestellt. Am 23. Juni 1971 kam das neue Kuratorium an der
Ebelstrasse
27, Zürich 7, im gastlichen Haus von Herrn und Frau Prof. Max Wehrli,
zusammen
und konstituierte sich, indem es mich als Präsidenten und Max Wehrli
als
Vizepräsidenten bestimmte. Es wurde an jener Sitzung auch dankbar zur
Kenntnis
genommen, dass der Stifter testamentarisch verfügt hatte, dass das
Stiftungskapital
von bisher Fr. 140'000.-- auf Fr. 260'000.-- erhöht werden solle.
Nachdem der
Betrag von Fr. 120’000.-- von den Erben Martin Bodmer auf das Konto der
Stiftung bei der Schweizerischen Kreditanstalt überwiesen worden war,
legte ich
dieses neue Kapital, beraten durch die Herren der Kreditanstalt, wie
folgt an:
Fr. 60'000.-- 5½ %
Schweizerische
Aluminium 1972-87
Fr. 60'000.-- 5
% Kanton
Basel Stadt 1972-87.
An jener ersten Sitzung des
neuen Kuratoriums
vom 23. Juni 1971 wurde beschlossen, die Preissumme von Fr. 10'000.--
vorläufig
noch nicht zu erhöhen. Als 20. Preisträger in diesem 50. Stiftungsjahr
wurde Marcel
Raymond bestimmt. Der Preis sollte ihm im Rahmen einer kleinen Feier
zum
Jubiläum der Stiftung im November überreicht werden. Es wurde auch
vorgesehen,
dass die Laudationes und die Verdankungen der Preisträger in den
vergangenen 50
Jahren in einer Schrift veröffentlicht werden sollten. (Das ist dann
leider
nicht geschehen; vielleicht 1981, beim sechzigjährigen Jubiläum und 25.
Preisträger?) Dem Schriftsteller Hugo Loetscher wurde eine Ehrengabe
von Fr.
2'000.-- zugesprochen. Ich habe ihm dies in einem Brief u.a. mit
folgenden
Worten mitgeteilt:
Die
Stiftung möchte damit
Deine schriftstellerische und journalistische Tätigkeit würdigen, die
von einem
Ernst und einem Verantwortungsgefühl zeugt, wie man sie heute leider
nur selten
antrifft. Sie möchte Dir aber auch danken für Deine verschiedenen
Bemühungen um
das geistige Leben in der Stadt und im Kanton Zürich, der Heimat
Gottfried
Kellers.
Jubiläumsfeier:
Am
Abend des 27. November 1971 fand im Zunfthaus zur Saffran in Zürich ein
Nachtessen statt, zu dem ich sämtliche noch lebende Preisträger
eingeladen
hatte, sowie die gegenwärtigen und ehemaligen Mitglieder des
Kuratoriums. Es
waren neben meiner Mutter, Frau Alice Bodmer-Naville, und mir anwesend:
Marcel
Raymond (Preisträger 1971), Emil Staiger (1962), Maurice Zermatten
(1959),
Theophil Spoerri (Dekan der phil. Fakultät der Universität Zürich, als
diese
1933 den Preis bekam), sowie die Herren Binder, Hindermann, Kempter,
Weber und
Wehrli. Leider hatten sich, zum Teil aus gesundheitlichen Gründen,
entschuldigen müssen: Golo Mann (1969), Edzard Schaper (1967), Meinrad
Inglin
(1965), Werner Kaegi (1954), Robert Faesi (1943) und Carl J.
Burckhardt. Robert
Faesi schickte folgendes Telegramm:
In
Gedanken und mit
Wünschen ganz bei Euch, feiere ich mit, sage herzlichsten Dank für den
Blumengruss. Eurer Robert Faesi.
(Im
Archiv nicht nachzuweisen)
Und
Golo Mann, der zuerst zugesagt hatte, dann aber von Willy Brandt nach
Bonn
gebeten worden war im Hinblick auf dessen Verdankung des
Friedensnobelpreises,
telegraphierte:
Recht
betrübt, weil ich im
letzten Augenblick die Freude mit einer sagen wir noch ernsthafteren
Pflicht zu
vertauschen hatte, allen Gottfried Keller-Preisträgern, besonders
Marcel
Raymond, meine herzlichsten Wünsche. Golo Mann.
(Mann
an
Bodmer, 27. November 1971)
Von
Maurice Zermatten bekam ich nach dieser Feier, an der ich auf deutsch
und auf
französisch eine längere Tischrede hielt, die Marcel Raymond sehr
feinsinnig
verdankte, den folgenden Brief:
Cher
Monsieur Bodmer, J’aurais dû vous dire tout de suite après mon
retour combien je vous ai de gratitude. Cette remise de votre
Grand Prix à Marcel Raymond a été parfaite, de dignité, de discrétion,
de
noblesse. Ce que vous avez dit, avec finesse et compétence, nous a tous
beaucoup émus. La “réponse” du récipiendaire était conforme à sa nature
toute
d’extrème sincérité et de retenue. Et votre “jury”, de si haute
qualité! – La
présence de Madame votre mère ajoutant sa note de grâce et de profonde
bonté
dans cette sale où partent les traditions zurichoises. – Merci de tout
coeur,
cher Monsieur Bodmer, de m’avoir associé à un événement qui, dans sa
plus
intime signification, a su échapper aux feux des photographes et au
tapage des
télévisions. Dans ces demi-silences, chacun de nous sentait en vous,
derrière
vous, la présence de l’absent dont nous gardons tous un profond et
reconnaissant souvenir. – Croyez-moi, je vous prie, cher Monsieur
Bodmer, votre
très sincèrement dévoué dans la gratitude. Maurice Zermatten.
(Zermatten
an Bodmer, 5. Dezember 1971)
Im
Jahr 1971 starben die Preisträgerin von 1952, Gertrud von Fort, und der
Preisträger von 1965, Meinrad Inglin. 1972 folgte ihnen Robert Faesi
nach, der
von Anfang an dem Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung angehört hatte,
und dem
der Gottfried Keller-Preis bis zuletzt ein wichtiges Anliegen war. Ich
liess
ihm, im Namen der Stiftung, einen Kranz aufs Grab legen.
nach
oben
Jahresbericht
zum 52. und 53. Geschäftsjahr. [1973-1974]
Am
5. März 1973 kam das Kuratorium zu einem Nachtessen an der Rämistrasse
18 in
Zürich zusammen und besprach den in diesem Jahr fälligen 21. Gottfried
Keller-Preis. Von den etwa 14 Namen, die zur Diskussion standen,
bleiben Erika
Burkart, Herbert Lüthy und Ignazio Silone in engster Wahl zurück. Ich
bestellte
dann einige ihrer Bücher und schickte sie an die Mitglieder des
Kuratoriums. In
der Sitzung vom 20. November 1973, wiederum bei Prof. Max Wehrli an der
Ebelstrasse, wurde der 21. Gottfried Keller-Preis dem 73-jährigen
italienischen
Schriftsteller Ignazio Silone zugesprochen, der zur Zeit des Faschismus
viele Jahre in der Schweiz gelebt hat, und dessen erste Werke, wie
„Fontamara“,
auf deutsch in Zürich erschienen sind. Mit Silone ist der erste
italienischsprechende Autor mit dem Gottfried Keller-Preis
ausgezeichnet
worden. Die Preissumme betrug nun Fr. 12’000.--. Eine Ehrengabe von Fr.
3'000.-- ging an die Literaturwissenschafterin Louise Gnädinger.
Übergabe des
Preises an Ignazio Silone
Am
Vormittag des 21. November 1973 schickte ich folgende Depesche
nach Rom:
Ignazio
Silone, Via di Villa Ricotti 36, Roma: Lietissimo comunicarle
assegnazione
premio Gottfried Keller opera e personalità Ignazio Silone. Prego
aspettare
contatto direttore Istituto Svizzero Roma. Cordialmente Daniel Bodmer.
Noch
am gleichen Abend – obschon das Telegramm leider mit einiger Verspätung
eintraf
– haben mein Freund Prof. Gustav Ineichen, damals Direktor des
Schweizerischen
Institutes in Rom, und Dr. Arturo Marcionelli, damals Schweizerischer
Botschafter in Rom, Silone bei sich zu Hause aufgesucht, um ihm die
erfreuliche
Nachricht mündlich zu überbringen. Ich möchte hier gleich hinzufügen,
dass
unsere Wahl von diesen beiden Herren ausserordentlich begrüsst wurde,
und dass
sie alles taten, um der Übergabe einen würdigen Rahmen zu geben.
Nach
einigen Vorbereitungen hier in Zürich, bei denen mir Werner Weber, sein
NaFr.olger bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ Dr. Hanno Helbling, Frau
Emmie
Oprecht (die Frau von Silones Zürcher Verleger Emil Oprecht), Fritz
Hindermann
und Gustav Ineichen sehr halfen, konnte ich am 29. November 1973, um
11.30 Uhr,
in den Räumen des Schweizerischen Institutes in Rom Ignazio Silone den
Gottfried Keller-Preis überreichen. Nach einer kurzen Begrüssung durch
den
Direktor hielt ich eine mit Gustav Ineichens Hilfe ins Italienische
übersetzte
Rede, für die Silone kurz uns sichtlich bewegt dankte. Er meinte, er
habe in
den vergangenen 28 Jahren, seit er wieder in Italien lebe, oft gedacht:
„Bei
uns würde man das jetzt so und so machen“, und dieses „bei uns“ sei für
ihn
immer noch die Schweiz. Botschafter marcionelli verlas das folgende,
schöne Telegramm von Bundesrat Tschudi, dem damaligen Chef des
Departementes
des Innern:
Ho
il
grande honore e la viva gioia di esprimerLe le mie fervide
felicitazioni per
questa consegna del premio Gottfried Keller della Fondazione Martin
Bodmer. Il
nostro paese esalte, così celebrandoLa, lo scrittore impegnato in una
indefettibile
difesa dell’uomo, in una costante proposizione alle forze che ne
minacciano la
libertà, in una appassionata partecipazione al dolore dei miseri,
radicata
nella consapevolezza della dignità del singolo. La Svizzera è fiera
d’esserLe
stata patria allorché Lei, in aspre circostanze, creava le prime
importanti
opera letterarie. Nella Sua vita e nel Suo lavoro avverto l’anelito a
rompere
ogni chiusura nazionalistica in favour d’un dispiegato umaneismo
improntato
alla premineza del momento etico su quello politico. Mi sia consentito
auspicare che questi principì, ispiratori profondi della Sua opera,
abbiano ad
informare di sé anche le amichevoli relazioni inercorrenti tra I
nostril due
paesi.
H.P.
Tschudi, Consigliere
federale, 29 novembre 1973
Da
Vertreter der internationalen Presse anwesend waren, und ich natürlich
auch die
Schweizerische Depeschenagentur über die Verleihung des Preises
informiert
hatte, hat diese Übergabe eine Resonanz in der Presse gehabt, wie
bisher wohl
noch kein Gottfried Keller-Preis. (Ich habe die Zeitungsausschnitte,
ich ich
bekommen habe, zusammengestellt: es sind rund 50!) Auch hat das
abruzzesische
Radio, aus Silones engerer Heimat, ihn, Ineichen und mich kurz
interviewt. Im
Anschluss an die Übergabe offerierte das Schweizerische Institut den
etwa 50
anwesenden Gästen einen Aperitif, und dann gab unser Botschafter mit
seiner
Gattin in seiner prachtvollen Residenz an der Via Barnaba Oriani 61
noch ein
Mittagessen zu Ehren Ignazio Silones, an dem etwa 20 Personen
teilnahmen, darunter
zu meiner besonderen Freude, Dr. Fritz Hindermann, der zu diesem Anlass
nach
Rom gekommen war.
nach
oben
Jahresbericht
zum 54. und 55. Geschäftsjahr. [1975-1976]
Änderung
im Handelsregister
Nach
diesem unvergesslichen Novembertag des Jahres 1973 wurde es wieder
ruhig um
unsere Stiftung. Ende Mai 1975 erhielt ich von der Rechtsabteilung des
Kantonalen Steueramtes Zürich ein Schreiben wegen der Steuerbefreiung
der
Martin Bodmer-Stiftung, wobei eine „Fotokopie der Stiftungsurkunde mit
Vermerk
der öffentlichen Beurkundung in heute geltender Verfassung“ verlangt
wurde. Ich
habe die von meinem Vater, Eduard Korrodi, Max Rychner und Robert Faesi
am 18.
Juli 1921 (am Tag vor Gottfried Kellers 102. Geburtstag!)
unterzeichnete
Stiftungsurkunde dann auf dem Handelsregisteramt des Kantons Zürich
gefunden
und bei dieser Gelegenheit festgestellt, dass offiziell immer noch mein
Vater
als Präsident und Eduard Korrodi als Vizepräsident und als Sitz der
Stiftung
der Parkring 33 in Zürich 2 eingetragen waren. Da dies offenbar seit
dem Mai
1934 nicht mehr geändert worden war (mein Vater wohnte ja seit 1939 in
Genf,
aber der Sitz der Stiftung blieb in Zürich), unternahm ich die
notwendigen
Schritte, die Sache in Ordnung zu bringen. Ich musste ein Kurzprotokoll
unserer
ersten Sitzung des Kuratoriums nach dem Tode meines Vaters, derjenigen
vom 23.
Juni 1971, verfassen und amtlich beglaubigen lassen, demzufolge ich als
Präsident und Prof. Max Wehrli als Vizepräsident gewählt worden sind,
und der
Sitz der Stiftung weiterhin in Zürich bleibt. Letzteres drängte sich
auf, weil
sonst die Stiftungsurkunde hätte abgeändert werden müssen.
Am
24. Juli 1975 hat die Finanzdirektion des Kantons Zürich festgestellt,
dass die
seinerzeit ausgesprochene Steuerfreiheit für unsere Stiftung bestätigt
werden kann,
und verfügt, dass die Stiftung von der Staatssteuer und der allgemeinen
Gemeindesteuer befreit ist. Am 8. November 1975 erschien im
Schweizerischen
Handelsamtsblatt die folgende Eintragung:
27.
Oktober 1975. Martin
Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis, in Zürich 2 (SHAB Nr.
101 vom
2.5.1934, S.1166). Die Unterschriften von Martin Bodmer und Dr. Eduard
Korrodi
sind erloschen. Neu führen Einzelunterschrift: Dr. Daniel Bodmer, von
Zürich,
in Hombrechtikon, Präsident des Kuratoriums, und Prof. Dr. Max Wehrli,
von und
in Zürich, Vizepräsident des Kuratoriums. Neue Adresse: Rämistrasse 18,
in
Zürich 1 (bei Dr. Daniel Bodmer).
Gottfried
Keller-Preis 1975
Aber
in diesem Jahr war ja bereits auch wieder ein Preis fällig! Ich lud die
Mitglieder des Kuratoriums auf den Abend des 28. November 1975 zu einem
Nachtessen an die Rämistrasse 18 ein und schrieb in meinem
Einladungsbrief
u.a.:
Es
wäre schön, wenn wir
uns an diesem Abend auf einen Preisträger noch für dieses Jahr einigen
könnten.
(Bodmer
an Kuratorium, 28. Oktober 1975)
Nach
längerer Diskussion bestimmten wir ausgesprochen eindeutig Hans Urs von
Balthasar zum 22. Preisträger der Martin Bodmer-Stiftung (Fr.
15'000.--)
und sprachen Piero Bianconi und Albert Bettex Ehrengaben (von je Fr.
5'000.--) zu, „dem Tessiner Schriftsteller und Kunsthistoriker, der
namentlich
als Essayist formvollendet Neuartiges schuf“ und „dem Kulturhistoriker,
der
durch seine grossangelegten Publikationen die die ‚Entdeckung der
Natur’
bekanntgeworden ist“. Fritz Hindermann half mir bei der Formulierung
dieser
Pressemitteilung, und Wolfgang Binder verfasste den sehr schönen Text
über den
Preisträger, den ich hier umsomehr vollständig zitieren möchte, als die
Presse
ihn leider, soviel ich feststellen konnte, nicht publiziert hat:
Hans
Urs von Balthasar
soll für sein Gesamtwerk ausgezeichnet werden, von dessen Weite und
Fülle die
kürzlich erschienene ‚Bibliographie 1925 – 1975’ eine erste Vorstellung
geben
kann. Allein die Themenbereiche, die Balthasar in fünfzig Jahren
bearbeitet
hat, verraten eine Universalität, die in Erstaunen setzt: Theologie,
Patristik
und Kirchengeschichte, Geschichte der Mystik und einzelner Mystiker,
Philosophie, Literatur, Kunst und Gegenwartsfragen. Dazu tritt eine
reiche
Übersetzertätigkeit, die neben theologischen und religiösen Schriften
auch
Dichtungen umfasst (Calderon, Claudel, Bernanos, Péguy),
Auswahlausgaben
deutscher Dichter und vieles andere. Zentrum seiner Betrachtung ist
stets der
christliche Glaube, in dessen Licht er die Erscheinungen auch des
nicht-religiösen Schrifftums aufzuschliessen sucht, ohne dessen Aspekte
zu
verengen oder die eigene Sicht zu kanonisieren. Auch die Grundlagen des
Katholizismus werden erhellt und für den ökumenischen Dialog nutzbar
gemacht.
Insgesamt zeichnet seine Art der Betrachtung eine souveräne Offenheit
aus, die,
auf solidester Sachkenntnis beruhend, sich nichts vergeben muss, um
anderen
Meinungen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Unter
den grossen Werken
seien genannt die ‚Apokalypse der deutschen Seele’ mit dem sprechenden
Untertitel ‚Zu einer Lehre von letzten Haltungen’, die in den Jahren
Ihres
Erscheinens (1937/38) von mehr als wissenschaftlicher Aktualität war,
das
fünfbändige Werk ‚Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik’, das als
der erste
Teil eines Triptychons gedacht ist – die weiteren Teile sind in den
Bänden
‚Theodramatik’ und ‚Wahrheit’ begonnen –, das Buch über Karl Barth,
aber auch
kleinere, dem nicht-theologischen Leser eher vertraute Schriften wie
‚Glaubhaft
ist nur Liebe’ oder ‚Cordula oder der Ernstfall’. Auf Hans Urs von
Balthasar
lässt sich wohl das bekannte Wort über Leibnitz anwenden: ’Er ist eine
Akademie
für sich’.
(Pressecommuniqué
Dezember 1975 (vor 19. Dezember 1975))
Glücklicherweise
war es trotz der vorweihnächtlichen Jahreszeit noch möglich, einen
freien Abend
zu finden, an dem, wieder im Zunfthaus zur Saffran, das Kuratorium mit
den drei
Ausgezeichneten zusammenkam (am 20. Dezember 1975). Ich hatte auch noch
Prof.
Alois Haas zu diesem Nachtessen eingeladen, der für die Wochenende-NZZ
vom
10./11. Januar 1976 eine sehr kompetente Würdigung des neuen Gottfried
Keller-Preisträgers schrieb. Ich selbst hielt wieder eine kleine
Tischrede, auf
die Dr. von Balthasar sehr eindrucksvoll antwortete.
Daniel
Bodmer, Zürich, den 1. Dezember 1976.
nach oben
[56. bis 58.]
Jahresbericht über die Jahre 1977 bis 1979
Mein
letzter, langer Jahresbericht vom 1. Dezember 1976 betraf die Jahre
1969-76,
das 49. bis 55. Jahr der Stiftung [richtig: 1970-76; 50. bis 55. Jahr],
so dass
dieser neue ihr 56. bis 59. [richtig: 58.] Geschäftsjahr vom 1. Juli
1976 bis
30. Juni 1979 zum Gegenstand hat. Das Geschäftliche ist schnell
geschildert und
liegt anhand der Gutschriftenanzeigen, Kontoauszüge und
Depotverzeichnisse der
unser Stiftungsvermögen von Fr. 263'000.-- bestens verwaltenden
Schweizerischen
Kreditanstalt präzis vor. Im Oktober 1976 und 1977 wurden uns die Fr.
20'000.--
der 4,5 % Eurofima-Obligation 1966-77 zurückbezahlt, für die wir 4¼ %
Kanton-Waadt-Obligation gekauft haben. Im November 1977 wurden die Fr.
5'000.--
der 4¾ % Stadt Lausanne 1965-80 gekündigt, für die wir 3 %
Albula-Landwasser
Kraftwerke 1979-92 gekauft haben.
Am
30. Juni 1976 stand uns ein Saldo von Fr. 9’947,70 zur Verfügung, am
30. Juni
1979 ein solches von Fr. 24’843,15. Wir haben in dieser Zeit Fr.
43’736,85
eingenommen und, ohne die Bankspesen von jährlich ca. Fr. 350,-,
folgende
Beträge ausgegeben:
Werkauftrag 1976 an
Herbert
Meier
8'000.--
Spesen 1973 und
1975
1'580.--
Spesen
1976
160.--
Preis 1977 an Elias
Canetti
15'000.--
Ehrengabe an Heidi
Keller
2'500.--
Spesen
1977
710.--
Total
27'950.--
Die
Einnahmen von jährlich etwa Fr. 13'000.-- bis Fr. 14'000.-- erlauben
uns also,
alle zwei Jahre einen Preis von Fr. 15'000.-- und z.B. zwei Ehrengaben
von Fr.
5'000.-- zu vergeben. Die Spesen von durchschnittlich Fr. 563.-- pro
Jahr (von
1971-79), für Bücher und für das von mir eingeführte festliche
Nachtessen bei
der Preisübergabe, gehen sicher nicht über das verantwortliche Mass
hinaus.
Nicht
an einer Sitzung, sondern auf dem Korrespondenzweg habe ich dem
Kuratorium am
11. Juli 1976 den Vorschlag gemacht, dem Schriftsteller Herbert Meier
mit einem
Beitrag von Fr. 8'000.-- zu ermöglichen, zwei Monodramen zu schreiben,
die von
Heddy Maria Wettstein in ihrem Kammertheater aufgeführt werden sollten.
Das
Kuratorium war einstimmig damit einverstanden, und die beiden Stücke
„Charlotta, Kaiserin“ und „Der Visitator“ gelangten im Juni 1977 zur
Uraufführung und wurden Ende Oktober bis ins neue Jahr hinein mit
Erfolg
nochmals gespielt.
An
zwei Sitzungen an der Rämistrasse 18, am 27. Juni und am 26. September
1977,
sprach sich das Kuratorium (im Juni leider ohne Werner Weber) über den
nächsten
Preisträger aus und beschloss, dass es Elias Canetti sein solle. Der
Winterthurer-Lyrikerin Heidi Keller wurde eine Ehrengabe von Fr.
2’500.-- zugesprochen. In der Pressemitteilung erwähnte ich den kurz
zuvor
erschienenen ersten Band von Canettis Autobiographie „Die gerettete
Zunge“, in
dem Zürich eine wichtige Rolle spielt, und bezeichnete den Autor als
„Geist von
europäischem Rang und von einer Ausstrahlung, die ständig zunimmt“.
Ein
Nachtessen in der Saffran am 19. Dezember vereinigte den Preisträger
und seine
Frau mit dem Kuratorium und mit Heidi Keller und Herbert Meier. Canetti
hielt
eine sehr schöne Dankesrede, deren Manuskript er mir nachher schenkte.
Das
Jahr 1978 verlief ohne äusserlich sichtbare Tätigkeit unserer Stiftung,
und die
Kuratoriensitzung vom 7. Juli 1977, die sich mit dem nächsten
Preisträger
beschäftigte, fällt schon nicht mehr in den Bereich dieses Berichtes.
Daniel
Bodmer, Zürich, den 1. März 1980.
nach
oben
Jahresbericht
zum 58. Geschäftsjahr. [1979]
Die
einzige Sitzung des Kuratoriums im Jahre 1979 fand am 7. Juli im Hause
von
Prof. Max Wehrli statt, und es wurde darin zwar nicht offen gesagt,
aber in
einer Bemerkung angetönt, dass der Gottfried Keller-Preis eigentlich
auch
einmal Max Wehrli zukommen sollte. Ich nahm den Gedanken auf und
telefonierte bereits am 9. Juli mit allen Kuratoren ausser mit ihm
selbst und
schlug vor, den nächsten Gottfried Keller-Preis Max Wehrli zuzusprechen
und ihn
ihm zum 70. Geburtstag am 17. September zu überreichen. Robert Faesi
war
seinerzeit auch Kurator gewesen und hatte den Preis bekommen!
Einstimmig und
mit grosser Begeisterung wurde diese Nomination bestätigt, und an der
Geburtstagsfeier mit Max Wehrlis Freunden durfte ich ihm den Preis 1979
übergeben, nachdem Aloys M. Haas in der NZZ sehr schön darauf
hingewiesen
hatte. Ehrengaben von je Fr. 5’000.-- wurden Hans Schumacher und Paul
Schmid-Ammann zugesprochen, die sich beide sehr darüber freuten, als
ich es
ihnen schrieb und sie bald darauf auch besuchte. Die Pressemitteilung
lautete:
Die
Martin Bodmer-Stiftung
für einen Gottfried Keller-Preis ehrt dieses Jahr den Zürcher
Germanisten Max
Wehrli zu seinem 70. Geburtstag mit dem Gottfried Keller-Preis von Fr.
15’000.--. Sie zeichnet damit sein literaturwissenschaftliches Werk
aus, das
Themen und Aspekte des deutschen Mittelalters und Barocks
kenntnisreich und stilistisch brillant
darstellt, das aber auch der literarischen Kultur seiner Vaterstadt
Zürich auf
das engste verbunden ist. Ehrengaben der Martin Bodmer-Stiftung werden
dem
Schriftsteller Hans Schumacher und dem Journalisten Paul Schmid-Ammann
zugesprochen.
(Pressecommuniqué
vom 13. September 1979)
Am
24. November 1979 vereinigte ich zum Gedenken an Martin Bodmers 80.
Geburtstag
(am 13. November) in der Bibliothek in Cologny und anschliessend zu
einem
Nachtessen im Restaurant Lion d’Or die Kuratoren der Martin
Bodmer-Stiftung für
einen Gottfried Keller-Preis, die noch lebenden Preisträger, den
Stiftungsrat
der Fondation Martin Bodmer, den Direktor der Bibliothek, alle mit
ihren Damen,
und meine Geschwister und meine Mutter. Von den Preisträgern konnten
daran
teilnehmen: Emil Staiger, Maurice Zermatten, Edzard Schaper, Marcel
Raymond
(nur in der Bibliothek) und Max Wehrli. In sehr ausgewogenen Ansprachen
erinnerten Staatsrat Chavanne, Prof. van Berchem, Prof. Wehrli, Dr.
Braun und
ich selbst an den Stifter der beiden Martin Bodmer-Stiftungen, und eine
instruktive
Ausstellung im Autographen-Saal ergänzte das Gesagte. Was die Kosten
dieses
Anlassses betrifft, so übernahm die Genfer Fondation die Übernachtungen
der
auswärtigen Gäste, die Zürcher Stiftung deren Reisekosten und ich
selbst die
Rechnung des Restaurants.
nach
oben
Jahresbericht
zum 59. Geschäftsjahr. [1980]
Im
Jahre 1980, in dem, wie gewohnt, kein Preis verliehen wurde, fand auch
keine
Sitzung des Kuratoriums statt. Unser Konto wies am Jahresende einen
Saldo von
Fr. 16'093.-- auf.
nach
oben
Jahresbericht
zum 60. Geschäftsjahr. [1981]
1981,
im Jahr des 25. Gottfried Keller-Preises und dem 60. seit der Gründung
der
Stiftung, kam das Kuratorium zweimal an der Rämistrasse 18 zusammen: am
9. März
und am 23. Oktober.
Völlig
unbestritten war Philippe Jaccottet der Kandidat für den Preis von
diesmal Fr. 18'000.--, und für die beiden Ehrengaben von je Fr.
5'000.-- wurden
nach längeren Prüfungen und Diskussionen über mehrere Kandidaten Hans
E.
Braun und Fritz Güttinger bestimmt. Die Pressemitteilung, die vom
12. Dezember an mehr oder weniger vollständig veröffentlicht wurde,
lautete:
Das
Kuratorium der ‚Martin
Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis’ hat den Gottfried
Keller-Preis, der alle zwei Jahre verliehen wird, dem Westschweizer
Dichter
Philippe Jaccottet zugesprochen. Die Preissumme beträgt Fr. 18'000.--.
Damit
wird ein Autor
geehrt, der durch Jahrzehnte sich und seinem Schaffen in aller Stille
treu
geblieben ist. Als Verfasser lyrischer und erzählender Prosa, als
Kritiker, der
sich keiner Richtung oder Schule verpflichtet hat, als Übersetzer von
Homer,
Hölderlin, Rilke, Thomas Mann, Musil, Ungaretti, Cassola, vor allem
aber als
Lyriker mit mehreren Sammlungen von Gedichten, die eine ganz eigene,
unverwechselbare Stimme offenbaren, hat er ein in Frankreich und in der
welschen Schweiz, und dank Friedhelm Kemp auch im deutschen Sprachraum,
unter
Kennern hochgeachtetes Werk geschaffen. Zu dem 1925 in Moudon
geborenen, seit
vielen Jahren in Grignan (Frankreich) lebenden Preisträger passt ein
Stichwort
seiner Dichtung: ‚L’effacement soit ma façon de resplendir’.
Neben
dem Gottfried
Keller-Preis für Jaccottet wurden mit einer Ehrengabe bedacht: Hans E.
Braun
(Genf) für seine Forschungen auf dem Gebiet des Innerschweizer
Barocktheaters
und für seine zehnjährige Tätigkeit als Direktor der Bibliotheca
Bodmeriana in
Cologny, und Fritz Güttinger (Zürich) für seine Übersetzungen aus der
angelsächsischen Literatur und seine Beschäftigung mit dem frühen Film.
Ende
1981 wies unser Konto einen Saldo von Fr. 6’378,65 auf, wobei die eine
Ehrengabe und die Spesen für die Jahre 1979 bis 1981 von insgesamt Fr.
1’726,90
noch nicht bezogen waren.
Daniel
Bodmer, Zürich, den 15. April 1982.
nach
oben
61. bis 63.
Geschäftsjahr.
Jahresbericht über die Jahre 1982 bis 1984
Nachdem
1981 der 25. Gottfried Keller-Preis dem Westschweizer Dichter Philippe
Jaccottet zugesprochen worden war und ich meinen Jahresbericht über die
Jahre 1979 bis 1981 verfasst und an das Eidgenössische Departement des
Inneren,
unserer Aufsichtsbehörde, geschickt hatte, wurde dieser genehmigt und
unsere
gemeinnützige Aktivität verdankt (am 27. April 1982). Gleichzeitig
wurde der
Wunsch ausgesprochen, dass wir in Zukunft, wie alle anderen Stiftungen,
eine
Kontrollstelle einsetzen und deren Bericht mit der Bilanz alljährlich
nach Bern
schicken sollten. Rückwirkend liegt denn diesem heutigen Jahresbericht
nun bei:
Bilanz
und Stiftungsrechnung 1979
Bilanz
und Stiftungsrechnung 1980
Bilanz
und Stiftungsrechnung 1981
Bilanz
und Stiftungsrechnung 1982
Bilanz
und Stiftungsrechnung 1983
Bilanz
und Stiftungsrechnung 1984
Kontrollbericht
der Stiftungsrechnung 1979 – 1981
Kontrollbericht
der Stiftungsrechnung 1982 - 1983
Kontrollbericht
der Stiftungsrechnung 1984
In
den Jahren 1982 und 1984, Jahre ohne Gottfried Keller-Preis, fanden
keine Sitzungen
des Stiftungsrates statt. 1983 hingegen trafen wir uns zweimal, am 27.
Juni und
am 25. Oktober, und haben nach ausführlichen Gesprächen den
süddeutschen
Schriftsteller Hermann Lenz zum Gottfried Keller-Preisträger erkoren
und
mit je einer Ehrengabe Alice Vollenweider für ihre Mittlertätigkeit
zwischen Italien und dem deutschen Sprachraum und Peter Marxer für
seine
Bemühungen um ein vorzügliches Schülertheater ausgezeichnet. Die
Laudatio auf
[richtig: Die Pressemitteilung für die Preisverleihung an] Hermann Lenz
lautete
so:
Damit
wird ein Autor
geehrt, der in Jahrzehnten des literarischen Engagements, in der Treue
zu sich
selbst und in der Beharrlichkeit des schöpferischen Prozesses ein
bedeutendes
episches Werk vorgelegt hat. Als Verfasser von Romanen, Erzählungen und
autobiographisch inspirierter Literatur zeigt Lenz den Menschen in
seinem
Verhältnis zur Geschichte, herausgefordert durch die zeit, von der Zeit
vor die
Entscheidung gestellt. Die Werke von Hermann Lenz – unter ihnen „Das
stille
Haus“ (1947), dann „Die Augen eines Dieners“ (1964), „Neue Zeit“
(1975), „Der
innere Bezirk“ (1980) und „Ein Fremdling“ (1983) – bezeugen auf gültige
Weise
die Erfahrung des Schriftstellers auf dem Weg zur humanen Substanz.
(Pressecommuniqué
vom 30. November 1983)
Am
2. Dezember 1983 habe ich an einem Nachtessen in der „Ratsstube“ des
Zunfthauses zur Saffran den Preis von Fr. 18’000.-- und die beiden
Ehrengaben
von Fr. 5’000.-- übergeben. Anwesend waren die Preisträger, die
Kuratoren,
angehörige und ein illustrer Kreis von früheren Preisträgern: Elias
Canetti,
Golo Mann, Emil Staiger, Max Wehrli. „Das es so etwas noch gibt“,
meinte Golo
Mann am Schluss dieses unvergesslichen Abends zu mir. Lothar Kempter
hielt
während des Essens eine sehr schöne Rede auf Hermann Lenz, der beglückt
antwortete und sich bedankte.
Was
unsere Finanzen betrifft, verweise ich auf den Bericht der
Kontrollstelle vom
25. Mai 1984. Da der Mehraufwand Ende 1983 rund Fr. 3’000.-- betrug,
stellt
sich ernsthaft die Frage, die Herr Rutishauser am Ende seines Berichts
aufwirft, ob wir nicht das nächste Mal die Preissumme oder die
Ehrengaben
reduzieren oder nur eine Ehrengabe verleihen sollten. Darauf werden wir
an unserer nächsten Sitzung, an der wir den 26. Gottfried Keller-Preis
für das
Jahr 1985 besprechen, zurückkommen müssen.
Daniel
Bodmer, Zürich, den 20. März 1985.
nach
oben
64.
und 65. Geschäftsjahr. Jahresbericht über die Jahre 1985 und 1986
An
einer einzigen Sitzung, am 21. Juni 1985, beschloss das Kuratorium nach
eingehender Diskussion, den 27. Gottfried Keller-Preis dem Historiker
Herbert
Lüthy zuzusprechen. Als Empfänger von Ehrengaben wurden der Tessiner
Dichter und Übersetzer Giorgio Orelli und Charles Linsmeyer bestimmt,
dieser
für seine Tätigkeit als Herausgeber der 30-bändigen Reihe „Frühling der
Gegenwart – Der Schweizer Roman 1890 – 1950“. Die Übergabe fand wie
gewohnt
anlässlich eines Nachtessens mit Damen im Zunfthaus zur Saffran statt
und zwar
am 29. November. Der Presse wurde folgender Text über Herbert Lüthy zur
Verfügung gestellt, der, wie gewohnt, gekürzt in den Zeitungen
erschienen ist:
Der
diesjährige
Preisträger hat sich in den Fünfzigerjahren einen Namen gemacht mit den
Werken
‚Frankreichs Uhren gehen anders’ (1954) und ‚La Banque protestante en
France’
(1959, 1961) und hat, neben seinen Professuren an der ETH und in Basel,
wesentliche, glänzend geschriebene geschichtliche und
geistesgeschichtliche
Essays verfasst und ist auch als Übersetzer von Montaigne und von
Aragon
hervorgetreten. In Texten wie ‚Die Mathematisierung der
Sozialwissenschaft’
(1970) oder ‚Fahndung nach dem Dichter Bertolt Brecht’ (1972) hat er
immer auch
unbequeme Themen aufgegriffen.
(Pressecommuniqué,
ohne Datum (vor 30. November 1985))
Obschon
wir auf dem Konto der Stiftung bei der Schweizerischen Kreditanstalt
nur rund
Fr. 20’000.-- hatten, wollte ich die beiden Ehrengaben an zwei sehr
verdiente
Persönlichkeiten nicht reduzieren und schlug dem Kuratorium vor, sie
auf je Fr.
5’000.-- zu belassen und den Gottfried Keller-Preis auf Fr. 15’000.--
festzusetzen. Die Bank war ohne weiteres bereit, uns die fehlenden Fr.
5’000.--
vorzustrecken. Deshalb schloss unsere Rechnung Ende 1985 mit einem
Soll-Saldo
ab, das erst Mitte Mai 1986 wieder ausgeglichen werden konnte. 1986 war
ohnehin
ein „ruhendes“ Jahr, was den Gottfried Keller-Preis betrifft, und wir
werden im
Kuratorium darüber sprechen müssen, ob wir, was ich bereits in meinem
letzten
Bericht angedeutet habe, in Zukunft kleinere Beträge oder weniger Gaben
in
Betracht ziehen wollen, oder ob wir zu einem Dreijahres-Rhythmus
übergehen
sollten. Ende 1987 werden wir rund Fr. 23'000.-- zur Verfügung haben.
Ende 1988
rund Fr. 36’000.--.
Daniel
Bodmer, Zürich, den 4. März 1987.
nach
oben
66.
bis 68. Geschäftsjahr. Jahresbericht über die Jahre 1987 bis 1989
Nachdem
Ende 1985 Herbert Lüthy der 27. Gottfried Keller-Preisträger war, ging
es aus verschiedenen Gründen bis im Mai 1989, dass wir wieder einen
Preis
übergeben konnten, diesmal an den Waadtländer Schriftsteller und
Literaturkritiker Jacques Mercanton. Eine Ehrengabe bekam die Tessiner
Schriftstellerin Anna Felder. Zuerst galt es unser Kuratorium durch
zwei
Mitglieder zu erneuern, nachdem Wolfgang Binder im März 1986 plötzlich
verstorben war und Fritz Hindermann aus unserem Kreis zurückzutreten
wünschte.
Es war mir eine grosse Freude, dass Roger Francillon und Peter von
Matt, beide
Professoren an der Universität Zürich, bereit waren, in unserem
Kuratorium
mitzuwirken.
Aus
finanziellen Gründen hätte erst 1988 wieder an eine Preisverleihung
gedacht
werden können, und wir konnten dann den Preis auf Fr. 20’000.-- (bisher
Fr.
15’000.-- und Fr. 18'000.--) und die Ehrengabe auf Fr. 6'000.-- (bisher
Fr.
5'000.--) erhöhen. Dies schien uns notwendig, da der Literaturpreis der
Stadt
Zürich inzwischen auf Fr. 40'000.-- angehoben wurde und der Grosse
Schillerpreis auf Fr. 30'000.--.
Das
neue Kuratorium kam am 23. November 1988 erstmals zusammen, leider zum
letzten
Mal mit Max Wehrli, der ihm mehr als 30 [richtig: 40] Jahre angehört
hat und
der mir schon seit einiger Zeit von seinen Rücktrittsabsichten sprach.
So
konnte ich am Freitagabend, den 12. Mai 1989, bei einem Nachtessen im
Hotel
Storchen, die Herren Hindermann und Wehrli mit dem herzlichsten Dank
für ihre
Tätigkeit im Dienste unserer Stiftung verabschieden und die Herren
Francillon und
von Matt im Kuratorium begrüssen. Die Übergabe der beiden
Auszeichnungen fand
in diesem harmonischen Rahmen statt.
Mit
dem 28. Gottfried Keller-Preisträger Jacques Mercanton wurde, nach
Ramuz, Zermatten, Marcel Raymond und Philippe Jaccottet, zum 5. Mal ein
Westschweizer ausgezeichnet, zum 16. Mal ein Schriftsteller. Die
Mitteilung an
die Presse lautete:
Die
Martin Bodmer-Stiftung
für einen Gottfried Keller-Preis hat dieses Jahr den Waadtländer
Schriftsteller
Jacques Mercanton mit dem Gottfried Keller-Preis ausgezeichnet. Die
Preissumme beträgt Fr. 20’000.--. Zu den ersten Preisträgern gehörte
C.F. Ramuz
(1927), zu den letzten Hans Urs von Balthasar (1975), Elias Canetti
(1977),
Philippe Jaccottet (1981), Herbert Lüthy (1985).
Der
1910 in Lausanne
geborene Jacques Mercanton hat vier Bände mit Erzählungen
veröffentlicht,
darunter „La Sibylle“ (1967), und fünf Romane, von denen „L’Été des
Sept-Dormants“ (1974) als sein Meisterwerk gilt. Von Beruf zuerst
Mittelschullehrer, dann Universitätsprofessor für französische Sprache
und
Literatur in Lausanne ist er auch als Literaturkritiker hervorgetreten.
In den
„Editions de l’Aire“ ist eben sein Gesamtwerk in elf Bänden erschienen.
Eine
Ehrengabe von Fr.
6'000.-- erhält die in Aarau lebende Tessiner Schriftstellerin Anna
Felder,
von der zwei Werke auch auf deutsch erschienen sind: „Quasi Heimweh“
(1970) und
„Umzug durch die Katzentür“ (1975). Leider sind beide vergriffen.
(Pressecommuniqué
vom 8. Mai 1989)
Wie
gewohnt brachte die „Neue Zürcher Zeitung“ einen grösseren Beitrag über
den
Preisträger, aus der Feder Roger Francillions, und dass Anna Felders
„Quasi
Heimweh“ inzwischen vom Suhrkamp-Verlag in seiner neuen Reihe mit
Schweizer
Literatur neu herausgegeben wurde, hängt vielleicht doch auch ein wenig
mit
unserer Auszeichnung zusammen.
Daniel
Bodmer, Zürich, den 30. August 1990.
nach
oben
69.
bis 71. Geschäftsjahr. Jahresbericht über die Jahre 1990 bis 1992
In
der zweiten Hälfte des Jahres 1989 sowie 1990 ruhte die Tätigkeit
unserer
Stiftung. 1991, im Jubiläumsjahr der Eidgenossenschaft, wollten wir
wenn
möglich einen bedeutenden Schweizer Dichter oder eine Schweizer
Dichterin mit
dem Gottfried Keller-Preis auszeichnen. Nach Jacques Mercanton, 1989,
war
wieder die deutschsprachige Schweiz an der Reihe.
An
zwei Sitzungen am 24. Januar und am 28. Oktober 1991 und nach der
Lektüre einer
beachtlichen Anzahl Werke verschiedener Autoren entschieden wir uns für
Erika
Burkart als Preisträgerin (Fr. 20’000.--) und für Urs Hobi und Gert
Westphal als Empfänger von Ehrengaben (je Fr. 5'000.--).
Erstmals
gehörte Prof. Karl Pestalozzi unserem Kuratorium an, das Prof. Lothar
Kempter
aus Altersgründen nach genau zwanzigjähriger Zugehörigkeit zu verlassen
wünschte. Das Amt der Vizepräsidenten übernimmt Prof. Peter von Matt.
Die
Mitteilung über die Preisverleihung an die Presse, die für den 14.
Dezember
1991 vorgesehen war, lautete:
Die
Aargauer Dichterin und
Schriftstellerin Erika Burkart erhält den Gottfried Keller-Preis der
Martin
Bodmer-Stiftung, die damit in den 70 Jahren ihres Bestehens nach
Gertrud von Le
Fort zum zweiten Mal eine Frau mit diesem wichtigen Schweizer
Literaturpreis
auszeichnet. Erika Burkhart hat in ihren zahlreichen Gedichtbänden, die
seit
1953 erschienen sind, zuletzt in „Die Freiheit der Nacht“ (1981) und
„Sternbild
des Kindes“ (1984), „Schweigeminute“ (1988) und „Die Zärtlichkeit der
Schatten“
(1991), aber auch in ihren Prosawerken „Moräne (1970), „Rufweite“
(1975), „Der
Weg zu den Schafen“ (1979), „Die Spiele der Erkenntnis“ (1985) und „ich
suche
den blauen Mohn“ (1989) immer wieder gezeigt, dass sie zu den
bedeutendsten
Erscheinungen der literarischen Schweiz in dieser zweiten
Jahrhunderthälfte
gehört.
Eine
Ehrengabe wurde dem
Schauspieler und Regisseur Gert Westphal zugesprochen für seine
verdienstvolle
Vermittlung von Literatur durch Lesungen, unter anderem auch von
Gottfried
Kellers „Grünem Heinrich“. Eine zweite Ehrengabe erhält Hans Bernhard
Hobi für
seine aussergewöhnlich dichten Erzählungen in Sarganser Mundart.
Aus
Termingründen fand die Übergabe erst am 6. Januar 1992, wiederum im
stilvollen
Hotel Storchen statt, wobei alle drei Empfänger sehr eindrucksvoll
Texte lasen,
eigene und Gert Westphal solche von Gottfried Keller. Der scheidende
Lothar
Kempter wurde von mir ganz herzlich verabschiedet, Karl Pestalozzi
ebenso
herzlich willkommen geheissen.
Nach
dieser besonders schönen und harmonischen Feier verlief der Rest des
Jahres
1992 für unsere Stiftung, wie üblich nach einer Preisverleihung,
ereignislos.
Wie gewohnt kümmerte sich die Schweizerische Kreditanstalt um die
Verwaltung
unseres Stiftungsvermögens, das Ende 1992 Fr. 307’007,40 betrug. Auf
dem Konto
bei der SKA standen Fr. 21’679,55 zur Verfügung.
Dr.
Daniel Bodmer, Zürich, den 2. März 1993.
nach oben
[72. – 73.]
Jahresbericht
der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf die
Jahre 1993
und 1994.
Nach dem Tod meines Vaters am
17. Oktober 1994 ist es nun an mir, den Jahresbericht der Jahre 1993
und 1994
zu verfassen. Dies geschieht in Absprache mit der zuständigen Behörde.
Das Geschäftsjahr wird in
Zukunft mit dem Kalenderjahr synchronisiert.
Nachdem am 6. Januar 1992
Erika Burkart, Urs Hobi und Gert Westphal geehrt wurden, ruhten die
Tätigkeiten
der Stiftung für gut zwei Jahre. Am 21. März 1994 entschied sich das
Kuratorium, den Schriftsteller Gerhard
Meier für sein Gesamtwerk mit Fr. 20'000.-- auszuzeichnen. Ausserdem
erhielt Angelika Maas für ihre
Übersetzungen aus dem Katalanischen eine Ehrengabe, die mit Fr.
8'000.--
dotiert war. Gilbert Musy wurde
ebenfalls eine Ehrengabe in derselben Höhe für seine Übersetzungen von
Texten
deutschsprachiger Schweizer Autoren und Autorinnen ins Französische
zugesprochen.
Die Pressemitteilung, die am
19. November erschien, lautete:
Die
Martin-Bodmer-Stiftung hat den Gottfried-Keller-Preis 1994 dem Erzähler
und
Lyriker Gerhard Meier für sein
Gesamtwerk zugesprochen. Gerhard Meier, geboren 1917 in Niederbipp (Kt.
Bern),
seit 1971 freier Schriftsteller, hält in der gegenwärtigen
deutschsprachigen
Literatur, was Stoff und eigenen Ton betrifft, einen besonderen Rang.
In
unauffälliger Kunst gibt er regional-alltäglichen Verhältnissen
symbolische
Weite. Seine wichtigsten Dichtungen sind in einer drei Bände
umfassenden
Ausgabe erschienen, unter anderem: "Einige Häuser nebenan"
(Gedichte), "Papierrosen" (Prosaskizzen), "Der Besuch"
(Roman), "Der schnurgerade Kanal" (Roman), "Baur und
Bindschädler" (Roman).
Neben
dem Gottfried-Keller-Preis hat die Martin-Bodmer-Stiftung Ehrengaben an
Angelika Maas und Gilbert Musy verliehen. Angelika Maas
(1952) hat die Werke der Erzählerin Mercè Rodoreda aus dem
Katalanischen
übertragen und so für den deutschsprachigen Kulturkreis Dichtungen von
weltliterarischem Rang erschlossen. Bis jetzt sind erschienen die Bände
"Reise ins Land der verlorenen Mädchen", "Der zerbrochene
Spiegel", "Der Fluss und das Boot", "Aloma". Der Band
"Und lass als Pfand, mein Liebling, Dir das Meer" sodann enthält
fünfzehn Erzählungen zeitgenössischer katalanischer Autorinnen und
Autoren.
Gilbert
Musy (1944), bekannt geworden durch seine Romane "La tangente", "Le
point de suite", "Le plomb", hat Prosa, Schauspiele, Reden von
Autoren und Autorinnen der deutschsprachigen Schweiz - u.a. Hermann
Burger,
Rosmarie Buri, Friedrich Dürrenmatt, Thomas Hürlimann, Hugo Loetscher -
ins
Französische übertragen. Er hat damit einen Beitrag zum kulturellen
Gespräch
zwischen deutscher und welscher Schweiz geleistet.
Die Preisübergabe fand am 19.
November 1994 im Zunfthaus zur Meisen statt. Gerhard Meier rahmte seine
Rede in
den "Grünen Heinrich" ein, indem er sich einleitend fragte, ob es zu
Gottfried Kellers Zeiten auch schon Literaturpreise gab. Heute blühen
hinter
Meiers Haus Astern, so, wie sie vielleicht schon in Annas Gärtchen
gestanden
haben. Und vielleicht hätte sich, schloss Meier, Heinrich gelegentlich
eine ins
Knopfloch gesteckt. Nicht unkritisch verglich der Geehrte den
Literaturbetrieb
mit dem Spitzensport. Es werde trainiert, gemogelt, gesiegt und
verloren im
grossen Gerangel.
Gilbert Musy las aus seiner
neusten Übersetzung eines Textes Matthias Zschokkes vor. Anschliessend
durften
wir den fremden und doch irgendwie bekannten Klängen der katalanischen
Sprache
zuhören, die uns Frau Maas aus Rodoredas Werk zum besten gab.
Nach dieser schönen Feier, die
nicht etwa im Zeichen der Trauer stand, sondern vielmehr die Erinnerung
an
Daniel Bodmer aufleben liess, wurde von Seiten der Familie Bodmer
darüber
beraten, wer nun im Kuratorium vertreten sein sollte. Die Familie
entschied
sich für Ursina Schneider-Bodmer und Thomas Bodmer. Beide wurden
mittels
Zirkulationsbeschluss am 23. März 1995 in den Rat gewählt. Thomas
Bodmer
übernahm das Präsidium, Ursina Schneider-Bodmer die Verwaltung des
Stiftungsvermögen.
Wie immer kümmerte sich die
Schweizerische Kreditanstalt um die Verwaltung des Stiftungsvermögens,
das Ende
1994 Fr. 285'379.35 betrug. Es standen Fr. 18'401.05 zur Verfügung, was
bei
einem Aufwand von Fr. 48'373.85 einen Rückschlag von Fr. 29'972.80
bedeutet.
Die Revisionsstelle ist wie gewohnt die Hugger Treuhand AG, Zürich.
Thomas Bodmer, Zürich, den 20.
Juni 1995.
nach oben
[74. – 75.]
Jahresbericht
der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf die
Jahre 1995
und 1996.
Nachdem
am 19. November 1994 Gerhard Meier für sein Gesamtwerk mit Fr.
20'000.-- ausgezeichnet
wurde, Angelika Maas für ihre Übersetzungen aus dem Katalanischen eine
Ehrengabe erhielt, die mit Fr. 8'000.-- dotiert war und Gilbert Musy
ebenfalls
eine Ehrengabe in derselben Höhe für seine Übersetzungen von Texten
deutschsprachiger Schweizer Autoren und Autorinnen ins Französische
zugesprochen wurde, ruhten die Tätigkeiten der Stiftung 1995. Im Januar
1996
entschied sich das Kuratorium, dem Theaterprojekt Sauternes für seine
Theateradaption von Gerhard Meiers „Toteninsel“
Fr. 5’000.-- zuzusprechen. Das Kuratorium verzichtete 1996 auf eine
Preisvergabe und einigte sich darauf, für 1997 einen Preis zu verleihen.
Wie
immer kümmerte sich die Schweizerische Kreditanstalt um die Verwaltung
des
Stiftungsvermögens, das Ende 1995 Fr. 305’133.50 betrug. Es standen Fr.
20’954.15 zur Verfügung. Ende 1996 betrug das Vermögen Fr. 312’385.95
und wies
einen Ertragsüberschuss von Fr. 7’252.45 aus. Die Revisionsstelle ist
die
Hugger Treuhand AG, Zürich.
Thomas
Bodmer, Zürich, den 23. Dezember 1997.
nach oben
[76.]
Jahresbericht der
Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr
1997.
Das
Jahr 1997 stand ganz im Zeichen der diesjährigen Preisvergabe.
Am
13. März 1997 traf sich das Kuratorium zu einer ersten Sitzung. Zuerst
referierte der Präsident Thomas Bodmer über das Geschehen in und um die
Stiftung, die seit dem Projekt „Toteninsel“ im Jahr 1995, als die
Theatergruppe
Sauternes mit Fr. 5’000.-- für ihre
Bühnenadaption von Gerhard Meiers Prosastück unterstützt wurde, nicht
mehr
aktiv war. Die hauptsächliche Arbeit in den zwei Jahren, in denen die
Stiftung ruhte,
beschränkte sich vor allem auf das Schreiben von Absagen an
Gesuchsteller aus
der ganzen Welt. Damit verbunden ist die Zunahme an neuen
Publikationen, in
denen Stiftungen, Preise und Förderungsinstitute aufgelistet werden.
Der Trend,
dass Kultur mehr und mehr von privater Seite und immer weniger von der
öffentlichen Hand getragen werden kann, wird spürbar.
Unter
dem Traktandum Rechnung und Budget machte die Kassierin Ursina
Schneider-Bodmer
deutlich, dass aufgrund der guten Börsenjahre das Stiftungskapital eine
Ausschüttung von gegen Fr. 40’000.-- erlauben würde. Peter von Matt
meinte
dazu, die Höhe der Preisgelder hätten in den letzten Jahren allgemein
zugenommen und so sei es auch in unserem Preis angemessen, die Summe
von Fr.
20’000.-- auf 25’000.-- zu erhöhen, bzw. eine Ehrengabe von Fr.
10'000.-- zu
vergeben. Dies fand allgemeine Zustimmung.
Damit
kam die zentrale Frage auf, wen die Stiftung 1997 auszeichnen sollte.
Werner
Weber appellierte sogleich an die Runde, endlich wieder einmal das
Tessin, oder
besser, die italienisch-sprachige Schweiz zu berücksichtigen. Bald
fielen die
Namen von Alberto Nessi und Giorgio Orelli. Orelli hatte allerdings
1985 die
Ehrengabe des Gottfried-Keller-Preises und den Grossen Schillerpreis
1988
erhalten.
Das
Kuratorium zog darauf Giovanni Orelli, den Vetter von Giorgio in
Betracht, weil
er auch ein wichtiger Repräsentat der Literatur aus dem Tessin ist. Im
Gegensatz zu seinem poetischen Vetter ist er ein Volksschriftsteller,
der z.B.
mit Meinrad Inglin verglichen werden kann. Das Kuratorium entschied
sich, bis
zur nächsten Sitzung vor der Sommerpause, die Werke Giovanni Orellis zu
studieren.
Wiederum
Werner Weber schlug für die Ehrengabe das Ehegatten Peter und Doris
Walser-Wilhelm vor, die seit Jahrzehnten in beinahe frondienstähnlicher
Arbeit
den umfangreichen Briefwechsel Karl Viktor von Bonstettens edieren und
nun in
wunderschön gemachten Bänden zur Veröffentlichung bringen. Es sei an
der Zeit,
diese immense Leistung zu würdigen, meinten neben Weber auch Pestalozzi
und von
Matt.
[...]
Karl
Pestalozzi schlug vor, den Geehrten die Möglichkeit zu geben, einen
Gast ihrer
Wahl an die Preisübergabe mitzubringen. Giovanni Orelli wünschte, dass
Frau
Alice Vollenweider an die Übergabe eingeladen werde. Die
Literaturkritikerin
Alice Vollenweider trug massgeblich dazu bei, dass die
italienisch-sprachige
Literatur auch auf unserer Seite des Gotthards bekannt wurde. Herr und
Frau
Walser-Wilhelm baten, das Ehepaar Beatrix und Peter Michel, das, im
Falle eines
Wechsels der Herausgeber, mithelfen würde, die Bonstettiana
weiterzuführen. Die
Feier am 8. November 1997 im Zunfthaus „Zur Waag“ war ein sehr schöner,
eindrücklicher und unvergesslicher Abend.
Wie
immer kümmerte sich die Credit Suisse um die Verwaltung des
Stiftungsvermögens,
das Ende 1996 Fr. 314'085.95 betrug. Es standen 1997 Fr. 23'355.35 zur
Verfügung, was bei einem Aufwand von Fr. 42'112.40 einen Rückschlag von
Fr.
18'757.05 bedeutet. Die Revisionsstelle ist wie gewohnt die Hugger
Treuhand AG,
Zürich.
Thomas
Bodmer, Zürich, den 24. Juni 1998.
nach oben
[77.]
Jahresbericht der
Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr
1998.
Da 1997 kein Preis verliehen
wurde,
ruhten die Tätigkeiten der Stiftung 1998 weitgehend.
Thomas Bodmer fragte im Herbst
1998
die Nachkommen von Martin Bodmer an, ob sie bereit wären, das
Stiftungskapital
zu erhöhen. Von beinahe allen Familienmitgliedern kam eine positive
Zusage von
insgesamt Fr. 150'000.-- [richtig: Fr. 170'000.--]. Diese Summe wird
aber erst
1999 dem Stiftungsvermögen zugeführt.
Per 31. Dezember 1998 trat das
langjährige Mitglied des Kuratoriums, Herr Prof. Dr. Werner Weber von
seinem
Amt zurück. Er will sich in seinem achtzigsten Lebensjahr von seinen
Pflichten
trennen. Das Kuratorium nimmt dies mit Bedauern zur Kenntnis.
Die Rechnung 1998 wurde wie
immer vom
Treuhänder der Stiftung, Herrn Hugger, erstellt und revidiert. Die
Stiftungsrechnung für das Jahr 1998 weist einen Ertragsüberschuss von
FR.
8'612.25 aus, das Stiftungsvermögen per 31. Dezember 1998 beträgt FR.
302'241.15.
Thomas Bodmer Januar 1999.
nach oben
[78.]
Jahresbericht der
Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr
1999.
Das Jahr 1999 war, nachdem 1997
der Gottfried
Keller-Preis an Giovanni Orelli verliehen wurde, wieder ein Preisjahr.
Das
Kuratorium traf sich zu einer ersten Sitzung am 25. März. Es ging dabei
nicht
nur um mögliche Kandidaten für Preis und Ehrengaben, sondern auch um
die
Diskussion über das zu revidierende Reglement und vor allem auch um die
Nachfolge Werner Webers, der per 31. Dezember 1998 aus seinem Amt nach
44-jähriger (!) Tätigkeit zurückgetreten ist.
Der Rat beschloss, Frau Alice
Vollenweider anzufragen, ob
sie in unserem Preis mitarbeiten möchte. Das Kuratorium war der
Auffassung,
dass Frau Vollenweider als Kennerin und Vermittlerin vor allem der
italienisch-sprachigen Schweiz, aber auch durch eigene Auszeichnungen
und
andere Beziehungen zum Preis, hervorragend in den Rat passen würde. Die
Zusage
von Frau Vollenweider erreichte den Präsidenten im April.
[...]
Nach einer längeren, aber
eindeutigen
Diskussion beschloss das Kuratorium den Preis 1999 Peter Bichsel zu
verleihen.
Dieser Autor zeichnet sich durch ein Phänomen aus: trotz seines
schmalen und
vielleicht sogar unscheinbaren Werkes ist Bichsel jedem Kind ein
Begriff. Er
gehört sicherlich zu den bekanntesten lebenden Autoren der Schweiz und
verdient
es, für seine konsequente und kritische Arbeit gewürdigt zu werden.
[...]
Die Ehrengabe ging an Herrn und
Frau
Marti für ihre Tätigkeit für ihre Arbeitsstelle
für kulturwissenschaftliche Forschungen in Engi (GL).
Werner Weber sollte an der
Preisverleihung aus dem Kuratorium verabschiedet und mit einem Geschenk
(Holzdruck von Félix Vallotton) geehrt werden.
Die Preissummen betrugen Fr.
25'000.--, bzw. Fr. 10'000.--. Der 13. November wurde für die Feier
festgelegt.
Dies war gleichzeitig der 100ste Geburtstag des Stifters Martin Bodmer.
Die Verleihung wurde im
Zunfthaus zur Schmieden in Zürich
gefeiert. Herr und Frau Bichsel haben den Suhrkamp-Lektor Herrn Rainer
Weiss,
Herr und Frau Marti haben Ihren Stiftungsratspräsident Dr. Wolfgang
Rother und
ihre langjährige Mitarbeiterin, Frau Mirjam Christen, als ihre Gäste
mitgebracht.
[...]
Die Laudatio auf Peter Bichsel
hielt Peter von Matt,
diejenige auf Hanspeter und Karin Marti kam von Karl Pestalozzi, bei
dem beide
ihre Abschlüsse gemacht haben, bzw. Hanspeter Marti auch dissertierte.
Die Rechnung 1999 wurde wie
immer vom
Treuhänder der Stiftung, Herrn Hugger, erstellt und revidiert. Die
Stiftungsrechnung für das Jahr 1999 weist einen Ertragsüberschuss von
Fr.
126'776.95 aus, das Stiftungsvermögen per 31. Dezember 1999 beträgt Fr.
429'018.10.
Thomas Bodmer, Salzburg, den
13. Juli 2000.
nach oben
[79.]
Jahresbericht der
Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr
2000.
Das Jahr 2000 war, nachdem
1999 der Gottfried Keller-Preis an Peter Bichsel verliehen wurde, ein
sogenannt
stilles. Es stand keine Preisverleihung an.
Im April 2000 hat uns der
Zwingliverein Zürich um eine Unterstützung für die Heinrich
Bullinger-Ausgabe,
die unter Prof. Emidio Campi im Entstehen ist, angesucht. Die Idee ist
es, das
literarische Schaffen Bullingers in modernem Deutsch zu einem günstigen
Preis
darzubieten. In Anbetracht des lobenswerten und interessanten Projekt
und nicht
zuletzt aufgrund der Verbundenheit des Preises zum reformierten Zürich,
hat
sich der Schreibende die Freiheit genommen und dem Zwingliverein Fr.
2'000.--
zukommen lassen.
Weitere
Ausgaben waren mit der professionellen Archivierung der Preisdokumente
verbunden.
Sämtliche vorhandenen Schriftstücke wurden katalogisiert, in
säurefreiem Papier
und entsprechenden Boxen untergebracht. Die Arbeiten laufen auch noch
im
folgenden Jahr weiter.
Eine wesentliche Arbeit der
Geschäftsstelle war die
Planung einer Broschüre über den Preis. Die Publikation soll im Jahr
2001, dem
80. Preisjahr, erscheinen. Hierzu lieferte Bodmer ein erstes Konzept im
Juni
2000. In der Folge nahm das Kuratorium erst schriftlich dazu Stellung.
An der
Sitzung vom 18. September 2000 wurden dann die Details diskutiert. Man
beschloss, nicht nur eine Broschüre, sondern auch eine ergänzende
Homepage zu
schaffen.
Die Rechnung 2000 wurde wie
immer vom
Treuhänder der Stiftung, Herrn Hugger, erstellt und revidiert. Die
Stiftungsrechnung für das Jahr 2000 weist einen Verlust von Fr.
8'483.75 aus,
das Stiftungsvermögen per 31. Dezember 2000 beträgt Fr. 420'534.35.
Lic.phil. Thomas Bodmer,
Präsident.
nach oben
[80.]
Jahresbericht der
Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr
2001.
In einer ersten (und langen)
Sitzung am 27. Februar
werden zu Beginn die geplante Broschüre und die damit verbundene
Homepage im
Detail besprochen. Ziel der Publikation und der Präsenz im Internet ist
es, die
Verbreitung von Informationen zur Stiftung und eine damit verbundene
Aufwertung
des Preises durch einen grösseren Bekanntheitsgrad zu erwirken. Die
Texte
werden in deutsch und französisch publiziert. Die Auflage der Broschüre
soll
maximal 1'000 Exemplare umfassen, da sie relativ schnell an Aktualität
verliert.
In erster Linie werden ehemalige und zukünftige AutorInnen, die Medien,
Bibliotheken etc. mit der Broschüre versehen. Das Budget hat sich
gegenüber der
in der Einladung mitgeschickten Kostenübersicht etwas verbessert. Die
Offerten
der Druckereien differieren stark, sodass nun mit Kosten von etwa Fr.
32'000.--
zu rechnen ist.
Das zweite Thema des Abends
widmet sich der 33.
Preisvergabe der Stiftung, die für dieses Jahr ansteht.
[...]
Nach einer weiteren Diskussion
einigt sich das Kuratorium
auf Donata Berra, die in diesem Jahr die Ehrengabe der Martin
Bodmer-Stiftung
für einen Gottfried Keller-Preis erhalten soll.
[...]
In Anbetracht dessen, dass die
Ehrengabe in den letzten
Jahren jeweils zwei Personen zukam, entscheidet sich das Kuratorium
dafür,
Donata Berra mit Fr. 8'000.-- zu ehren. Der Hauptpreis bleibt mit Fr.
25'000.--
fix. Die Laudationes werden freundlicherweise von Roger Francillon
(Kristof)
und Alice Vollenweider (Berra) gehalten. [...]
Die Rechnung 2001 wurde wie
immer vom
Treuhänder der Stiftung, Herrn Markus Hugger, erstellt und revidiert.
Die
Stiftungsrechnung für das Jahr 2001 weist einen Verlust von Fr.
62'907.30 aus,
das Stiftungsvermögen beträgt per 31. Dezember 2001 Fr. 357'627.05. Der
recht
hohe Verlust beinhaltet nicht nur die Ausgaben, die durch die
eigentliche
Preisvergabe und die Verwaltungskosten entstanden sind, sondern liefen
zu einem
Drittel aufgrund der Kursverluste durch die schwache Börse auf.
Lic.phil. Thomas Bodmer,
Präsident, 1. August 2002.
nach oben
[81.]
Jahresbericht der Martin
Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2002.
Das Jahr 2002 war, nachdem
2001 der Gottfried Keller-Preis an Agota Kristof verliehen und Donata
Berra
eine Ehrengabe zugesprochen wurde, ein sogenannt stilles. Es stand
keine
Preisverleihung an.
Neben den üblichen Ausgaben
wie jene für die Buchführung, die Revision, Abgaben an die
Stiftungsaufsicht
und allgemeine Bürospesen fiel im vergangenen Jahr mit Fr. 1'700.-- vor
allem
die Übersetzung der Broschüre ins Französische ins Gewicht. Dennoch
hielten
sich die Ausgaben in Grenzen. Dies ist auch notwenig, da das
Stiftungskapital
einen Reinverlust von Fr. 17'410.30 zu tragen hat. Durch die
Kursanpassungen
aufgrund der tiefbewerteten Börse kam es zu diesem beunruhigenden
Kapitalverlust.
Die Rechnung 2002 wurde wie
immer vom
Treuhänder der Stiftung, Herrn Hugger, erstellt und revidiert. Das
Stiftungsvermögen per 31. Dezember 2002 beträgt Fr. 326'451.00.
Lic.phil. Thomas Bodmer,
Präsident.
nach oben
[82.]
Jahresbericht der
Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr
2003.
Da es das Stiftungsvermögen
nicht zuliess, dass im Jahr 2003 turnusgemäss ein Preis verliehen
werden
konnte, beschloss das Kuratorium an seiner Sitzung vom 25. Februar 2003
die
nächste Preisverleihung ins Frühjahr 2004 zu verlegen.
[...]
In der zweiten Sitzung vom 28.
Oktober 2003 setzte die Diskussion um die möglichen Preisträger gleich
zu
Beginn der Sitzung ein.
[...]
Das gesamte Kuratorium fand
das Werk von Merz herausragend und preiswürdig. Der Autor sei in einem
guten
Alter; er hätte schon ein bedeutendes Gesamtwerk vorzulegen, und man
dürfe
davon ausgehen, dass noch Einiges nachkomme. Das Kuratorium beschloss,
Klaus
Merz zum 34. Preisträger unserer Stiftung zu küren.
Auch die Ehrengabe schien
gleich von Beginn an
festzustehen: Jochen Greven, der Nestor der Robert Walser-Forschung,
sollte für
seine jahrzehntelange Arbeit am und mit dem Werk Walsers geehrt werden.
Mit
Erscheinen seiner Erinnerungen („Robert Walser – Ein Aussenseiter wird
zum
Klassiker“) an dieses dem Bieler Autor gewidmeten Leben habe unsere
Stiftung
erst- und wahrscheinlich auch letztmals die Gelegenheit, diese Arbeit
zu
würdigen.
[...]
Lic.phil. Thomas Bodmer,
Präsident.
nach oben
[83.]
Jahresbericht der
Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr
2004.
Die Stiftung versandte am 24.
Januar 2004 folgende
Pressemitteilung:
Die
Martin Bodmer-Stiftung für einen
Gottfried Keller-Preis spricht ihren 34. Preis dem Schweizer
Schriftsteller
Klaus Merz für sein literarisches Gesamtwerk zu. Klaus Merz, geboren
1945 in
Aarau, gehört heute zu den herausragenden Lyrikern und Erzählern. Mit
grausam
genauem Blick und bewegender Einfühlung holt Merz die Welt einfacher
Menschen
vor die Leser und steigert das Alltägliche ins Visionäre. Der Preis ist
mit Fr.
25'000.-- dotiert. Die Ehrengabe von Fr. 8'000.-- vergibt die
Martin-Bodmer
Stiftung an den Doyen der internationalen Robert Walser-Forschung,
Jochen
Greven. Die Preisverleihung wird in privatem Rahmen am 13. März 2004 in
Zürich
stattfinden.
Der
Preis, 1921 geschaffen, wird nun zum 34.
Mal verliehen. Er ist neben dem Grossen Schiller-Preis der
Schweizerischen
Schillerstiftung der älteste und angesehenste Literaturpreis der
Schweiz und
wird alle zwei bis drei Jahre vergeben. Zu den Preisträgern gehören
u.a.
Heinrich Federer, C.F. Ramuz, Hermann Hesse, Gertrud von Le Fort,
Meinrad
Inglin, Golo Mann, Ignazio Silone, Elias Canetti, Philippe Jaccottet,
Gerhard
Meier, Giovanni Orelli, Peter Bichsel und zuletzt Agota Kristof.
Klaus
Merz geboren
1945 in Aarau, lebt als Erzähler und Lyriker in Unterkulm/Schweiz.
Ausgezeichnet u.a. mit dem Solothurner Literaturpreis 1996 und mit dem
Hermann-Hesse-Literaturpreis 1997. Prix Littéraire Lipp 1999.
Seit
seinem Erstling Mit gesammelter Blindheit
(1967) bringt Merz regelmäßig Werke heraus. Es folgten Obligatorische
Übung
(1975), Latentes Material (1978) und Tremolo Trümmer (1988). Seit
1994 erscheinen Merz’ Bücher im Haymon-Verlag Innsbruck. Am Fuß des
Kamels. Geschichten &
Zwischengeschichten (1994), Kurze Durchsage. Prosa und Gedichte (1995),
Jakob
schläft. Eigentlich ein Roman (1997), Kommen Sie mit mir ans Meer,
Fräulein? Roman (1998), Garn. Prosa & Gedichte (2000), Adams
Kostüm. Drei Erzählungen (2001), Das Turnier der Bleistiftritter.
Achtzehn Begegnungen (2003). Mitte Februar 2004 erscheint Löwen Löwen.
Venezianische Spiegelungen, wiederum bei Haymon.
Jochen
Greven, 1932 in
Mülheim/Ruhr geboren, promovierte 1960 mit der ersten deutschsprachigen
Arbeit
über Robert Walser. Für Greven wurde daraus das Thema seines Lebens.
Von 1966
bis 1973 erarbeitete er die erste Gesamtausgabe der Werke Robert
Walsers und
entdeckte die Lesbarkeit der Mikrogramme, später gab er die Werkausgabe
von
1978 und die Sämtliche Werke in Einzelausgaben (1985/86) bei Suhrkamp
heraus. Unter
dem Titel „Robert Walser - ein Außenseiter wird zum Klassiker.
Abenteuer einer
Wiederentdeckung“ (Libelle, 2003) hat Greven seine persönliche
„Robert-Walser-Story“ verfasst. Jochen Greven lebt in Gaienhofen am
Bodensee.
Am Samstag, den 13. März 2004,
fand im Zunfthaus zur
Zimmerleuten in Zürich die 34. Preisverleihung der Martin
Bodmer-Stiftung für
einen Gottfried Keller-Preis statt. Klaus Merz, Gottfried Keller-Preis,
und
Jochen Greven, Ehrengabe, wurden an der letzten Kuratoriumssitzung im
Oktober 2003
erkoren. Die Preisverleihung wurde aus terminlichen und finanziellen
Gründen in
das Jahr 2004 verlegt. Sie ist blieb die einzige Aktivität der Stiftung
in
diesem Jahr.
An der Preisverleihung haben
neben den Laureaten und dem
Kuratorium folgende Gäste teilgenommen: Klaus Merz’ Gattin Selma mit
Sohn
Laurin, Michael Forcher (Klaus Merz’ Verleger, Haymon) mit Gattin
Elisabeth,
Heinz Egger (Illustrator diverser Bücher Klaus Merz’), Ekkehard Faude
(Libelle-Verleger, bei dem Jochen Grevens Erinnerungen an seine Arbeit
am Werk
Robert Walsers herauskam), Elisabeth Tschiemer (Mitinhaberin des
Verlages
Libelle), Andrea Bodmer, Ingrid Bodmer, Julia Pestalozzi, Peter
Schneider,
Beatrice von Matt. Liliane Francillon konnte krankheitshalber nicht
teilnehmen.
Peter von Matt hielt die
Laudatio auf Klaus Merz, die
dieser mit einer Rede verdankte.
Karl Pestalozzi sprach auf
Jochen Greven. Auch Greven
antwortete mit einem Dank. Alle vier Ansprachen liegen in Kopien vor
und sind
im Preisarchiv abgelegt. Der Abend verlief in stimmiger und schöner
Atmosphäre.
Thomas Bodmer, Präsident des
Kuratoriums.
nach oben
[84.]
Jahresbericht der
Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr
2005.
Das Jahr 2005 war, nachdem
2004 der Gottfried Keller-Preis an Klaus Merz verliehen und Jochen
Greven eine
Ehrengabe zugesprochen wurde, ein sogenannt stilles. Es stand keine
Preisverleihung an. Es wurden keine Ausgaben über das Stiftungskonto
getätigt.
Aufgrund der verbesserten Situation an den Börsen, wäre eine
Preisverleihung im
Jahr 2006 möglich.
Die Rechnung 2005 wurde wie
immer vom
Treuhänder der Stiftung, Herrn Markus Hugger, erstellt und revidiert.
Vgl.
Beilagen. Thomas Bodmer.
nach oben
[85.]
Jahresbericht der Martin
Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2006.
Die erste Sitzung des
Kuratoriums fand am 13. März 2006
statt. Obwohl 2006 im mehr oder weniger regelmässigen Turnus der
Vergaben hätte
ein Preisjahr sein können und die finanzielle Situation dies auch
erlaubt
hätte, entschied sich das Kuratorium, die nächste Preisverleihung auf
den
Frühling 2007 festzusetzen.
[...]
Fabio Pusterla sei ganz grosse
Klasse und
gehöre zur ersten Liga in der italienischen Literatur und sei einem
Giorgio
Orelli ebenbürtig, merkte Vollenweider an. Pusterla setze sich sehr für
die
Literatur des Tessins ein und sei ein wichtiger Übersetzer. Pestalozzi
und
Francillon waren auch begeistert, und so beschloss das Kuratorium
einstimmig,
Fabio Pusterla zum 35. Gottfried Keller-Preisträger zu bestimmen.
[...]
Das Kuratorium kam in Sachen
Ehrengabe zu keiner Einigung
und beschloss daher, die Diskussion um die Ehrengabe auf den 10. Januar
2007 zu
vertagen. Bis Weihnachten 2006 gingen bei Bodmer Vorschläge ein, die
dieser an
alle Kuratoriumsmitglieder weiterleitete. Die Preisverleihung wurde auf
Samstag, 21. April 2007, 18.00 Uhr, festgelegt.
Die Rechnung 2006 wurde wie
immer vom
Treuhänder der Stiftung, Herrn Markus Hugger, erstellt und revidiert.
Das
Stiftungsvermögen betrug am 31. Dezember 2006 Fr. 423'854,79. Es konnte
ein
Jahresgewinn von FR. 61'957,64 erwirtschaftet werden. Frau Ursina
Schneider-Bodmer, Rechnungsführerin der Stiftung, wandte der Stiftung
freundlicherweise Fr. 25'000.-- zu, wofür ihr im Namen der Stiftung
sehr
herzlich gedankt sei.
Lic.phil. Thomas Bodmer,
Präsident.
nach oben
[86.]
Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried
Keller-Preis auf
das Jahr 2007.
Das Kuratorium hatte Fabio
Pusterla schon im Herbst 2006
zum Preisträger gekürt. Für die Ehrengaben wurde aber eine weitere
Sitzung
benötigt. Bis Weihnachten 2006 wurden Vorschläge gesammelt und dann in
der
Sitzung vom 10. Januar 2007 diskutiert. In Kürze wurde sich das
Kuratorium
einig und so konnte Mitte Februar 2007 folgende Mitteilung an die
Presse
übermittelt werden:
[...]
Anlässlich der Preisverleihung
hielt Alice Vollenweider
eine Laudatio auf Fabio Pusterla. Diese Rede erschien gleichentags in
der
„Neuen Zürcher Zeitung“. Roger Francillon würdigte Marlyse Pietri und
Karl
Pestalozzi lobte Martin Zingg und Rudolf Bussmann. Alle Geehrten
dankten mit schönen
Worten.
An der Preisverleihung haben
neben den Laureaten und dem
Kuratorium folgende Gäste teilgenommen: Pusterla brachte seine Frau
Claudia und
Tochter Nina mit. Die Lebensgefährtin, Margrit Schneider begleitete
Rudolf
Bussmann; Martin Zingg erschien mit seiner Lebensgefährtin Franziska
Grob und
der gemeinsamen Tochter Milena Grob. Herr Pietri musste
krankheitshalber
absagen. Wie stets waren auch Andrea Bodmer, Ingrid Bodmer, Liliane
Francillon,
Julia Pestalozzi, Peter Schneider und Beatrice von Matt anwesend. Die
Preisverleihung blieb die einzige Aktivität der Stiftung in diesem Jahr.
Die Rechnung 2007 wurde wie
immer vom
Treuhänder der Stiftung, Herrn Markus Hugger, erstellt und revidiert.
Das
Stiftungsvermögen betrug am 31. Dezember 2007 Fr. 384’763,79. Für die
Preisvergabe und die Unkosten und Spesen wurden Fr. 54'625,75 benötigt,
was
einen Verlust zulasten des Stiftungskontos von Fr. 42'463,10 mit sich
brachte.
Thomas Bodmer, Präsident des
Kuratoriums, 25. Mai 2008.
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