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1. Jahresbericht. Zum 19. Juli 1922.

Wir schauen zurück auf das erste Stiftungsjahr: Jakob Bosshart ist der erste Preisträger des Gottfried Keller-Preises. Der Stiftungsrat möchte damit Verehrung und Dankbarkeit bekunden, die die Schweiz dem Dichter schuldet, der nach einer die ganze Manneskraft fordernden Erziehertätigkeit, trotz fortwährenden Hemmungen durch körperliche Leiden, alle Kräfte zu einem grossen Werk (Ein Rufer in der Wüste) zusammenraffte, in dem Lebensreife, Menschenkunde und Erkenntnis der gesellschaftlichen und seelischen Wirrnisse unserer Zeit einen wahren Schweizerspiegel geschaffen haben. Der künstlerischen Schranke solcher dichterischer Gegenwartskritik wohl bewusst, glaubt der Stiftungsrat im jetzigen Zeitpunkte, wo es unserm Schrifttum weniger an erzählerischen Fertigkeiten als an neuem Gehalt fehlt, sich für diese Leistung einsetzen zu sollen, die im Innersten von Ideen bewegt ist, welche das junge Geschlecht die Seinen nennen darf. Der Gottfried Keller-Preis soll helfen, das Interesse des Schweizervolkes diesem mahnenden, tiefen und reichen Buche zuzuwenden.

Dass ein Mann solcher Prägung, solch innerer und äusserer Eignung gefunden werden konnte, lässt diesen ersten Schritt als glücklich, das Jahr als Gewinn empfinden. In hohem Masse hat es erfüllt, was durch die Gründung der Martin Bodmer-Stiftung am 19. Juli 1921 gehofft und angestrebt wurde. Dieses Tages sei heute wiederum gedacht. Ist er nicht doppelt bedeutsam für uns, in dessen Zeichen zwei Dichter geboren sind: Gottfried Keller und Johann Jakob Bodmer? Ihr Geist hat der Stiftung Pate gestanden, in ihrem Sinn und Namen soll sie einer neuen Zeit neue Wirkung bringen. Der Erstere, das ergibt sich einstweilen von selbst, steht im Vordergrund und vor allem im öffentlichen Bewusstsein. Der Andere, Fernere, in subtilerer Region Bedeutende wird im Sinne seiner Sendung der kritischen Schöpfung Mentor sein. Dass diese, an sich schon rarer, erst in zweiter Linie zu Worte kommen soll, liegt in der Natur der Dinge.

Nicht versäumt sei hier und heute noch ein Wort über den Sinn dieser Privatstiftung, die fälschlich so gerne mit ihren grösseren Schwesterinstitutionen vermengt wird. Durchaus nicht in der Absicht, mit der Schweizerischen Schillerstiftung und der Werkbeleihungskasse des Schriftstellervereines zu wetteifern, wurde sie ins Leben gerufen. Mit klarem Willen stellt sie sich auf eigenen Boden: einen Einzigen verehren – und auch dies nur in massvollen Abständen: vorläufig alle zwei Jahre.

Bedeutet eine grössere Geldspende und die Wirkung einer ausgebauten Propaganda nach Aussen hin das Besondere dieses Preises, so soll sein tieferer und innerer Gewinn vor allem in der Seltenheit und Auslese, in der isolierenden Erhöhung liegen, womit er bewusst der Breitentendenz unserer nivellierenden Zeit entgegen tritt. E i n e Gefahr bringt solche Einstellung mit sich, eine Schwierigkeit steigert sie: da Rechte zu finden. Ist es nicht anmassend, die Verantwortung solchen Entscheides auf sich zu nehmen? Wird nicht die Zukunft bald dieses, bald jenes Urteil der Lächerlichkeit preisgeben? O leere Klügelei! Gespenst der Kleinlichkeit! Dass es schwer ist, fühlen wir. Dass man irren kann, wissen wir – wissen alle die treu Mitsuchenden und Mitragenden – und trotzdem und dennoch: wir glauben und wollen! Unsern Zeitgeist (nicht unsere Zeit, denn sie ist reich und herrlich) aber alles was heute zwischen ertötender Erstarrung und brauendem Chaos, zwischen Veräusserlichung und Zerwühlung – mit einem Wort zwischen Amerikanismus und Europäismus pendelt, zu überwinden, das ist die Pionierarbeit unserer Tage.

Weder Zwang noch Entfesselung tut uns Not, sondern Klarheit. Dazu müssen wir die Kraft haben, viel Ererbtes zu verwerfen, den Mut, das Stirb und Werde der grossen Wende zu vernehmen, die Freiheit uns zu besitzen. Aus der Fläche in die Tiefe, aus dem Fluch der Einseitigkeit in alldurchbrauste Fülle – dann wird es gar nicht mehr so sehr auf richtiger oder unrichtiger, auf den letzten Endes immer zufälligen Griff in ein eben so zufälliges Material ankommen, sondern darauf, dass Körper und Seele wieder eins, dass Blut und Geist verbunden, dass das Herz Brennpunkt werde eines immer volleren, immer harmonischeren Lebensrhythmus. Wir stehen hoffend, erwartend an einem Anfang. Die Zukunft wird Vieles bringen – wird sie auch Vieles erfüllen? Vielleicht ist dies gar nicht so wichtig, wenn wir dabei nur lernen, als heutige Menschen auf neuer Stufe wieder lernen: zu bewundern, uns zu freuen und das ganze, grosse, heilige Leben zu suchen. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum zweiten Jahr (1923)

Wir wollen’s in gedämpfteren Tönen halten – diesmal. Denn keine „Probe“ war zu bestehen. Nicht Ruhe zwar sollen uns die Zwischenjahre bedeuten, vielmehr etwas wie Stille nach der Aussaat (die wir selber freilich nicht besorgen), wie verborgen wirkendes Wachstum. In rauen Tönen geredet: Rund Fr. 2'000.-- standen uns zur Verfügung, und ihre Verwendung wurde also beschlossen:

Traugott Vogel in Zürich erhält für einen noch unveröffentlichten Roman die Ehrengabe von Fr. 1'000.--, Fritz von Unruh, Deutschland, als Würdigung seines Schaffens, Fr. 400.--, Eduard Behrend, München, an seine Ausgabe von Jean Paul-Briefen, Fr. 300.--. Der Rest steht noch aus. Das sind ja Bescheidenheiten, an der Not der Zeit gemessen. Aber, kann es je genug gesagt sein: wir wollen jene Exklusivität, die in der Ursprungsbedeutung des Wortes Aristokratisch ist – wir wollen das Beste. Wohl uns, wenn wir Gutes finden! Was ist’s aber mit solch kleinen Zwischengaben? Auch sie sind gut. Möchten sie nur soviel wirken, das kein Versanden eintritt. Möchte damit doch immer das rechte Mass an Vibration gefunden werden, die Pausenjahre zu erfüllen. Hier und dort eine kleine Aufmunterung, wo es sichtender Umschau gut erscheint. Solches wird den Stiftungsrat trotz seiner stolzen Losung: Einer! nicht beleidigen. Im Gegenteil: können junge Kräfte gestärkt werden, verborgene Quellen zu frischerem Rinnen kommen, dann wird der Strom auch, wenn es Zeit ist, brausen! Immerhin dürfen wir uns nicht verhehlen, wie sehr wir augenblicklich in Sturmzone stehen! Das Morgen kann wegfegen was heute gut erscheint. An den Wahrern ist es, sich zu bewähren! Dank ihnen allen, die es bis heute taten.

Das zweite Jahreswirken ist beschlossen, und wir möchten ihm nichts weiter beifügen als den Wunsch: Dem dritten gute Sterne! Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum dritten Jahr (1924)

Das Kuratorium hat beschlossen, die Beratungen für den Gottfried Keller Preis auf das Frühjahr 1925 zu vertagen. Wir erlauben uns deshalb, Ihnen lediglich den Rechnungsabschluss des dritten Stiftungsjahres zu unterbreiten. An kleineren Ausgaben sind folgende zu nennen:

Prof. Howald in Zürich wurden, im Anschluss an eine Sammlung, von Seiten der Stiftung Fr. 200.-- überreicht. Ricarda Huch in München erhielt als Ehrengabe zu ihrem 60. Geburtstag Fr. 1'000.--. Die Wahl Dr. Korrodis in den Vorstand der Schiller-Stitung veranlasste ihn formhalber bei uns als Vicepräsident zurückzutreten. Er wird jedoch nach wie vor dem Kuratorium angehören und uns mit seinem wertvollen Rat zur Seite stehen. Als neuer Vicepräsident wurde Dr. Max Rychner gewählt.

Die Tätigkeit dieses Jahres blieb leider eine sichtende. Unser Rundschreiben vom September gibt den verehrten Vorstandsmitgliedern Aufschluss darüber. Hoffen wir, dass im kommenden Jahr die zuwartende Haltung endlich aufgegeben werden könne, hoffen wir, dass die lange Wartefrist reichlich belohnt werde! Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum vierten Jahr (1925)

Das laufende vierte Jahr unserer Stiftung steht im Zeichen Heinrich Federers. Der zweite Gottfried Keller-Preis im Betrag von Fr. 6'000.-- ist ihm durch einstimmigen Beschluss des Vorstandes vom 20. März dieses Jahres verliehen worden.

Federer, der selbst Vorstandsmitglied ist, nahm an den Verhandlungen nicht teil. Dass die Wahl gerechtfertigt war, beweist der spontane und warme Widerhall in der schweizerischen Presse, ja man darf wohl behaupten in allen geistigen Schichten unseres Landes. Wir wollen uns der Tatsache nicht verschliessen, eine unproblematische Wahl getroffen zu haben, und können sie zugleich rechtfertigen mit den Worten aus unserem Schreiben an den Dichter:

[...] Dass wir sie von den diesjährigen Beratungen nicht in Kenntnis setzten, werden Sie uns gewiss nicht verübeln, war diese pia fraus doch nur das Vorzeichen eines erwartenden, ja notwendigen Resultates. Denn noch gilt es für die junge Stiftung sich zu bewähren, sich Vertrauen und Sympathie zu erobern. Nur dann wird es ihr möglich sein, ihren Wirkungskreis allmählich auf schöne Art zu erweitern, Verborgenem ans Licht zu helfen, für Unbekanntes einzustehen. Wie aber könnte sie sich besser bewähren, als durch Urteile, die dem ganzen Volk aus dem Herzen gesprochen sind? Sie machen uns, verehrter Herr Federer, diese Aufgabe leicht. Indem wir Ihr Lebenswerk im Gesamten und Ihre jüngste Schöpfung im Besonderen krönen, tun wir nichts Anderes, tun wir nichts als unsere Pflicht und wissen wohl, wie gering das eigene Verdienst dabei ist. Aber eine sonntägliche Pflicht ist es, denjenigen Dichter zu ehren, der unter den Lebenden im klarsten Sinne schweizerisch wirkt und den wir mit stolzem Dank unter die Ersten zählen, auf deren Namen unsere Sache sich gründet.

(Bodmer an Federer, 20. März 1925)

 

Wir dürfen uns aber auch der weiteren Tatsache nicht verschliessen, dass sich gerade in jüngeren Kreisen auch weniger günstige Kommentare bemerkbar machten. Sie galten nicht sosehr dem Preisträger als vielmehr unserer Zaghaftigkeit, stets nur das bewährte Alte auf den Schild zu heben. Haben wir uns um Kommentare zu kümmern? Ja und nein. Keinesfalls, wo es sich um Konzessionen handeln sollte, ob an Schaffende oder an das Publikum. Sicher aber dann, wenn wir unserer Mission nicht gerecht zu werden scheinen. Die junge Generation zeiht uns des Konservativismus. Sind wir reaktionär, wenn wir die alte Garde heranziehen, um wenigstens Köpfe in der Führerreihe zu haben? Denn das ist unsere Aufgabe: auf Führer zu weisen. Ja, können denn w i r etwas dafür, wenn, nach einem hübschen Worte Korrodis, bei den Jungen nur Rekruten da sind und kein Marschall erscheint? Vier Jahre besteht nun die Stiftung, aber es hat sich noch keiner gezeigt. Und alle zwei Jahre sollte nach Vorschrift ein Laureatus her! Hier, glaube ich, gibt die Erfahrung einen Wink, es künftig etwas anders zu halten. Wir werden darüber beraten müssen, aber um Eines wohl kaum herumkommen: grössere Intervalle in der Preisverleihung. Nehmen wir zum Beispiel fünf Jahre. Die Ehrengaben von jährlich etwa Fr. 1'000.-- in der Zwischenzeit blieben sich gleich. Der Preis selbst aber würde gewichtiger und zugleich die Möglichkeit wachsen, einen geeigneten Träger zu finden. Ein Gottfried Keller-Preis von Fr. 20'000.-- wäre der heutigen Wirtschaftsordnung unbedingt angemessener als der bisher Vorgesehene.

An Finanziellem ist noch zu berichten, dass das Kuratorium für die Aufführung von Faesis „Opferspiel“ den Internationalen Festspielen Fr. 3'000.-- garantierte. Die Endabrechnung erfolgte noch nicht, doch erhielten wir bereits die Mitteilung, dass die Hälfte der Garantiesumme zurückerstattet werden könne.

Eine schmerzliche Mitteilung ist der Austritt Heinrich Federers aus unserem Vorstand. Zum erstenmal verliert die Stiftung einen ihrer Mitarbeiter. Aber es wäre undankbar von uns, darüber zu markten. Die erschütterte Gesundheit des Dichters ist Grund genug, seine schon mehrfach geäusserte Absicht zu ehren. Wir lassen ihn denn scheiden mit dem wärmsten Dank für alles bisher Geleistete und nehmen mit Freuden seinen Vorschlag an, uns noch weiterhin auf Werke hinzuweisen, die ihm beachtenswert erscheinen. Schliesslich sind ja nicht unsere paar Sitzungen die Hauptsache, sondern die Ausschau nach dem Guten überhaupt. Mag denn auch das äussere Band gelöst sein, durch diese feineren Fäden bleiben wir mit ihm verbunden und seines Urteils teilhaftig.

Das nächste Jahr wir kein Preis zu verleihen sein. Wünschen wir, dass für den innern Ausbau eine glückliche Lösung gefunden werde, dass die Stille eine wirkende sei. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum fünften Jahr (1926)

Wie vorauszusehen, verlief unser fünftes Rechnungsjahr recht ruhig. Zu ruhig? Die Stiftung hatte keinerlei Ausgänge. Von keiner Seite ein Ruf. Kein Lynkeus meldete sich – es war wohl nichts zu melden. Doch: im September dieses Jahres – aber es ist schon das Neue – kam die Anregung, Walther Meier für sein Jean Paul-Buch eine Ehrengabe von Fr. 1'000.-- zu verleihen. Der für diese Zwecke zuständige engere Vorstand zeigte sich einstimmig bereit dazu. So ist zum erstenmal ein kritisches Werk durch die Stiftung gewürdigt worden. Ideell darf diese Buchung noch zum alten Jahr geschlagen werden.

Und das Neue ist bereits wieder ein Preisjahr! Wir kommen auf unsere Meinung zurück, das Preisintervall von zwei Jahren sei zu eng. Ja, wenn man über die Landesgrenzen ginge! Aber das wird vorerst nicht ratsam sein. Geistige Unbegrenztheit in Ehren, aber man hat doch im eigenen Hause Pflichten. Die ganze zeitgenössische Welt empfindet so – sollten wir es anders halten? Damit ist freilich die Hoffnung, einem Genius zu begegnen, sehr begrenzt, und unsere Ansicht, es in fünf Jahren eher zu tun als in zweien, gewiss vernünftig. Aber es entgeht uns nicht, wie zweischneidig auch dies sein kann. Zu lange Pausen bringen ins Hintertreffen, und es ist nicht unmöglich, dass die Wirkung selbst eines grösseren Preises geringer sei, als die eines häufig Wiederkehrenden. Was tun...? Die Vorstandsmitglieder werden vielleicht so gütig sein, sich bei Gelegenheit darüber zu äussern. Ich denke, auf die Zeitspanne kommt es am Ende doch recht wenig an. Ordnung muss ja herrschen, aber die Sache darf nicht von ihr erdrückt werden! Das Werk ist alles, und so oft es kommt, soll es willkommen sein. W e n n es denn nur käme!

Eine etwas unliebsame Erfahrung machen wir mit den Internationalen Festspielen. Die Stiftung hatte zur Ermöglichung der Aufführung von Faesis „Opferspiel“ Fr. 3'000.-- vorgestreckt und bei Abschluss der Spiele den Bericht erhalten, die Hälfte der Summe werde zurückbezahlt. Nachdem ein Jahr lang nichts geschah, wandten wir uns an den ehemaligen Sekretär der Festspiele mit dem Ersuchen um schleunigste Erledigung. Darauf der Bericht: das Komitee, das heute nichtmehr existiere, habe damit nichts zu tun! Ein „Verein Schweizerbühne“ habe sich damals der Sache angenommen und über das Geld verfügt. Übrigens habe auch dieser liquidiert. Was tun? Was einer solchen Nebulosität gegenüber tun! Abschreiben und sich in Zukunft vor all diesen idealen ad hoc Gebilden hüten. Und noch eins: nie Leihen! Nur schenken. Dafür sind wir da. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum sechsten Jahr (1927)

Wenn wir in unserem letzten Bericht die Anregung machten, dem Gottfried Keller-Preis etwas grössere Intervalle zu gönnen, - aus Gründen die man kennt -, so waren wir für dieses Jahr so glücklich, bereits davon absehen zu können. Das Preisjahr konnte in gewohnter Ordnung eingehalten werden. Es waren keine schlecht beratenen Geister, die uns in die Westschweiz führten. Die mit Bosshart und Federer ehrwürdig begonnene Reihe erhielt durch C. F. Ramuz ein weiteres Ehrenglied. Der Preis soll seiner neuesten Schöpfung „La beauté sur la terre“ gelten. Selbstverständlich ist damit auch das Gesamtoeuvre mit einbegriffen, doch liegt uns daran, ein Werk im Besonderen auszuzeichnen, und so taten wir es gern und zuversichtlich mit diesem jüngsten. Unsere Stiftung tritt damit zum erstenmal über die Grenzen der deutschen Schweiz hinaus und freut sich, in einer so bedeutenden Gestalt wie der Ramuz die Verbindung mit dem welschen Bruderland gefunden zu haben. Das westliche Sprachgebiet bedeutet viel für uns und hat es immer bedeutet. Wir können durch diese persönliche Ehrung nur einen geringen Teil des Dankes abtragen, den wir ihm schulden. Aber ist der Sinn solcher Preise nicht überhaupt ein, wenn auch schwacher, Abschlag unserer Schuld an den Geist. Freilich sollen sie ja vor allem dem werdenden Geist gelten, dem Geist der Jugend! Wir lasen kürzlich folgende Sätze: „Heute können wesentliche Menschen nicht gefördert werden, weil angeblich „dafür“ kein Geld da ist. Um so mehr ist es die Aufgabe der Verteiler von Kulturpreisen, nur sinnvolle Wahlen vorzunehmen. Sinnlos ist aber jede Wahl, die Menschen krönt, denen diese Krönung nur noch ein Orden mehr ist neben einer Riesensammlung. Solche Wahl ist sinnlos, egoistisch und faul: sinnlos, weil mit dem Preis nichts erreicht wird als eine Pose des Verteilers, dass er auf der Höhe der Zeit steht; egoistisch, weil der Preisverteiler für sein gutes Geld einen glanzvollen Namen einzuhandeln sucht; und faul, weil es nicht viel Mühe kostet, sie zu finden.“ Das stimmt. Wir wären froh, die Unbekannten, die Jungen zu finden. Aber wo bleiben sie...? Wir verdanken jede Anregung, und wir bitten ernstlich darum!

Eine bedauerliche Mitteilung ist der Austritt Carl Albrecht Bernoullis aus dem Konsultorium. Er teilt uns mit, dass er sämtliche Nebenämter in Rücksicht auf seine vermehrte wissenschaftliche Inanspruchnahme niederlegen müsse. Wir verdanken ihm seine Tätigkeit als Mitglied unserer Stiftung aufs herzlichste, wir danken ihm noch im Besonderen für seine warme und aufrichtige Teilnahme an unserer Sache und wünschen ihm alles Gute für die Zukunft. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum siebten Jahr (1928)

Dieses wiederum in abwartender Ruhe verlaufene Jahr soll uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stiftung eine Krise durchmacht. Nicht so sehr ihrer Einrichtung, als ihrer Idee wegen. Der bisherige Vizepräsident, Dr. Max Rychner, reichte seine Demission mit der Begründung ein, es komme ihm nicht mehr zu über eine Schweizer Literatur zu Gericht zu sitzen, an deren Existenz er nicht glaube. Blicke er zurück auf die paar Bücher, denen er viel verdanke und die ihn weitergebracht hätten, so seien sie alle von Autoren, die für unseren Preis nicht in Frage kämen.

Wir geben Dr. Rychner gerne zu, dass es immer schwerer wird, Heutigem mit der Losung GOTTFRIED KELLER gerecht zu werden. Ja, wir können ihm auch darin nicht widersprechen, dass gewisse Namen, die nur schwer mit der Stiftung in Einklang zu bringen sind, die Geister noch mehr bewegen werden, wenn ein Jakob Bosshart und ein Federer „auf Klios Tafel kaum mehr leserlich sein werden und ihre Romane nicht mehr lesbar.“ (Dass bei den Namen selbst die Meinungen sich teilen, tut nichts zur Sache.) Gewiss ist, dass die Stiftung durch ihren eigenen Namen etwelcher lokaler Enge verhaftet bleibt, auch wo die Urkunde ihr weitgehendste Freiheit verbürgt. Aber wir haben nicht vor, über Sinn oder Unsinn dieser Beschränkungen zu markten. Wir haben nicht die geringste Lust, jemanden zu halten, den die Sache langweilt, oder ihn zu langweilen, indem wir das vielleicht doch Gute an ihr vorbringen.

Es genüge, dass in allerletzter Stunde noch ein Buch erscheint, das wir mit freudigem Dank durch die Gabe ehren. Das „GEISTESERBE DER SCHWEIZ. Schriften von Albrecht von Haller bis Jacob Burckhardt. Auswahl und Nachwort von Eduard Korrodi. Zürich 1929“, wird auch Zweifler überzeugen, welches Gut in der Beschränkung liegen kann! Dieses prachtvolle Buch vertritt jene Schweiz, der man gerne angehören will und bildet ein höchst eigenes Gegenstück zu den kostbaren Borchardt’schen und Hofmannstal’schen Anthologien im Sinne Herders. Was können wir mehr wünschen, als dass in Zukunft ein Schweizergeist wachse, der des alten, hier vertretenen würdig sei? Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum achten Jahr (1929)

In seiner Sitzung vom 2. November hat der Vorstand der Martin Bodmer-Stiftung einstimmig beschlossen, den diesjährigen Gottfried Keller-Preis im Betrage von Fr. 6'000.-- dem königsberger Literaturforscher Joseph Nadler zu geben. Wenn im letztjährigen Bericht von einer Krise die Rede war, in der die Stiftung sich befinde, so darf sie durch diesen Beschluss als überwunden gelten. War es eine Art Sackgasse, in die man allmählich hineinzukommen drohte, so sind wir heute wieder völlig im Freien! Man könnte nun wohl behaupten, der Erfolg sehe einer Gewaltskur ähnlich, indem man durch die Preisverleihung offen zugebe, mit dem eigenen Land nichts mehr anfangen zu können. Dies war ja das Argument, das unseren früheren Vizepräsidenten zu seinem Rücktritt bewog! Aber nicht, weil es keine Schweizer Literatur mehr gibt, sondern um den Preis noch beizeiten vor gewohnheitsmässiger Lokalisierung – im örtlichen wie im sachlichen Sinn – zu bewahren. Dass die Wahl dabei auf keinen Dichter fiel, sondern auf einen Vermittler, darf als symptomatisch gelten. Mehr als es wohl irgend ein heutiger Dichter vermöchte, gibt uns die Wahl dieses Mannes für die Zukunft ein Mass. Wir haben damit eine Stellung bezogen, die künftigen Schweizern, denen der Preis gehören soll, zugute kommen wird. Denn ein Forscher solchen Formates ist nicht nur Vermittler, sondern Führer. Wir Schweizer haben zudem besonderen Grund, Joseph Nadler dankbar zu sein. Durch persönliches Wirken war er unserem Lande jahrelang verbunden, und ist es durch menschliche Beziehungen heute noch aufs schönste. Vor allem aber gilt unser Dank dem gewaltigen Werk, das allen Gebieten deutscher Zunge unerhörte Zusammenhänge eröffnet hat. Wie reich sind gerade wird durch seine „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“ beschenkt worden! Möge er diesen Preis auffassen als Abschlag auf eine Geistesschuld und zugleich als ein Zeichen unserer grossen Verehrung für sein Wirken.

Es wurde ferner beschlossen, Adolf Koelsch für seine von zartestem Dichtergeist beseelten naturwissenschaftlichen Skizzen eine Ehrengabe von Fr. 2'000.-- zu überreichen, und dem jungen Gotthard Jedlicka für seine viel versprechende Biographie Toulouse Lautrecs Fr. 1'000.--.

Endlich soll Prof. Carl J. Burckhardt in Basel angefragt werden, ob er gewillt wäre, dem Konsultorium unserer Stiftung beizutreten. Wir können nur herzlich auf eine zustimmende Antwort hoffen. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum neunten Jahr (1930)

Das verflossene Jahr verlief, wie alle einem Preisjahr folgenden, naturgemäss still. Die im Ausland lebende Schweizerdichterin Regina Ullmann erhielt eine Gabe von Fr. 300.--, der Editions des Lettres de Lausanne wurden für die Übersetzung des „Grünen Heinrich“ ins Französische, die J.P. Zimmermann besorgt, Fr. 1'000.-- überwiesen.

Insgesamt hat die Stiftung beim Eintritt in ihr erstes Jahrzehnt rund Fr. 38'500.-- gespendet, wovon Fr. 24’000.-- auf Preise fallen und Fr. 14'500.-- auf sonstige Vergabungen. Wie weit sie damit ihren Zweck erfüllt hat, wie weit sie überhaupt ihren Voraussetzungen nachgekommen ist, soll beim Abschluss des Dezenniums erörtert werden.

Noch sei dankbar erwähnt, dass unser Konsultorium durch den Beitritt von Prof. Dr. Carl J. Burckhardt eine ungewöhnliche Bereicherung erfahren hat. Wir begrüssen ihn mit herzlicher Freude. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum zehnten Jahr (1931)

Die Martin Bodmer-Stiftung hat das erste Dezennium hinter sich. Wir erlauben uns, einen kleinen Überblick über ihre Tätigkeit in diesem Zeitraum zu geben, in dem wir die Ansprache folgen lassen, die am Bankett zu Ehren von Dr. Hans Carossa, am 4. November 1931 im Muraltengut gehalten wurde:

Meine sehr verehrten Damen und Herren. Wenn ich am heutigen Abend nocheinmal das Wort ergreife, so ist es vor allem, um Sie in diesem Hause aufs herzlichste willkommen zu heissen und Ihnen für ihr freundliches Erscheinen zu danken. Der besondere festliche Anlass, der uns hier zusammengeführt hat, ist Ihnen ja bekannt – doch möchte ich in aller Kürze noch zweierlei erwähnen, das mit zum heutigen Tag gehört. Vor allem Gottfried Keller! Der Preis ist in seinem Namen gestiftet, und was damit gemeint ist, bedarf ja keiner langen Begründung. Er will den guten Geistern der Heimat dienen. Er möchte im Kellerschen Sinne mithelfen, das alte Erbgut des Landes zu wahren und zu fördern, dass es immer wieder lebe und fortlebe. Aber er hat darüber hinaus noch eine weitere Bestimmung, und diese ist mindestens so wichtig und gibt ihm erst seine volle Bedeutung und seinen Wert, nämlich über das Eigene und Begrenzte hinaus Vermittler zu sein mit dem grossen Brudergeist des Auslandes.

Wo Menschen verschiedener Länder suchend oder gebend zueinander kommen, können sie es nie so frei und herzlich und fruchtbar tun wie im Namen ihrer Dichter. Ein Abend wie der heutige soll vor allem Bekenntnis sein zum Primat des Dichters, als dem gültigen Vertreter seines Volkes und dem wahrhaften Bindeglied der Nationen. –

Nun ist aber noch ein Zweites, das heute erwähnt zu werden verdient, nämlich, dass die Stiftung ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. Am Geburtstag Gottfried Kellers, am 19. Juli 1921, ist sie unter den Auspizien von Dr. Ed. Korrodi und mir gegründet worden. Es sei darum gestattet, hier in ein paar kurzen Worten der fünf Preisträger des ersten Dezenniums zu gedenken.

Der erste Gottfried Keller-Preis wurde Jakob Bosshart (1922) für seinen Zeitroman „Ein Rufer in der Wüste“ verliehen. Man wollte damit, und vor allem in jenen wirren Tagen, nicht so sehr auf ein Kunstwerk als auf ein mutiges und willkommenes Gegenwartsbuch hinweisen. Als Dokument der gesellschaftlichen und seelischen Zustände in der Schweiz der Kriegs- und Nachkriegsjahre wird es seinen Wert behalten. Darüber hinaus aber ist es auch die Höhe eines vor allem der Heimat gewidmeten und die Heimat spiegelnden Werkes, und endlich Lohn und Ernte eines mühsalreichen Lebens.

Als zweiter erhielt Heinrich Federer (1925) den Preis, in Anerkennung seines gesamten Schaffens. Es war kein Zufall, dass die vorgesehene biennale Pause gleich anfangs um ein volles Jahr überschritten wurde, ehe man zu einem Entschluss kam. Man hatte auf die Entdeckung einer unbekannten Grösse gehofft, hatte gewartet und gewartet, aber vergeblich! Dieser Wahl freilich brauchte man sich nicht zu schämen! Einen Volksschriftsteller von solchem Format mit dem Namen Gottfried Kellers zu verbinden, war weitesten Kreisen aus dem Herzen gesprochen und konnte Vertrauen und Sympathie für unsere Sache nur festigen. Dass Solche, die sich dabei übergangen fühlten, diese Entscheidung nicht eben begrüssten, war vielleicht menschlich, wenn auch durchaus unbegründet. Denn kein junges Talent ist übersehen worden aus dem einfachen Grund, weil keines da war!

Zum drittenmal wurde der Preis C. F. Ramuz (1927) verliehen für sein Werk im allgemeinen und seine jüngste Schöpfung „La beauté sur la terre“ im besonderen. Wiederum keine Entdeckung. Aber man verzichtete auch nachgerade auf Entdeckungen! Hatte man damals geglaubt, mit dem Preis eine Art von Wünschelrute zu besitzen, so wurde er in der Not und Unruhe der Zeit immer mehr Bekenntnis zum Reifen und Dauernden, und die Ehrung unseres bedeutendsten westschweizerischen Erzählers bedarf damit keiner weiteren Rechtfertigung.

War die Heimat nun – sogar in ihrer Mehrsprachigkeit – durch würdige Häupter vertreten, so lag es nahe, den Blick über die Grenzen hinaus zu richten. Kurz vorher geschah es, dass ein ausscheidendes Mitglied die Zweckmässigkeit der Preise überhaupt in Abrede stellte, womit immerhin die Frage nach der Existenzberechtigung der ganzen Einrichtung aufgeworfen war.

Aber schon die darauf folgende Wahl von Joseph Nadler (1929) zum Träger des vierten Gottfried Keller-Preises erwies die Grundlosigkeit solcher Befürchtungen. Die Ehrung Nadlers für seine „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“ brachte zweierlei: Vor allem den Schritt ins Ausland. Damit sollte der Bestand einer hiesigen, und sogar wertvollen Schweizerliteratur keineswegs in Abrede gestellt sein, aber einer gewohnheitsmässigen Würdigung derselben war vorgebeugt. Und nicht zu ihrem Schaden. Das damit unstreitbar gehobene Prestige der Stiftung kann künftigen schweizer Preisträgern nur zugute kommen. Neu war ferner die erstmalige Krönung einer wissenschaftlichen Arbeit. Es sei wieder einmal darauf hingewiesen, dass der kritische Schutzpatron unserer Stiftung – wenn auch nicht urkundlich bestätigt – Johann Jakob Bodmer ist, der wie Keller an ihrem Gründungstag, dem 19. Juli, geboren wurde. Eine unbeabsichtigte, aber umso freundlichere Fügung war es, die gerade Nadler den ersten Forscher sein liess, der in seinem Zeichen stand!

Den fünften Preisträger, verehrte Anwesende, kennen Sie. Hans Carossa sitzt unter uns, und ich möchte ihn in meinem und meiner Frau Namen hier aufs herzlichste willkommen heissen. Ich kann nur wünschen, dass ihn sein Weg noch recht oft nach Zürich führen werde, auch ohne feierliche Anlässe, und dass er sich dabei auch stets dieses Hauses erinnern möge. Wir hoffen zuversichtlich, dass der heutige Tag nur ein Anfang war. Ich darf Ihnen, lieber Herr Carossa, wohl sagen, dass Sie uns mit nichts eine grössere Freude machen können, als wenn Sie bisweilen hier anklopfen. Wir warten darauf.

Verehrte Anwesende, ich möchte diesen kleinen Überblick nicht schliessen ohne noch eine letzte und bedeutsame Feststellung: nämlich, dass Hans Carossa nicht nur der Fünfte in der Reihe der Preisträger ist, sondern auch der erste Dichter in ihr! Auf den Dichter, meine verehrten Damen und Herren, bitte ich Sie das Glas zu erheben und anzustossen: Evoë poeta!

 

Worte gesprochen bei der Überreichung des Gottfried Keller-Preises an HANS CAROSSA, Muraltengut, 4.XI.1931. Von Martin Bodmer.

Ich glaube, es ist das aufrichtige Bedürfnis eines Jeden, der sich schon mit den Werken von Hans Carossa beschäftigt hat, ihm auf irgendeine Art dafür zu danken. Wenn wir dem Dichter, der heute als Gast unter uns weilt, den Gottfried Keller-Preis überreichen, so möge er darin weniger die literarische Ehrung aus der Schweiz erblicken, als eine besondere Form des Dankes für all das, was wir an Gaben durch die Jahre von ihm empfangen haben. Die Werke dieses in der Stille lebenden Mannes und wirkenden Arztes lassen sich heute noch fast an einer Hand aufzählen. Solche Enthaltsamkeit bei einem schöpferischen Menschen mutet wunderbar an. Darin liegt zweifellos ein Quell seiner Kraft, dass dieses Dichterleben Pausen kennt, indessen wie ein langsam wachsender Baum das Werk sich darin ausbreitet. Der Dichter hat Zeit zu warten, und man spürt es auch Allem an, was von ihm kommt. Immer wieder ist es als reif und klar bezeichnet worden, als rein und edel, wie nur Meisterliches ist. Gewiss. Es hält jene goldene Mitte, die dieses Werk im vollen Sinne klassisch macht. Aber damit ist ja soviel und auch wenig gesagt. Seine Grenze und Grösse liegt vielleicht unmittelbar in dem kleinen Wort: es ist goethesch. Was wäre zwar überhaupt im ganzen letzten Jahrhundert deutscher Geistigkeit denkbar ohne Goethe! Und dennoch steht ihm Carossa, so gewagt oder verbraucht es auch klingen mag, in einer besonderen und eigenen Weise nahe. Als Kuriosum mag die seltsame Ähnlichkeit der beiden Handschriften gelten. Ein blosses Spiel des Zufalls – auch wenn wir von der heutigen Überschätzung solcher Dinge absehen – kann und wird dies nicht sein. Aber auf andere Weise, mit dem Herzton seines Wesens, gehört Carossa einer goetheschen Sphäre an. Wir wollen uns nicht unterfangen, hier näher darauf einzugehen, aber es dünkt uns, diesem Verhältnis liege etwas von der geheimnisvollen und viel umrätselten Beziehung Fausts zum Erdgeist zugrunde, jenem Geist, der der Gottheit lebendiges Kleid wirkt. „Du führst die Reihe der Lebendigen vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen“ Nur Einem, dem Solches gegeben war, konnten die „Heiligtümer der Erde, die Metalle, die Tiere, die schlafenden Seelen – der spielende Pflanzengeist in seinen allversuchenden Formen“ zum innersten Bestand seines Wesens werden. All dies webt und atmet in Carossas Werk, das jenem Kristall gleicht, in dem „das Licht, das sonst so strenge, - sich einmal vergisst und jubelnd in seine Farben auseinanderklingt“.

Des Dichters Jugend fällt in die Zeit der Jahrhundertwende, in diese merkwürdige selbstzufriedene Zeit mit ihrem blinden Glauben an Fortschritt und abermals Fortschritt. Wenn wir uns vergegenwärtigen, was uns als das Bezeichnende an den Jahren zwischen 1880 und 1900 erscheint, so hebt sich die Frühzeit des Dichters, so heben sich die beiden Bücher „Eine Kindheit“ und „Verwandlungen einer Jugend“ durch ihre helle, gleichsam zeitunberührte Luft seltsam dagegen ab. Hier entwickelt sich ein Mensch, der mit dem ganzen Trachten und Streben dieser Zeit kaum etwas gemeinsam hat, der auf dem Weg ist, mit den wachsenden Jahren seine eigene Welt zu bauen und zu erfüllen. Erschüttert wird sie, wie alles überhaupt, durch das Schicksal von Krieg und Sturz des Alten, das über den reifen Mann hereinbricht. Seine Welt aber hat es nicht gestürzt und seinen Lebensraum nicht zerstört. Er hat dieses Schicksal geformt – und völlig anders als irgend ein Zeitgenosse. Er hat es geformt mit einer fast lautlosen Leidenschaft. Er sieht den Jammer der versunkenen Epoche und die Trostlosigkeit der neuen – doch das Entscheidende liegt erst dahinter. Wir müssen vorwärts schauen. „Zeiten des Krieges und der Gefahr sind auch Zeiten des grossen Aufschwungs. Wir leben in einer beginnenden Zeit.“ Aber auch dies ist noch nicht das Entscheidende. Nicht darum geht es vor allem, sondern um das Ewige, um den Geist. Dass „das Leben am Ende doch einmal schwingen wird wie der Geist es will“ – darum geht es! –

Alle Werke Carossas bewegen sich um das Selbstbekenntnis herum. Stofflich mag dies eine Beengung sein. Das Besondere dieser Dichtung liegt aber nicht im Stoff. Hier ist es eine denkbar schlichte, eine spröde und oft beinahe karge Fabel über alles Äussere, über alles Wirkliche hinausgehoben, in einen Zustand fast durchsichtiger Innigkeit. Man hat den „Doktor Bürger“, diesen tagebuchartigen Erstling Carossas eine NaFr.olge Werthers genannt. (Ist er übrigens wirklich ein Erstling? Fast möchte man vermuten, es seien uns noch wesentliche Dinge vorenthalten, die ihm vorausgingen! Nennen wir ihn also vorsichtiger die erste Veröffentlichung des Dichters!) So unbestreitbar richtig der Vergleich mit Werther ist, so seltsam seine blosse Möglichkeit in unserer Zeit. Was wäre ihr fremder als weltschmerzliche Flucht zur Natur hin, als Zweifel am Erkennen und Verzweiflung am Wissen, als Leiden an der ganzen Tiefe und Überfülle des Lebens, und Befreiung davon durch das Wort? Hier aber ist dieses alles! Hier ist es wieder wie vor anderthalb Jahrhunderten, und wird wiedereinmal sein und immer wieder – denn über sich selbst hinaus kann ja das Menschenherz nie kommen! Aber in gewissen Augenblicken ist es ihm gegeben, Besonderes auf besondere Art zu sagen. Und der Dämon, der es dazu treibt, frägt nicht, ob dieser Ton der Zeit recht sei oder nicht. Solches Tun wächst in tieferer Schicht, und die Frage nach seiner Berechtigung in der Zeit ist eine müssige. Wenn die Welt des Doktor Bürgers nichts als der Widerschein einer beinahe transparenten Seele ist, so ist sie im Rumänischen Tagebuch die Wirklichkeit des Krieges von einem sicheren und klugen Auge gesehen. Hier blickt der Arzt, der gewohnt ist, auch auf das Kleinste und Einzelne liebevoll zu schauen, um dadurch zum Bilde des Ganzen zu gelangen. Und seltsam, wie in diesem Kriegserlebnis der Krieg fast unwesentlich wird vor eben dem scheinbar Kleinen und Einzelnen, vor dem zeitlosen Wellenschlag des Lebens. Diese ewige Melodie lässt ihn nicht los. In immer neuen Abwandlungen begegnen wir ihr. Dem Dichter, der diesem Dasein schon so viele Wunder und Zartheiten entlockt hat, strömt es fortwährend neu zu. Bald wird er uns eine „Legende vom ärztlichen Leben“ schenken. Aus dem Wenigen, das uns daraus zu Gesicht kam (im ersten und zweiten Jahrgang der „Corona“), lässt sich bereits erkennen, dass der Dichter hier zum ersten Mal eine neue Situation durch die Gegenüberstellung handelnder Charaktere schafft, und man darf gespannt sein, wie sie sich weiter entwickeln werden! Man spürt aber auch, dass diese Legende Glied ist in einer organischen Kette. Wohl ist wieder an der Begrenzung des Stoffes auf den Lebenskreis des Arztes festgehalten. Aber das Leben, das sich in diesem Kreis entfaltet, weitet ihn zu einer Welt. In dieser ganzen, immer reicher und voller werdenden Welt des Dichters ist kein Schatten zuviel noch zu wenig, kein Ton zufällig oder gleichgültig, kein Gedanke, der sich nicht ins Gesamte eingliederte, kein Bild, das sich dem Zusammenhang nicht fügte, keine Stimmung, die nicht aus Gewesenem stiege und Kommendes bereitete... Sie lebt vom wundervollen Ineinandergreifen gestaltender Kräfte, sie ist das organische Werk eines Lebens. Es wird immer wieder darüber gestritten und gefragt, was Meisterschaft sei. Nun – Solches! Gewiss, Lauterkeit der Form und Sprache, Harmonie des Ganzen – all dies mag dazugehören, aber nicht daran liegt es! Auch nicht an besonderen Situationen und Charakteren. Was das Werk Carossas vom ganzen heutigen Schrifttum so eigentümlich unterscheidet ist dieses, dass es nicht sosehr das Dasein selbst in seiner Vielfältigkeit gibt, als eine in sich vollkommene Geistermusik dazu.

Am schwebendsten vielleicht in den Gedichten. Wenn wir von Carossa nichts als diese besässen, wir wären reich beschenkt. Sie sprühen gleichsam in der Strahlengarbe den ganzen Seelenbezirk des Dichters wieder, diese zeitlose, vom Persönlichen ins Gültige gehobene Welt. Dass sie ihm nicht leichthin in den Schoss gefallen, sondern mit Tätigkeit erkämpft und mit Ehrfurcht erstritten ist, darin liegt ihr köstlicher Sinn und ihre spendende Kraft. „Das grosse Leben bestehen und über sich dabei die Sterne fühlen,“ – dies vor allem ist es, was uns Carossa zu sagen hat.

Wir danken ihm dafür. Mögen Sie, verehrter Herr Carossa, den Preis, der Ihnen übergeben wird, als eine besondere Form unseres Dankes ansehen. Wir sind uns bewusst, damit nur Stückwerk zu geben. Aber was immer es sei, es kommt von Herzen, und er ist Unzähligen aus dem Herzen geredet.

 

Eine bedauerliche Mitteilung ist der Austritt von Robert de Traz aus dem Konsultorium der Stiftung, dem er seit der Gründung angehört hat. Weitgehende Inanspruchnahme veranlasst ihn heute zu diesem Entschluss. Wir sagen ihm auch an dieser Stelle für seine freundliche Mitwirkung herzlichen Dank und fügen die seinem Abschied gewidmeten Zeiten noch bei:

Cher Monsieur, Permettez-moi de vous dire avant tout combien j’ai regretté votre absence mercredi dernier! Le résultat de la séance était la décision unanime d’accorder le prix à Hans Carossa, poète d’une pureté et lucidité peut-être unique dans la poésie allemande d’aujourd’hui. Le prix ne lui sera cependant présenté qu’en septembre, la saison actuelle n’étant pas favorable à l’écho nécessaire. Une nouvelle désolante est votre résolution de nous quitter. Je ne comprend que trop bien vos raisons et vois qu’il n’est malheureusement pas dans mon pouvoir de vous retenir. Il ne me reste qu’à vous remercier infiniment de votre aimable assistance pendant bientôt dix ans, et d’espérer que l’on vous verra néanmoins de temps en temps à Zurich. En vous priant de croire, cher Monsieur, à mes meilleurs sentiments, je vous salue, très cordialement, Martin Bodmer.

(Dieser Brief ist im Archiv nicht nachgewiesen)

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Jahresbericht zum elften Jahr (1932)

Es ist nicht ohne Absicht, dass wir in diesem Jahr der Stiftung völlige Ruhe gegönnt haben. Nicht Unentschiedenheit, keinerlei Wahlsorgen oder Skrupeln bestimmten uns dazu. Diese Kinderkrankheiten sind vorüber, und die Stiftung steht fest und gesichert. Aber es dünkt uns, dass auf das letzte, reiche und gewichtige Jahr ein stilles folgen müsse. In diesen wahrhaft heimgesuchten Zeiten kann es nicht der Sinn der Stiftung sein, zu experimentieren, sich zu vertun. Aus der Not der Stunde zeichnet sich ihre Bestimmung immer deutlicher ab: sich bekennen zum Klaren und Gesicherten, zum Reifen und Tüchtigen. Das wollen wir ehren, und nichts als das. Aber dafür braucht es Pausen. Nicht nur, um wieder nachdrücklicher schöpfen, sondern auf das Schöpferische umso nachdrücklicher hinweisen zu können! Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum zwölften Jahr (1933)

Das Jahr 1933 war wiederum ein Preisjahr, in dem der sechste Gottfried Keller-Preis zur Verleihung kam. Es fand sich in der Jahrhundertfeier unserer Universität dafür ein besonders festlicher und vor allem ein Anlass, dem Preis ein neues Wirkungsfeld zu geben. Eingedenk ihrer weitgefassten Bestimmung, nicht nur persönliche Leistungen zu ehren, sondern dem Geistesleben überhaupt zu dienen, sofern es in lebendiger Beziehung zum schweizerischen Kulturleben steht, benutzte die Martin Bodmer-Stiftung die Gelegenheit zu einer überpersönlichen Zusammenfassung ihrer Mission.

Wie konnte sie den Eintritt in ihr zweites Dezennium würdiger begehen, als durch sichtbare Verbindung mit der Vaterstadt Gottfried Kellers! Der Gottfried Keller-Preis, real und ideell von Zürich ausgehend, ist seiner Bestimmung, geistig überregional, d.h. im besten Sinne schweizerisch zu sein, bisher in schönster Weise gerecht geworden, und seinem Ansehen nach immer noch eine der gewichtigsten Literaturehrungen, die zu vergeben sind. Wenn statt einer Persönlichkeit nun einmal die Forschung als solche bedacht worden ist, im besonderen die zürcherische Literaturforschung, so kehrt der Preis damit für einmal zu seinem Ausgangspunkt zurück. Und konnte er es in schönerer Weise tun, als indem er die Alma Mater Turicensis ehrte?

Wir setzen die verschiedenen Dokumente, die gewechselt wurden, in ihrem Wortlaut hierher.

1. An den Herrn Rektor der Universität Zürich, Herrn Professor Dr. Fritz Fleiner, Zürich, 3. Januar 1933. 

Hochverehrter Herr Rektor,

Es war schon lange mein Wunsch, mich einmal für die Hochschule meiner Vaterstadt einzusetzen. Die nahende Jubiläumsfeier bietet dafür eine schöne und gewiss einzigartige Gelegenheit. Ich möchte es in der Weise tun, dass die Gottfried Keller-Preis-Stiftung (die vor zwölf Jahren von mir gegründet wurde), dieses Jahr auf eine Preisverleihung verzichtet und sich dafür die Ehre gibt, der Universität Zürich bei Anlass ihres Jubiläums Fr. 10.000.-- zu überreichen. Es ist mir bekannt, dass für eine allgemeine Spende gesammelt wird, doch bedingt es die Form meiner Stiftung, dass das Literarische vor allem betreut werde. Ich kann mir kaum denken, dass dem von Seiten der Hochschule etwas im Weg stehen könnte. Sollte es doch der Fall sein, so darf ich Sie wohl um freundliche Mitteilung bitten? Ich möchte die Summe zu freiem Gebrauch unter die vier literaturwissenschaftlichen Abteilungen der philosophischen Fakultät verteilen. Unter Umständen wäre ich auch einmal bereit, die jetzige Gabe in eine grössere, bleibende Stiftung umzuwandeln. Damit wäre zugleich im schönsten Sinn an mein eigenes Interessens- und Arbeitsgebiet angeknüpft, vor allem an meine weitschichtigen Sammlungen. Dass diese in irgendeiner Form einmal der allgemeinen Forschung zugänglich gemacht werden, ist fast eine Voraussetzung ihrer Anlage. Im sinnvollen Austausch der Mittel und Möglichkeiten lässt sich auf diesem Gebiet wohl noch Wertvollstes erreichen. Vorerst ist es mir aber eine besondere Freude, mich in solch hohem und festlichem Augenblick der Hochschule verbunden zu fühlen. Ich empfehle mich Ihnen, hochverehrter Herr Rektor, als Ihr in aufrichtiger Ehrerbietung ergebener Martin Bodmer.

 

2. An das Rektorat der Universität Zürich.

Hochverehrter Herr Rektor,

Die Martin Bodmer-Stiftung gibt sich die Ehre, den diesjährigen Gottfried Keller-Preis im Betrage von Fr. 8.000.-- der Universität Zürich bei Anlass ihres hundertjährigen Jubiläums hiermit zu überreichen. Den Grundsätzen und dem Charakter der Stiftung entsprechend soll diese Summe ausschliesslich der literaturgeschichtlichen Forschung – mit Ausschluss der Linguistik – zugute kommen. Sie soll auf die literaturgeschichtlichen Seminarien folgendermassen verteilt werden:

Das Seminar für neuere deutsche Literaturgeschichte unter Prof. E. Ermatinger erhält Fr. 2.000.--

Das Seminar für neueste deutsche Literaturgeschichte unter Prof. R. Faesi erhält

Fr. 2.000.--

Das Seminar für französische und italienische Literaturgeschichte unter

Prof. Th. Spoerri erhält Fr. 2.000.--

Das Seminar für englische Literaturgeschichte unter Prof. B. Fehr erhält Fr. 1.000.--

Das Seminar für griechische und lateinische Literaturgeschichte unter

Prof. E. Howald erhält Fr. 1.000.--

 

Diese Beträge sollen folgendermassen verwendet werden:

a) Zur Anschaffungen für die Seminarbibliotheken

b) Zur Drucklegung von literaturgeschichtlichen Arbeiten, soweit es die Dozenten für nötig erachten

c) Nach sonstigem Ermessen der betreffenden Dozenten im Rahmen des Stiftungszweckes

 

Zürich, 18. April 1933.

Mit ausgezeichneter Hochachtung, Namens der MARTIN BODMER-STIFTUNG für einen GOTTFRIED KELLER-PREIS: Martin Bodmer.

 

2a. Herrn Professor Fritz Fleiner,

Universität, Z ü r i c h. 18. Apri1993.

Sehr verehrter Herr Professor Fleiner,

Ich erlaube mir, Ihnen beiliegend eine Urkunde der Martin Bodmer-Stiftung nebst einem Check zu Handen der literarischen Seminarien der Universität Zürich zu überreichen. Darf ich Sie um die Freundlichkeit bitten, den betreffenden Herren Dozenten den Inhalt des Schriftstückes zur Kenntnis zu bringen, und die darin festgelegte Verteilung der Summe gütigst durch die Kanzlei ausführen lassen zu wollen. Der Betrag ist leider nicht ganz so hoch ausgefallen, wie ich es ursprünglich hoffte veranlassen zu können. Bei seiner endgültigen Festsetzung ergab es sich, dass die Stiftung durch einen höheren Betrag zusehr belastet würde. Auch war es dem Stiftungszweck entsprechend nicht möglich, die Summe der allgemeinen Jubiläumsspende zuzuwenden. Ich darf aber dennoch hoffen, dass sie nicht unerwünscht sei. Indem sie im engeren Rahmen ihren Zweck erfüllt, kommt sie vielleicht doch auch dem Ganzen zugute! Ich habe Ihnen, sehr verehrter Herr Professor Fleiner, bereits früher betont, wie sehr es mein Wunsch ist, der Hochschule bei Gelegenheit einmal etwas Bleibendes zuzuwenden. Leider erlaubt es die heutige Zeit nicht. Umsomehr freue ich mich, der Universität wenigstens auf diese Weise an ihrem Ehrentag verbunden zu sein. Ich begrüsse Sie, sehr verehrter Herr Professor, als Ihr in aufrichtiger Ehrerbietung ergebener Martin Bodmer.

 

3. Universität Zürich.

19. April 1933, Herrn Martin Bodmer, Freudenberg, Zürich.

Sehr verehrter Herr, Mit bestem Dank bestätige ich Ihnen den Empfang Ihres freundlichen Briefes vom 18. April a.c. und des Checks von Fr. 8.000.--. Wir sind Ihnen für das grosse Geschenk aufrichtig erkenntlich, und ich werde am Jubiläum auch dem weiteren Publikum davon Kenntnis geben. Eine Kopie des Schreibens, in dem Sie namens der Martin Bodmer-Stiftung die Grundsätze über die Verwendung der Fr. 8.000.-- aufgestellt haben, werde ich dem Dekanat der Philosophischen Fakultät I zu Handen der Fakultät und der beteiligten Docenten zustellen, und ich bin überzeugt, dass meine Kollegen sich über die Förderung der literaturhistorischen Studien durch Ihr Geschenk sehr freuen werden und selbstverständlich die Summen bestimmungsgemäss verwenden. Mit freundlichen Grüssen verbleibe ich Ihr Prof. Fleiner. Rektor.

 

4. Universität Zürich,

Dekanat der philos. Fakultät I, 24. April 1933.

Sehr verehrter Herr Bodmer, Der Rektor der Universität hat mir die Mitteilung gemacht von der Schenkung, die Sie durch die Gottfried Keller-Stiftung bei Anlass des Jubiläums unserer Fakultät, insbesondere unsern literaturhistorischen Seminarien, gemacht haben. Im Namen der Philosophischen Fakultät I und in meinem persönlichen Namen spreche ich Ihnen unseren Dank aus. Diese Schenkung beglückt uns nicht nur durch die Möglichkeit, die sie uns gibt, unsere Seminarien zu bereichern und unsere Forschungen zu fördern, sondern durch den Nimbus, der Ihre Stiftung umgibt, in dem durch diese Verleihung auch ein Schimmer auf uns fällt, so dass wir uns erstaunt und mit einem etwas schlechten Gewissen fragen, ob wir wirklich auch zu den Mehrern des geistigen Gutes gehören, die Sie sonst in Ihrem Preise auszeichnen. Auf alle Fälle sind wir uns bewusst, dass eine solche Gabe auch eine Verpflichtung ist, in allem wissenschaftlichen Tun und Forschen den Kontakt zu suchen mit den schöpferischen Quellen unseres sprachlichen und geistigen Volkstums. Mit dem Ausdruck unserer grossen Dankbarkeit Namens der Philosophischen Fakultät I. Der Dekan: Th. Spoerri.

 

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Jahresbericht zum dreizehnten Jahr (1934)

 

Das dreizehnte Jahr – es bleibe dahingestellt, welche Bedeutung man dieser eigenen Zahl beilegen wolle – ist vorbei. Es hätte stiller nicht sein können, denn keinerlei Ausgaben sind zu verzeichnen. Aber die Zurückhaltung war eine auferlegte. Durch die Festgabe an die Universität Zürich waren wir mit einem ziemlichen Passivum ins neue Jahr getreten und damit gezwungen, der Stiftung zur Äufnung ihrer laufenden Mittel eine Zeit der Ruhe zu gönnen. Dies ist geschehen. Aber was ist sonst geschehen? Es wird darüber zu reden sein. Eines ist jetzt schon gewiss, dass die Preisfrage keine leichte sein wird. In diesen bewegten Zeiten muss man sich fragen, ob es geraten sei, die heimatlichen Grenzen zu verlassen – und dennoch: wer spottete den Grenzen, wenn nicht der Geist! Ihm und ihm allein zu huldigen ist unsere vornehmste Pflicht. Sollte es aber nicht möglich sein, dass die Sonnenfülle dieses Jahres auch in der Heimat etwas zur Reife gebracht habe, ausser den Früchten und dem Wein? Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum vierzehnten Jahr (1935)

Wohl noch kein Stiftungsjahr hat einen so regen Meinungsaustausch gebracht wie dieses vierzehnte, in dem der siebente Gottfried Keller-Preis vergeben werden sollte. Rund drei Dutzend Briefe sind von März bis in den Oktober zwischen den Mitgliedern des Kuratoriums gewechselt worden, wozu noch einige mündliche Besprechungen kamen. Diese Mühe, für die der Unterzeichnete nicht unterlassen möchte, den Betreuern der Stiftung auch an dieser Stelle seinen herzlichen Dank auszusprechen, ist leider ohne Erfolg geblieben. Wohl konnte man sich auf einen Kandidaten einigen, aber Erwägungen anderer Art liessen davon absehen, den Preis im heutigen Zeitpunkt nach dem Ausland zu geben, und so beschloss man, die Angelegenheit auf das nächste Frühjahr zu verschieben. Der Mann, dessen Gestalt und Werk einen Preis zweifellos gerechtfertigt hätte, ist der Schwabe Emil Strauss. Die Schweiz hat Grund genug, an seinem Schaffen Anteil zu nehmen und hätte sich nur freuen können, dies auch einmal sichtbar zu bekunden. In Strauss lebt ein Stück von unserem Geist und unserer Landschaft, und wie der Grüne Heinrich über seine Heimat hinaus ins grosse Brudervolk gewachsen ist, so können wir im Werk des Alemannen einen Teil jenes Deutschen Reiches sehen, zu dem im schönsten und tiefsten Sinne auch wir gehören. Es zeigt sich einmal mehr, was für seltsame Zeiten wir erleben, in denen es nicht ratsam ist, die eigenen politischen Grenzen zu verlassen, um den freien Geist zu ehren. –

Umso erfreulicher, dass sich im Lauf des Jahres eine Gelegenheit bot, schweizerisches Schaffen zu würdigen. An Weihnachten hat die Stiftung Dr. Werner Günther in Neuenburg für sein Werk „Der ewige Gotthelf“ eine Ehrengabe von Fr. 500.-- überreicht. Die Arbeit ist zweifellos ein wertvoller Beitrag zur Gotthelf-Forschung. Dass sie gegenüber phantasievollen Spekulationen wieder diejenigen Dinge in den Vordergrund gerückt hat, die dorthin gehören, war ebenso verdienstvoll wie notwendig. Wir können diese Zeilen nicht schliessen, ohne der Hoffnung Ausdruck zu geben, dass über die künftigen Bemühungen um die Preisfrage günstigere Sterne stehen mögen. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum fünfzehnten Jahr (1936)

Wir mussten den letzten Bericht mit dem Bedauern schliessen, dass 1935, obwohl es ein Preisjahr war, zu keinem Ergebnis geführt hatte. Dafür ist nun der Wunsch, es möchten bessere Sterne über der Zukunft stehen, in Erfüllung gegangen. Man ist im Frühjahr erneut an die Preisfrage herangetreten, hat gesichtet und gewogen und einmal mehr erkannt, wie Wenige den Rang der bisherigen Preisträger zu halten vermögen. Aber aus der kleinen Schar hat sich der Stiftungsrat diesmal rasch und einstimmig für Hermann Hesse entschieden und durfte sich freuen, dass seine Entscheidung in der Öffentlichkeit allgemeine und herzliche Zustimmung fand. Der Preis ist Hesse auf Ostern überreicht worden, mit dem naFr.olgenden Schreiben des Unterzeichneten:

Zürich, 28. März 1936.

Sehr verehrter und lieber Hermann Hesse, Es ist mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass das Kuratorium der Gottfried Keller-Preis-Stiftung Ihnen den Got tfried Keller – Preis von sechstausend Franken einstimmig zuerkannt hat. Die öffentliche Bekanntgabe, sowie die Überreichung des Preises, soll auf Ostern stattfinden; da ich jedoch nicht möchte, dass Sie die Nachricht anders als auf direktem Wege erfahren, übermittle ich Ihnen dieselbe sofort nach der eben erfolgten Beschlussfassung. Der Preis kommt damit nach vieljährigem Unterbruch wiedereinmal in die Schweiz. Wenn dies hier freudig begrüsst werden wird – zweifellos auch im Sinne des Zeitgeistes – so brauche ich nicht zu betonen, dass dieser keineswegs die Veranlassung war. Nein, so leicht die Wahl uns fiel, sind wir uns doch bewusst, zu besonderem Nationalstolz kein Recht zu haben. Denn wenn Sie auch längst einer der Unseren sind, sei doch das Nachbarland nicht vergessen, aus dem Sie herüberkamen. Freilich von dort, wo der Rhein noch schmal ist und seine alten Brücken die Ufer so freundlich verbinden, dass man sich frägt, was hüben und drüben scheiden sollte. Was Sie mitgebracht haben, war uns vertraut wie das Eigene. Und durch Sie wiederum ist ein Stück von unserem Wesen und unserer Landschaft ins grosse Brudervolk gewachsen. So spiegelt Ihr Werk als Ganzes, ob es erdnah sei oder weltweit, von der Scholle bis zur Zaubersphäre, den Geist jenes altheiligen Reiches, zu dem wir gerne gehören und als dessen Teil wir uns immer fühlen werden. Ich bitte Sie, in diesem Preis nicht mehr zu sehen als einen bescheidenen Teil des Dankes, den wir dem Vermittler und Bewahrer eines hohen Erbes schulden. Ich grüsse Sie herzlich und verehrungsvoll als Ihr Martin Bodmer.

 

Der Dichter dankte mit einem Brief an den Stiftungsrat, sowie einen an den Unterzeichneten. Beide seien hier mitgeteilt:

 

Montagnola, 29. März 1936.

Hochgeschätzte Herren!

Durch einen liebenswürdigen Brief von Herrn Martin Bodmer bekam ich heute, am Morgen eines schönen Frühlings-Sonntags, die überraschende Nachricht, dass Sie mir den Gottfried Keller-Preis zuerkannt haben. Diese so unerwartete Auszeichnung trifft mich zu einer Zeit, in der ich die gewaltige Krise der deutschen Literatur am eigenem Leib zu spüren bekomme, und ist für mich darum eine doppelte Freude. Wenn ich auch von meiner literarischen Leistung eher skeptisch denke (ich bin im Grunde mehr ein moralisch-religiöser als ein künstlerischer Charakter), so glaube ich doch, wenigstens in einer Hinsicht den Absichten und dem Sinn Ihrer Stiftung zu entsprechen: dadurch, dass sich in mir Schweizertum und sprachlich-kulturelles Deutschtum wirklich von Jugend an eng verbanden. Enkel einer Welschschweizerin, Sohn eines um 1880 in Basel eingebürgerten Balten, habe ich neben dem baltischen Deutsch meines Vaters schon in der Kindheit sowohl die Basler als auch die schwäbische Mundart gehört, gelernt und gesprochen. Ich spreche Ihnen, verehrte Herren, meinen herzlichen Dank aus für die Hilfe, die Freude und die Tröstung, welche die Verleihung Ihres Preises mir bedeutet. Ihr in alter Hochachtung ergebener Hermann Hesse.

 

Montagnola, 29. März 1936.

Verehrter, lieber Herr Martin Bodmer!

Sie haben mich an diesem schönen, warmen Frühlingssonntagmorgen in der Tat gewaltig und auf wunderbare Weise überrascht. Ich war im Garten, als die Magd mit der Briefpost kam, ich ging mit einem Seufzer, als ich sah, dass es ziemlich viele Briefe seien, dem Mädchen nach ins Haus und setzte mich ans Lesen – und der erste, obenauf liegende Brief war der Ihre! Für das Kuratorium lege ich Ihnen einen Brief bei. Ihnen persönlich aber möchte ich mit diesen Zeilen sagen, dass meine Freude und Überraschung sehr gross sind, und dass diese Freude mir in einer Periode ausgesprochen schlechten Befindens an Leib und Seele zufällt, mich also doppelt empfänglich und dankbar findet. Es war ganz besonders freundlich und hübsch, dass Sie es übernahmen, mir das Ereignis persönlich und in so schönen Worten mitzuteilen. Ich muss sagen: es hätte auf keine Weise hübscher, würdiger und erfreuender getan werden können. Seien Sie recht sehr bedankt und gegrüsst von Ihrem ergebenen Hermann Hesse.

 

Die Annalen der Stiftung haben ferner noch den fünfzigsten Geburtstag von Dr. Eduard Korrodi zu verzeichnen, dem bei Anlass dieser Feier eine Ehrengabe von Fr. 2.000.-- überreicht wurde, in Anerkennung seines kritischen Waltens, seines unentwegten Dienstes am schweizerischen Schrifttum und der Förderung, die das geistige Zürich seiner Initiative verdankt. Wir wiederholen den Wunsch, dass die Stiftung noch lange der lebenden Wirkung seines Temperamentes teilhaftig sein möge. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum sechzehnten Jahr (1937)

Das abgelaufene Stiftungsjahr war ein stilles, wie es sich durch den Stand der Finanzen nach einem Preisjahr von selbst ergibt. Und doch konnten erfreulicherweise in etwas grösserem Umfang als früher zwei Vergabungen gemacht werden. Julius Schmidhauser erhielt eine Ehrengabe von Fr. 1.500.-- in Anerkennung seines bisherigen und zur Förderung seines künftigen Schaffens. Die Arbeit Schmidhausers darf durch ihre denkerische Bedeutung und schriftstellerische Eigenart einen besonderen Platz im schweizerischen Geistesleben beanspruchen. Er schreibt uns:

Ihre Gabe dient dazu, den Abschluss eines grösseren Werkes philosophisch-dichterischer Art zu sichern. Darüber hinaus aber ist mir Ihr Zuspruch bedeutungsvoll als Zeichen der Anteilnahme an einem noch notwendig im Verborgenen reifenden Werk. Und ich bin sehr berührt von der mit gar nicht selbstverständlichen Tatsache, dass Sie mir Ihr Vertrauen schon vor der Herausgabe des neuen Werkes schenken. Vielleicht ist solcher Zuschuss in den grossen und grösseren inneren Nöten des Schaffens mehr als spätere Auszeichnung.

(Schmidhauser an Bodmer, 27. Oktober 1936)

 

Wir freuen uns um der Stiftung willen über solche Worte. Eine zweite Vergabung von Fr. 1.000.-- erhielt der Dichter Robert Walser, eine der originellsten und begabtesten Gestalten unseres Schrifttums, die Anerkennung und Hilfe zweifellos verdient. Walser lebte seit Jahren in einer Heilanstalt, aus der er nun entlassen werden konnte. Da er wieder durch Schreiben sein Leben verdienen muss, dünkt uns eine Zuwendung gerade in diesem Zeitpunkt am Platze, und sie bleibt es auf die Gefahr hin, dass dem Dichter nichts mehr gelingen sollte. Das Schaffen seiner guten Tage dürfte sie mehr als rechtfertigen. Es scheint, dass die Stiftung in diesen beiden Fällen just im rechten Augenblick eingreifen konnte. Liegt nicht darin ein guter Teil von ihrem Sinn und ihrer Aufgabe?

Zum Schluss bleibt uns noch eine schmerzliche Pflicht zu erfüllen. Dr. Hugo Marti, der treue Mithelfer und Rater seit der Gründung der Stiftung ist von uns geschieden. Viel zu früh ist dieser freundliche Geist den Leiden des Körpers erlegen. Noch lag ein Leben voller Tätigkeit und Hoffnung vor ihm, und wer erfahren hat, wie er seine Arbeit auffasste, die alltägliche und die ihm liebe festtägliche, wie er allem was an ihn herantrat mit der gleichen männlichen Haltung begegnete, der weiss auch, was mit Hugo Marti verloren ist. Ich erinnere mich einer Divergenz mit ihm wegen einer Preisfrage. Er war eigens dafür nach Zürich gereist, und wir besprachen die Sache. Ich habe mich selten über eine Meinungsverschiedenheit so gefreut, und gern überzeugt nachgegeben, wie dieser sachlichen und ritterlichen Denkweise gegenüber. So schlicht Hugo Marti im Leben war, so schwer ist die Verantwortung für seine Nachfolge, wo immer er gewirkt hat. Er hatte etwas Gerades und Echtes an sich, das durch blosse Begabung nicht zu ersetzen ist – „er war ein Mann, nehmt alles nur in allem“. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum siebzehnten Jahr (1938)

Im abgelaufenen Preisjahr ist der achte Gottfried Keller-Preis zur Verteilung gelangt, und wir freuen uns, dass auch er wie seine Vorgänger einen würdigen Träger gefunden hat. Das Kuratorium hat einstimmig beschlossen, ihn dem Historiker, Prof. Ernst Gagliardi, zu verleihen. Wir wollen die Gewichtigkeit des Preises weder überschätzen noch unterschätzen, aber es ist doch so, dass man sich unter den Preisträgern durchwegs in bester Gesellschaft befindet und der vielleicht etwas einseitige, aber heute mehr als je zu rechtfertigende Sinn dieser Privat-Stiftung, ein hohes Niveau zu halten, ist erfüllt. Man wird sich vielleicht fragen, wie ein Literaturpreis zu einem Historiker kommen konnte. Das hängt mit der Tatsache zusammen, dass die Preisfrage ein immer kritischeres Problem wird. Für uns muss freilich die dichterische Leistung an erster Stelle stehen. Doch der Zeitgeist – oder wie man ihn nennen will – ist ihr offensichtlich nicht gewogen, wenigstens nicht im Rahmen Gottfried Kellers, denn auch wenn man diesen Begriff weitherzig fasst, ist er ein gewisses Programm. Aber es ist nicht allein das Problem des fehlenden poetischen Geistes, das uns beschäftigt. Auf der anderen Seite stehen die wachsenden Rücksichten, die auf politische Meinungen, nationale Empfindlichkeiten, weltanschauliche Überzeugungen u. dergl. zu nehmen sind, und die Entschlusskraft hemmen. Es ist ein Zeichen der Zeit, dass einstige Selbstverständlichkeiten wie jene, frei disponieren zu können, es nicht mehr sind! In dieser Lage war der Gedanke, sich auch anderswo umzusehen, ein glücklicher. Wir haben damit unsere engeren Grenzen erstmals verlassen, denn wenn auch in Nadler eine wissenschaftliche Leistung den Preis erhielt, so blieb es doch bei der Literatur. Aber ich glaube, unser Schritt ist nicht nur zu verantworten, er ist im Gegenteil der allgemeinen Zustimmung gewiss. Es ist nicht der Moment, sich engherzig an den Begriff des Literarischen zu halten und einen Meinungswechsel über schriftstellerische Kategorien zu beginnen! Wir dürfen es vielmehr als Fügung betrachten, dass sich uns eine so unerwartet schöne Lösung zeigte. Es war ein Glücksfall, im eigenen Lande einer Leistung zu begegnen, die eben im geistigen Sinne zusammenfasst, was die Stunde erfordert – und dennoch ihre Zeit überdauern wird. Die Erweckung unserer Vergangenheit, wie sie in Gagliardis „Geschichte der Schweiz von den Anfängen bis zur Gegenwart“ auf neue Art geleistet ist, bedeutet heute mehr als eine Angelegenheit der Gebildeten. Im ganzen Volk ist das Bedürfnis nach nationaler Verbundenheit erwacht, und diese findet ihren sichtbaren Mittelpunkt im Denkmal der Geschichte. Wir sind stolz auf die Leistung eines Zeitgenossen, in der die ruhmreiche Tradition der zürcherischen und schweizerischen Historiographie weiterlebt. Wir lassen den Wortlaut der Prof. Gagliardi überreichten Urkunde folgen:

Zürich, den 29. Oktober 1938.

Sehr verehrter Herr Professor Gagliardi!

Es ist mir eine Ehre, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis einstimmig beschlossen hat, Ihnen den diesjährigen Gottfried Keller-Preis im Betrag von sechstausend Franken zu überreichen, in Würdigung Ihrer Forschertätigkeit und in Anerkennung Ihrer Verdienste um die Gestaltung unseres geschichtlichen Erbes. Es ist nicht der Ort, auf Ihre Bedeutung als Historiker hinzuweisen. Dies ist an anderer Stelle und von berufener Seite geschehen. Aber ich darf feststellen, dass der Augenblick, Ihr Werk öffentlich zu ehren, ein glücklicher, ja bedeutungsvoller ist. Sie blicken von der Höhe des Lebens herab auf eine reife Ernte, und hinaus in eine pläne- und arbeitsreiche Zukunft. Der Abschluss Ihrer Geschichte der Schweiz aber fällt in eine Zeit, die dafür besonders empfänglich ist. Die Darstellung unserer Vergangenheit ist heute mehr denn je eine Angelegenheit des ganzen Volkes, und so möge denn in unserer Gabe auch ein Teil des Dankes beschlossen sein, den die Nation Ihnen schuldet. Mir persönlich ist es eine Genugtuung, dass dieser Dank von meiner Vaterstadt ausgehen darf, mit der Ihr Werk in so besonderer Weise verbunden ist. Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Professor Gagliardi, die Versicherung meiner tiefgefühlten Verehrung. Namens der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis, der Präsident, Martin Bodmer.

 

Zum Schluss möge noch eine Stelle aus dem Dankesschreiben des Preisträgers hier angeführt sein:

Erlauben Sie mir, Ihnen mit meinem allerherzlichsten Dank für den von Ihnen persönlich überreichten Gottfried Keller-Preis noch einmal zum Ausdruck bringen, wie sehr mich der Beschluss Ihres Kuratoriums ehrt und freut. Es gilt dasselbe von den schönen Worten, mit denen Sie den Preis in der Zeitung und in dem mir heute überreichten Briefe begleiteten. Das Erzeugende an meinen Büchern war fast immer ein Gestaltungsbedürfnis, d.h. letzten Endes etwas Künstlerisches, das sich allerdings nicht in dichterischer Form äussern konnte. Vielmehr blieb es durch den Zwang des Stofflichen gehemmt. Aber es ist nun einmal so, dass bedeutende Historiker wie Mommsen oder Treitschke in diesem Sinne verhinderte Dichter waren, ohne dass ich mich mit ihnen irgendwie vergleichen dürfte. So hat die Zuerkennung eines literarischen Preises für mich einen besonderen Glanz, und ich danke Ihnen auch für die Freude, die Sie mir hierbei und hierdurch bereiteten. Schliesslich wäre es unehrlich, wenn ich nicht auch zum Ausdruck brächte, dass der Preis viel Freude und Erleichterung in mein äusseres Leben hineinbringt, dass er meine gesundheitliche Erholung fördert und erleichtert. [...] Es freut mich, dass ich Sie bei dieser Gelegenheit sehen und begrüssen durfte, und diese persönliche Berührung rechne ich ebenfalls zu den Erquickendsten, die mir in den letzten Jahren zu Teil ward. Ernst Gagliardi.

(Gagliardi an Bodmer, 23. Oktober 1938)

 

Zum Schluss haben wir noch mitzuteilen, dass dem Philosophen Wilhelm Kiefer in Riehen bei Basel als Unterstützungsgabe die Summe von fünfhundert Franken von der Stiftung überwiesen worden ist.

 

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Jahresbericht zum achtzehnten Jahr (1939)

Das Jahr 1939, das achtzehnte unserer Stiftung, ist das dunkelste seit ihrem Bestehen. Drei Jahre nach dem grossen Krieg ist sie ins Leben getreten – wer hätte damals anderes als Jahrzehnte des Friedens vor sich gesehen! Nun stehen wir erneut im Weltbrand und niemand weiss, was das Ende sein wird. Es ist möglich, dass mit viel Anderem auch dieser Preis, dessen Name Schweizertum und Bürgertum verkörpert, durch den Krieg oder seine Folgen hinweggefegt wird. Es ist aber auch möglich, dass diese beharrenden und bewahrenden Kräfte, deren heute nicht wenige sind, ihn hindurchretten werden in glücklichere Tage. Wir möchten glauben, dass gerade aus dieser Zeit der Not, die von unserem Volk begriffen und mit vorbildlicher Haltung aufgenommen wurde, ein guter Geist wachsen und es durchsetzen werde, dass auch das Ende ein gutes sei. Möge die Stiftung in ihrem sehr beschränkten Rahmen das ihre dazu beitragen. Es wäre unser Wunsch und ihre Rechtfertigung.

Das Berichtjahr ist ein stilles gewesen, wie es sich nach der Preisverleihung von selbst ergibt. Nur zwei kleinere Ausgaben sind zu verzeichnen. Der Direktor der Zentralbibliothek hat die Stiftung angefragt, ob sie bereit wäre, Fr. 200.-- an die Mietskosten für das Conrad Ferdinand Meyer-Zimmer in Kilchberg beizutragen, um den Arbeitsraum des Dichters wenigstens noch für einige Zeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es erschien uns ein Gebot der Pietät, diesem Wunsche Dr. Felix Burckhardts zu willfahren. Ferner wurden Dr. Korrodi Fr. 500.-- zur Durchführung der fünfzigsten Geburtstagsfeier von Dr. Fritz Ernst übergeben. Das Gelingen dieses Festes, das ein literarisches und menschliches Erlebnis war, lässt auch diesen Betrag als im Sinne der Stiftung wohl angewendet erscheinen. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum neunzehnten Jahr (1940)

Wenn schon zu Ende des letzten Stiftungsjahres die Stürme sich ankündigten, die Europa seither erschütterten, und wir dabei die Möglichkeit erwogen, dass mit so Vielem auch die Stiftung in Frage gestellt werden könnte, so sei dem neuen Jahr der Dank vorausgeschickt, dass die Schrecken noch einmal an unserem Lande vorbeigegangen sind. Es wäre müssig, sich hoffend oder sorgend über die Zukunft zu äussern. Das Beste scheint uns, der Gegenwart tätig zu dienen. Auch das 19. Stiftungsjahr war ein tätiges. Im Herbst 1939 wurde auf Antrag von Herrn Prof. Faesi dem Dichter Rudolf Pannwitz eine Gabe von Fr. 400.-- ausgerichtet. – Der von E. Korrodi, F. Ernst und E. Brunner begründeten und betreuten „Tornisterbibliothek für den Schweizersoldaten“ wurden Fr. 500.-- übergeben. Der Betrag zur Unterstützung dieser Heftchen war wohl angewendet. Wie leicht wiegen sie, und wie köstlich ist ihr Inhalt! Es ist zu wünschen, dass dieses verdiente Unternehmen auch über die Mobilisationszeit hinaus erhalten bleibe, stellt es doch Volkserziehung im schönsten Sinne dar. – Der neu organisierte Lesezirkel Hottingen erhielt Fr. 1.000.-- mit der Bestimmung, dass der Betrag ausschliesslich zur DurFr.ührung literarischer Veranstaltungen zu verwenden sei. Nach der Regel war 1940 ein Preis fällig. Aus zwei Gründen haben wir uns entschlossen, auf dessen Ausrichtung zu verzichten. Es fehlte uns die überzeugende Persönlichkeit, die es gerechtfertigt hätte, in diesen aussergewöhnlichen Zeiten die Blicke des Schweizervolkes auf sie zu lenken. Es fehlte aber auch an den Mitteln, die uns früher zur Verfügung standen. Die allgemeine Erscheinung sinkender Einkünfte und wachsender Steuern hat die Stiftung zum erstenmal seit ihrem Bestehen zu einer Einschränkung genötigt. Statt eines Preises wurden vier Ehrengaben von je Fr. 1.000.-- verliehen, und zwar: dem Meister der bernischen Mundarterzählung Simon Gfeller, dem vaterländischen Geschichtsschreiber und glarner Dichter Georg Thürer, dem walliser Erzähler Maurice Zermatten, und dem neuenburgischen Essayisten und Kulturkritiker Denis de Rougemont. Diese Auswahl scheint uns darum eine glückliche, weil sich in ihr der eine schweizerische Staatsgedanke in der Eigenart von vier Vertretern charakteristischer Landesteile spiegelt. Sie alle sind auf ihre Weise Träger des kellerschen Geisteserbes, und ihre Ehrung erhält noch dadurch eine besondere Note, dass sie am fünfzigsten Todestage Gottfried Kellers erfolgte. Wir freuen uns durch diesen Dank an vier verdiente Miteidgenossen das Andenken unseres grossen Zürcher Dichters ehren zu können. Zum Schluss noch eine erfreuliche fiskalische Mitteilung. Der oben erwähnte Rückgang der verfügbaren Mittel veranlasste uns, dem Steueramt den Antrag auf Steuerbefreiung zu stellen. Am 16. Juli d.J. hat der Regierungsrat beschlossen, die Stiftung ab 1. Januar 1940 von der Steuerpflicht zu befreien. Ein weiteres Gesuch um Befreiung von der eidgenössischen Krisenabgabe wurde ebenfalls in positivem Sinne entschieden, sodass die Liquidität der Stiftung künftig eine erfreuliche Verbesserung erfahren wird. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum zwanzigsten Jahr (1941)

Zwanzig Jahre sind seit der Gründung der Gottfried Keller-Preis-Stiftung ins Land gegangen. Es mag dabei scheinen, dass diese private Institution, die zwar mit Absicht wenig von sich reden macht und nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten wirken möchte, doch etwas gar zu unbemerkt dahinlebt. So ist denn auch keine Druckerschwärze von den sonst emsigen Jubiläumsfahndern der Presse an dieses kleine Ereignis verschwendet worden. Aber wir können eine solche Zurückhaltung im Zeitalter der Papierknappheit nur begrüssen! Im zehnten Jahresbericht (1931) hatten wir Rückschau über das erste Dezennium der Stiftung gehalten. Heute sei uns ein kurzer Überblick über die Tätigkeit des zweiten Jahrzehnts gestattet. Um mit der materiellen Seite zu beginnen sei festgestellt, dass das Stiftungsvermögen eine leichte Aufrundung erfahren hat, während der Ertrag aus Wertschriften etwas zurückgegangen ist. Letztes Jahr konnte dieser Ausfall durch die Erwirkung der Steuerfreiheit z.T. wieder ausgeglichen werden, trotzdem aber war es angezeigt, mit den Mitteln vorübergehend etwas haushälterischer umzugehen, was uns zum Verzicht auf den neunten Gottfried Keller-Preis bewog. Aus der beigefügten Übersicht ergibt sich, dass im zweiten Jahrzehnt etwa 28% weniger vergabt wurde als im ersten. Seit der Gründung sind Fr. 79.000.-- an Preisen und Spenden vergeben wurden, was einem Jahresdurchschnitt von rund Fr. 4.000.-- darstellt. Die Bedeutung dieser eher bescheidenen Summe liegt in der Regelmässigkeit ihrer Wirkung. Dass sie dauernd für das literarische Schaffen gesichert ist, erweist sich als ein mit den Jahren wachsender Vorzug. Denn Tatsache und Bedeutung der Vorgänger sind nicht gleichgültig für die NaFr.olgenden. Jeder von Ihnen hat irgendwie Teil am Ganzen in das er eingefügt wurde. Wie ein edler Wein mit dem Alter kostbarer wird, müsste es auch ein Dichterpreis sein. Wir wagen keineswegs, es von diesem zu behaupten, aber es uns als Ziel zu setzen. Halten wir die Tätigkeiten der letzten zehn Jahre gegen jene des ersten Dezenniums, so darf bei einiger Verschiedenheit ihrer äusseren Auswirkung eine grundsätzliche Stetigkeit der geistigen Haltung festgestellt werden. Wir haben uns nie auf Experimente eingelassen und nicht die Absicht es zu tun. Wir haben uns auch nie darauf kapriziert, Wunderkinder aufzuspüren und ihrer möglichen Zukunft Gevatter zu stehen. An glänzenden Augenblickserscheinungen und Einzelleistungen sind wir mit Absicht vorbeigegangen und haben uns an das Erprobte und Bewährte gehalten. Mag dies auf den ersten Blick einfacher erscheinen, so bezweifeln wir, dass dem wirklich so sei und würden auch dann nicht davon abgehen. Die Erfahrung zeigt, dass es meist ebensoviel Mut braucht, eine gereifte, umfassende Leistung zu ehren wie brillante Arabesken. Über die Preisträger, ihr Werk und die Gründe, die uns zur Wahl veranlassten, haben wir uns in den einzelnen Jahresberichten geäussert. Hier sei nur kurz versucht, das über die Haltung der Stiftung Gesagte durch ihre Tätigkeit zu beleuchten. Der sechste Gottfried Keller-Preis war in eine Festgabe für die Universität Zürich umgewandelt worden. Gerne ergriff die Stiftung den seltenen Anlass der Jahrhundertfeier unserer Hochschule „zu einer überpersönlichen Zusammenfassung ihrer Mission.“ Wenn der damalige Dekan der philosophischen Fakultät I bekannte, dass eine solche Gabe eine Verpflichtung sei, „in allem wissenschaftlichen Tun und Forschen den Kontakt zu suchen mit den schöpferischen Quellen unseres sprachlichen und geistigen Volkstums,“ so möchten wir gerne glauben, dass sie im Sinne dieses Wunsches allerlei Früchte, wenn auch kleine, so doch schmackhafte, getragen habe. Der siebente Gottfried Keller-Preis wurde Hermann Hesse zuerkannt. In dem damals neunundfünfzigjährigen wurde kein Unbekannter geehrt, sondern der seit einem Menschenalter spendende, eine weitverbreitende Leserschaft bezaubernde Dichter. Er selber aber hatte noch keinerlei öffentliche Anerkennung erfahren. Warum diese – wir denken vor allem an das Ehrendoktorat – so manchem weniger Würdigem zuteil wurde und wird, gehört es zu den Paradoxa, an denen herumzurätseln müssig ist. Für Hermann Hesse jedenfalls bedeutete der Gottfried Keller-Preis eine tiefe, vielleicht über seine reale Bedeutung hinausgehende Freude und Genugtuung, die ihrerseits wieder seinen Wert erhöht. Nicht unähnlich liegt der Fall des achten Gottfried Keller-Preis, der dem Historiker Ernst Gagliardi zuerkannt wurde. Gewiss war der Ordinarius für Geschichte an der Universität Zürich weit über Fachkreise hinaus bekannt, war ihm über die üblichen Fachschriften hinaus eine Gesamtleistung gelungen, wie sie in der Schweiz nicht häufig ist. Der feinnervige Reisende und Kenner seltener Werte, der scharfe Beobachter und kluge Gesprächspartner hat jedem, der mit ihm in Berührung kam, den Eindruck eines reichen und reifen Geistes hinterlassen. Wer ihn näher kannte, weiss aber, dass er trotzdem unter einer gewissen Grau in Grau-Stimmung seiner Umwelt gelitten hat. So war denn auch ihm der Preis durchaus keine Ehrung unter anderen, sondern eine Beglückung und zweifellos die letzte grosse Freude seines Lebens. Das Jahr des neunten Preises fiel in den Krieg und unter die eingangs erwähnten materiellen Umstände, die eine vorübergehende Einschränkung erforderten. So zog man es vor darauf zu verzichten und dafür Ehrengaben unter vier namhafte Schriftsteller zu verteilen. Wir haben uns im letzten Jahresbericht darüber geäussert. Nächstes Jahr soll der zehnte Preis verliehen werden. Wird davon mitten im Toben der schreckgepeitschten Welt noch die Rede sein können? Vielleicht nicht... Wenn aber doch, so sei es im Geiste der Tradition. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum einundzwanzigsten Jahr (1942)

Wir haben dieses Jahr auf die Verleihung eines Preises verzichtet. Nicht, dass es an Anwärtern gefehlt hätte. Der Schreibende hatte Ernst Jünger vorgeschlagen, und seiner Bitte um weitere Anregungen wurde durch die Nennung prominenter in- und ausländischer Autoren Folge gegeben. Ein stattliches Dutzend Namen war beisammen – aber näher besehen verengte sich der Kreis. Der Preis hinaus ins Reich? Es war manches dagegen vorzubringen, uns so wird es bis zum Ende dieses Krieges wohl bleiben. Dann also in der Schweiz? Aber hier wurde eine Entscheidung aus anderen Gründen schwierig. Wenn einerseits die Geste, die es gewesen wäre, den Preis nach Deutschland und insbesondere an Jünger zu geben, bedenklich schien, so war es auf der anderen Seite auch jede Konzession an lokale Interessen. Die Stiftung hat sich bisher frei davon gehalten, und dabei soll es bleiben. Der Rat Prof. Faesis, die Entscheidung noch etwas hinaus zu schieben, war in dieser Lage das richtige. Durch Zuwarten wird manches geklärt und nichts versäumt. So erhoffen wir denn die Lösung vom kommenden Jahr und glauben heute schon, dass sie uns nicht schwer fallen wird. Es sei noch mitgeteilt, dass dem französischen Keller-Forscher und – Übersetzer, Prof. Henry Chauchoy aus Lille, eine Ehrengabe von Fr. 500.-- überreicht wurde. Der kleinen, von den Herren des Kuratoriums veranstalteten Feier, konnte der Präsident leider nicht beiwohnen, doch hatte er Gelegenheit, Prof. Chauchoy in Genf zu begrüssen. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum zweiundzwanzigsten Jahr (1943)

Wenn wir unseren letztjährigen Bericht mit dem Wunsche beschlossen haben, 1943 möge eine Lösung bringen, so dürfen wir beim Rückblick auf das abgelaufene Berichtsjahr feststellen, dass dieser Wunsch aufs Schönste in Erfüllung gegangen ist. Robert Faesi ist vom Kuratorium einstimmig zum Preisträger bestimmt worden, und die Ehrung konnte ihm am 10. April, seinem 60. Geburtstag, vom Präsidenten überreicht werden.

Worte Gesprochen bei der Überreichung des Gottfried Keller-Preises an ROBERT FAESI, 10. April 1943.

Lieber Robert Faesi!

Wenn das Kuratorium der Gottfried Keller-Preis-Stiftung seine letzte Beratung ohne Sie abgehalten hat, so geschah dies mit Grund, und Sie können sich denken, dass ein triftiger war, der uns veranlasste, für einmal auf Ihren Rat zu verzichten. Sie selbst bildeten nämlich den Gegenstand der Verhandlungen, und noch selten sind diese so rasch und reibungslos verlaufen, ist ein Beschluss so selbstverständlich einstimmig gefasst worden! Es ist mir nun eine besondere Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie zum diesjährigen Träger des Gottfried Keller-Preises auserlesen sind. Ich beglückwünsche Sie – aber auch uns! - zu dieser Wahl. Es ist mir nicht bekannt, ob Ihnen gesetzlich etwa noch ein Veto zusteht, aber Sie werden es nicht anwenden, denn unser Entscheid ist z u wohlbegründet! Er drängte sich sosehr auf, dass man die Fragen wie wir dazukamen, eher umkehren müsste: wie wäre es möglich gewesen nicht dazu zu kommen! Die heutige Geburtstagsfeier war nur der äussere Anlass, aber immerhin ein Anlass. Sechs Dezennien haben Sie auf den Schultern, und gehaben sich dabei noch so jugendlich, als wäre erst die Hälfte des Weges zurückgelegt. Aber Sie haben Ihre Zeit wohl angewendet! Wenn ich nach den Jahren messe, die wir uns kennen – es sind mindestens fünfundzwanzig – so müssten Sie eigentlich steinalt sein. Denn schon damals waren Sie längst eine Berühmtheit. Schon vor einem Vierteljahrhundert waren Sie ein Begriff, verkörperten Sie weitgehend das literarische Zürich, und darüber hinaus die edelste Tradition des heimatlichen Schrifttums. Aber „Noblesse oblige“. Wer jung schon Ruhm erwirbt, übernimmt auch die verpflichtenden Bürde, ihn zu erhalten. Dass Ihnen dies gelungen ist, und auf mehr als einem Gebiet, ist der schönste Preis Ihres Lebens. Ihr Gesamtoeuvre war denn auch der eigentliche Anlass, Ihnen jenen andern Preis, der den Namen Gottfried Kellers trägt, zu verleihen. Das Ansehen des Forschers und Dozenten Faesi ist so gesichert, dass es für sich allein genügte. Aber Sie haben es fertiggebracht, nicht dazu noch ein dichtender Literaturhistoriker zu sein, sondern ein wirklicher Dichter! Und sogar einer, der alle drei Gattungen pflegt. Es führte zu weit und ist hier nicht der Ort, zu messen und zu werten. An die wissenschaftliche Ausbeute mögen sich künftige Doktoranden der Germanistik machen. Wir wollen lediglich die Tatsache der schönen Ernte feiern und uns darüber freuen. Wie reich sie ist, führte mir kürzlich ein Blick auf meine eigenen „Faesiana“ zu Gemüt. Diese sind wohl nicht einmal vollständig, und doch, welch stattliche Reihe! Da sind einmal die mir lieben „Zürcher Idyllen“, das erste was ich von Ihnen las, es ist lange her. Da sind auch die Miniaturen aus dem „Poetischen Zürich“ des dixhuitième, in der Blütezeit des Lesezirkel Hottingen und in Gemeinschaft mit denen Eduard Korrodis entstanden. Da ist die klassische Tragödie „Odysseus und Nausikaa“, sind die Komödien „Die offenen Türen“ und „Die Fassade“ – während mir „Der Magier“ und „Leerlauf“ leider fehlen. In dieser Zeit beschäftigen Sie die neuklassischen Bestrebungen im Drama, denen Sie in Verbindung mit der Gestalt Paul Ernsts nachgehen. In die Tage des letzten Weltkrieges fällt auch die herrliche Grenzdienstgeschichte vom „Füsilier Wipf“, die heute eine begreifliche Auferstehung im Film und erweiterter Fassung erlebt. Kurz nach dem Krieg hatte Sie der damals entstandene Amalthea Verlag für eine Deutung Rilkes gewonnen, während der Insel-Verlag das Bedürfnis nach einer Sammlung schweizerischer Lyrik aller Landeszungen durch Herausgabe Ihrer verdienstvollen „Anthologia Helvetica“ entgegenkam. Sieben Jahre später ist sie als „Ernte schweizerischer Lyrik“ erneut in Zürich verlegt worden. Zur selben Zeit wie die „Anthologia“ erschienen die „Dichternöte oder wahrhaftige Tragikomödie und grausliches Martyrium der schweizerischen Schriftsteller“, ein Kasperlispiel, das seine Erstaufführung zu Gunsten notleidender Schriftsteller im Freudenberg erlebte. Mit den „Gestalten und Wandlungen schweizerischer Dichtung“ beschäftigen sich zehn Essays. Danach spricht wiederum der Dichter in den lyrischen Bänden „Aus der Brandung“ und „Der brennende Busch“, denen vor wenigen Jahren ein dritter folgte: „Das Antlitz der Erde“. Die Novellen „Der König von Ste. Pélagie“ und die sechs Jahre spätere „Vom Menuett zur Marseillaise“ führen in eines Ihrer Lieblingsgebiete, das Frankreich des Überganges vom ancien régime in die neue Zeit. Im gleichen Jahr, 1924, entsteht auch die umfassende Einführung in das Werk C.F. Meyers, und im folgenden das „Opferspiel“, dessen damalige Aufführungen im Stadttheater in unvergesslicher Erinnerung sind. In den folgenden Jahren kommt vor allem der Literaturhistoriker zu Wort. Es erscheinen „Heimat und Genius“, Festblätter zur schweizerischen Geistesgeschichte; „Spittelers Weg und Werk“; in der Festgabe für Max Huber der Aufsatz „Zürcherart und Zürchersprache“; die „Gedenkrede beim Tod Rainer Maria Rilkes“, endlich „Der gegenwärtige Goethe“, und die Einleitung in die Atlantisausgabe der Werke Gottfried Kellers. Der Dichter wiederum ergreift das Wort mit der Festkantate „Tag unseres Volkes“ für die Eröffnung der schweizerischen Landesausstellung 1939, und die letzte und vollste Frucht Ihres Schaffens ist und allen gegenwärtig, „Die Stadt der Väter“. Wahrlich, die Reihe ist so vielgestaltig, dass Sie, lieber Jubilar, vielleicht selbst von einem oder andern Ihrer Kinder vergessen haben, dass es existiert. Der Baum trägt ja bekanntlich seine Blüten nicht, um sie zu zählen, sondern weil er blühen muss. Aber wenn ein solches Oeuvre in den meisten Fällen ein vollbemessenes Leben erfordert, so versichert ein Blich auf Ihre jugendliche Gestalt, dass dies für Sie nicht gilt, und unser noch manche Gaben harren. Für die bisherigen gebührt Ihnen der Preis, den ich Ihnen hiermit überreiche. Betrachten Sie ihn als Dankesschuld, die die Stadt der Väter Ihnen zollt. Für Ihre kommenden Werke können wir nur eine gewogene Zukunft erhoffen und Sie versichern, dass unsere herzlichen Wünsche Sie dahin begleiten. Ihr Martin Bodmer.

Im Lauf des Sommers erhielten wir von der „Stiftung der Schweizerischen Landesausstellung für Kunst und Forschung“ ein Schreiben zu Handen des Gottfried Keller-Preis-Stiftung, worin diese angefragt wurde, ob sie sich an einer Ehrengabe für den Schriftsteller Dr. h.c. Peider Lansel beteiligen würde, die ihm bei Anlass seines 80. Geburtstages überreicht werden sollte. Die Stiftung des Landesausstellung für Kunst und Forschung, der ihre Statuten nur eine beschränkte Beteiligung erlauben, hat sich bereits erklärt, unter ihrem eigenen Namen oder mit anderen Institutionen zusammen die Übergabe des Ehrengeschenkes in einer des Beschenkten würdigen Form vorzunehmen. Wir erklärten uns bereit, an das Ehrengeschenk für Peider Lansel einen Betrag von Fr. 1'000.-- zu leisten.

Ferner wurden wir angefragt, ob Stiftung die Lage des in Not befindlichen französischen Dichters Jean Jouve durch eine Gabe etwas erleichtern könnte. Wir glaubten diese Bitte im Hinblick auf den unstreitbaren Wert des Mannes nicht ablehnen zu können, und übermachten ihm den Betrag von Fr. 1'000.-- in Anerkennung des bedeutenden Vertreters französischer Geistigkeit, den die Schweiz heute beherbergt. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum dreiundzwanzigsten Jahr (1944)

Nachdem im Rechnungsjahr 1943 Fr. 8.000.-- verausgabt worden waren, musste gewohnheitsgemäss wieder ein Pausenjahr eingeschaltet werden. Wir freuen uns aber, Ihnen mitteilen zu können, dass es trotzdem keine Zeit völliger Brache war und immerhin Fr. 3.000.-- zur Verteilung kamen.

Der Schreibende war darauf aufmerksam gemacht worden, dass der Zeitschrift „Trivium“ ein Beitrag zur Stabilisierung ihres Budgets nicht ungelegen käme. Dieses von zürcherischen Hochschulkreisen ausgehende Unternehmen erfüllt durch sein hohes Niveau gerade in diesen Zeiten eines erschreckenden Zerfalls aller Worte eine im besten Sinne schweizerische und zugleich europäische Aufgabe und scheint uns darum unterstützenswert. Wir haben ihm zuhanden der Herausgeber Fr. 2.000.-- überwiesen.

Ferner kam der Stiftung die Mitteilung zu, dass der in der Schweiz lebende deutsche Schriftsteller Georg Kaiser in grosser Notlage sei. Eine Umfrage bei den Mitgliedern des Kuratoriums über die Opportunität einer Zuwendung ergab trotz gewisser Vorbehalte eine zustimmende Mehrheit. Die Begabung Kaisers ist unbestreitbar und seine Kunst, wenn auch nicht jedermanns Sache, bedeutend. Es wurden ihm in Anbetracht dessen Fr. 1.000.-- übergeben, was die zweifellos bedrängte Situation des Dichters wenigstens vorübergehend erleichtern konnte. Einen etwas ungewöhnlichen aber bezeichnenden Passus seiner Antwort setzen wir kuriositätshalber hierher: „Sobald meine Verbindung mit USA nach Beendigung des Krieges wiederhergestellt ist, werde ich Ihrer Stiftung einen höheren Betrag zur Unterstützung begabter schweizerischer Schriftsteller zufliessen lassen.“ Hoffen wir das beste für die künftigen Begabungen unseres Landes!

Zum Schluss noch die bedauerliche Mitteilung, dass Carl Helbling seinen Rücktritt aus dem Kuratorium erklärt hat. Seine Gründe sind leider triftige. Wenn er erklärt, dass ihm die Schillerstiftung das Referat über die deutschschweizerische Literatur übertragen habe, was seine Aufmerksamkeit sehr beanspruche, dass er ferner durch die Herausgabe der Werke Gottfried Kellers, die er neben seinem vollgerüttelten Schulpensum erledigen müsse, mit Arbeit überhäuft sei, wenn er schliesslich meint, dass ausser den paar „Rochers de bronze“ nicht ständig dieselben Kuratoren einem Stiftungsrat angehören müssten – ist dem schwer zu widersprechen. So bleibt denn nur übrig, diesem Bericht das Antwortschreiben an Dr. Helbling beizufügen, mit der Hoffnung, die Kuratoren gehen damit einig.

 
Genf, 28. Juni 1944

Lieber Herr Dr. Helbling,

Schönen Dank für Ihren Brief vom 25. Juni, dem ich entnehme, dass Sie über die Erneuerung des Stiftungsrates meiner Stiftung besser orientiert sind als ich selber. Aber in der Tat, Sie haben recht. Die Amtsdauer, die sich stets stillschweigend erneuert, ist wiedereinmal abgelaufen. Nicht recht haben Sie mit Ihrem Entschluss, aus dem Kuratorium auszuscheiden. Ich bedauere es offengestanden sehr, dass dieses homogene Gremium durch Ihr Ausscheiden einen empfindlichen Verlust erleidet. Aber Ihre Argumente sind leider stichhaltig, und Ihr Ton bei aller Freundlichkeit so entschieden, dass ich nicht wage zu insistieren. Ich begreife Ihren Wunsch durchaus, und so leid es mir tut, Sie scheiden zu sehen, muss ich, und müssen mit mir die übrigen Mitglieder des Kuratorium sich wohl damit abfinden. Es bleibt mir nur übrig Ihnen für die freundliche Hilfe zu danken, die Sie während so vielen Jahren der Stiftung zukommen liessen. Ihr Rat und Urteil waren uns immer von grösstem Wert und haben manche Entschlüsse wohltuend beeinflusst. Mögen Ihre Wünsche für die Zukunft der Stiftung in Erfüllung gehen, und diese sich weiterhin als eine nützliche Einrichtung erweisen.

Mit dem erneuten Dank für Ihre Mitarbeit bitte ich Sie die freundlichsten Grüsse entgegenzunehmen. Ihres Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum vierundzwanzigsten Jahr (1945)

Im laufenden Jahr hat zwischen den Mitgliedern des Kuratoriums ein reger Gedankenaustausch stattgefunden. Dies lag schon darum nahe, weil ein Preis verteilt werden sollte, und ferner weil das allzu klein gewordene Gremium einer Ergänzung bedurfte. Wenn man feststellen muss, dass weder das Eine noch das Andere zustande gekommen ist, so könnten unsere Beratungen nach einem unfähigen Parlament aussehen – aber das trifft nun durchaus nicht zu. Die Sache steht viel erfreulicher. Was die Ergänzung betrifft, so wollte man sie einer mündlichen Aussprache vorbehalten, die sich aber durch kleine Tücken des Schicksals dies Jahr nicht einrichten liess. Es wurden jedoch so ausgezeichnete Anwärter, wie etwa die Professoren und Doktoren Staiger, Hunziker, Wehrli, Zemp in Vorschlag gebracht, dass es nicht schwer sein dürfte, sich nächstens auf einen, oder besser noch zwei der Genannten zu einigen. Als Preisträger standen zur Diskussion Albert Steffen, Cécile Lauber, Fritz Ernst. Es war auch die Frage eines kleineren Preises, verbunden mit einer Ehrengabe etwa für einen jüngeren Kritiker, oder diejenige einer Teilung des Preises erwogen worden. Hier ist nicht der Ort, sich über das Für und Wider auszulassen. Die Waage neigte sich eindeutig Fritz Ernst zu, als eine dritte Lösung auftauchte, die umso angenehmer war, als sie die Preisfrage nur hinausschob, aber keineswegs präjudizierte, und umso erfreulicher, als sie erlaubte, im rechten Augenblick eine Schuld abzutragen. Durch den Verzicht auf die diesjährige Verleihung eines Preises kann Demjenigen in schlichter und würdiger Form der Dank ausgesprochen werden, auf dessen Initiative die Gründung der Stiftung zurückgeht, und dessen immerwacher Anteil ihr geistiges Profil entscheidend beeinflusst hat. Eduard Korrodi, der sich einen Preis erbeten hat, soll ein Geschenk der Stiftung von Fr. 6.000.-- erhalten. Dass seine Verdienste um das schweizerische Kulturleben einen Preis zwar rechtfertigen, dürfte aus der Rede hervorgehen, die der Unterzeichnete zu Ehren von Korrodis sechzigstem Geburtstag hielt und auf die hier lediglich verwiesen sei. Aber wir ehren den Jubilar auch dadurch, dass wir uns seinem Verzicht fügen.

Im Rechnungsjahr hat die Stiftung eine Ehrengabe von Fr. 1.000.-- an Prof. Robinet de Cléry verliehen in Anerkennung seiner Verdienste um die Veröffentlichung des ersten integralen Textes der Gespräche Frédéric Soret mit Goethe. Eine Gabe von Fr. 200.-- wurde dem jungen Schriftsteller E.V. Steenken übergeben. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum fünfundzwanzigsten Jahr (1946)

Man könnte erwarten, dass des fünfundzwanzigsten Jahrestages der Stiftung in festlichen Werten gedacht werde. Aber wenn er schon in der Öffentlichkeit unbemerkt vorübergegangen ist, so legen uns zwei weitere Umstände nahe, auch im Jahresbericht auf einen Panegyrikus zu verzichten. Einmal war das laufende Jahr ein so stilles, dass sich kein besonderer Grund zum feiern ergibt. Denn schliesslich lebt eine Preisstiftung von ihrer unmittelbaren Tätigkeit, und auch eine Rückschau ist nur sinnvoll sofern sie an diese anknüpft. Dann aber entspricht es zusehr dem Charakter gerade dieses Unternehmens, in stiller Zurückgezogenheit zu wirken, als dass es einem bloss äusserlichen Anlass zuliebe davon abgehen sollte. Und schliesslich – meinen wir – sollen die Festtage fallen wie man sie setzt, und so behalten wir uns vor, zu gegebener Zeit auf eine zusammenfassende Würdigung der Stiftungstätigkeit zurückzukommen. Hier möge lediglich eine rekapitulierende Tabelle des silbernen Jubiläums gedenken. Dass das Jahr ein stilles war, lag am letztmaligen Beschluss des Kuratoriums, dem Initianten der Stiftung bei Anlass seines sechzigsten Geburtstages in angemessener Form zu danken. Er verbat sich zwar einen Preis, aber die Dispositionen führten doch zu den Konsequenzen eines solchen, sodass erst 1947 die Mittel wieder den Stand erreicht haben werden, der ein freieres Disponieren erlaubt. Immerhin sind zwei erfreuliche Dinge zu melden. Eine Ehrengabe von Fr. 1.000.-- konnte Dr. Carl Helbling in Anerkennung seiner Tätigkeit als Herausgeber der Gesamtausgabe von Gottfried Kellers Werken überreicht werden. In unserem Schreiben erwähnten wir, das Kuratorium sei sich bewusst, dass die Summe angesichts der Verdienste Helblings eine bescheidene sei. Doch glaubten wir in der Annahme nicht fehl zu gehen, dass gerade er als langjähriges Mitglied unseres Gremiums Verständnis für die Beschränkung habe, die die Stiftung sich unter den heutigen Verhältnissen auferlegen müsse. Wir bäten ihn deshalb, in dieser Gabe nicht so sehr die materielle Seite zu sehen, als den Ausdruck dankbarer Verbundenheit mit seiner Arbeit. Dass vor allem die Keller-Ausgabe im edlen Geist, in dem sie betreut werde, zum guten Ende komme, sei unser aufrichtiger Wunsch.

Auf diese Zeilen hin antwortete Carl Helbling mit einem Brief, der in seiner spontanen Wärme ein schöneres Zeugnis für die Stiftung ist, als Jubiläumsaufsätze es sein könnten, weshalb wir ihn im Wortlaut hersetzen.

Einen solchen Ferienanfang lasse ich mir gerne gefallen! Es hat etwas Beruhigendes, wenn in einem Augenblick des Lässigwerdens von gültiger Seite gesagt wird, das im Zuge der Arbeit Geleistete tauge etwas, sei brauchbar, ja sogar gut. So wird der Tag kurzen Freiheitsbeginns zum Festtag, erhalt er sein Recht. Dafür, dass Sie diese Sanktion ausgesprochen, sage ich Ihnen meinen tiefgefühlten Dank. Ihre Gabe ist mir eine Ehrung, die mich fast ein wenig stolz macht, wäre Stolz angebracht, wo ich nicht mehr als ein Dienender am Grossen sein will. Aber ich kann ihn nicht ganz wegleugnen, zumal die freundliche Überraschung von einer Seite kommt, die neben Ihrem Namen den des Dichters trägt, dem meine Bemühung gilt. Ich würde lügen, unterdrückte ich mein simples Vergnügen, das mir Ihr Check gemacht hat. Aber noch mehr rührten mich die gütigen und ehrenden Worte Ihres schönen Briefes, den ich den wenigen Dokumenten beischliesse, die ich aufbewahre. Seien Sie im Übrigen versichert, dass ich alles tun werde, Ihren Wunsch zu erfüllen, die Gottfried Keller-Ausgabe zu würdigem Abschluss zu bringen, in spätestens vier Jahren soll es so weit sein. ... Mit der Bitte, meinen herzlichen Dank für das Walten der Stiftung den übrigen Herren des Kuratoriums übermitteln zu wollen, und mit der Versicherung, dass mich Ihre Ehrung beglückt und aufmuntert, verbinde ich meine aufrichtigen Wünsche für das Gedeihen Ihrer schönen Institution und für das Wohlergehen Ihrer selbst wie Ihres Hauses.

(Helbling an Bodmer, 14. Oktober 1946)

 

Schliesslich können wir noch die erfreuliche Tatsache melden, dass sich Dr. Max Wehrli bereit erklärt hat, unserem Kuratorium beizutreten. Wir freuen uns, die wir mit der Stiftung allmählich selber älter geworden sind, dass auch die jüngere Generation nachrückt, und freuen uns doppelt, einen Zürcher und hervorragenden Vertreter der Literaturwissenschaft gewonnen zu haben, dessen Rat und Einsicht der Stiftung künftig zugute kommen wird. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum sechsundzwanzigsten Jahr (1947)

Wenn im letzten Bericht wenig zu sagen war, so diesmal umso mehr. Wir können auf ein fruchtbares Jahr zurückblicken, in welchem insgesamt Fr. 9.000.-- für Preis und Ehrengaben verausgabt wurden. Träger des zehnten Gottfried Keller-Preises ist Fritz Ernst, dem wir den Preis mit einem Schreiben folgenden Wortlautes überreichten:

Verehrter Fritz Ernst! Es war mir im Laufe der letzten Lustren nicht selten vergönnt, Ihnen meine Bewunderung für Ihr Schaffen auszudrücken, das in immer neuen und stets in neuern Weise vollkommenen Schriften sichtbar geworden ist. Und diese Bewunderung war nicht nur eine rezeptive, durfte ich doch als Herausgeber der Corona dazu beitragen, einige Ihrer Geisteskinder in würdiger Form an die Öffentlichkeit zu bringen. Aber unsere Beziehungen sind ältere. Die erste Begegnung geht in eine Zeit zurück – es mag 1915 oder 1916 gewesen sein –, da Sie Probelektionen am Gymnasium erteilten. So flüchtig der Eindruck für Sie und die damalige ungebärdige Schülerschar gewesen sein mochte, so habe ich davon doch einen nachhaltigen Eindruck behalten. Auf diesem Gebiet – der humanen Jugenderziehung –, das Ihnen eine Herzensangelegenheit war, haben Sie denn auch während eines halben Lebens eine segensreiche Tätigkeit entfaltet, und Mittelschule und Volkshochschule wissen Ihnen dafür Dank. Heute setzen Sie diese Tätigkeit an der höchsten Lehranstalt des Landes fort, und es ist zu hoffen, dass Ihr Wirken als Lehrer und Gelehrter, Ihre Berufung als Bildner und Leiter unserer akademischen Jugend dieser noch lange zugute komme. Aber für eine wachsende Lesergemeinde sind Sie vor allem der Schriftsteller, und zwar einer, dem man getrost europäische Bedeutung zugestehen kann. Es ist hier nicht der Ort, sich über Ihre Schriften auszulassen, jedoch dürfte ein blosser Blick auf diese unsere Behauptung erhärten. Der Dichter Rudolf Alexander Schröder äusserte einmal mir gegenüber: „Fritz Ernst ist der erste lebende Essayist in deutscher Sprache. Die Schweiz weiss vielleicht zu wenig, was sie an ihm besitzt.“ Das war vor Jahren. Heute liegen zweiundsechzig Ihrer Essays in drei Bänden gesammelt vor, und wer darin blättert, hat wahrhaft das Gefühl einer abendländischen Höhenwanderung. In der helvetischen Heimat beginnt sie, führt über den deutschen Kulturraum und dessen goethesche Mitte hinaus in den europäischen, die edlen Geister Frankreichs, Italiens, Spaniens, Englands, Russlands werden aufgerufen – und wo könnte sie schöner enden als im zeitlosen Begriffs von Herders Humanität! Und doch bilden diese Essays kaum die Hälfte Ihres gesamten Schrifttums. Man darf hoffen, dass auch der andere Teil bald vorliegen und ihm noch manche Seite meisterlicher Prosa folgen werde. Ich gestehe, dass mich über den bedeutenden Gehalt hinaus auch die Kadenz dieser Prosa stets bezaubert hat. Wenn Ihnen immer wieder Formulierungen gelingen wie etwa diese über General Wille: „In seinen Schriften widerhallt der schwere Schritt des seiner Vollmacht tief bewussten Mannes...“, oder über Herder: „Bei Herder beginnt alles von vorn und führt fast alles ins Unendliche...“, so ist das ebenso wenig aphoristisch wie rhetorisch, sondern Prosa von jener Dichte und Leuchtkraft, in der mir eben das Wesen des Dichterischen zu liegen scheint. Denn was ist Dichtung anderes, als in der Sprache gestaltetes Leben. Wenn ich diese Zeilen damit begann, dass es mit im Laufe des Jahre öfters vergönnt gewesen sei, Ihnen den Dank für neu erscheinende Schriften zu äussern, so möchte ich Sie auch mit einem Dank beschliessen. Diesmal aber nicht für ein einzelnes Werk und als Privatperson, sondern für Ihr Gesamtoeuvre im Namen der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis. Darf ich hoffen, dass es auch im Sinn und Namen weitester Kreise der geistigen Schweiz und des geistigen Europas sei? Ihr Martin Bodmer.

(Bodmer an Ernst, 12. September 1947)

Die schöne Antwort Fritz Ernsts möge im Wortlaut hier folgen:

Verehrtester Herr Bodmer! Die Auszeichnung, die Sie mir im Namen des Kuratoriums Ihrer Stiftung durch die Verleihung des Gottfried Keller-Preises für das Jahr 1947 erweisen, bewegt mich tief. Zwar verlangt man von uns Menschen mit Recht, dass wir uns in erster Linie vor uns selbst verantworten. Aber was könnte uns Säumige und Irrende besser trösten, als der Beifall der Trefflichsten, die sich weniger an die Unvollkommenheit des Ergebnisses, als an die glaubhafte Anstrengung halten? Ich spreche Ihnen und Ihrem Kuratorium meinen herzlichen, den Anlass überdauernden Dank aus. Für Ehrung und Ermunterung bin ich gegenwärtig umso empfänglicher, als ich meine Essays im Gefühl eines sich für mich schliessenden Lebensabschnittes sammelte und mich seither auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksform befinde. Sollte ich je zum Ziele oder in dessen Nähe kommen, so wünsche ich mir als ersten Zeugen Sie, Verehrtester Herr Bodmer. Lassen Sie mich auch noch aussprechen, dass Ton und Inhalt Ihres Begleitschreibens mir die höchste Auszeichnung, deren ich teilhaft werden konnte, erst recht teuer machen. Ich bin und bleibe Ihr sehr ergebener Fritz Ernst.

(Ernst an Bodmer, 12. September 1947)

 

Ferner hat das Kuratorium beschlossen, dem österreichischen Philosophen Rudolf Kassner eine Ehrengabe von Fr. 2.000.-- zu überreichen. Der Beschluss war noch vor Erscheinen seines neuesten Buches: „Das neunzehnte Jahrhundert. Ausdruck und Grösse“, und unabhängig davon gefasst worden. Doch bot seine Publikation einen doppelt willkommenen Anlass, dem bedeutenden Gestalter geistiger und geistesgeschichtlicher Zusammenhänge, der als Gast in unserem Lande weilt, die höchst willkommene Gabe zu übermitteln. Wie wenig verwöhnt auch Männer vom Range und der Berühmtheit Kassners sind, beweist die Antwort des vierundsiebzigjährigen Mannes:

Sie haben mir eine sehr grosse Freude gemacht, und ich danke Ihnen aus ganzem Herzen. Denken Sie, es ist die erste Ehrung in meinem langen Leben und Schaffen, und dass sie mit dem Namen Gottfried Keller verbunden ist, macht sie mir noch einmal so wert und teuer. Dank und Dank!

(Dieser Brief ist im Archiv nicht nachzuweisen)

 

Wenn man bedenkt, dass auch Hofmannsthal nie eine Ehrung erhalten hat und – wie ich leider erst Jahre nach seinem Tod erfuhr – über den Gottfried Keller-Preis beglückt gewesen wäre, so muss man die damals vielleicht allzugrosse Zurückhaltung des Kuratoriums bedauern, aber auch die Möglichkeit, die in der Stiftung liegen, und die freilich auch eine Verantwortung ihrer Treuhänder bedeuten, hoch veranschlagen.

Endlich ist noch zu melden, dass die Stiftung der Tagung des P.E.N.-Clubs, die Anfang Juni in Zürich stattfand, Fr. 1.000.-- zur Verfügung gestellt hat. Die Summe ist folgendermassen verwendet worden: Alfred Kerr und Herman Ould erhielten zur Erleichterung ihres Aufenthaltes in der Schweiz je Fr. 250.--, und Franz Csokor Fr. 500.--. Von allen sind freundliche Dankesschreiben eingegangen. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum siebenundzwanzigsten Jahr (1948)

Das verflossene Rechnungsjahr war naturgemäss wieder stiller, hatte doch 1947 mit Preis und Ehrengaben und anderen Zuwendungen die verfügbaren Mittel erschöpft. Zudem ist der Kassenstand für das kommende Preisjahr zu äufnen, sodass uns kein grosser Spielraum blieb. Es ist erfreulich, dass dennoch zwei Ehrengaben und ein Betrag verliehen werden konnten. Nach brieflicher Verständigung haben die Mitglieder des Kuratoriums beschlossen, dem in Zürich lebenden Schriftsteller Gottlieb Heinrich Heer und dem ebenfalls in Zürich lebenden Estländer Edzard Schaper Ehrengaben von je Fr. 1'500.- zu überreichen. Schaper war bis zum Zusammenbruch einer der hoffnungsvollsten jüngeren Autoren des Insel-Verlages. Durch den Krieg hat seine bedeutend anhebende Laufbahn einen jähen Unterbruch erfahren, und es ist zu hoffen, dass der hochbegabte Balte sich in der Schweiz eine neue Existenz wird aufbauen können. Sein Antwortbrief ist so hübsch, dass wir die Hauptstellen daraus hier anführen:

Ich weiss mich frei von Übertreibung, wenn ich sage, dass seit dem Tage, an dem mir die Übersiedlung in die Schweiz gestattet wurde, mir nichts mehr so grosse und so tiefe Freude bereitet hat, wie Ihre Eröffnung vom 15. Oktober, das Kuratorium habe beschlossen, mir die Ehrengabe zukommen zu lassen, deren Empfang zu bestätigen ich die Ehre habe. Empfangen Sie meinen bewegten Dank und übermitteln Sie bitte, was Ihnen an diesem Brief des Weitersagens wert erscheint, den Mitgliedern des Kuratoriums. Es ist nicht chinesische Höflichkeit, wenn ich mir erlaube, Ihre Auffassung von der Bescheidenheit der Gabe nicht zu teilen. Ich habe die Gabe als gross empfunden, was ihre materielle Bedeutung betrifft, als noch grösser aber im Sinne einer moralischen Aufmunterung, wie sie mir zum ersten Male in meinem Leben zuteil geworden ist, und in diesem Sinne wird sie mir, wieviel Aufmerksamkeit meine Arbeit vielleicht noch in Zukunft finden könnte, immer als sehr, als einmalig gross erscheinen und mich mit bleibendem Dank der Stiftung und dem Lande, das sie beherbergt, verbinden. Wenn meine künftige Arbeit imstande sein sollte, das Vertrauen zu bestätigen, das meine bisherige Leistung Ihnen einflösst und Sie zu dieser Förderung veranlasst hat, wäre die Verpflichtung eingelöst, in die ich mich innerlich versetzt sehe – sehr froh, nach vielen Jahren der Verschollenheit nun doch eine Hoffnung oder Erwartung Urteilsfähiger zu sein.

(Schaper an Bodmer, 21. Oktober 1948)

 

Soweit Schaper, dessen Zeilen wiederum beweisen, wie wenig verwöhnt oft die fähigsten Köpfe sind, hat sich doch letztes Jahr auch Kassner im Grunde nicht anders geäussert! Auch die Antwort Gottlieb Heinrich Heers ist für die Stiftung eine Ermunterung. Er schreibt unter Anderem:

Sie haben mir gestern mit der Zusendung einer Ehrengabe und einem liebenswürdigen Begleitschreiben, dessen Anerkennung meines literarischen Bemühens mich fast beschämt, eine ausserordentliche Freude bereitet. Ich möchte Ihnen und dem Kuratorium für die hochherzige Gabe und die Geneigtheit meiner Arbeit gegenüber meinen ergebendsten Dank aussprechen! Wie die Anerkennung mich in weiteren Bestrebungen fördern wird, so kommt mir Ihre grosszügige Ehrengabe offen gestanden gerade aufs Schönste gelegen: sie ermöglicht mir, die geschichtlichen Studien zu einem schon längere Zeit gehegten Romanplan weiter voranzutreiben.

(Heer an Bodmer, 17. Oktober 1948)

 

Das ist ja schliesslich der Sinn der Stiftung, durch materielle Hilfe, auch wenn sie sich in bescheiden Grenzen halten muss, die Flügel des Geistes zu beschwingen. Und vor allem Jenen muss diese Hilfe erfreulich sein, denen sie unverhofft in den Schoss fällt. Natürlich hat es auch immer wieder Leute, die sich melden, die mit Proben ihres Könnens aufwarten. Vieles davon gehört in den Papierkorb. Aber bisweilen lässt ein besonderer Ton doch aufhorchen. So sandte uns kürzlich Franz Fassbind einige Gesänge seiner „Hohen Messe“. Sie mag vermessen sein, aber das kühne Unternehmen ist nicht ohne Grösse, und so glaubten wir, eine Zuwendung von Fr. 300.- verantworten zu können. Und nun richten sich die Blicke schon auf das kommende Jahr. Was mag es der Stiftung bringen? Wird man sich übungsgemäss ans Alt-Bewährte halten, oder wird nach über einem Vierteljahrhundert ihres Bestehens, vielleicht einmal ein Meteor auftauchen, das zu entdecken und preiszukrönen Verdienst und Ehre wären? Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum achtundzwanzigsten Jahr (1949)

Die unermüdliche Zeit rollt dahin – oder sind nur wir es, die fahren, und sie steht still? – aber auf jeden Fall werden Stiftungen älter wie Menschen, und die unsere, die zwar mit einiger Verspätung ins Leben trat, deren Anlass aber doch der hundertste Geburtstag Gottfried Kellers war, kann nun schon seinen hundertdreissigsten feiern! Was sie vor allem zu feiern hat, ist jedoch der elfte Gottfried Keller-Preis, den das Kuratorium dem Philosophen und Schriftsteller Rudolf Kassner zuerkannt hat. Um ganz genau zu sein, müssen wir zwar bekennen, dass der Jahresbericht dem Rechnungsjahr vorauseilt, und also streng genommen der im Dezember dieses Jahres verliehene Preis ins neunundzwanzigste Stiftungsjahr fällt, das vom 1. August 1949 zum 31. Juli 1950 reicht. Aber diese kalendarische Ungenauigkeit dauert nun schon so viele Jahre, und ist so harmlos, dass sie wohl weiterhin geduldet werden kann, es sei denn, die Herren Kuratoren erhöben Einspruch!

Kassner also, der 1873 in Mähren geborene Österreicher, war der Erwählte. Damit ist zum ersten Mal seit 17 Jahren der Preis an einen Nichtschweizer gegangen. Die Kandidatenliste war reich besetzt, eben weil man es für angezeigt hielt, den Blick wieder einmal ins Ausland zu richten. Dass dies seit 1933 schwer möglich war, gehört zum Stück Weltgeschichte, die wir seither erleben. Aber mit dem Öffnen auch der geistigen Grenzen stellte sich, allein im deutschsprachigen Gebiet, das uns doch vor allem am Herzen liegt, sogleich eine ganze Reihe bedeutender Namen ein. Ich erwähne nur einige von denen, die das Kuratorium beschäftigt haben. R.A. Schröder, E.R. Curtius, Bergengruen, Ernst Jünger, Schaper, Lernet-Holenia, Zuckmayer, Gertrud von Le Fort... Auch die Schweizer wurden nicht vergessen, man erwog Namen wie Steffen, Stickelberger, Welti, Hiltbrunner, Heer, Frisch, Ehrismann, Lang, Cécile Lauber, Regine Ullmann, Ines Loos, Kaegi, Jedlicka, Picard, Emil Brunner... Auch die Westschweiz bietet würdige Namen, wie etwa de Traz, Chenevière, de Reynold, Zermatten, de Rougement... Aber Kassner, als Mensch überaus sympathisch, als Denker weit, gross, von überzeitlicher Bedeutung, hatte alles in allem vor den Anderen doch einen gewissen Vorsprung, und vereinigte bald alle Stimmen der Preisträger auf sich. Wir lassen traditionsgemäss den Briefwechsel zwischen Präsident und Preisträger folgen.

Das erste Schreiben lautet:

Lieber Herr Kassner! Es ist mir eine Ehre und eine Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung beschlossen hat, Ihnen den Gottfried Keller-Preis für das Jahr 1949 zu verleihen. Ich darf Ihnen wohl verraten, dass wir unsere jedes zweite Jahr fälligen Entscheidungen nicht leicht nehmen. Wenn wir uns seit 1933 aus begreiflichen Gründen an den heimatlichen Kreis hielten, so ist diese Beschränkung nun aufgehoben, aber die Aufgabe wird dadurch nur verantwortungsvoller. Denn die deutschsprachige Welt – und wir greifen auch über sie hinaus – liefert uns eine ganze Reihe bedeutungsvoller Namen. Es ist zwar längst zur Gewohnheit geworden, dass die Stiftung auf Experimente verzichtet und den Anspruch, junge Talente zu entdecken und zu fördern, Andern überlässt. Sie hält sich an reife und anerkannte Lebenswerke. Aber selbst dann noch ist die Wahl nicht leicht! So standen wir auch diesmal vor einer ansehnlichen Zahl von Leistungen und hatten uns für die Eine zu entscheiden. Dass es die Ihre war, lieber Freund, wir Sie zwar nicht allzusehr wundern. Sie kennen die geistige Lage, und wissen um das Werk, das Sie ihr abgerungen haben und noch weiter abringen, besser Bescheid als irgend Jemand. Auf wen sollte die Wahl denn schliesslich fallen, wenn nicht auf Sie, in dem Vergangenes und Kommendes, Wissendes und Seherisches in einem wohltuend-harmonischen Gleichgewicht verbunden sind. Ihr Werk ist menschlich und bedeutend in einem, und das scheint mir sehr selten. Sie dürfen sich also sagen, dass der Entscheid nahe lag. Aber ich kann mir doch denken, dass es Sie freut, wenn ich Ihnen sage, dass die Wahl spontan, eindeutig und einstimmig auf Sie gefallen ist. Betrachten Sie es als bescheidene Abschlagszahlung für Vieles, was Ihnen längst geschuldet war. Wer könnte Ihrem fünfzigjährigen Wirken, das Sie, unter oft schweren Bedingungen, dem Geiste und nur ihm geweiht haben, seine Bewunderung versagen. Sie sind stets ein grosser und eindringlicher Frager gewesen, und Sie haben es durch Ihre oft erstaunlichen Antworten verstanden, der Aufforderung des Alten Angelus Silesius immer näher zu kommen: „Mensch werde wesentlich!“ Wer darum Ihre Leistung kennt, muss sie auch anerkennen, und wird Ihnen dafür ohne Vorbehalt danken. Wenn wir diesen Dank in die Form des Gottfried Keller-Preises kleiden, so tun wir es als Verehrer Ihres Werkes, dem an Konzentration und seelischer Spannweite heute kaum etwas an die Seite zu stellen wäre. Wir tun es aber auch als Verehrer Ihrer Persönlichkeit, die schlicht und liebenswert ist wie wenige, und wir dürfen uns dabei als Sprecher einer grossen Gemeinde fühlen! Nehmen Sie denn, verehrter Herr Kassner, diesen Dank freundlich entgegen. Unsere Wünsche folgen ihm ins erhabene Wallis, Ihre neue Wahlheimat, durch die Sie im schönsten Sinne einer der Unsern geworden sind. Ihr Martin Bodmer.

(Dieser Brief ist im Archiv nicht nachzuweisen)

 

Rudolf Kassner hat darauf folgendermassen geantwortet:

Sierre, 16.12.1949. Lieber Dr. Martin Bodmer, verehrter Gönner und Freund! Sie haben mir eine grosse Freude bereitet und eine grosse Ehre erwiesen. Als Sie mir vor zwei Jahren die Ehrengabe der Gottfried Keller-Stiftung überreichten, schrieb ich Ihnen dankend: es sei dies das erstemal, dass mir in meinem langen Leben für mein Wirken Ehre erwiesen worden sei von wo auch immer, jetzt kommt sie nocheinmal, verstärkter, d'une manière plus retentissante von derselben Stelle. Wie soll ich Ihnen das danken, danken für die grosse Freundlichkeit, mit der Sie mir vom ersten Tage an, da ich Ihr schönes Haus betreten durfte, begegnet sind. Ich möchte aber hier auch Ihrer lieben Frau gedenken, an die mich – ich möchte sagen: vom ersten Augenblick an die freundschaftlichste Gesinnung und Dankbarkeit binden. Ich danke Ihnen noch im Besonderen für den gütigen Brief, der die Schenkung begleitet hat, desgleichen für die Gesinnung, die sich darin ausspricht. (Es folgen einige private Bemerkungen) Ihr aufrichtig ergebener Dr. Rudolf Kassner.

 

Zum Schluss sei noch mitgeteilt, dass die Stiftung auf Antrag der Kuratoren zu Ehren des 50. Geburtstages des Unterzeichneten am 23. November 1949 eine kleine Feier im Zunfthaus zur Saffran veranstaltet hat. Dieser reizende, durch eine Reihe eindrucksvoller Reden verschönte Abend wird denen, die ihn erlebt haben, zuvörderst aber dem viel zu verwöhnten Geburtstagskinde in unvergesslicher Erinnerung bleiben! Martin Bodmer!

 

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Jahresbericht zum neunundzwanzigsten Jahr (1950)

Der Chronist kann sich in seinem Bericht über die Stiftungstätigkeit des abgelaufenen Jahres kurz fassen. Da der Kassastand zu Beginn des Jahres 1950 auf etwas unter Null gesunken war, musste sich die Stiftung – wie es zwischen zwei Preisjahren die Regel ist – grösserer Zurückhaltung befleissen. Eine Extravaganz hat sie sich jedoch geleistet, und zwar eine doppelte, (nachdem sie bereits letztes Jahr das Bankett zu Ehren des Schreibenden gestiftet hatte!), indem sie nun auch den Druck der bei diesem Anlass ausgetauschten Reden übernahm. Aber die Gelegenheit wird sich ja kaum wiederholen, und so mag denn diese einmalige Abweichung vom eigentlichen Zwecke der Stiftung hingenommen werden.

Ferner nahm es der Unterzeichnete auf sich, dem unter schwierigsten Verhältnissen tätigen Wiener Goethe-Verein zu Handen seines Präsidenten Prof. Eduard Castle einen Beitrag von Fr. 500.-- zu überweisen. Die ausgezeichnete Festschrift, die diese verdiente Vereinigung bei Anlass des Goethe-Jahres herausbrachte, rechtfertigt zweifellos diese kleine Anerkennung, die von der Schweiz aus dem sympathischen Nachbarlande gezollt wird. Endlich ist im Einvernehmen mit Dr. Korrodi dem Dichter Franz Fassbind ein Betrag von Fr. 1'000.-- zugewiesen worden. Dieser Betrag wurde ihm nicht als Ehrengabe übermittelt. Er soll vielmehr, zusammen mit einem Beitrag des Bundes, dazu dienen, dem Dichter etwelche Freizügigkeit bei der Beendigung des ersten Teils seiner Hohen Messe zu gewähren, aber keine Ehrung sein. Wir haben uns schon vor 2 Jahren an dieser Stelle über den kühnen Versuch geäussert, den dieses „Weltgedicht“ darstellt, und die Stiftung hat damals eine Summe von Fr. 300.-- gespendet. Sein unentwegtes Ringen und Streben verdient es aber wohl, der damaligen Aufmunterung eine etwas nachdrücklichere folgen zu lassen. Dass das Unternehmen des jungen Dichters ein problematisches ist, verhehlt sich der Schreibende nicht, und hat dies auch Franz Fassbind offen erklärt. Aber die Stiftung ist in ihrer Gesamthaltung so ausgesprochen konservativ, dass sie sich solche gelegentliche Abstecher in umstrittenere Bezirke wohl leisten kann. Möge dafür das nächste, das Preisjahr, die Kuratoren wieder um eine unbestrittene Grösse vereinigt wissen! Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum dreissigsten Jahr (1951)

Das verflossene Stiftungsjahr hat sich, wie sein Vorgänger, in ruhigen Bahnen bewegt, und der Wunsch des Chronisten, mit dem er seinen letztjährigen Bericht schloss, somit nicht erfüllt. Zwei Gründe sind dabei massgebend gewesen: der eine, rein äussere, ist die Wirtschaftslage. Trotzdem die Stiftung Steuerfreiheit geniesst, sind ihre Einkünfte so, dass sie es kaum mehr rechtfertigen kann, jedes zweite Jahr einen Preis von Fr. 6'000.-- zu vergeben. Sie müsste damit in der Zwischenzeit auf die Verleihung von Spenden und Ehrengaben gänzlich verzichten, was uns eine unangebrachte Beengung erscheint. Ja, wenn man jedes zweite Jahr sicher wäre, den eindeutigen Preisträger zu finden! Wir wissen aber nur zu gut, dass dies nicht der Fall ist, ja, dass die Stiftung von ihrem Wert einbüsste, wenn sie auf Kosten des Preises kleinere Ehrungen und Hilfen völlig aufgeben müsste. Und dies umso mehr noch, als ein Preis von Fr. 6'000.-- heute bei weitem nicht mehr dem Wert entspricht, den er bei Gründung der Stiftung und noch vor dem Zweiten Weltkrieg hatte. Es scheint uns darum gerechtfertigt, den Intervall von zwei auf drei Jahre zu erweitern, wobei sich gleichzeitig die Frage stellt, ob der Preis nicht von Fr. 6'000.-- auf 7 - 8000.-- erhöht werden wollte. Diese Probleme werden nächstens vom Kuratorium zu behandeln sein. Ein zweiter Grund, der uns darauf verzichten liess, dieses Jahr à tout prix einen Preis zu verleihen, war das Fehlen einer Persönlichkeit, die markant und eindeutig als Preisträger in Frage gekommen wäre. Angesichts dieser Gründe zog man es auf Vorschlag von Prof. Faesi daher vor, die zur Verfügung stehenden Mittel für Ehrungen zu verwenden. Dem Philosophen Leopold Ziegler wurde bei Anlass seines 70. Geburtstages in Anerkennung seiner Leistungen auf kultur- und religionsphilosophischem Gebiet eine Ehrengabe von Fr. 2'000.-- überreicht. Aus dem Schreiben des Unterzeichneten an Leopold Ziegler möge folgende Stelle angeführt sein:

Sie haben, verehrter Herr Ziegler ein Leben lang für echte geistige Werte gekämpft und solche geschaffen. Sie sind sich auch im hohen Gedankenflug stets der Verantwortung gegenüber Ihren Mitmenschen bewusst gewesen und haben den Boden einer gesunden Realität nie verlassen. Sie gehören zu den seltenen Europäern, denen sich die Grösse des Fernen Ostens wahrhaft erschlossen hat, und sind doch stets ein guter Abendländer geblieben. Vor allem aber haben sie in Zeiten der Heimsuchung Mut bewiesen und Ihrer Heimat damit menschlich und geistig einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Möge sie dessen eingedenk sein. – Wir sind uns bewusst, wie bescheiden angesichts Ihrer Leistung unsere Gabe ist, die wir Ihnen überreichen, und bitten Sie darin vor allem ein Zeichen geistiger Verbundenheit und einen herzlichen Gruss aus dem Nachbarlande zu sehen.

(Bodmer an Ziegler, 29. April 1951)

 

Prof. Ziegler hat mit folgendem Schreiben geantwortet:

Unter den unerwartet vielen ehrenden und ermutigenden Zeichen, die mir in diesen Woche eine wachsende Aufnahmebereitschaft für mein Werk zu bezeugen scheinen, ist mir Ihr schöner Brief von ganz besonderem Werte. Durchaus nicht nur, weil er mir die bereits vollzogene Überweisung einer nahmhaften Ehrengabe meldet – wiewohl auch sie, ich leugne es nicht, mir hochwillkommen ist. Schon deshalb zwar, weil sie mir Hoffnung gibt auf einen Erholungsurlaub in der Schweiz, den ich mir seit langem ersehne. Nein, nicht um deswillen allein ist mir die Ehrung gerade Ihres Vaterlandes so überaus kostbar und teuer. Sondern weil ich mich der Schweiz seit den Knabenjahren enger verbunden und stärker verpflichtet fühle, als einem ausserdeutschen Lande sonst – Italien nicht ausgenommen. Vor beinahe einem halben Jahrhundert ist Gottfried Keller, ich möchte mit Hofmannsthal sagen: in mein Geblüt gedrungen, und mit den Klassikern Weimars und Adalbert Stifters Erzieher, Weggenosse, Freund, Trost und „Bruderherz“ eh und je gewesen und geblieben. Von dort her nun eine solche Würdigung zu erleben, wie sie aus Ihren Sätzen spricht, gereicht mir zu einem späten Glück, ich darf ohne Übertreibung sagen, zu einer späten Erfüllung. Wie werden sich meine Schweizer Freunde mit mir freuen! In Dankbarkeit und Herzlichkeit, Ihnen, Herr Präsident, stets ergeben: Ziegler

(Ziegler an Bodmer, 9. Mai 1951)

 

Es wurde ferner Dr. Hermann Kesser auf Antrag von Prof. Faesi eine Gabe von Fr. 1'000.-- überreicht. Wenn die Verdienste Dr. Kessers um das deutschschweizerische Schrifttum auch ziemlich weit zurückliegen, so sind sie doch unbestreitbar, und seine heutige Notlage rechtfertigt den Beschluss des Kuratoriums umso mehr. Wie dringend diese zu sein scheint, erhellt aus einem Satz von Kessers Antwortschreiben. „Ihr so freundlicher Brief soll mir die Situation erleichtern und mich hoffen lassen, dass Sie sich bei einer nächsten Situation gütigst wieder meiner erinnern!“ Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum einunddreissigsten Jahr (1952)

Wir haben unseren letztjährigen Bericht mit der Feststellung eingeleitet, dass es aus verschiedenen Gründen angezeigt wäre, einen Preis künftig nur jedes dritte Jahr zu verteilen. Einmal darum, weil die Preissumme der allgemeinen Geldentwertung entsprechend erhöht werden könnte, ohne dass deswegen auf die üblichen und wünschbaren Ehrengaben verzichtet werden müsste, sodann aber und vor allem aus dem offensichtlichen Mangel an überzeugenden Kandidaten. Da wir bereits im dritten Jahr seit der letzten Preisverleihung stehen (an Rudolf Kassner, 1949), war es auch im Sinne des erweiterten Intervalls angezeigt, einen Preis zu beschliessen. Aber es zeigte sich erneut, wie schwer ein Entscheid zu fällen ist. Das Kuratorium ist zweimal zusammengetreten und hat sich in eingehendem Meinungsaustausch mit einer Reihe von Anwärtern beschäftigt, von denen schliesslich fünf in vorderster Reihe standen. In der Schweiz sind es drei Gelehrte und Essayisten, während von Dichtern im hohen Sinne des Wortes nur bei zwei Deutschen die Rede sein konnte. Die Wahl ist schliesslich auf die Dichterin Gertrud von Le Fort gefallen, mit der erstmals eine Frau den Preis erklärt. Gleichzeitig und ausnahmsweise aber hat das Kuratorium beschlossen, bereits für den nächsten Preis den Namen eines schweizer Kulturhistoriker festzuhalten [Gemeint war der Historiker Werner Kaegi (1901-1979), Preisträger von 1954]. Diese Nomination soll freilich nur unter dem Vorbehalt in Kraft treten, dass in der Zwischenzeit keine geeignetere Persönlichkeit auftaucht. Was die Zeitspanne betrifft, so ist es wünschbar, dass sie nicht länger bemessen sei als die zur Äufnung der Preissumme benötigte Frist. Aus diesem Grund hat man sich auch an den traditionellen Betrag von Fr. 6'000.-- gehalten. Die Frage einer allfälligen Erhöhung wird das Kuratorium zu geeigneter Zeit behandeln. Wir sind überzeugt, dass das Kuratorium mit seiner Wahl die glücklichste Hand gehabt hat, die es haben konnte. Nicht nur hält die Preisträgerin den Rang ihrer Vorgänger, und setzt deren Reihe würdig fort; das Werk Gertrud von Le Fort kommt auch durchaus dem entgegen, was die Stiftung zu fördern und zu ehren sucht. Auf den ersten Blick zwar mag das Wesen des protestantischen Liberalen Gottfried Keller und der katholischen Konvertitin unvereinbar scheinen. Man würde dem Sinn der Stiftung aber nicht gerecht, wollte man sie an so enge, und gar konfessionelle Grenzen binden! Es ist der lebendige Geist der Tradition, um den es hier geht, und der beim Zürcher wie bei der Westfalin eines Wesens ist. Werk und Wirkung beider gehören in einem höheren Sinn zusammen, und verkörpern in einer immer seelenloseren Welt dieselbe Ehrfurcht vor der Grösse des Lebens und seinen ewigen Ordnungen. Wir freuen uns, an dieser Stelle auf den tiefschürfenden Essay Prof. Faesis hinweisen zu können, den dieser bei Anlass der Preisverleihung über das Werk der Dichterin verfasst hat. (Abendausgabe der NZZ vom 14.11.1952.) Im NaFr.olgenden sei das Schreiben des Unterzeichneten an Gertrud von Le Fort mitgeteilt, sowie deren Antwort an die Stiftung:

Verehrte Frau von Le Fort, es ist mir eine Ehre und eine Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass das Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung in seiner letzten Sitzung einstimmig beschlossen hat, Ihnen den Gottfried Keller-Preis für das Jahr 1952 zu verleihen. Es ist das zwölfte Mal, dass der 1921 begründete Preis zur Verleihung gelangt, und das erste Mal, dass eine Frau damit ausgezeichnet wird. Diese Wahl stand unter einem guten Stern, und wird zweifellos im In- und Ausland begriffen und begrüsst werden. Aber die Betreuer der Stiftung dürfen sich auch glücklich schätzen, den Augenblick nicht versäumt zu haben, da ein Werk von Ewigkeitsgehalt in seiner Grösse und Reife vorlag. Aus mancherlei Gründen hat die Stiftung die Preisträger der letzten zwanzig Jahre im schweizerischen Raum gesucht. Der letzte Deutsche, dem wir über die Grenze hin die Hand reichten, war Hans Carossa. Seither gehörten freilich auch Weltbürger wie Hermann Hesse und Rudolf Kassner dazu, aber sie lebten diesseits – und dass solches überhaupt ins Gewicht fallen konnte, ist nur eines der vielen Zeichen für die Zerrissenheit unserer armen Welt. Umso glücklicher sind wir, dass der wiederum befreite Blick im grossen Nachbarland einer Lebensschöpfung begegnet, bei der nicht gezögert werden muss, zu der getrost „ja“ gesagt werden kann. Ihr Werk, verehrte Frau von Le Fort, ist deutsch, und doch auch im tiefsten Sinne abendländisch. Sie haben darin beispielhafte und ergreifende Schicksale gestaltet, haben unvergessliche historische Bilder geschaffen. Umso mehr als das. Dieses Werk ist Wesensdeutung aus dem machtvollen Grund des Glaubens heraus. Das ist heute selten geworden, aber gerade heute tut es Not. Wir sind Ihnen daher doppelt dankbar für eine Leistung, die in Zeiten massloser seelischer Verarmung vom Reichtum unvergänglicher Werte lebt. Wenn wir diese Gefühle in die Form des Gottfried Keller-Preises kleiden, so wissen wir uns darin einig mit der grossen Gemeinde Ihrer Leser und Verehrer. Mögen Sie darin aber auch den Dank der Schweiz sehen, mit der Sie ja bereits Bande der Freundschaft verknüpfen, und die stolz ist, Sie zumindest ein kleinwenig zu den ihren zählen zu dürfen. Wir sprechen den Wunsch aus, dass Ihr Wirken weiterhin segensvoll und Ihnen noch eine Zeit fruchtbaren Schaffens bescheiden sei. Im Namen des Kuratorium versichere ich Sie, verehrte Frau von Le Fort, meiner ausgezeichneten Hochachtung, Martin Bodmer.

(Bodmer an Le Fort, 12. November 1952)

 

Sehr verehrter Herr Bodmer! Mit grösster Überraschung empfing ich Ihren schönen Brief, der eine so hohe Ehre und Freude für mich brachte. Sie legen mit diesem Dichterpreis Ihrer hochherzigen Stiftung, die ihren Namen von dem grossen, verehrungswürdigen Meister Gottfried Keller empfing, ein Geschenk von solcher Bedeutung in meine Hand, dass ich kaum weiss, wie ich Ihnen danken soll, sagt es mir doch, dass meine Dichtung einen Widerhall fand, wie ich ihn nie zu hoffen gewagt, und wie ich ihn mir schöner und wärmer nicht denken kann. Ich empfinge es aber nicht nur für mich, sondern auch für meine Heimat beglückend, dass eine so grosse Auszeichnung einer Deutschen zufallen konnte, denn wir sind uns doch hier immer noch schmerzlich bewusst, welche Schatten durch unser Land auf alle Länder unseres Erdteils fielen. So hat es mich denn auch besonders freudig bewegt, dass Sie in meinen Dichtungen den Ausdruck abendländischen Geistes und abendländischen Glaubens hervorheben, liegen mir beide doch im Blick auf die bedrohte Zukunft unseres Erdteils von Jahr zu Jahr tiefer am Herzen. Ganz besonders herzlich aber danke ich Ihnen noch für Ihr gütiges Gedenken an meine Verbundenheit mit dem Schweizer Land, der alten Heimat meiner Familie. Ich hatte schon oft Grund, Ihr gastliches Land zu lieben und ihm dankbar zu sein. Sie haben einen neuen Grund hinzugefügt. Ich bin glücklich, wenn Sie mich – wie Ihr Brief es tut – ein wenig zu den Ihren zählen. Ich hoffe und glaube, dass Ihre Auszeichnung meiner Dichtung innere Kraft und Freudigkeit schenken wird, auf dem bisherigen Weg fortzuschreiten so lange mir Gott hier noch Zeit vergönnt. Mit der Bitte, auch dem Kuratorium Ihrer Stiftung den Ausdruck meiner grossen Freude übermitteln zu wollen, bleibe ich in tiefer Dankbarkeit Ihre ergebene Gertrud von Lefort.

(Le Fort an Bodmer, 16. November 1952)

 

Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum zweiunddreissigsten Jahr (1953)

Der diesjährige Jahresbericht lässt sich in die lakonische Meldung zusammenfassen, dass nichts zu melden ist. Das mag auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, aber es hat seinen stichhaltigen Grund. Wir erinnern an den Beschluss des Kuratoriums bei Anlass der letztjährigen Beratung, dass der Verleihung des Preises ins Ausland, an Gertrud von Le Fort, die möglichst baldige Ehrung eines Schweizers folgen sollte. Das ist aber nur durchzuführen, wenn man bis zur Wiederäufnung des Fonds darauf verzichtet, Ehrengaben zu verleihen und überhaupt etwas auszugeben. Denn vergessen wir nicht, dass die Stiftung, wie alle „Rentner“, oder, um mit Gottfried Keller zu reden, alle blossen „Zinsleinpicker“ unter den heutigen Geldverhältnissen ärmer geworden ist, als sie es zu ihrer Gründungszeit, und überhaupt während der guten Zwischenkriegstage war! Als Positivum darf dagegen auch festgestellt werden, dass sie in ihren Dispositionen freier und beweglicher ist, als dies bei Einrichtungen ähnlicher Art im Allgemeinen der Fall ist. Ein gabenloses Jahr – von denen die Geschichte der Stiftung übrigens schon drei zu verzeichnen hat – verstösst bei uns gegen keine Statuten und ist diesmal umso mehr zu rechtfertigen, als der Grund ja nicht in Unentschlossenheit oder allzu vorsichtiges Abwarten ist, sondern der, die nächste Preisverleihung baldmöglichst vornehmen zu können. Dies dürfte im Frühjahr 1954 der Fall sein, in welchem Zeitpunkt wir uns an die verehrten Kuratoren wenden werden. Es zeigt sich übrigens, dass unser mehrfach geäusserter Vorschlag, das Preis-Intervall auf drei Jahre zu erhöhen – gegenüber dem bisher üblichen zweijährigen Zyklus – keineswegs die beste Lösung darstellt. Sofern man an Ehrengaben festhält, wird er sich zwangsläufig durchsetzen. Verzichtet man aber darauf, so kann die Zwischenzeit sehr verkürzt werden. Und gerade dass es diesmal wünschbar schien, legt nahe, sich nicht durch ein allzu rigoroses System zu binden, sondern im Gegenteil den Bedürfnissen entsprechend möglichst elastisch zu bleiben. Das Kuratorium soll die verfügbaren Mittel auch zeitlich nach freiem Ermessen verwenden können. Nur so kann einigermassen wettgemacht werden, was die Stiftung allmählich an Wirtschaftspotential verloren hat. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum dreiunddreissigsten Jahr (1954)

Es war ein Preisjahr, und jedes Preisjahr ist eine Freude für die Stiftung. Bisweilen bringt es auch die Spannung einer Überraschung, einer unerwarteten Wendung, eines Fundes mit sich. Für diesmal war die Genugtuung über den glücklichen Entscheid von nichts Ähnlichem begleitet. Das Kuratorium hatte sich ja schon bei Anlass des vorletzten Preises für den folgenden entschieden, und sich über die Wahl des in Basel wirkenden Historikers Prof. Werner Kaegi geeinigt. Eine kleine Aufregung entstand quasi in letzter Minute durch die Wachsamkeit eines Kurators, dem gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen waren. Konnte ein Preis, der den Namen Gottfried Kellers trägt, unter Verhältnissen verliehen werden, die beim Dichter des „Jesuitenzug“ gewiss Kopfschütteln erregt hätten? Aber man wollte nicht auf Gerüchte abstellen und blieb bei der Meinung, das vorliegende Werk Kaegis sei – wie Prof. Wehrli sich ausdrückte - „nach wie vor prädestiniert für den Preis“. So löste sich alles zum besten! Wir lassen überlieferungsgemäss hier den Wortlaut unseres Schreibens an den Preisträger folgen sowie dessen Antwort.

Lieber Herr Professor Kaegi, es ist mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis beschlossen hat, Ihnen den Gottfried Keller-Preis für das Jahr 1954 zu verleihen, in Anerkennung Ihrer Verdienste um die Geschichtsforschung, und in Bewunderung darüber, dass Sie als Gelehrter auch ein Schriftsteller von ungewöhnlichem Range sind. Wenn es ein Privileg der Stiftung ist, von Zeit zu Zeit über das in ihrem Schutzpatron verkörperte literarische Gebiet hinauszugreifen, und die Sphäre der Forschung in ihre Wirksamkeit mit einbeziehen zu können, so fällt uns immer wieder auf, wie dünn gesät die Werke sind, die dafür in Frage kommen. Jene nämlich, die mit bedeutendem Gehalt auch eine sprachschöpferische Leistung verbinden. Dass Sie, sehr verehrter Herr Professor Kaegi, zur kleinen Schar gehören, der solches gelang, ist kein Geheimnis mehr. Wir entdecken Sie nicht, wir freuen uns nur, einer bewährten Leistung unsere Verehrung bezeugen zu dürfen. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert schon habe ich Sie als Übersetzer Huizingas, etwas später als Herausgeber der Studien Ernst Walsers, dann natürlich Jacob Burckhardts kennengelernt, und der Wunsch lag nahe, den umsichtigen Betreuer verwandter Geister nun auch als zu kennen. Ich las zuerst „Michelet und Deutschland“, und aus der Lektüre ist dann, wenn auch für kurze Zeit nur, eine aktive Zusammenarbeit geworden. Zwei Ihrer wichtigen Schriften „Voltaire und der Zerfall des christlichen Weltbildes“, und „Vom Glauben Machiavellis“ sind in der Corona veröffentlicht worden, nachdem schon Ihre Übertragung von Huizingas „Naturbild und Geschichtsbild im 18. Jahrhundert“ dort erschienen war. Und dann kam der erste Teil der „Historischen Meditationen“! Nichtmehr bei mir, wenn ich auch stolz wäre, dieses Werk in der Schriftenreihe der Corona zu besitzen. Seine edle Sachlichkeit und besinnliche Schönheit lösten eine umso tiefere Wirkung aus, als es in wahrhaft schicksalhafter Zeit erschien. Ein Teil dieser Wirkung lag freilich auch in der Kühnheit, mitten in der Bedrohung des zweiten Weltkrieges Dinge auszusprechen, die dem mächtigen Nachbarn im Norden ärgerlich sein mussten, wenn er sie verstand. Ich musste lächeln, als mir kürzlich die Besprechung der Historischen Meditationen von Fritz Ernst aus dem Jahr 1942 in die Hände fiel. Ich hatte gewohnterweise unterstrichen, was mir treffend schien. Es war aber bei mehrfachem Lesen so ziemlich alles unterstrichen worden, vom „wahren Historiker“ bis zum „Humanissimus“ der Sie in Wahrheit sind. Ein Menschenalter voller Tätigkeit – nicht zuletzt auch als Lehrer und Lenker der akademischen Jugend – liegt hinter Ihnen, und doch ist es erst die Mitte, ist es die prächtige Höhe des Lebens, vor der ein weites Land liegt. Ihr Hauptwerk, die Biographie Jacob Burckhardts, harrt des Abschlusses, und manches wird ihr noch folgen. Aber es ist hier nicht der Ort, auf das erreichte Vergangene und das erhoffte Künftige näher einzugehen. Berufenere werden es tun. Doch dies darf ich Ihnen sagen, dass Viele in Ihnen einen der besten Vertreter unserer Heimat und ihres Geistes sehen. Ich bin mir wohl bewusst, dass der Preis, der Ihnen heute verliehen wird, nicht aufwiegt, was wir Ihnen schulden. Betrachten Sie ihn aber als das, was er vor allem sein möchte: als ein Zeichen des Dankes für ein Werk und der Verbundenheit mit ihm. Ihr Martin Bodmer.

(Bodmer an Kaegi, 16. Mai 1954)

 

Die Antwort Prof. Kaegis lautet folgendermassen:

Sehr verehrter, lieber Herr Dr. Bodmer, für die Ehrung durch den Gottfried Keller-Preis Ihrer Stiftung, die Sie meinen Arbeiten der vergangenen Jahre haben angedeihen lassen, möchte ich Ihnen meinen herzlichen Dank zum Ausdruck bringen. Sie haben mir damit eine freundliche Hand geboten in einem Augenblick, da mich ein leises Grauen anwandeln wollte vor dem letzten Aufstieg zur Vollendung des dritten Bandes meiner Burckhardt-Biographie. In diesen Momenten der Ermüdung sind so gütige Worte wie diejenigen Ihres Briefes eine reine Erquickung. Man kann sich wohl immer wieder in Erinnerung rufen, dass die Steinhauer an den Türmen der Kathedralen auch nicht gefragt haben, ob jemand ihre Arbeiten sehen und würdigen könne; aber zuweilen ist doch ein so ermunterndes Zeichen wie dasjenige, das ich Ihnen und dem Kuratorium Ihrer Stiftung verdanke, wie ein kühles Glas Wasser nach langer Wanderung im Sonnenbrand. Mit etwas mehr Ruhe und Freude als es sonst geschehen wäre, hoffe ich nun in zehn Tagen eine Ferienreise durch Frankreich anzutreten und in den kommenden Jahren dank dem immer noch schätzenswerten materiellen Empfang Ihres Preises ein paar Studien- und Erholungsreisen in die Arbeit einschalten zu können, zu denen mir sonst die Mittel gefehlt hätten. Insbesondere aber danken möchte ich, dass Sie mir das Gefühl gestärkt haben, es gebe noch Kräfte in unserer Öffentlichkeit, die der Zerstörung des geistigen Lebens durch Motorenlärm und technische Betriebsamkeit Widerstand leisten und den bescheidenen Raum, den das Leben von Wissenschaft und Kunst zum atmen nötig hat, nicht ganz verkümmern lassen wollen, auch wenn keine unmittelbaren Vorteile für Nachwuchsförderung und Arbeitsbeschaffung zu erwarten sind. Darf ich Sie bitten, auch den Herren des Kuratoriums den Ausdruck meines tief bewegten Dankes übermitteln zu wollen. Mit freundlichen Grüssen bleibe ich Ihr herzlich ergebener

Werner Kaegi. Basel, den 16. Juli 54.

 

Was Ehrengaben betrifft, so stehen im Allgemeinen in einem Preisjahr keine Mittel dafür zur Verfügung. Wir sind aber in einem dringlichen Fall ausnahmsweise von der Regel abgewichen und haben dem achtzigjährigen Schriftsteller Prof. Hermann Uhde-Bernays einen Betrag von Fr. 1'000.-- überwiesen, um damit das rechtzeitige Erscheinen und Erscheinen überhaupt seiner verdienstvollen Arbeit über Rudolf Borchardt zu ermöglichen. Wir benützten gerne diese Gelegenheit, damit auch das Andenken an den höchst ungewöhnlichen Dichter und Forscher Borchardt zu ehren, der leider in den Annalen der Stiftung fehlt, obwohl dafür der Zeitraum eines viertel Jahrhunderts zur Verfügung gestanden wäre. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum vierunddreissigsten Jahr (1955)

Das Berichtsjahr zeichnete sich übungsgemäss durch Ruhe aus. Wir sagen übungsgemäss, denn nach einem Preisjahr musste die Stiftung ihre Tätigkeit stets beschränken, doch war es immerhin üblich, einige Gaben oder Ehrengaben zu verteilen. Durch den ständigen Rückgang der Zinsen sehen wir uns leider veranlasst, auch damit zurückzuhalten, soll der Hauptzweck noch erreicht werden: die Verleihung eines Gottfried Keller-Preises. Bei gleichbleibendem Kapital ist dessen Ertrag von ca. Fr. 4'500.-- bei Gründung der Stiftung auf rund Fr. 3'000.-- zurückgegangen, so dass wir nur mit Mühe noch alle zwei Jahre den üblichen Preis von Fr. 6'000.-- zusammenbringen und dabei auf Sonderausgaben verzichten müssen. Es zeigt sich dabei, wie gänzlich überholt die Bestimmungen über die sog. Mündelsicherheit der Anlagen einer Stiftung sind, die nur Staatsobligationen vorsehen. Hätten wir seinerzeit Versicherungsaktien anlegen können, wie es dem Schreibenden vorschwebte, so besässe die Stiftung das Dreifache an Vermögen. Zudem aber kommt noch, dass die bisherige Preissumme bei weitem nicht mehr den ursprünglichen Geldwert besitzt und heute von einer Reihe andern literarischen Preisen, vor allem dem der Schillerstiftung, übertroffen wird. Die Frage stellt sich deshalb – da eine Herabsetzung des Preises ausgeschlossen ist – ob nicht ein dreijähriges Intervall angezeigt wäre, das den Vorteil hätte, den Preis auf Fr. 8'000.-- zu erhöhen. Dazu noch wäre es möglich in der Zwischenzeit kleinere Ehrengaben zu verteilen, was beim jetzigen System immer schwieriger wird. Diese Fragen wurden bei Anlass der Kuratoriumssitzung vom 28. 10. 1955 erörtert, ohne dass man sie indessen abgeklärt hätte. In der gleichen Sitzung wurde vorgeschlagen, auf die Einrichtung eines Konsultoriums künftig zu verzichten, und Herrn Prof. Carl Burckhardt zu bitten, dem Kuratorium beizutreten. Da er heute über mehr Zeit verfügt, hat er sich liebenswürdiger Weise dazu bereit erklärt, und wir danken ihm für sein Entgegenkommen aufs verbindlichste. Ferner wurde beschlossen, Herrn Dr. Werner Weber, Feuilletonredaktor der NZZ anzufragen, ob er bereit wäre, sich dem Kuratorium zur Verfügung zu stellen. Er hat die Wahl angenommen und wir möchten auch ihm herzlich dafür danken. Nun bleibt noch die schmerzliche Pflicht, des Verlustes zu gedenken, den die Stiftung durch den Hinschied ihres Mitbegründers und treuen Mentors Eduard Korrodi erlitten hat. Wir wollen uns nicht unterfangen, hier ein Bild von Dem zu entwerfen, den Robert Faesi in seiner „Erinnerung an Eduard Korrodi“ in so meisterhafter Weise zeichnet. Es sei lediglich gesagt, dass er der Stiftung von ihrem ersten Tag an ein unermüdlicher Lynkeus so besonderer Art war, dass er ihr Profil weitgehend geprägt hat. Im vollen und schönsten Sinne des Wortes dürfen wir sagen: „Denn er war unser“. Es sei gestattet, das Andenken Korrodis an die Stiftung durch zwei Briefe festzuhalten: den Kondolenzbrief des Unterzeichneten, und die Antwort darauf.

Gestatten Sie mir, Ihnen den Ausdruck meines aufrichtigen und herzlichen Beileides zum Hinschied von Eduard Korrodi zu übermitteln. Ich habe ihn lange – zu lange nicht mehr gesehen, aber wie sehr wird er mir fehlen! Das Wissen, dass er nicht mehr da ist, ist etwas anderes als die Scheu, den Scheuen in den seltenen Augenblicken aufzusuchen, da mein Weg mich nach Zürich führte. Wir haben uns eigentlich nie, auch früher nicht sehr häufig gesehen, und doch haben mir die 35 Jahre unserer Freundschaft viel bedeutet. Einen grossen Teil dessen, was mir zu schreiben gelang, verdanke ich ihm. Wie zart und reizend wob er in seine Briefe, was er an wichtigem zu sagen hatte! Und er war darum so unglaublich belebend, weil auch sein Wohlwollen witzig war und nie pathetisch. Er nahm es nicht leicht, aber er machte es einem leicht, wenn er ermunterte. Auch die Martin Bodmer-Stiftung geht ja auf seine Initiative zurück, und er wäre nicht er, hätte er es dabei bewenden lassen! Während der vierunddreissig Jahre ihres Bestehens kam die meiste Anregung von ihm, und wir alle, die den Gottfried Keller-Preis betreuen, werden sie ihm nicht vergessen. Er lässt eine grosse Lücke weit über alles Einzelne hinaus, und alle die ihn kannten, ermessen im Schmerz der Verlustes noch einmal, was er ihnen war. Sein Andenken aber wird denen, die ihm begegneten, und eine Strecke Weges mit ihm gehen durften, lebendig und teuer bleiben.

(Bodmer an den Bruder Hermann Korrodi, 6. September 1955. Eduard Korrodi verstarb am 4. September)

 

Ihr teilnehmender Brief vom 6. September hat mich und meine Angehörigen tief berührt. Es spiegelt sich in ihm das Wesen meines lieben Bruders, und Sie haben treffende und zarte Worte gefunden für die Art Ihres Umgangs mit ihm und die reizvolle Leichtigkeit, die bei aller Scheu und Verletzbarkeit ihm eigen war. Diese freundschaftliche Würdigung und das Wissen, dass Ihnen sein Andenken, gemeinsam mit uns, lebendig und teuer bleiben wird, sind für uns sehr wohltuend. Die Martin Bodmer-Stiftung, die meinem Bruder Jahrzehnte hindurch am Herzen lag, hat an seinem Grab einen Kranz von leuchtenden, herrlichen Blumen niedergelegt, für den ich Ihnen den bewegten Dank der Trauerfamilie ausspreche. Ihre Anteilnahme an unserem Verluste dankbar emfpindend, grüsse ich Sie als Ihr ergebener H. Korrodi.

(Hermann Korrodi an Bodmer, 9. September 1955)

 

Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum fünfunddreissigsten Jahr (1956)

Es wäre – streng genommen – über das verflossene Geschäftsjahr nichts zu melden, wenn man es nach seiner kalendarischen Dauer vom 1. August 1955 bis 31. Juli 1956 nimmt. Wie sollte dies auch bei dem heutigen Zinsschwund möglich sein, nachdem Ende 1954 ein Preis vergeben worden war! Aber wir haben diese Berichte ja stets auf das Kalenderjahr ausgedehnt, und wie könnte im diesjährigen die Nachricht der soeben erfolgten Verleihung des Gottfried Keller-Preises an Max Rychner verschwiegen werden! Man hatte sich ja schon vor längerer Zeit einstimmig auf diesen Kandidaten geeinigt, und er ist bei einer neuerlichen Umfrage ebenso eindeutig bestätigt worden. Es war ohne Zweifel das Gebot der Stunde. So wurde denn, als der Kassenbestand es wieder erlaubte, die Preisverleihung vorgenommen. Dabei ist erstmals die Summe auf Fr. 8'000.-- erhöht worden, was indes mit der Geldentwertung kaum Schritt hält, sind doch 8'000 heutige Franken ungleich weniger als 6'000 zur Zeit der Gründung waren. Die künftige Angleichung der Stiftung an die veränderten Zeitumstände ist eine der Kardinalfragen, vor die sich das Kuratorium gestellt sieht. Einstweilen ist sie nicht anders zu lösen als durch Verzicht auf Ehrengaben und Erweiterung des Preisintervalls von zwei auf drei Jahre. Alter Übung gemäss lassen wir den Briefwechsel des Präsidenten mit dem Preisträger hier folgen und freuen uns, die durchwegs positive Aufnahme feststellen zu können, die der Beschluss des Kuratoriums gefunden hat. Die Briefe lauten:

Lieber Max Rychner: Es ist mir eine Ehre, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis einstimmig beschlossen hat, Ihnen den diesjährigen Gottfried Keller-Preis in der Höhe von 8'000 Franken zu überreichen. Mit dieser Auszeichnung möchten wir vor allem Ihre Verdienste als wegweisender Kritiker der zeitgenössischen Literatur ehren. Sie gilt aber auch Ihren Leistungen als Herausgeber und Deuter weltliterarischer Texte, sie gilt dem Übersetzer und nicht zuletzt dem Dichter und Meister einer formschönen Sprache. Sie treten als jüngster Preisträger in einen nicht unwürdigen Kreis. Leider weilt von den zwölf bisherigen Preisträgern nur die Hälfte noch unter den Lebenden, die sich über den Zuwachs freuen werden. Doch auch die ins Höhere Eingegangenen mögen sich, wie Goethe sagt, „von ihren Sitzen lüpfen“, da M.R. sich ihnen im Geiste zugesellt! Sie verwalten, lieber Max Rychner, seit über dreissig Jahren ein hohes Amt. Das vielleicht Bemerkenswerteste daran scheint mir, dass es Ihnen gelungen ist, seine Ausübung auf unentwegt gleicher Höhe zu erhalten. Nun kommt hinzu, dass der Beruf des Kritiker keiner der dankbarsten ist, setzt man dabei doch eher andere ins Licht des Ruhmes, als dass man selber hineingerät. Es liegt gewiss mehr Entsagung darin, als viele, die davon Nutzen ziehen, ahnen können. Und doch ist die Sendung des Kritikers so notwenig wie heilsam, denn wo käme man hin, wenn es überall nur sprosste und blühte und kein kundiger Gärtner die Fülle behutsam zu ordnen und zu lenken verstünde. Aber so unentbehrlich diese Sendung ist, so dünn gesät sind jene, die ihr im höchsten Sinne gerecht werden! Ich glaube fast, es sei heute leichter, einen guten Roman zu schreiben, als gut über ihn zu schreiben oder gar ein Gesamtbild seines Wesens und seines Wertes zu entwerfen, wie Sie es in Ihrem jüngsten Essay über den deutschen Roman gezeichnet haben. Kritik in diesem Sinne ist selten und – was uns beängstigen muss – wird immer seltener. Es scheint mir recht einsam um Sie herum zu werden, und doch stehen Sie ja auf der Höhe Ihres Schaffens! Je mehr die Reporter und die Leute des Tages überhand nehmen und daneben die Fachgelehrten und sogenannten Experten – die gewiss alle ihre Verdienste haben –, desto rascher sterben die Kritiker alten Schlages aus, wie Sie ihn noch darstellen. Seine Bedeutung liegt ja nicht darin, dass er die geistige Produktion laufend unter die Lupe nimmt, um sie zu analysieren oder sie der Menge mundgerecht zu machen, sondern dass er ein Meister der Wahl und ein Meister des Wortes sei. Und das, lieber Max Rychner, sind Sie auf fast unübertroffene Weise für den heutigen europäischen Schriftraum. Nicht weniges von Ihrer kürzlichen Würdigung Carossas trifft auf Sie selber zu: Sie arbeiten mit der Behutsamkeit des barmherzigen Samariters und der Achtsamkeit des Klassizisten. Es geht, in dieser zerrissenen Zeit, etwas Edles und Heilendes von Ihrem Wirken aus, das sich nicht nur darin äussert, was Ihnen wert erscheint, sondern auch darin, wie Sie es zu werten wissen. Sie haben Ihr Leben lang mit dem, was Sie über Literatur schrieben, was Sie übersetzten, was Sie dichteten, was Sie edierten und kommentierten, kurz, mit Ihrem Gesamtoeuvre so viel des geistig Guten gestiftet, dass es für uns eine Freude ist, dies durch die Verleihung des Gottfried Keller-Preises bezeugen zu dürfen. Ihr Martin Bodmer.

(Bodmer an Rychner, 30. November 1956)

 

Die Antwort Rychners ist die folgende:

Lieber Martin Bodmer, der Gottfried Keller-Preis, dessen jugendlicher Stifter Sie waren, hat das Schöne an sich, dass Sie, der Vorsitzende des Kuratoriums, zu einer Laudatio des Empfängers ausholen, welche die Zuerkennung auf einzigartig persönliche Weise begründet und weiten Kreisen überzeugend nahe bringt. So auch in meinem Falle. Es stimmt mich froh und dankbar, dass das gesamte Kuratorium mit meiner Wahl einverstanden war, höher aber noch stimmt mich Ihr Brief, seine Grossherzigkeit, der tiefe Grundton menschlich-naher Äusserung, seine Würdigung meines Bemühens, die über alle Mängel – mir so sehr bewusst! – hinwegsieht und nur beim Gelungenen verweilt. Empfangen Sie all meinen wahrer Bewegtheit entstammenden Dank für Brief und Preis! Ich entsinne mich so gut der frühen Jahre, als Sie jung und suchend in denselben Hörsälen der Universität wie ich nach einem Platz spähten, ein zarter Mensch, zu dem es mich hinzog, was mir die törichte Hemmung: „Er wird es missverstehen – Er wird glauben, ich erhoffe etwas von ihm“, stets wieder durchquerte. Als Jüngling hat man ein übermässig reizbares und etwas verschrobenes Ehrgefühl, das es nicht erträgt, auch nur einen Augenblick nicht voll begriffen zu werden, und das es dann versäumt, an Begreifen das zu leisten, was ihm obläge. Es kamen die Jahre, wo ich mehrfach im „Freudenberg“ Ihr Gast war, d.h. zunächst Gast Ihrer unvergesslichen, unvergessenen Mutter, die einem das Haus gleich so wohlig zu machen verstand. Sie haben damals Ihre Sporen verdient und die unbequeme Lehre auf sich genommen, grosse Männer zu empfangen; doch jetzt bin ich Ihnen dankbar dafür, dass Sie unserer Stadt einen Mittelpunkt gaben, den sie seit Ihrem Weggang vermissen muss. Leicht war das aus unseren Gegebenheiten nicht, und Sie haben es sich nicht leicht gemacht; es war eine ganz eigene Leistung, die Willen, Entscheidung, Zielgewissheit voraussetzte, neben vielen menschlichen Eigenschaften, die den Aufenthalt in Ihrem Haus und um Sie, wie ich von mehreren Seiten erfuhr, so ausgesprochen angenehm machten. (Valéry war entzückt darüber, im Schlafzimmer Aschenbecher vorzufinden; schon das nahm er zum Anlass, Sie zu rühmen...). Sie haben dann Ihren Gottfried Keller-Preis gestiftet und damit gewissen Verdiensten einen Orden sui generis zugedacht, Sie haben in den feindseligen Jahren des Kulturabbaus Ihre „Corona“ erscheinen lassen, worin das Schöne in der Sprache noch einmal seinen oberen Rang bekunden durfte, Sie haben in aller Stille an dem Dombau Ihrer herrlichen Bibliothek gewirkt. Dazu kommen die den Tätigen so sehr beanspruchende Arbeit im Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, Ihr Samariterdienst an dem auf gegenseitiges Wundenschlagen so unheilvoll erpichten Menschengeschlecht – und bei alledem haben Sie Ihre Verbundenheit mit dem ungeheuren Wesen Weltliteratur überdacht und haben in Ihrem neuen Buch von ihr als ein Bruder des goetheschen Humanus ein Zeugnis abgelegt, von dem jede Seite Ihre eigenste Stimme hat. Sie haben es verstanden, aus den Hauptmotiven Ihres Daseins „Folge zu bilden“ (noch einmal, und immer wieder Goethe!), und am Segen solchen Unternehmens liessen Sie beständig andere teilhaben. Dass Sie meiner Bemühung Ihre Aufmerksamkeit zugewandt haben, ehrt mich, zudem ist es mir eine lebendige Freude, die wie eine Flamme hochzuckt. Dafür danken zu dürfen, ist nochmals ein Geschenk, das meinen Händen anvertraut wird. In herzlicher Verbundenheit der Ihre Max Rychner.

(Rychner an Bodmer, 5. Dezember 1956)

 

Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum sechsunddreissigsten Jahr (1957)

Wir stellten bereits in unserem letzten Jahresbericht fest, dass sich die Stiftung, was ihre materielle Seite betrifft, den Zeitumständen anpassen müsse. Es wäre zwar übertrieben – zumindest für die Schweiz übertrieben – von einer wirtschaftlichen Revolution zu reden, in der wir uns befinden, aber wir sind immerhin in Zustände hineingeglitten, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg, geschweige denn zur Zeit der Stiftungsgründung nicht im entferntesten vorauszusehen waren. Der Schreibende hat schon mehrfach angedeutet, dass das Kuratorium sich in dieser Hinsicht vor entscheidende Fragen gestellt sieht. Wenn er trotzdem bisher darauf verzichtet hat, die verehrten Herren Kuratoren zu einer Aussprache darüber einzuberufen, so ist der Grund der, dass die Dinge einstweilen ihren fast zwangsläufigen Lauf nehmen, an dem wir so oder so nicht viel ändern können. Es war schon letztes Jahr entschieden worden, dass eine Erhöhung der Preissumme auf Fr. 8'000.-- angesichts der fortschreitenden Geldentwertung wünschbar sei, ja notwenig, um mit anderen literarischen Preisen Schritt zu halten. Um aber diesen Betrag zur Verfügung zu haben, müssen wir einstweilen auf Ehrengaben verzichten, und den Abstand zweier Preisverleihungen auf drei Jahre erhöhen. Die einzige Möglichkeit, die erlauben würde, von diesen Restriktionen Abstand zu nehmen, wäre eine wesentliche Erhöhung des Stiftungskapitals. Das ist aber eine Massnahme, über die der Stifter mit sich selbst ins Reine kommen muss! Auf jedenfall ist die heutige Lage des Kapitalmarktes denkbar ungeeignet dafür, und muss einstweilen auf günstigere Zeiten verschoben werden. Es erscheint darum als eine Zumutung, die „Wächter des Preises“ zu einer Aussprache zu bemühen, deren Ergebnis weder von ihrem noch vom Willen des Schreibenden abhängt. Er ist übrigens der erste zu bedauern, dass dieser Bericht so ganz nur auf materielle Fragen gestellt ist, und möchte mit Cicero ausrufen: o tempora, o mores! Er hofft aber, sich im nächsten dafür umso entschiedener wieder den Dingen zuwenden zu können, die Grund und Sinn der Stiftung bedeuten. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum siebenunddreissigsten Jahr (1958)

Wieder ist ein Jahr vergangen, ohne dass das Kuratorium zu einer Aussprache zusammengetreten wäre. Bei der ohnedies grossen Inanspruchnahme seiner Mitglieder haben diese es wohl nicht bedauert – vielleicht nicht einmal bemerkt – aber ist damit auch dem Sinn der Stiftung gedient? Der Unterzeichnete weiss natürlich, wie gern die Kuratoren bereit sind, ihm mit Rat und Tat zum Wohl dieser kleinen Unternehmung beizustehen. Wenn er sie darum nicht bemüht hat, so hat dies seinen wohlüberlegten Grund. Er ist ihnen aber doch eine Erklärung schuldig, wozu er sich erlaubt, die Lage kurz zu rekapitulieren. Das Stiftungskapital, das laut der gesetzlichen Bestimmung für Stiftungen nur mündelsicher, d.h. in Obligationen angelegt werden darf, beträgt heute wie vor 37 Jahren noch 110'000.-- Fr. Wie überlebt diese Bestimmung ist, wird jedem in die Augen springen der weiss, dass selbst ein konservativ angelegtes Aktienkapital sich in derselben Zeit mindestens verdreifacht hat. Dazu kommt noch, dass der Zinsertrag sogar zurückgegangen ist, und wir trotz Steuerfreiheit nur mit etwa 3'800 Fr. Jahreseinkommen rechnen können. Auf der anderen Seite aber war es angezeigt, die Preissumme im Hinblick auf die allgemeine Geldentwertung zu erhöhen, wie dies erstmals bei der Preisverleihung an Max Rychner der Fall gewesen ist. Natürlich können wir davon nichtmehr abgehen, hielten es im Gegenteil für wünschbar, die Preissumme noch etwas zu erhöhen. Denn ein Preis von Fr. 10'000.-- hat heute kaum mehr Gewicht, als einer von Fr. 6'000.-- vor dem Krieg. Was bedeutet das? Dass wir entweder das Kapital verdoppeln müssen, oder den Preisintervall vergrössern. Über das erstere liesse sich gelegentlich sprechen, vorerst aber möchte der Stifter es vorziehen, die zweite Lösung zu prüfen. Wäre sie ein wirklicher Nachteil? Würde sie den Zweck der Stiftung empfindlich treffen? Der Unterzeichnete glaubt es nicht, lässt sich aber gerne eines besseren belehren. Dann müssen eben neue Mittel und Wege gefunden werden – vor allem Mittel! Es scheint uns aber, der Gottfried Keller-Preis sei von Anfang an eine konservative Institution gewesen, abhold allem Tageserfolg u. aller Sensation. Sie kann es sich darum auch leisten, seltener von sich reden zu machen, ohne dass damit die Bedeutung ihrer Entscheide herabgesetzt würde. Ein Träger des Gottfried Keller-Preises ist noch immer beachtet worden, und wird es auch künftig, wenn das Kuratorium weiterhin sich so glücklich bewährt. Wir möchten darum annehmen, dass es bei der steigenden Flut von Literaturpreisen für denjenigen, der den Namen Gottfried Kellers trägt, eher ein Vor- als ein Nachteil ist, wenn er etwas seltener zur Verteilung gelangt. Abgesehen davon, dass es bei dem doch eher spärlichen Vorkommen wirklich geeigneter Kandidaten leichter ist, nur jedes dritte Jahr einen geeigneten Preisträger zu finden, kann so auch die Preissumme ohne Schwierigkeiten auf einer würdigen Höhe gehalten, ja allenfalls noch etwas erhöht werden. Dies, verehrte Herren Kuratoren, sind die Gründe, die den Unterzeichneten veranlasst haben, auch das Jahr 1958 noch für die Äufnung des Fonds vorzusehen. Im kommenden Frühling, etwa auf Ostern, könnte dann der nächste Preis verliehen werden. Anregungen dafür sind freilich schon jetzt und jederzeit willkommen. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum achtunddreissigsten Jahr (1959)

Diesmal ist es nun doch ein Preisjahr! Aber uns dünkt, die dreijährige Wartezeit habe ihr gutes. Nicht nur zur Äufnung des Fonds, sondern ganz einfach, weil es bei rascherem Tempo zu wenige Gesamtoeuvres gibt, die im Sinne der Stiftung zu krönen wären. Seit der ersten Preisverleihung 1922 sind bis heute 15 Preise verteilt worden, was einen etwa zweieinhalbjährigen Durchschnitt bedeutet, und dieser Rhythmus hat sich bewährt. Bewährt hat sich, so scheint uns, auch die elastische Form, die das Kuratorium weder in der Höhe des Preises noch in seinem Zeitabstand bindet. Es steht ihm ja auch frei, Ehrengaben zu verleihen, sofern die Mittel dazu reichen, und wir erinnern uns daran, dass bis zum Jahr 1954 insgesamt 52 Ehrengaben im Gesamtbetrag von Fr. 55'200.-- zur Verteilung gelangten. Seitdem die Preissumme erhöht worden ist, war dies leider nicht mehr möglich.

Die Kuratoren haben sich am 24. Oktober 1959 in Zürich versammelt, und die Situation eingehend erörtert. Namen wie Inglin, Guggenheim, Lauber, Fassbind, Frisch, Dürrenmatt wurden geprüft, aber aus verschiedensten Ursachen wieder zurückgestellt. Es blieben die drei Hauptkandidaten Max Mell, Emil Staiger und Maurice Zermatten. Für den Erstgenannten käme ein Preis heute etwas post festum, wogegen der verdiente Literaturhistoriker die Seite der Theoretiker unter den Preisträgern im Moment zusehr verstärken würde, finden sich doch unter den sieben letzten Preisgekrönten nur zwei Dichter, Robert Faesi und Gertrud von Le Fort. So war es wünschbar, diesmal einen Schriftsteller zu ehren, und willkommen, einen solchen zu finden. Nach anregender Diskussion fiel die einstimmige Wahl auf den Walliser Maurice Zermatten, der sich aus manchen Gründen als geeignetster Kandidat erwies. Durch diesen Beschluss sollte ein Lebenswerk ausgezeichnet werden, in welchem Heimatgefühl sich mit einer Gestaltungskraft von hohem Rang zur künstlerischen Einheit verbindet. Nicht zuletzt aber war es auch willkommen, nach 32 jährigem Unterbruch wieder einmal den französischen Sprachraum berücksichtigen zu können. Nach Erledigung dieses Hauptgeschäftes wurde auf Antrag des Unterzeichneten noch beschlossen, als neues Mitglied Dr. Daniel Bodmer ins Kuratorium der Stiftung aufzunehmen. Statutengemäss muss stets ein männlicher Nachkomme vom Vater des Stifters dem Kuratorium angehören. Da dieser nun selber erwachsene Nachkommen hat, und mit 60 Jahren die Schwelle des kanonischen Alters überschreitet, scheint es nicht unangebracht, dass sein ältester Sohn sich in die Stiftung einzuleben beginnt. Wir heissen ihn im Kuratorium willkommen. Martin Bodmer.

Traditionsgemäss wird noch die Mitteilung des Präsidenten an den Preisträger, sowie dessen Antwort bekanntgegeben. Am 12. November 1959 richtete der Erstere an Maurice Zermatten die folgenden Zeilen:

Cher Monsieur Zermatten, c’est avec une vive satisfaction que je puis vous communiquer, de la part des curateurs de la ‚Fondation Martin Bodmer pour un prix Gottfried Keller’, leur décision unanime de vous attribuer le Prix Gottfried Keller de Frs. 8'000.--. Permettez-moi de vous rappeler en deux mots ce que représente ce prix, décerné tous les deux ou trous ans seulement. La Fondation se propose de couronner des écrivains, suisses ou étrangers, pour l’ensemble d’une œuvre qui témoigne d’un esprit original et créateur, et qui, en même temps, émane du génie de notre pays. Quelle oeuvre contemporaine répondrait mieux à ces exigences que la vôtre? D’ailleurs, depuis 32 ans, c’est la première fois que le prix Gottfried Keller revient à un Romand: C. F. Ramuz le reçut en 1927. Aujourd’hui, nous nous félicitons non seulement d’avoir trouvé en vous l’homme et l’écrivain digne d’un tel successeur, mais encore de rencontrer en votre oeuvre la spiritualité de nos écrivains les meilleurs. Il vous a été donné d’évoquer d’une manière admirable, par vos écrits, cette terre qui est la vôtre, sa nature, son histoire et le coeur de ses habitants… Du “Coeur inutile” jusqu’à “La Fontaine d’Aréthuse”, quel défilé ininterrompu de romans saisissants où se reflète l’âme du Valais! “La Colère de Dieu”, “Le Sang des Morts”, “L’Esprit des Tempêtes“, „Les Montagnes sans Étoiles“ – et je n’en cite qu’un bien petit nombre – évoquent par leur seul titre quelque chose de la force qui les secoue et les domine. Mais derrière la tempête s’élève le chant, la douceur d’une nature bénie, les “Nourritures Valaisannes”, les “Saison Valaisannes”, “L’Escalier dans le Mur”… Et enfin l’histoire, les “Contes des Hauts-Pays du Rhône”, et l’admirable pièce d’”Isabelle de Chevron”. Mais l’histoire des histoires, c’est sans doute “Sion à la lumière de ses étoiles”, evocation grandiose d’une terre que, grâce à vous, des milliers d’êtres comprendrons mieux et aimeront advantage. Le prix que nous vous décernons, nous en sommes concients, n’est qu’un modeste signe de reconnaissance que le pays vous doit. Veuillez également y voir le témoignage d’estime et d’admiration que mes collègues et moi portent à votre oeuvre, digne parmi toutes d’un prix qui porte le nom de Gottfried Keller. Croyez-moi votre bien dévoué Martin Bodmer.

 

Sion, 14. 11. 59. Cher Monsieur Bodmer, j’étais encore en plein exercise de mon regiment quand on est venu m’annoncer la merveilleuse nouvelle. Imaginez ma joie, mais aussi ma surprise. J’ai d’abord cru que l’on me faisait une farce. Jamais secret fut-il si bien gardé? Quand la radio confirma ce qu’un de mes officiers avait appris par le téléscripteur d’une redaction, je pus croire tout à fait à ma chance. Cher Monsieur Bodmer, comment vous exprimer toute ma gratitude? Une fois déjà – ça devait être en 1940 – vous m’aviez accordé un prix. Votre générosité est inépuisable. La lettre que je trouve chez moi en rentrant me comble. Plus que la grande somme – que vous m’attribuez, je suis touché par votre extrême délicatesse à justifier votre choix, – que je trouve, moi, si peu justifiable. Ce que vous m’écrivez sur mes livres est une admirable récompense. Dans l’année où j’aborde mon demi-siècle, j’y vois un signe du destin. Ce premier mot que je vous mets dans la hâte de mon retour à la vie civile voudrait seulement vous dire, mais avec émotion, un merci qui me vient du fond du coeur. Le grand mécène que vous êtes vient de faire un heureux de plus. Maurice Zermatten.

 

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Jahresbericht zum neununddreissigsten Jahr (1960)

Es lag im Berichtsjahr keine Veranlassung zu einer Aussprache des Stiftungsrates vor, und so muss sich diese Übersicht denn auf technische Fragen beschränken. Wie stets nach einem Preisjahr herrscht die Brache, die der Erholung des Zinskontos zu dienen hat. Wir haben schon öfter darauf hingewiesen, dass dies kein Nachteil sei, ja dass selbst eine dreijährige Pause zu verantworten wäre. Der Umstand, an keine festen Termine gebunden zu sein, erweist sich als Vorzug der Stiftung. Aus Erfahrung können wir feststellen, dass die sporadische Verleihung des Gottfried Keller-Preises seiner Wirkung keineswegs Abbruch tut, wenn er dabei nur seinen durch bald 40 Jahre bewährten Rang beibehält. Aber freilich: ohne die materielle Seite geht es nicht. Die letzten zwei Preise betrugen Fr. 8'000.--, doch dürfen wir uns nicht darüber täuschen, dass dies noch immer einen gewaltigen Rückschritt darstellt gegenüber den Fr. 6'000.--, die schon 1922 als Preissumme ausgesetzt waren! Dazu kommt, dass seither auch die Anzahl der Preise sich vervielfacht hat, und manche höher sind als unsere. Wir sind deshalb der Meinung, man sollte den Gottfried Keller-Preis auf Fr. 10'000.-- erhöhen, um ihn seiner ursprünglichen Bedeutung wenigstens einigermassen anzugleichen. Einstweilen ist dies bei einem dreijährigen Intervall und bei Verzicht auf Ehrengaben möglich. Um indessen etwas mehr Spielraum zu haben, schlug der Unterzeichnete der Schweizerischen Kreditanstalt vor, die ca. 3% rentierenden mündelsicheren Staatsobligationen wenigstens teilweise durch höher zinsende zu ersetzen, was für die erwünschte etwas grössere Bewegungsfreiheit gerade genügen würde. Am 23. Januar 1960 hat uns die Kreditanstalt diesbezüglich Vorschläge gemacht, jedoch darauf hingewiesen, dass es empfehlenswert wäre, die Frage der Wiederanlage vorgängig der Kontrollstelle der Stiftung, d.h. dem Eidgenössischen Departement des Innern, vorzulegen. Denn es gibt höher verzinsliche Industrie-Obligationen von absoluter Sicherheit, die man aber nicht im engeren Sinne als mündelsicher bezeichnet. Eine derartige Beschränkung ist der Stiftung übrigens gar nicht auferlegt, denn §6 der Stiftungsurkunde bestimmt lediglich, dass das Stiftungsgut den jeweiligen Zeitumständen entsprechend möglichst sicher anzulegen sei. So haben wir denn mit Schreiben vom 6. Februar 1960 dem Eidg. Departement des Innern den Fall ausführlich dargelegt und um Zustimmung zu einer Transaktion im oben erwähnten Sinne gebeten. Als nach einem Vierteljahr keine Antwort eingetroffen war, wandten wir uns erneut mit einem eingeschriebenen Brief vom 2. Mai 1960 ans E.D.I. Auch dieser ist bis heute ohne Antwort geblieben. Ja selbst die bei überlasteten Behörden sonst übliche Empfangsanzeige blieb aus. Auf diese Erfahrung hin stellt sich die Frage, ob wir, nach Einreichen des vorliegenden Berichtes an die Kontrollstelle, deren Schweigen als Zustimmung betrachten und die bescheidene Umstellung vornehmen sollten? Eine Äusserung der verehrten Kuratoren hierzu wäre wertvoll. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum vierzigsten Jahr (1961)

Der Berichterstatter kann sich kurz fassen. Das vierzigste Stiftungsjahr verlief ebenso ruhig wie sein Vorgänger, was angesichts des schon mehrfach erörterten Status des Stiftung keiner Begründung mehr bedarf. Durch die Umdisposition der Anlagen, deren Rendite c. 3,1% betrug, konnte diese nun auf einen Durchschnitt von c. 4,1% gebracht werden. Die Einnahmen von c. Fr. 4'100.-- pro Jahr erhöhen sich auf c. Fr. 5'400.-- jährlich. Damit aber können wir nun zu Beginn jedes dritten Jahres über eine Preissumme von Fr. 10'000.-- verfügen, welche Anordnung dem Zweck der Stiftung einstweilen gerecht werden dürfte, ohne dass das Kapital erhöht werden müsste. Im kommenden Jahr ist nun wieder ein Preis fällig, und die Kuratoren haben darüber zu entscheiden, wer als der oder die Würdigste dafür in Frage kommt. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum einundvierzigsten Jahr (1962)

Da im abgelaufenen Berichtsjahr ein Gottfried Keller-Preis zu verleihen war, hat sich er Unterzeichnete im November 1961 mit einer Umfrage an die Mitglieder des Kuratoriums gewandt, und gleichzeitig die Namen einiger Persönlichkeiten – Männer und Frauen, Schweizer und Ausländer – zur Diskussion gestellt, die als Preisträger zumindest zu erwägen waren. Es sind, in alphabetischer Reihenfolge: Werner Bergengruen, Kurt Guggenheim, Meinrad Inglin, Ernst Jünger, Marie-Louise Kaschnitz, Max Mell, Edzard Schaper, Emil Staiger, W. von den Steinen, Silja Walter. Von sämtlichen Kuratoren sind Antworten eingetroffen, in denen die Vorschläge z.T. sehr ausführlich erwogen wurden. Als weitere Anwärter sind noch empfohlen worden: Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Günther Eich, Rudolf Pannwitz, J.R. von Salis, Albert J. Welti, Carl Zuckmayer. Im ganzen wurden siebzehn Kandidaten geprüft, wobei sich bereits eine engere Auswahl abzeichnete. Dennoch stand bei diesem schriftlichen Gedankenaustausch noch kein Name derart im Vordergrund, dass auf eine Zusammenkunft der Kuratoren hätte verzichtet werden können. Sie fand am 27. Januar 1962 in Zürich statt. Es zeigte sich dabei wieder, wie anregend und eigentlich unerlässlich eine mündliche Aussprache ist, die ja zur Tradition gehört und vor einer Preisverleihung noch stets gepflegt wurde. Von den drei Autoren, um die es schliesslich ging: Mell, Schaper und Staiger, fiel die Wahl auf Emil Staiger. Die Preisurkunde, die ihm der Unterzeichnete am 31. März 1962 übersandte, lautet folgendermassen:

Verehrter, lieber Professor Staiger! Es ist mir ein besonderes Vergnügen, Ihnen mitteilen zu können, dass die Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis beschlossen hat, Ihnen den XVI. Gottfried Keller-Preis im Betrag von Fr. 10'000.-- zu überreichen. Dieser Preis ist, wie schon sein Name es ausdrückt, in erster Linie mit Dichtung verbunden, und es sind vor allem dichterische Lebenswerke, die bisher geehrt wurden. Wenn die Wahl der Kuratoren dennoch auf einen Gelehrten fiel, so müssen dafür triftige Gründe bestanden haben, und dies war denn hier auch der Fall! Es ist ein seltenes Glück, einem Manne zu begegnen, dem es gelang, grosse Dichtung in doppelter Weise zu deuten und zu erhellen: als Forscher und als Übersetzer. Seit einem Vierteljahrhundert haben Sie, verehrter Emil Staiger, der Welt Werk um Werk geschenkt, und jedes hatte seinen derart eigenen Ton, dass man immer wieder aufhorchte und mit Spannung erwartete, was weiter folgen werde. Alle diese Arbeiten, „Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters“, die „Meisterwerke deutscher Sprache“, die „Grundbegriffe der Poetik“, die „Schwäbische Kunde“, „Die Kunst der Interpretation“, „Musik und Dichtung“, endlich der „Goethe“ – um nur die wichtigsten zu nennen – kreisen gleicherweise um das Wesen der Poesie, ja mehr noch, sie sind erfüllt davon und vermögen uns auf neue Weise den Geist des Kunstwerks zu erschliessen. Diese Gabe der Interpretation ist daher so ungewöhnlich, weil hier im Gegensatz zum üblichen Verfahren der Literaturwissenschaft nichts von aussen ins Werk getragen, vielmehr alles aus diesem selbst und aus dem bezeugten Willen seines Schöpfers entwickelt wird. Und diese werkgerechte Deutung findet ihre Krönung in der grossen Goethe-Biographie. Welch kühnes Unterfangen war es, heute eine dreibändige Arbeit über Goethe zu schreiben! Sie haben es aber nicht nur gewagt. Sie haben uns damit „den“ Goethe unserer Zeit geschenkt, und dies war wohl der wichtigste aller Gründe, der Sie zum Preisträger bestimmt hat. Und zu all dem hinzu kommt nun noch der Übersetzer! Hier ist es nicht mehr die eigene, die deutsche Literatur, die Sie uns durch ungewöhnliche Einfühlung nahe bringen, sondern die griechische. Das ist schwieriger, problematischer. Aber wer Ihre Verdeutschungen des Sophokles, Euripides, Callimachus, der Sappho, der griechischen Lyrik, der griechischen Epigramme mit den Originalen und mit anderen Übertragungen vergleicht, der wird feststellen, dass auch hier derselbe klare, „heilig-nüchterne“ Geist am Werk ist, der den Faust interpretierte, und dass ihm das eine wie das andere gleichermassen gelungen ist! Mögen Sie denn, verehrter Emil Staiger, den Gottfried Keller-Preis als Ausdruck des Dankes und der Bewunderung für Ihr reiches und doch noch so vielversprechendes Lebenswerk entgegennehmen. Ihr Martin Bodmer.

 

Er erhielt das nachstehende, vom gleichen Tage datierte Dankschreiben Professor Staigers:

Hochverehrter Herr Dr. Bodmer, es ist eine ganz ausserordentliche Nachricht, die Sie mir zu senden die Güte hatten. Seien Sie und das ganze Curatorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis überzeugt, dass ich das Ereignis in seiner vollen Bedeutung zu schätzen weiss. Sie umreissen in Ihrem liebenswürdigen Brief meine Arbeit mit dem grössten Wohlwollen. Sie sehen sie überdies genau in dem Licht, in dem ich sie selbst am liebsten sähe, aber doch kaum zu sehen wage. Nichts ist beglückender, als so das innigste Bestreben als Wirklichkeit anerkannt zu finden. Das führt mich zu dem besonderen Charakter des Gottfried Keller-Preises. Ich bin mir im Klaren darüber, dass mir damit in der Öffentlichkeit ein neuer, höherer Rang zugesprochen wird, an den ich mich erst gewöhnen muss. Was mich aber noch mehr erfreut, ist die Reihe der bisherigen Preisträger, in die Sie mich aufgenommen haben. Ich bekenne Ihnen aufrichtig: es ist jene Gemeinschaft der Geister, der seit vielen Jahren meine tiefste Liebe und Bewunderung gehört, in deren Nähe mich immer wieder das Gefühl einer seelischen Heimat erfüllt, wenn sonst der Tag mir Goethes Wort von der „verwirrenden Lehre von verwirrendem Handel“ zu bestätigen scheint. Diesem Geist die Treue zu halten und mich nicht verwirren zu lassen, bin ich entschlossen. Ihnen aber, hochverehrter Herr Dr. Bodmer, und dem Curatorium Ihrer Stiftung danke ich aus bewegtem Herzen als Ihr ergebener Emil Staiger.

 

Damit reiht sich der sechzehnte Gottfried Keller-Preis würdig an seine Vorgänger. Der siebzehnte aber wird voraussichtlich im Frühling oder Herbst 1964 zur Diskussion stehen, also im Jahr der Landesausstellung, Jahr der nationalen Besinnung und Darstellung. Möge auch der Stiftung gegeben sein, das ihre dazu beizutragen! Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum zweiundvierzigsten Jahr (1963)

Das verflossene Stiftungsjahr war wiederum ein überbrückendes, so dass über die Tätigkeit des Stiftungsrates nichts zu berichten ist. Es sei lediglich darauf hingewiesen, dass die ungefähr Fr. 5'400.--, die wir nun dank neuen Dispositionen jährlich einnehmen – statt der früheren Fr.4'100.-- es gestatten, bereits im kommenden Jahr wieder einen Preis von Fr. 10'000.-- zu verleihen. Der letzte wurde im Frühjahr 1962 vergeben. Dies ist umso erfreulicher, als 1964 ein Jahr der nationalen Besinnung und Bewährung sein wird, worauf wir schon im letzten Bericht hingewiesen haben. Wie schön wäre es, wenn auch ein Preisträger gefunden würde, der sich würdig in den allgemeinen Rahmen, in die Freude von „Vaterlandes Saus und Brause“ fügte! Freilich können wir’s nicht erzwingen, und werden uns an die altbewährten Stiftungsregeln halten, auch wenn der als würdig Befundene von weither geholt werden müsste. Zu den Finanzen noch dies: wir sind uns bewusst, dass die Lage der Stiftung, wie die aller Privatstiftungen, prekär bleibt, auch wenn sie einstweilen verbessert ist. Eine Preissumme von zehntausend Franken ist heute ein Minimum, soll der Preis neben der ideellen auch eine materielle Bedeutung behalten, die ihm von Anfang an zugedacht war. Bei der unaufhaltsamen inflatorischen Strömung in der wir uns befinden, wird man sich fragen, ob teilweise Umstellung der Anlagen auf Aktien, d.h. auf Sachwerte, nicht eine Frage der Selbsterhaltung wird. Eine Stiftung riskiert ihren Sinn zu verlieren, wenn sie sich nicht der Zeit anpassen kann. In einer ähnlich angelegten und vom Bund beaufsichtigten Rotkreuzstiftung, die der Unterzeichnete mit betreut, stellt sich genau dieselbe Frage. Es wird gelegentlich mit den Bundesbehörden über eine neue, zeitgemässe Interpretation des Begriffs „mündelsicher“ zu verhandeln sein – ein kleines Zeichen unter vielen, wie mächtig alles bisher Stabile heute in Fluss geraten ist. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum dreiundvierzigsten Jahr (1964)

Der Unterzeichnete trägt die alleinige Verantwortung dafür, dass auch das dreiundvierzigste Jahr ein stilles blieb. Es wurde damit zwar keineswegs gegen das Reglement verstossen, im Gegenteil haben wir uns genauer an die überlieferten Intervalle, wenn zweieinhalb Jahre übersprungen werden, denn im letzten hat Emil Staiger den Preis erhalten, sodass erst das kommende wieder ein reguläres Preisjahr ist. Trotzdem hat der Präsident der Stiftung Anlass, sich beim Kuratorium zu entschuldigen, hat er doch im letzten Jahresbericht eine Preisverleihung für 1964 – quasi im Zeichen der Expo – in Aussicht gestellt! Aber es muss zugegeben werden, dass die sehr schöne Expo mit unserem Preis herzlich wenig zu tun hatte – weniger noch als es bei der Landi der Fall gewesen wäre. Wir brauchen uns also keine Sorgen um eine verpasste Gelegenheit zu machen. Die Mittel wären zwar vorhanden gewesen, aber so knapp, dass die Zeitspanne bis zum nächsten Preis nur umso länger geworden wäre. Nun sind wir freier. Es kann im kommenden Jahr ein Preis von zehn- oder gar zwölftausend Franken vergeben werden, und wenn es richtig erscheinen sollte, schon 1966 ein weiterer. Diese Lage dürfte nicht ohne Einfluss auf die Wahl sein, denn bei mehreren ungefähr gleichwertigen Kandidaten – wie es voraussehbar ist – wird man sich leichter für den einen oder anderen entscheiden, wenn nicht allzu lange darnach eine zweite Wahl möglich wird. So übergibt der Unterzeichnete seinen Jahresbericht den verehrten Kuratoren in der Hoffnung, sie im Laufe des kommenden Frühjahrs zu einer Wahlbesprechung versammeln zu können. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum vierundvierzigsten Jahr (1965)

Es war vorgesehen, dass 1965 ein Preisjahr sein und die Entscheidung im Frühling fallen sollte. Infolge von Krankheit des Unterzeichneten konnte jedoch die Zusammenkunft des Kuratoriums erst am 5. Oktober stattfinden. Dies geschah im wunderschönen Rahmen der Besitzung von Prof. Robert Faesi in Wädenswil, wofür ihm auch an dieser Stelle gedankt sei. Im Verlauf der anregenden Aussprache, in der die Namen von Inglin, Schaper, Guggenheim, Emil Brunner, H.U. v. Balthasar, Welti, Taube diskutiert wurden, konzentrierte sich die Diskussion bald auf die beiden im Vordergrund stehenden Gestalten Meinrad Inglin und Edzard Schaper. Das Für und Wider hielt sich merkwürdig lange die Waage, doch neigte sich diese schliesslich zu Inglins Gunsten, der dann in ehrenvoller Einstimmigkeit gewählt wurde. Ein wichtiges Argument ist dabei nicht berücksichtigt worden, was hier nachgeholt sei: seit 1943 (Preis an Robert Faesi) ist kein Preis mehr an einen deutschschweizerischen Romancier verliehen worden, und überhaupt nur an zwei Schriftsteller. Alle anderen waren Gelehrte und Essayisten. Inglin ist also seit 25 Jahren der erste Deutschschweizer, der den Gottfried Keller-Preis erhält! Übungsgemäss lassen wir hier den Briefwechsel zwischen dem Unterzeichneten und dem Preisträger folgen. Martin Bodmer.

Cologny, 22. Oktober 1965. Verehrter Herr Dr. Inglin, es ist mir eine Ehre, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis einstimmig beschlossen hat, Ihnen den XVII. Gottfried Keller-Preis in der Höhe von Fr.10'000.-- zu verleihen. Ihr jüngstes Werk „Erlenbühel“ kommt gerade zurecht, um Ihrem reichen Oeuvre noch ein Körnchen Salz beizumischen und damit zu bestätigen, dass ein schöpferischer Autor sich selbst treu bleibt, indem er sein Werk erweitert. Ich weiss, wir hätten schon vor 43 Jahren mit dem Preis zu Ihnen kommen können, denn Ihr grossartiger Erstling, “Die Welt von Ingoldau“, erschien im Jahr seiner Gründung. Auch zehn Jahre später wäre es möglich gewesen, als Sie die gleichsam taciteische Prosa der „Jugend eines Volkes“ schrieben, und wiederum einige Jahre später „Die graue March“, endlich Ihr Hauptwerk, den „Schweizerspiegel“, den der deutsche Literaturhistoriker Hermann Pongs den besten Querschnitt durch das Schweizervolk seit dem „Salander“ nennt, ja von dem er sogar feststellt, er führe den grossen Stil des „Witiko“ fort. Kann man von hoher Warte aus einem Dichtwerk höheres Lob spenden? Noch eine Reihe von Romanen folgt – und dann die Novellen! „Güldramont“, „Die Lawine“…, Meisterwerk auf Meisterwerk. In der wachsenden Flut von Lesestoff, der vom Epigonischen bis zum Avantgardistischen reicht, bilden Sie einen ruhenden Pol. Wie gut, dass es das noch gibt! Wir sind uns dessen schon lange bewusst, nicht erst heute, da der Preis zu Ihnen kommt. Aber die Stiftung geht ihren bedächtigen Gang. Es war ja nie ihr Ergeiz, Talente zu entdecken, nicht ihr Ziel, einen Sensationsrummel, wie er immer wieder vorkommt, etwas hinzuzufügen, sondern zu ehren, was sich in der Zeit bewährt hat. Wie schwierig das ist, erweist die Tatsache, dass von den sechzehn bisherigen Preisträgern nur die Hälfte Schriftsteller waren, und davon nur vier Deutschschweizer. In vierzig Jahren… Man mag das übertrieben konservativ finden – aber es hat sich als richtig erwiesen in unserer turbulenten Zeit. Dass Ihr Gesamtwerk noch so frisch ist wie am ersten Tag, beweist seine Lebensfülle, beweist aber auch, dass es nichts mit den Nebenströmungen zu tun hat, die heute ihren Modeerfolg haben. Es gehört vielmehr zum Hauptstrom, der unser Geistesleben trägt und weiterhin tragen wird. Man mag einwenden, es sei kein besonderes Verdienst für einen Stiftungsrat, auf etwas hinzuweisen, dessen Wert ja unbestritten ist. Wie Viele versäumen es aber aus reiner Nachlässigkeit, nach dem Guten zu greifen, das nahe liegt? Sagt doch schon Lessing: „Wer wird nicht einen Klopstock loben? / Doch wird ihn jeder lesen? Nein! / Wir wollen weniger erhoben / Und häufiger gelesen sein.“ Dazu möchte die Preisverleihung anregen. Dennoch sei gerne zugegeben, dass wir offene Türen einrennen, wenn wir Ihr Schaffen ehren. Sie sind die stärkste moderne Erzählerstimme der Schweiz, und haben unseren Segen nicht nötig. Aber wir haben Sie nötig, um zu unterstreichen, dass es trotz der Ungunst der Zeit noch schöpferische Menschen gibt, die halten, was ihre Anfänge hoffen liessen; dass unser Land noch Schriftsteller hervorbringt, die durch und durch schweizerisch sind, und dennoch weltliterarischen Rang haben; – vor allem aber, dass noch Werke entstehen, die uns den Glauben an das Alte Wahre bestätigen. Ihr Werk, verehrter Herr Dr. Inglin, tut es. Kann man mehr und Heilsameres von ihm sagen? In Herzlichkeit Ihr Martin Bodmer.

 

Privatbrief an Meinrad Inglin. 21. Oktober 1965. Sehr verehrter Herr Dr. Inglin, darf ich dem offiziellen Brief noch ein paar private Zeilen hinzufügen. Sie spüren wohl aus dem Ton des ersteren, wie sehr mir daran liegt, Ihnen die Prozedur der Stiftung verständlich zu machen. Sie ist bedächtig, und gleichzeitig in ihrem „Zeremoniell“ sehr einfach, sehr wenig feierlich. Aber die Hauptsache ist: sie hat noch immer das Rechte getroffen! Schon in den frühen Zwanzigerjahren hat mir Ihre Prosa grossen Eindruck gemacht, und es war mir klar, dass in dieser Richtung die echte Erzählerkunst – nicht nur der Schweiz, sondern der deutschen Sprache – sich entwickle. Aber wie es oft geht: zufällig lag die jeweilige Konstellation so, dass Ältere zum Zug kamen. Jakob Bosshart, Heinrich Federer, C.F. Ramuz, Hermann Hesse, Hans Carossa, Gertrud von Le Fort... und immer hiess es, mit den Jüngeren habe es ja noch Zeit, das Oeuvre gelte, nicht der Einzelerfolg. Unterdessen sind wir alle älter geworden, und die meisten Dichter-Preisträger nicht mehr unter den Lebenden. Aber was gilt ist der Leitgedanke, und der ist stets derselbe geblieben: das im Goetheschen Sinne „Bewährte“ zu ehren. (Das ist, auf die Schweiz übertragen, mit dem Namen des Preises gemeint.) Ich glaube, die Stiftung erfüllt damit in kleinem Kreise ihre besondere Aufgabe. Dass ihr seinerzeitiger Animator, Eduard Korrodi, den heutigen Beschluss des Kuratoriums aufs wärmste begrüsst hätte, ist gewiss. Mögen auch Sie, verehrter Herr Dr. Inglin, sich des Preises so erfreuen wie es für uns, und insbesondere für mich, eine Freude ist, ihn in Ihren Händen zu wissen! Ihr Martin Bodmer.

 

Schwyz, den 26. Oktober 1965. Sehr verehrter Herr Dr. Bodmer, Anerkennung, Missverständnisse, Lob und Tadel begleiten den Schaffenden bis ins Alter. Er wird bei alledem die Zuversicht gewinnen und bewahren, dass sich am Ende zeigen muss, was von seinem Werke wert ist, ihn selbst zu überdauern. Trotzdem wird er die Hoffnung kaum je verlieren, dass unabhängig von Erfolg und Misserfolg auch die paar wirklich Einsichtigen, Urteilsfähigen ihm noch bei Lebzeiten ihren Segen erteilen. Zu diesen Wenigen gehört für mich schon längst der Gründer und spiritus rector der „Corona“, der eine grossartige Ernte einbrachte und sich mit eigenen Beiträgen (über Andersen, über die Lagerlöf) legitimierte, der Kenner und Sammler der Weltliteratur, der Stifter des Gottfried Keller-Preis mit seiner offenbaren Entschlossenheit, immer nur das Preiswürdigste auszuzeichnen. Sie werden daraus ermessen können, wie sehr mich dieser Preis und die hohe öffentliche Anerkennung, die Sie damit verbinden, freuen müssen. Preise, Ruhm und Ehre waren mir in meinem oft nicht leichten Schriftstellerleben willkommen, aber nie so erstrebenswert wie die Erfüllung dessen, was ich als meine Aufgabe empfand. Der Gottfried Keller-Preis ist mir die schönste Bestätigung, dass ich es recht gemacht habe. Dafür danke ich dem Kuratorium der Stiftung und vor allem Ihnen selber von Herzen. Ihr Meinrad Inglin. PS: Ich wanderte mit meiner Frau ohne Postverbindung im Tessin herum, als mich auf Umwegen die überraschende Kunde erreichte, und kehrte dann zu spät heim, um Ihnen ohne Verzögerung antworten zu können. Nehmen Sie bitte die Neuauflage meines „Schweizerspiegels“ entgegen, die ich mit der gleichen Post an Sie abschicke. Daniel Bodmer hat mit mir zusammen verständnisvoll und gewissenhaft daran gearbeitet.

 

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Jahresbericht zum fünfundvierzigsten Jahr (1966)

Die Finanzen der Stiftung erfordern, man weiss es, dass zwischen zwei Preisen ein Ruhejahr eingeschaltet werde. Das verflossene war ein solches, und so ist denn auch nichts besonderes darüber zu berichten. Aber diese Brachezeit zwischen der Frucht, wie sie der Landbau kennt, hat auch ihr Gutes, weit über die materielle Seite hinaus. Dank den neuen Anlagemöglichkeiten steht zwar nun bequem alle 24 Monate ein Betrag von Fr. 10'000.-- zu Verfügung. Aber selbst das ist einstweilen fast mehr als nötig, es sei denn, man wolle die Preissumme erhöhen. Was die geistige Seite betrifft, wäre es forciert, innerhalb des Interessegebietes und Kulturraumes, mit denen sich die Stiftung befasst, mehr als alle zwei Jahre einen Preisträger finden zu wollen. Darum möchte der Unterzeichnete seine Umfrage an die Herren Kuratoren und eine allenfalls nachfolgende Aussprache nicht vor dem nächsten Herbst durchführen, obwohl er sich bewusst ist, dass ein Name – bei aller Freiheit der Entscheidung – bereits im Vordergrund steht. Es schiene ihm aber gut, den der Stiftung eigenen Rhythmus beizubehalten und damit ihren Charakter zu wahren. Martin Bodmer.

 

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Jahresbericht zum sechsundvierzigsten Jahr (1967)

Am 30. Oktober 1967 haben sich die Kuratoren der Stiftung zu einer Aussprache über die dieses Jahr fällige Preisverleihung getroffen. Als erstes Traktandum figurierte die Austrittserklärung von Prof. Carl Burckhardt, der es an der Zeit findet, sich mit 77 Jahren aus Vorständen und Kuratorien zurückzuziehen. Wir teilen diese Ansicht für den Spezialfall, den die Stiftung darstellt, keineswegs und teilten dies auch Prof. Burckhardt mit. Es war indessen nicht möglich, ihn von seinem Entschluss anzubringen, weshalb dem eminenten Kollegen mit dem Ausdruck des Bedauerns über sein Ausscheiden der Dank für die geleisteten Dienste übermittelt wurde. Es stellte sich sodann die Frage nach einem Ersatz, wobei der Vorschlag, Prof. Wolfgang Binder, Ordinarius für neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Zürich als neuen Kurator zu wählen, einstimmig gutgeheissen wurde. Prof. Binder hat die Wahl angenommen und wir heissen ihn in unserem Kreise herzlich willkommen. Über das Haupttraktandum, die Preisverleihung, entspann sich sodann eine eingehende und anregende Diskussion. Von einem Dutzend, z.T. öfters schon genannten Namen sind aus Altersgründen Otto von Taube und Max Mell endgültig ausgeschieden worden. Aus anderen Gründen beschloss man, auf Kurt Guggenheim, Ruth Blum, Bernt von Heiseler nicht mehr zurückzukommen. Dagegen können Hans Urs von Balthasar, Otto Friedrich Walter und Silja Walter, Erika Burkart, Ingeborg Bachmann und allenfalls auch Marie Luise Kaschnitz bei kommenden Diskussionen in Erwägung gezogen werden. Für diesmal fiel die Wahl unbestritten und einstimmig auf Edzard Schaper. Die Gründe dafür können nicht besser dargelegt werden, als es durch Prof. Max Wehrli in seinem gehaltvollen Essay „Hinter den Linien“, zum Werk Edzard Schapers, im Sonntagsblatt der NZZ vom 3. Dezember 1967 geschehen ist. Traditionsgemäss folgen hier die Laudatio des Unterzeichneten sowie das Antwortschreiben des Preisträgers. Martin Bodmer.

Brief des Preisstifters vom 1. Dezember 1967:

Verehrter Herr Dr. Schaper, es ist mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis beschlossen hat, Ihnen den XVIII. Gottfried Keller-Preis im Betrage von Fr. 10'000.-- zu überreichen. Der Preis ist an keine Nationalität gebunden, soll aber seinem Namen gemäss für ein Oeuvre verliehen werden, das dem schweizerischen Charakter nahe steht. Wenn bisher Deutsch- und Welschschweizer, Deutsche und Österreicher den Preis erhielten, so fällt er nun erstmals an einen Wahlschweizer. Ihre wirkliche Heimat liegt fern, und doch haben Sie sich für unser Land entschieden. Dem Blute nach aus Niedersachsen und Ostfriesland, im heute polnischen Ostrowo geboren, hat das Baltikum Ihre geistige Entwicklung bestimmt. Ihre entscheidenden Werke kreisen um die Auseinandersetzung zwischen Ost und West, nicht theoretisch oder aus blossem Interesse, sondern als Lebensinhalt, wie er nur aus Erfahrenem und Erlittenem möglich wird. Und auch dies nicht nur im Sinne jenes Ostens, von dem Sie zuerst nach Finnland und Schweden und schliesslich in die Schweiz weichen mussten, und jenes Westens, dessen Erbe Sie in sich tragen. Die Sache ist komplizierter. Sie haben sowohl den Bolschewismus wie die östliche Frömmigkeit erlebt, Härte so gut wie Haltung des Westens. All dies kreuzt sich in Ihrem Werk, und nicht zufällig fühlen Sie sich als „Bürger zwischen Zeit und Ewigkeit“. Die Antithese beherrscht auch Ihre Romane, vor allem die zwischen 1935 und 1954 entstandenen, die sich zu Paaren verbinden lassen, auch wenn dies nicht beabsichtigt sein mochte: „Die sterbende Kirche“ – „Der letzte Advent“, „Der Henker“ – „Der Gouverneur“, „Die Freiheit des Gefangenen“ – „Die Macht der Ohnmächtigen“... „Macht und Freiheit“ – solche Titel mussten nicht gesucht werden, sie bezeichnen Stationen eines inneren Weges. Und der Weg führt weiter: „Die letzte Welt“, „Der gekreuzigte Diakon“, „Das Tier“, in der Schweiz verlegt, wo der Flüchtling den Tanzbär abgibt..., „Der vierte König“, den Lesern der NZZ unvergessen wie das humorumspielte „Attentat auf den Mächtigen“. Und damit ist ja nur dies und jenes aus einer Fülle herausgegriffen, die Sie in Ihrem jüngsten Werk, dem „Schattengericht“, gleichsam Heerschau passieren lassen. Und noch sind die Übertragungen aus dem Finnischen und Schwedischen nicht dabei. Welches Oeuvre breitet sich vor uns aus! Entscheidend ist nun aber doch die Frage, warum Sie gerade die Schweiz als neue Heimat gewählt haben. Konnten Sie sich wohlfühlen in einer Umwelt, die derjenigen, der Sie entstammen, so denkbar ferne steht? Gewiss, Sie haben treueste Freunde hier gefunden. Sie sind von einer schweizerischen Hochschule geehrt worden, Ehrenbürger eines schweizerischen Kantons. Aber konnte das ordentliche kleine Land – und das ist es selbst noch im grossartigen Wallis, in dem Sie leben – konnte es Ihnen mehr werden als blosses Refugium? Was in Ihrem Werk Gestalt geworden ist, kann so wenig aus der Schweiz stammen, wie der „Grüne Heinrich“, oder „Die Leute von Seldwyla“ im Ostraum unseres Kontinents entstanden sein könnten. Hat denn die Stiftung das Recht, Ihnen einen Preis zu verleihen, der den Namen Gottfried Kellers trägt? Gewiss! Sie gehören durch Ihre Wahl und Gesinnung zum Land, in dem gewiss nicht nur, aber doch vor allem noch die alte Überlieferung von Ordnung und Freiheit herrscht. Diese Güter sind ja, als Idee und als Forderung im christlichen und menschheitlichen Sinne das Ziel Ihres Werkes. Bei aller Neuheit ist es konservativ, bei aller Kühnheit gläubig, ja vor allem gläubig. Auch die Form ist solid. Ich meine damit den Gegensatz zum heute Üblichen, der das ironische Spiel der „Verfremdung“ nicht mitmacht. Sie halten an der Handlung im Geiste der grossen Romane der Weltliteratur fest. Also an der Tradition. Ihre Erlebniswelt reicht zwar weit über unsere Grenzen und Begrenzungen hinaus. Was können wir uns aber besseres wünschen, als auf solche Art bereichert zu werden. In diesem Sinne möchte ich die Verbindung auffassen, die wir heute durch den Gottfried Keller-Preis bekräftigen: dass Sie ein neuer Zweig am Stamm, aber doch voll und ganz der Unsere sind. Ihr Martin Bodmer.

 

Antwort des Preisträgers vom 4. Dezember 1967:

Hochverehrter Herr Dr. Bodmer, Ihr Brief vom 1. Dezember mit der Nachricht, das Kuratorium Ihrer Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis habe beschlossen, diesen Preis – nun er zum achtzehnten Male verliehen wird – mir zuzusprechen, hat mich sehr bewegt. Und mein Dank für die Zuerkennung des Preises, den ich Ihnen als dessen Stifter und als Präsident des Kuratoriums ausspreche, wird vermehrt durch die Freude, mich wie bei der Verleihung der Ehrenbürgerrechte zweier oberwalliser Gemeinden – nun auf so solenne Weise aufgenommen zu wissen in einem geistigen Vaterland und eine Gemeinschaft, von der Goethe, auf Schiller gemünzt, meinte, „der Einzelne könnte sein Bestes wohl doch nur in einer Gemeinschaft Gleichstrebender leisten“. Zu der Gemeinschaft „treuester Freunde“, die ich, wie Sie schreiben, in Ihrem-meinem Vaterland gefunden habe und in der mir in diesen feierlichen Tagen nur mein vor Jahresfrist verstorbener, um die Pflege des Werkes Gottfried Kellers hochverdienter Freund Carl Helbling schmerzlich fehlt, in dem sich auf die schönste Art und Weise Weltoffenheit mit spezifisch schweizerischer Urbanität paarte und der gewiss mit Freude Anteil ab meiner Auszeichnung genommen hätte, haben Sie mit den Gliedern des Kuratoriums meine Arbeit und mich über Tag und Jahr hinaus in die Gemeinschaft aller jener aufgenommen, denen ich mich in Gesinnung und Gesittung zugehörig gefühlt habe, – auch um den Preis einer gewissen Vereinsamung in der ‚literarischen Welt’. Aber jener Boden einer gewissen geistigen Fraternität, den ich mit zunehmenden Jahren in Zeiten tiefer Niedergeschlagenheit oftmals bitter entbehrt und für dessen Fehlen ich der Unstetheit und dem einzelgängerischen Eigensinn meines Lebens zwischen Grenzen, Nationen und Konfessionen die Schuld zuschreiben zu müssen glaubte, – der Gottfried Keller-Preis hat ihn mir gegeben, weil sein Kuratorium mich in ‚Wahl und Gesinnung’ zum Lande gezählt hat. So halte ich es auch nicht für das wenigst würdige meiner ‚Werke’, das Vorwort für die deutschsprachige, dem Oberwallis vorbehaltene Ausgabe des Kantonalen Familienbüchleins geschrieben zu haben. Mein hoher Vorfahr in Zürich dünkte sich ja auch nicht zu gut, dass er nicht Bettagsmandate verfasst hätte. Sie haben, hochverehrter Herr Dr. Bodmer, so viele gute Worte für meine Arbeit gefunden, die sich nun ihrem Ende nähert, wie ich zu spüren meine. Deshalb hielt ich ja wohl auch Schattengericht. Und mein Freund Max Wehrli kommt mit jeder Deutung dessen, was ich – oftmals ohne zu wissen –, gewollt habe, in jedem seiner Aufsätze näher und näher meinem Herzen, dass ich kaum mehr weiss, wo ich zu denken aufgehört habe und wo er mir das noch nicht ausgesprochene Wort von den Lippen liest. Ich bin, ich fühle es in grosser Dankbarkeit, die kaum je mehr so rein wiederkehren wird, wie unbeholfen sie sich auch geben mag, ein reich Beschenkter, und weiss es und sage Dank, ‚DANK mit grossen Buchstaben’, wie man sich im Schwedischen ausdrückt, um das Singulare eines Dankes anzudeuten. Ihr ganz ergebener Edzard Schaper.

 

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Jahresbericht zum siebenundvierzigsten Jahr (1968)

Wieder einmal ein Berichtsjahr von dem nichts zu berichten ist. Die verehrten Herren Kuratoren kennen den Rhythmus. Zwischen zwei Preisen ist ein Ruhejahr einzuschalten, was der Preissumme zugute kommt, aber auch sachlich nicht zu bedauern ist. So ruhig der Zeitraum für die Stiftung war, haben uns doch zwei Vorkommnisse veranlasst, uns etwas mit ihrem Sinn und ihrer Berechtigung zu beschäftigen. Das eine war der Aufruhr um die Rede unseres einstigen Preisträgers Emil Staiger. Er ist zwar längst verklungen, was aber zurückblieb, ist die immer wieder spürbare Tatsache, dass der aus Deutschland importierte avantgardistische Hochmut auch bei uns grassiert, dass der Geist oder Ungeist der „Gruppe 47“ auch hier seinen Terror ausübt und für verblödet erklärt, was ihm nicht passt. Dazu gehört aber so ziemlich alles was uns wertvoll ist. Sollen wir dem künftig Rechnung tragen? Gewiss nicht! Es wird uns im Gegenteil ermuntern, erst recht am Alten Wahren festzuhalten, das auch in einer neuen Jugend wirkt und immer wirken wird. Auf einem ganz anderen Gebiet erweist sich die Stiftung als eine Sache, deren materielle Bedeutung immer mehr hinschwindet. Wird sie damit auch unzeitgemässer? Kürzlich erhielten wir von der Fondazione Agnelli in Turin – einer neugegründeten Kulturstiftung die u.A. ein Jahrbuch europäischer Kulturstiftungen herausgibt – die Aufforderung, ihr die uns betreffenden Unterlagen zu senden, etwa – so hiess es, nach dem beigelegten Muster der Agnelli Stiftung selbst. Diese verfügt über ein Jahreseinkommen von anderthalb Millionen Dollar... Trotzdem haben wir nicht gezögert, Zweck, Tätigkeit und Bilanz unseres rund tausendmal bescheideneren Unternehmens mitzuteilen – und übrigens einen freundlichen Dank für die „wertvolle Mitarbeit“ erhalten. Ironie – ? Wohl kaum. Man kann sich fragen, ob so begrenzte Dinge neben den heute Zeitgemässen noch einen Sinn haben. Aber: suum cuinque. Und so werden wir fortfahren, zwischen Skylla und Charybdis moralischer und materieller Extreme hindurchzusteuern, und in kleinem aber edlem Kreise zu wirken. Martin Bodmer. 

 

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Jahresbericht zum achtundvierzigsten Jahr (1969)

Der Stiftungsrat tagte am 27. Oktober 1969 – erstmals seit seinem Bestehen ausserhalb von Zürichs Mauern! Die Herren Kuratoren hatten einer Einladung des Vorsitzenden nach Cologny aufs liebenswürdigste Folge geleistet, und damit nach helvetischem Brauch sie Sprachengrenzen keineswegs als Grenzen geistiger Belagen betrachtet. Denn es war ja diesmal ausschliesslich von deutschsprachigem Schaffen die Rede. Zwei Gesuchen um Ehrengaben wurde keine Folge gegeben, da bei ihrer Berücksichtigung zahlreiche gleichwertige Leistungen eine ebensolche Ehrung verdienten. Der Wunsch von Prof. Faesi, aus Altersgründen als Kurator zurückzutreten, wurde vom Kuratorium mit Widerstreben entgegengenommen, insbesondere vom Unterzeichneten, der damit als letztes Mitglied aus der Gründungszeit zurückbleibt. Zur Genugtuung der Anwesenden erklärt sich Prof. Faesi mit dem Vorschlag des Vorsitzenden einverstanden, erst im Laufe des kommenden Jahres abgelöst zu werden. 1970 [richtig: 1971] nämlich bringt das fünfzigjährige Jubiläum der Stiftung. Zu diesem Anlass soll eine Publikation der Laudationes veranstaltet und mit einer kleinen Feier verbunden werden. Dass Prof. Faesi dabei sein muss, nicht als Gast, sondern als Mittelpunkt, ist selbstverständlich. Haupttraktandum der Tagung war indessen die Frage nach dem Preisträger. Jeder der Anwesenden äusserten sich über die vorgeschlagenen Persönlichkeiten. Aus einer belebten Diskussion ging schliesslich einstimmig Golo Mann als Träger des 19. Gottfried Keller-Preises hervor. Traditionsgemäss beschliessen wir den Bericht über ein Preisjahr durch die Mitteilung von Laudatio und Dank des Preisträgers.

Brief an Golo Mann:

Cologny, den 12. Dezember 1969. Verehrter Golo Mann, es ist mir eine Ehre, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis beschlossen hat, Ihnen den XIX. Gottfried Keller-Preis im Betrag von 10'000 Franken zu überreichen. Dieser Preis wird alle zwei Jahre für ein Gesamtoeuvre verliehen, und ist an keine einschränkende Bestimmung gebunden, es sei denn die naheliegende, dass das gekrönte Werk in einer sinnvollen Beziehung zum Schutzpatron des Preises stehe. Gerade das bedeutet aber heute eine nicht unwesentliche Begrenzung, ja es sieht bisweilen so aus, als ob der Zeitgeist selbst den Intentionen des Preises zuwider laufe. Nicht zufällig haben sich darum die Kuratoren auf Ihren Namen geeinigt. Und mehr als nur geeinigt – denn das setzte Meinungsverschiedenheiten voraus, und solche gab es nicht. Ihr Werk und Wirken kommt auf höchstem Niveau dem entgegen, was der Preis meint, und so ist die Wahl denn auch spontan und überzeugt getroffen worden. Es ist hier nicht der Ort, die Verdienste des Historikers zu analysieren und die Vorzüge des Stilisten zu untersuchen. Wir überlassen das den Fachleuten. Dass beides, der Gelehrte und der Schriftsteller, in seltener Harmonie beisammen sind, bedeutet einen Glücksfall, und so möchten wir denn vor allem danken für dieses Werk, und uns freuen, dass es sich in voller Entfaltung befindet. Das Ungewöhnlichste daran scheint mir seine gleichmässige Höhe, die es über einen Zeitraum von gut dreissig Jahren hält, und die eine Folge von rund sechzig Titeln umfasst. Schon die frühesten Essays, z.B. „Politische Gedanken“ (1938), stehen in ihrer Haltung dem jüngsten nahe, und umfangreiche Arbeiten wie die „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ sind von derselben sprachlichen Dichte objektiven Klarheit wie kurze Ansprachen, etwa der Dank bei Eröffnung des Thomas Mann-Archivs. Es liegt darum ein tieferer Sinn darin, dass Ihre erste editorische Tätigkeit mit dem Namen „Mass und Wert“ verbunden ist. Dennoch ist das alles weit entfernt von beharren beim früh schon Erreichten. Eine Begabung wie die Ihre wird immer reifer und kann an Leben und Erfahrung nur reicher werden.

Schon Ihr Werdegang zeichnet sich ja durch eine unglaubliche Vielseitigkeit aus. Nach Abschluss der Universitätsstudien in Deutschland – bei Jaspers – ist es ein Lektorat an der École normale Supérieure zu St.-Claude, ein Jahr an der Université de Rennes, ein Lehramt am Olivet College in Michigan, eine Professur in Clermont [richtig: Claremont], Californien. Es folgen Lehrstühle an der Universität Münster, an der Technischen Hochschule in Stuttgart, die Herausgabe der imposanten Propyläen Weltgeschichte... Und all dies sind ja nur Hinweise, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so wenig wie wir uns verhehlen, mit Verleihung des Gottfried Keller-Preises Eulen nach Athen zu tragen! Denn Sie sind ja bereits im Besitz von einer Reihe von Ehrungen, Träger des Fontane-Preises, des Schiller-Preises, des Büchner-Preises... Wenn dieser allerjüngste Ihnen trotzdem Freude bereitet, sind wirs zufrieden. Wir ehren in Ihnen, lieber Golo Mann, den Europäer, oder richtiger den Okzidentalen, der die deutsche, französische und angelsächsische Kultur gleicherweise umfasst, aber doch auch einer der Unsern ist. Als Bürger von Kilchberg, wo Ihr Vater in der gleichen Erde wie Conrad Ferdinand Meyer ruht, sind Sie auch Zürcher und gehören zur Stadt, in der das Thomas Mann-Archiv im alten Hause Johann Jakob Bodmers eine bleibende Stätte gefunden hat. Als ständiger Sommergast von Berzona gehören Sie auch dem Tessin... Kurz, Sie gehören der Schweiz! Möge der Gottfried Keller-Preis zum Band werden, das Sie noch enger, noch herzlicher mit Ihrer Wahlheimat verbindet! Ihr Martin Bodmer.

 

Antwort des Preisträgers:

Kilchberg, den 13. Dezember 1969. Verehrter Martin Bodmer, seit ein paar Tagen wusste ich durch Dr. Werner Weber, dass irgendeine Auszeichnung für mich im Werden sei. Als aber gestern Ihr Brief kam, war ich doch zutiefst überrascht, erfreut, gerührt. Dies, eine der schönsten Ehren, welche die literarische Schweiz zu vergeben hat, erwartete ich wirklich nicht. Gestehen will ich, dass etwas von Beschämt-Sein sich mit darein mischt; vielleicht habe ich von meinem Vater, beileibe nicht den epischen Genius, wohl aber die Skepsis gegenüber der eigenen Leistung geerbt. Wenn jedoch Andere, und Andere, die etwas verstehen, es anders sehen, wie sollte ich mich nicht freuen? Und Ihr Brief, so generös im Urteil, so vertrauensvoll in dem, was Sie über mein Verhältnis zur Schweiz sagen, konnte die Botschaft schöner nicht umrahmen. Das Land ist mir wirklich zur zweiten Heimat geworden, stetig, nach einem ersten Höhepunkt fast leidenschaftlicher Zuneigung vor 30 Jahren. Ich hatte sie mit einer von mir sehr verehrten und geliebten Freundin gemein, die glaube ich auch die Ihre war, Ricarda Huch. Unter den Geschichtsschreibern ist sie es, deren Werk mit bei meinen Arbeiten am häufigsten vorgeschwebt hat; ich habe ihm auch einen Gegenstand entnommen, dessen Gestaltung ich mich nun erkühne. Hoffentlich wird sie der Stiftung keine Schande machen. Verehrter Martin Bodmer, ich danke Ihnen herzlich. Ihr Golo Mann.

 

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Jahresbericht zum neunundvierzigsten Jahr (1970)

Da 1969-1970 kein Preis zu verleihen war, ist auch wenig zu melden. Laufende Geschäfte haben keine stattgefunden. Für Ehrengaben ist vorläufig keinen Platz mehr, und die jüngere Generation wendet sich kaum mehr um Unterstützung an die Stiftung, wie dies früher der Fall war. Andere Möglichkeiten und vor allem eine andere Einstellung sind auch hier zu spüren. Der Sinn der Stiftung bleibt davon unberührt. Dagegen muss der Unterzeichnete eine Voreiligkeit richtig stellen, die ihm im letzten Jahresbericht unterlaufen ist. Seine Ankündigung, 1970 sei das fünfzigjährige Jubiläum war verfrüht! 1971 erst wird es bringen, und wir haben keinen Grund, der Zeit vorauszueilen, sie stürmt schon so rasch genug davon... Der Schnitzer ist insofern nicht unerklärlich, als die Gründung der Stiftung recht kompliziert war. Ursprünglich von Eduard Korrodi für 1919, den hundertsten Geburtstag Gottfried Kellers als öffentliche Stiftung geplant, zog sich die Suche nach Mitteln in die Länge. Man hoffte auf 1920, den dreissigsten Todestag Kellers, aber auch das gelang nicht, und so übernahm der Unterzeichnete allein die materielle Seite, nachdem das heikle Geschäft der Rückerstattung bereits eingegangener Spenden abgewickelt war. Im Juli 1921 trat sie endlich ans Licht, und der erste Preis konnte 1922 an Jakob Bosshart verliehen werden. Eine gewisse Verwirrung bei der Jubiläumsbestimmung war also nicht grundlos. Dennoch bleibt alles Angekündigte bestehen, nur um ein Jahr verschoben: die Veröffentlichung der Laudationes und eine kleine Gedenkfeier in Cologny, zu der alle noch lebenden Preisträger eingeladen sind. Dazu kommt nun aber als neue Möglichkeit die Preisverleihung! Sie liesse sich aufs schönste damit verbinden. Zufällig wäre es die zwanzigste seit Bestehen der Stiftung. Das Kuratorium würde zur Abklärung dieser Frage rechtzeitig zu einer vorbereitenden Zusammenkunft in Zürich geladen. Bei diesem Anlass liesse sich wohl auch die NaFr.olge unseres verehrten Herrn Seniors regeln. Martin Bodmer.

 

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[50. bis 55. Jahresbericht, 1971 bis 1976.]

Der letzte Jahresbericht, den mein Vater, Martin Bodmer, verfasst hat, betrifft das 48. Jahr der Stiftung, die Periode 1968/69 [richtig: 49. Jahr, die Periode 1970/71]. Der letzte Preisträger, den mein Vater noch miterlebt hat, war Golo Mann (1969).

Es ist hier also über die Zeit von 1. Juli 1969 [richtig: 1970] bis 30. Juni 1976 Rechenschaft abzulegen, d.h. über das 49. [richtig: 50.] bis 55. Jahr der Stiftung. Ich muss hier gleich voraussschicken, dass die Tätigkeit der Stiftung in diesen sieben Jahren gemäss den Wünschen des Stifters und dem von ihm 1921 aufgestellten Reglement weitergeführt wurde, und dass nur diese Berichterstattung durch mich, den neuen Präsidenten, leider unterblieben ist. Meine immer grösser werdende Beanspruchung durch nebenberufliche Tätigkeiten im Dienste unseres kulturellen Lebens (Bibliothek in Cologny, Literaturkommission des Kantons Zürich, Nietzsche-Haus in Sils-Maria, Pro Helvetia, Tonhalle Zürich u.s.f.) mag dafür zwar keine Entschuldigung, aber vielleicht eine Erklärung sein. Schon seit Jahren wartet die Kontrollinstanz unserer Stiftung, das Eidgenössische Departement des Innern, mit grosser Geduld auf diesen Bericht und auf die Rechnung der vergangenen Jahre, aber da das Stiftungsvermögen von der Schweizerischen Kreditanstalt verwaltet wird, die auch immer dafür sorgt, dass wir die Verrechnungssteuer zurückerhalten, und da wir ja als Stiftung Steuerfreiheit geniessen, besteht die Gewähr, dass auf diesem Gebiet alles korrekt läuft. Ich werde am Schluss dieses Berichtes auf unsere Finanzen zurückkommen.

Mein Vater, der am 22. März 1971 nach längerer, in den letzten Monaten sehr beschwerlichen Leidenszeit gestorben ist, hat in seinem Testament gewünscht, dass ich ihm als Präsident der „Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis“ nachfolgen solle. Ich habe dann in erster Linie zwei neue Mitglieder des Kuratoriums gesucht – für meinen Vater und für den zurückgetretenen Prof. Robert Faesi –, und glücklicherweise haben sich die Herren Prof. Lothar Kempter und Dr. Fritz Hindermann gerne zur Verfügung gestellt. Am 23. Juni 1971 kam das neue Kuratorium an der Ebelstrasse 27, Zürich 7, im gastlichen Haus von Herrn und Frau Prof. Max Wehrli, zusammen und konstituierte sich, indem es mich als Präsidenten und Max Wehrli als Vizepräsidenten bestimmte. Es wurde an jener Sitzung auch dankbar zur Kenntnis genommen, dass der Stifter testamentarisch verfügt hatte, dass das Stiftungskapital von bisher Fr. 140'000.-- auf Fr. 260'000.-- erhöht werden solle. Nachdem der Betrag von Fr. 120’000.-- von den Erben Martin Bodmer auf das Konto der Stiftung bei der Schweizerischen Kreditanstalt überwiesen worden war, legte ich dieses neue Kapital, beraten durch die Herren der Kreditanstalt, wie folgt an:

Fr. 60'000.-- 5½ %   Schweizerische Aluminium 1972-87

Fr. 60'000.-- 5 %       Kanton Basel Stadt 1972-87.

An jener ersten Sitzung des neuen Kuratoriums vom 23. Juni 1971 wurde beschlossen, die Preissumme von Fr. 10'000.-- vorläufig noch nicht zu erhöhen. Als 20. Preisträger in diesem 50. Stiftungsjahr wurde Marcel Raymond bestimmt. Der Preis sollte ihm im Rahmen einer kleinen Feier zum Jubiläum der Stiftung im November überreicht werden. Es wurde auch vorgesehen, dass die Laudationes und die Verdankungen der Preisträger in den vergangenen 50 Jahren in einer Schrift veröffentlicht werden sollten. (Das ist dann leider nicht geschehen; vielleicht 1981, beim sechzigjährigen Jubiläum und 25. Preisträger?) Dem Schriftsteller Hugo Loetscher wurde eine Ehrengabe von Fr. 2'000.-- zugesprochen. Ich habe ihm dies in einem Brief u.a. mit folgenden Worten mitgeteilt:

Die Stiftung möchte damit Deine schriftstellerische und journalistische Tätigkeit würdigen, die von einem Ernst und einem Verantwortungsgefühl zeugt, wie man sie heute leider nur selten antrifft. Sie möchte Dir aber auch danken für Deine verschiedenen Bemühungen um das geistige Leben in der Stadt und im Kanton Zürich, der Heimat Gottfried Kellers.

(Bodmer an Loetscher, 17. August 1971)

 

Jubiläumsfeier:

Am Abend des 27. November 1971 fand im Zunfthaus zur Saffran in Zürich ein Nachtessen statt, zu dem ich sämtliche noch lebende Preisträger eingeladen hatte, sowie die gegenwärtigen und ehemaligen Mitglieder des Kuratoriums. Es waren neben meiner Mutter, Frau Alice Bodmer-Naville, und mir anwesend: Marcel Raymond (Preisträger 1971), Emil Staiger (1962), Maurice Zermatten (1959), Theophil Spoerri (Dekan der phil. Fakultät der Universität Zürich, als diese 1933 den Preis bekam), sowie die Herren Binder, Hindermann, Kempter, Weber und Wehrli. Leider hatten sich, zum Teil aus gesundheitlichen Gründen, entschuldigen müssen: Golo Mann (1969), Edzard Schaper (1967), Meinrad Inglin (1965), Werner Kaegi (1954), Robert Faesi (1943) und Carl J. Burckhardt. Robert Faesi schickte folgendes Telegramm:

In Gedanken und mit Wünschen ganz bei Euch, feiere ich mit, sage herzlichsten Dank für den Blumengruss. Eurer Robert Faesi.

(Im Archiv nicht nachzuweisen)

 

Und Golo Mann, der zuerst zugesagt hatte, dann aber von Willy Brandt nach Bonn gebeten worden war im Hinblick auf dessen Verdankung des Friedensnobelpreises, telegraphierte:

Recht betrübt, weil ich im letzten Augenblick die Freude mit einer sagen wir noch ernsthafteren Pflicht zu vertauschen hatte, allen Gottfried Keller-Preisträgern, besonders Marcel Raymond, meine herzlichsten Wünsche. Golo Mann.

(Mann an Bodmer, 27. November 1971)

 

Von Maurice Zermatten bekam ich nach dieser Feier, an der ich auf deutsch und auf französisch eine längere Tischrede hielt, die Marcel Raymond sehr feinsinnig verdankte, den folgenden Brief:

Cher Monsieur Bodmer, J’aurais dû vous dire tout de suite après mon retour combien je vous ai de gratitude. Cette remise de votre Grand Prix à Marcel Raymond a été parfaite, de dignité, de discrétion, de noblesse. Ce que vous avez dit, avec finesse et compétence, nous a tous beaucoup émus. La “réponse” du récipiendaire était conforme à sa nature toute d’extrème sincérité et de retenue. Et votre “jury”, de si haute qualité! – La présence de Madame votre mère ajoutant sa note de grâce et de profonde bonté dans cette sale où partent les traditions zurichoises. – Merci de tout coeur, cher Monsieur Bodmer, de m’avoir associé à un événement qui, dans sa plus intime signification, a su échapper aux feux des photographes et au tapage des télévisions. Dans ces demi-silences, chacun de nous sentait en vous, derrière vous, la présence de l’absent dont nous gardons tous un profond et reconnaissant souvenir. – Croyez-moi, je vous prie, cher Monsieur Bodmer, votre très sincèrement dévoué dans la gratitude. Maurice Zermatten.

(Zermatten an Bodmer, 5. Dezember 1971)

 

Im Jahr 1971 starben die Preisträgerin von 1952, Gertrud von Fort, und der Preisträger von 1965, Meinrad Inglin. 1972 folgte ihnen Robert Faesi nach, der von Anfang an dem Kuratorium der Martin Bodmer-Stiftung angehört hatte, und dem der Gottfried Keller-Preis bis zuletzt ein wichtiges Anliegen war. Ich liess ihm, im Namen der Stiftung, einen Kranz aufs Grab legen.

 

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Jahresbericht zum 52. und 53. Geschäftsjahr. [1973-1974]

Am 5. März 1973 kam das Kuratorium zu einem Nachtessen an der Rämistrasse 18 in Zürich zusammen und besprach den in diesem Jahr fälligen 21. Gottfried Keller-Preis. Von den etwa 14 Namen, die zur Diskussion standen, bleiben Erika Burkart, Herbert Lüthy und Ignazio Silone in engster Wahl zurück. Ich bestellte dann einige ihrer Bücher und schickte sie an die Mitglieder des Kuratoriums. In der Sitzung vom 20. November 1973, wiederum bei Prof. Max Wehrli an der Ebelstrasse, wurde der 21. Gottfried Keller-Preis dem 73-jährigen italienischen Schriftsteller Ignazio Silone zugesprochen, der zur Zeit des Faschismus viele Jahre in der Schweiz gelebt hat, und dessen erste Werke, wie „Fontamara“, auf deutsch in Zürich erschienen sind. Mit Silone ist der erste italienischsprechende Autor mit dem Gottfried Keller-Preis ausgezeichnet worden. Die Preissumme betrug nun Fr. 12’000.--. Eine Ehrengabe von Fr. 3'000.-- ging an die Literaturwissenschafterin Louise Gnädinger.

 

Übergabe des Preises an Ignazio Silone

Am Vormittag des 21. November 1973 schickte ich folgende Depesche nach Rom:

Ignazio Silone, Via di Villa Ricotti 36, Roma: Lietissimo comunicarle assegnazione premio Gottfried Keller opera e personalità Ignazio Silone. Prego aspettare contatto direttore Istituto Svizzero Roma. Cordialmente Daniel Bodmer.

 

Noch am gleichen Abend – obschon das Telegramm leider mit einiger Verspätung eintraf – haben mein Freund Prof. Gustav Ineichen, damals Direktor des Schweizerischen Institutes in Rom, und Dr. Arturo Marcionelli, damals Schweizerischer Botschafter in Rom, Silone bei sich zu Hause aufgesucht, um ihm die erfreuliche Nachricht mündlich zu überbringen. Ich möchte hier gleich hinzufügen, dass unsere Wahl von diesen beiden Herren ausserordentlich begrüsst wurde, und dass sie alles taten, um der Übergabe einen würdigen Rahmen zu geben.

Nach einigen Vorbereitungen hier in Zürich, bei denen mir Werner Weber, sein NaFr.olger bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ Dr. Hanno Helbling, Frau Emmie Oprecht (die Frau von Silones Zürcher Verleger Emil Oprecht), Fritz Hindermann und Gustav Ineichen sehr halfen, konnte ich am 29. November 1973, um 11.30 Uhr, in den Räumen des Schweizerischen Institutes in Rom Ignazio Silone den Gottfried Keller-Preis überreichen. Nach einer kurzen Begrüssung durch den Direktor hielt ich eine mit Gustav Ineichens Hilfe ins Italienische übersetzte Rede, für die Silone kurz uns sichtlich bewegt dankte. Er meinte, er habe in den vergangenen 28 Jahren, seit er wieder in Italien lebe, oft gedacht: „Bei uns würde man das jetzt so und so machen“, und dieses „bei uns“ sei für ihn immer noch die Schweiz. Botschafter marcionelli verlas das folgende, schöne Telegramm von Bundesrat Tschudi, dem damaligen Chef des Departementes des Innern:

Ho il grande honore e la viva gioia di esprimerLe le mie fervide felicitazioni per questa consegna del premio Gottfried Keller della Fondazione Martin Bodmer. Il nostro paese esalte, così celebrandoLa, lo scrittore impegnato in una indefettibile difesa dell’uomo, in una costante proposizione alle forze che ne minacciano la libertà, in una appassionata partecipazione al dolore dei miseri, radicata nella consapevolezza della dignità del singolo. La Svizzera è fiera d’esserLe stata patria allorché Lei, in aspre circostanze, creava le prime importanti opera letterarie. Nella Sua vita e nel Suo lavoro avverto l’anelito a rompere ogni chiusura nazionalistica in favour d’un dispiegato umaneismo improntato alla premineza del momento etico su quello politico. Mi sia consentito auspicare che questi principì, ispiratori profondi della Sua opera, abbiano ad informare di sé anche le amichevoli relazioni inercorrenti tra I nostril due paesi.

H.P. Tschudi, Consigliere federale, 29 novembre 1973

 

Da Vertreter der internationalen Presse anwesend waren, und ich natürlich auch die Schweizerische Depeschenagentur über die Verleihung des Preises informiert hatte, hat diese Übergabe eine Resonanz in der Presse gehabt, wie bisher wohl noch kein Gottfried Keller-Preis. (Ich habe die Zeitungsausschnitte, ich ich bekommen habe, zusammengestellt: es sind rund 50!) Auch hat das abruzzesische Radio, aus Silones engerer Heimat, ihn, Ineichen und mich kurz interviewt. Im Anschluss an die Übergabe offerierte das Schweizerische Institut den etwa 50 anwesenden Gästen einen Aperitif, und dann gab unser Botschafter mit seiner Gattin in seiner prachtvollen Residenz an der Via Barnaba Oriani 61 noch ein Mittagessen zu Ehren Ignazio Silones, an dem etwa 20 Personen teilnahmen, darunter zu meiner besonderen Freude, Dr. Fritz Hindermann, der zu diesem Anlass nach Rom gekommen war.

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Jahresbericht zum 54. und 55. Geschäftsjahr. [1975-1976]

Änderung im Handelsregister

Nach diesem unvergesslichen Novembertag des Jahres 1973 wurde es wieder ruhig um unsere Stiftung. Ende Mai 1975 erhielt ich von der Rechtsabteilung des Kantonalen Steueramtes Zürich ein Schreiben wegen der Steuerbefreiung der Martin Bodmer-Stiftung, wobei eine „Fotokopie der Stiftungsurkunde mit Vermerk der öffentlichen Beurkundung in heute geltender Verfassung“ verlangt wurde. Ich habe die von meinem Vater, Eduard Korrodi, Max Rychner und Robert Faesi am 18. Juli 1921 (am Tag vor Gottfried Kellers 102. Geburtstag!) unterzeichnete Stiftungsurkunde dann auf dem Handelsregisteramt des Kantons Zürich gefunden und bei dieser Gelegenheit festgestellt, dass offiziell immer noch mein Vater als Präsident und Eduard Korrodi als Vizepräsident und als Sitz der Stiftung der Parkring 33 in Zürich 2 eingetragen waren. Da dies offenbar seit dem Mai 1934 nicht mehr geändert worden war (mein Vater wohnte ja seit 1939 in Genf, aber der Sitz der Stiftung blieb in Zürich), unternahm ich die notwendigen Schritte, die Sache in Ordnung zu bringen. Ich musste ein Kurzprotokoll unserer ersten Sitzung des Kuratoriums nach dem Tode meines Vaters, derjenigen vom 23. Juni 1971, verfassen und amtlich beglaubigen lassen, demzufolge ich als Präsident und Prof. Max Wehrli als Vizepräsident gewählt worden sind, und der Sitz der Stiftung weiterhin in Zürich bleibt. Letzteres drängte sich auf, weil sonst die Stiftungsurkunde hätte abgeändert werden müssen.

Am 24. Juli 1975 hat die Finanzdirektion des Kantons Zürich festgestellt, dass die seinerzeit ausgesprochene Steuerfreiheit für unsere Stiftung bestätigt werden kann, und verfügt, dass die Stiftung von der Staatssteuer und der allgemeinen Gemeindesteuer befreit ist. Am 8. November 1975 erschien im Schweizerischen Handelsamtsblatt die folgende Eintragung:

27. Oktober 1975. Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis, in Zürich 2 (SHAB Nr. 101 vom 2.5.1934, S.1166). Die Unterschriften von Martin Bodmer und Dr. Eduard Korrodi sind erloschen. Neu führen Einzelunterschrift: Dr. Daniel Bodmer, von Zürich, in Hombrechtikon, Präsident des Kuratoriums, und Prof. Dr. Max Wehrli, von und in Zürich, Vizepräsident des Kuratoriums. Neue Adresse: Rämistrasse 18, in Zürich 1 (bei Dr. Daniel Bodmer).

 

Gottfried Keller-Preis 1975

Aber in diesem Jahr war ja bereits auch wieder ein Preis fällig! Ich lud die Mitglieder des Kuratoriums auf den Abend des 28. November 1975 zu einem Nachtessen an die Rämistrasse 18 ein und schrieb in meinem Einladungsbrief u.a.:

Es wäre schön, wenn wir uns an diesem Abend auf einen Preisträger noch für dieses Jahr einigen könnten.

(Bodmer an Kuratorium, 28. Oktober 1975)

 

Nach längerer Diskussion bestimmten wir ausgesprochen eindeutig Hans Urs von Balthasar zum 22. Preisträger der Martin Bodmer-Stiftung (Fr. 15'000.--) und sprachen Piero Bianconi und Albert Bettex Ehrengaben (von je Fr. 5'000.--) zu, „dem Tessiner Schriftsteller und Kunsthistoriker, der namentlich als Essayist formvollendet Neuartiges schuf“ und „dem Kulturhistoriker, der durch seine grossangelegten Publikationen die die ‚Entdeckung der Natur’ bekanntgeworden ist“. Fritz Hindermann half mir bei der Formulierung dieser Pressemitteilung, und Wolfgang Binder verfasste den sehr schönen Text über den Preisträger, den ich hier umsomehr vollständig zitieren möchte, als die Presse ihn leider, soviel ich feststellen konnte, nicht publiziert hat:

Hans Urs von Balthasar soll für sein Gesamtwerk ausgezeichnet werden, von dessen Weite und Fülle die kürzlich erschienene ‚Bibliographie 1925 – 1975’ eine erste Vorstellung geben kann. Allein die Themenbereiche, die Balthasar in fünfzig Jahren bearbeitet hat, verraten eine Universalität, die in Erstaunen setzt: Theologie, Patristik und Kirchengeschichte, Geschichte der Mystik und einzelner Mystiker, Philosophie, Literatur, Kunst und Gegenwartsfragen. Dazu tritt eine reiche Übersetzertätigkeit, die neben theologischen und religiösen Schriften auch Dichtungen umfasst (Calderon, Claudel, Bernanos, Péguy), Auswahlausgaben deutscher Dichter und vieles andere. Zentrum seiner Betrachtung ist stets der christliche Glaube, in dessen Licht er die Erscheinungen auch des nicht-religiösen Schrifftums aufzuschliessen sucht, ohne dessen Aspekte zu verengen oder die eigene Sicht zu kanonisieren. Auch die Grundlagen des Katholizismus werden erhellt und für den ökumenischen Dialog nutzbar gemacht. Insgesamt zeichnet seine Art der Betrachtung eine souveräne Offenheit aus, die, auf solidester Sachkenntnis beruhend, sich nichts vergeben muss, um anderen Meinungen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Unter den grossen Werken seien genannt die ‚Apokalypse der deutschen Seele’ mit dem sprechenden Untertitel ‚Zu einer Lehre von letzten Haltungen’, die in den Jahren Ihres Erscheinens (1937/38) von mehr als wissenschaftlicher Aktualität war, das fünfbändige Werk ‚Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik’, das als der erste Teil eines Triptychons gedacht ist – die weiteren Teile sind in den Bänden ‚Theodramatik’ und ‚Wahrheit’ begonnen –, das Buch über Karl Barth, aber auch kleinere, dem nicht-theologischen Leser eher vertraute Schriften wie ‚Glaubhaft ist nur Liebe’ oder ‚Cordula oder der Ernstfall’. Auf Hans Urs von Balthasar lässt sich wohl das bekannte Wort über Leibnitz anwenden: ’Er ist eine Akademie für sich’.

(Pressecommuniqué Dezember 1975 (vor 19. Dezember 1975))

 

Glücklicherweise war es trotz der vorweihnächtlichen Jahreszeit noch möglich, einen freien Abend zu finden, an dem, wieder im Zunfthaus zur Saffran, das Kuratorium mit den drei Ausgezeichneten zusammenkam (am 20. Dezember 1975). Ich hatte auch noch Prof. Alois Haas zu diesem Nachtessen eingeladen, der für die Wochenende-NZZ vom 10./11. Januar 1976 eine sehr kompetente Würdigung des neuen Gottfried Keller-Preisträgers schrieb. Ich selbst hielt wieder eine kleine Tischrede, auf die Dr. von Balthasar sehr eindrucksvoll antwortete.

Daniel Bodmer, Zürich, den 1. Dezember 1976.

 

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[56. bis 58.] Jahresbericht über die Jahre 1977 bis 1979

Mein letzter, langer Jahresbericht vom 1. Dezember 1976 betraf die Jahre 1969-76, das 49. bis 55. Jahr der Stiftung [richtig: 1970-76; 50. bis 55. Jahr], so dass dieser neue ihr 56. bis 59. [richtig: 58.] Geschäftsjahr vom 1. Juli 1976 bis 30. Juni 1979 zum Gegenstand hat. Das Geschäftliche ist schnell geschildert und liegt anhand der Gutschriftenanzeigen, Kontoauszüge und Depotverzeichnisse der unser Stiftungsvermögen von Fr. 263'000.-- bestens verwaltenden Schweizerischen Kreditanstalt präzis vor. Im Oktober 1976 und 1977 wurden uns die Fr. 20'000.-- der 4,5 % Eurofima-Obligation 1966-77 zurückbezahlt, für die wir 4¼ % Kanton-Waadt-Obligation gekauft haben. Im November 1977 wurden die Fr. 5'000.-- der 4¾ % Stadt Lausanne 1965-80 gekündigt, für die wir 3 % Albula-Landwasser Kraftwerke 1979-92 gekauft haben.

Am 30. Juni 1976 stand uns ein Saldo von Fr. 9’947,70 zur Verfügung, am 30. Juni 1979 ein solches von Fr. 24’843,15. Wir haben in dieser Zeit Fr. 43’736,85 eingenommen und, ohne die Bankspesen von jährlich ca. Fr. 350,-, folgende Beträge ausgegeben:

 

Werkauftrag 1976 an Herbert Meier                                                                           8'000.--

Spesen 1973 und 1975                           1'580.--

Spesen 1976                                                 160.--

Preis 1977 an Elias Canetti                  15'000.--

Ehrengabe an Heidi Keller                      2'500.--

Spesen 1977                                                 710.--

 

Total                                                           27'950.--

 

Die Einnahmen von jährlich etwa Fr. 13'000.-- bis Fr. 14'000.-- erlauben uns also, alle zwei Jahre einen Preis von Fr. 15'000.-- und z.B. zwei Ehrengaben von Fr. 5'000.-- zu vergeben. Die Spesen von durchschnittlich Fr. 563.-- pro Jahr (von 1971-79), für Bücher und für das von mir eingeführte festliche Nachtessen bei der Preisübergabe, gehen sicher nicht über das verantwortliche Mass hinaus.

Nicht an einer Sitzung, sondern auf dem Korrespondenzweg habe ich dem Kuratorium am 11. Juli 1976 den Vorschlag gemacht, dem Schriftsteller Herbert Meier mit einem Beitrag von Fr. 8'000.-- zu ermöglichen, zwei Monodramen zu schreiben, die von Heddy Maria Wettstein in ihrem Kammertheater aufgeführt werden sollten. Das Kuratorium war einstimmig damit einverstanden, und die beiden Stücke „Charlotta, Kaiserin“ und „Der Visitator“ gelangten im Juni 1977 zur Uraufführung und wurden Ende Oktober bis ins neue Jahr hinein mit Erfolg nochmals gespielt.

An zwei Sitzungen an der Rämistrasse 18, am 27. Juni und am 26. September 1977, sprach sich das Kuratorium (im Juni leider ohne Werner Weber) über den nächsten Preisträger aus und beschloss, dass es Elias Canetti sein solle. Der Winterthurer-Lyrikerin Heidi Keller wurde eine Ehrengabe von Fr. 2’500.-- zugesprochen. In der Pressemitteilung erwähnte ich den kurz zuvor erschienenen ersten Band von Canettis Autobiographie „Die gerettete Zunge“, in dem Zürich eine wichtige Rolle spielt, und bezeichnete den Autor als „Geist von europäischem Rang und von einer Ausstrahlung, die ständig zunimmt“.

 

Ein Nachtessen in der Saffran am 19. Dezember vereinigte den Preisträger und seine Frau mit dem Kuratorium und mit Heidi Keller und Herbert Meier. Canetti hielt eine sehr schöne Dankesrede, deren Manuskript er mir nachher schenkte.

Das Jahr 1978 verlief ohne äusserlich sichtbare Tätigkeit unserer Stiftung, und die Kuratoriensitzung vom 7. Juli 1977, die sich mit dem nächsten Preisträger beschäftigte, fällt schon nicht mehr in den Bereich dieses Berichtes.

Daniel Bodmer, Zürich, den 1. März 1980.

 

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Jahresbericht zum 58. Geschäftsjahr. [1979]

Die einzige Sitzung des Kuratoriums im Jahre 1979 fand am 7. Juli im Hause von Prof. Max Wehrli statt, und es wurde darin zwar nicht offen gesagt, aber in einer Bemerkung angetönt, dass der Gottfried Keller-Preis eigentlich auch einmal Max Wehrli zukommen sollte. Ich nahm den Gedanken auf und telefonierte bereits am 9. Juli mit allen Kuratoren ausser mit ihm selbst und schlug vor, den nächsten Gottfried Keller-Preis Max Wehrli zuzusprechen und ihn ihm zum 70. Geburtstag am 17. September zu überreichen. Robert Faesi war seinerzeit auch Kurator gewesen und hatte den Preis bekommen! Einstimmig und mit grosser Begeisterung wurde diese Nomination bestätigt, und an der Geburtstagsfeier mit Max Wehrlis Freunden durfte ich ihm den Preis 1979 übergeben, nachdem Aloys M. Haas in der NZZ sehr schön darauf hingewiesen hatte. Ehrengaben von je Fr. 5’000.-- wurden Hans Schumacher und Paul Schmid-Ammann zugesprochen, die sich beide sehr darüber freuten, als ich es ihnen schrieb und sie bald darauf auch besuchte. Die Pressemitteilung lautete:

Die Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis ehrt dieses Jahr den Zürcher Germanisten Max Wehrli zu seinem 70. Geburtstag mit dem Gottfried Keller-Preis von Fr. 15’000.--. Sie zeichnet damit sein literaturwissenschaftliches Werk aus, das Themen und Aspekte des deutschen Mittelalters und  Barocks kenntnisreich und stilistisch brillant darstellt, das aber auch der literarischen Kultur seiner Vaterstadt Zürich auf das engste verbunden ist. Ehrengaben der Martin Bodmer-Stiftung werden dem Schriftsteller Hans Schumacher und dem Journalisten Paul Schmid-Ammann zugesprochen.

(Pressecommuniqué vom 13. September 1979)

 

Am 24. November 1979 vereinigte ich zum Gedenken an Martin Bodmers 80. Geburtstag (am 13. November) in der Bibliothek in Cologny und anschliessend zu einem Nachtessen im Restaurant Lion d’Or die Kuratoren der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis, die noch lebenden Preisträger, den Stiftungsrat der Fondation Martin Bodmer, den Direktor der Bibliothek, alle mit ihren Damen, und meine Geschwister und meine Mutter. Von den Preisträgern konnten daran teilnehmen: Emil Staiger, Maurice Zermatten, Edzard Schaper, Marcel Raymond (nur in der Bibliothek) und Max Wehrli. In sehr ausgewogenen Ansprachen erinnerten Staatsrat Chavanne, Prof. van Berchem, Prof. Wehrli, Dr. Braun und ich selbst an den Stifter der beiden Martin Bodmer-Stiftungen, und eine instruktive Ausstellung im Autographen-Saal ergänzte das Gesagte. Was die Kosten dieses Anlassses betrifft, so übernahm die Genfer Fondation die Übernachtungen der auswärtigen Gäste, die Zürcher Stiftung deren Reisekosten und ich selbst die Rechnung des Restaurants.

 

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Jahresbericht zum 59. Geschäftsjahr. [1980]

Im Jahre 1980, in dem, wie gewohnt, kein Preis verliehen wurde, fand auch keine Sitzung des Kuratoriums statt. Unser Konto wies am Jahresende einen Saldo von Fr. 16'093.-- auf.

 

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Jahresbericht zum 60. Geschäftsjahr. [1981]

1981, im Jahr des 25. Gottfried Keller-Preises und dem 60. seit der Gründung der Stiftung, kam das Kuratorium zweimal an der Rämistrasse 18 zusammen: am 9. März und am 23. Oktober.

Völlig unbestritten war Philippe Jaccottet der Kandidat für den Preis von diesmal Fr. 18'000.--, und für die beiden Ehrengaben von je Fr. 5'000.-- wurden nach längeren Prüfungen und Diskussionen über mehrere Kandidaten Hans E. Braun und Fritz Güttinger bestimmt. Die Pressemitteilung, die vom 12. Dezember an mehr oder weniger vollständig veröffentlicht wurde, lautete:

Das Kuratorium der ‚Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis’ hat den Gottfried Keller-Preis, der alle zwei Jahre verliehen wird, dem Westschweizer Dichter Philippe Jaccottet zugesprochen. Die Preissumme beträgt Fr. 18'000.--.

Damit wird ein Autor geehrt, der durch Jahrzehnte sich und seinem Schaffen in aller Stille treu geblieben ist. Als Verfasser lyrischer und erzählender Prosa, als Kritiker, der sich keiner Richtung oder Schule verpflichtet hat, als Übersetzer von Homer, Hölderlin, Rilke, Thomas Mann, Musil, Ungaretti, Cassola, vor allem aber als Lyriker mit mehreren Sammlungen von Gedichten, die eine ganz eigene, unverwechselbare Stimme offenbaren, hat er ein in Frankreich und in der welschen Schweiz, und dank Friedhelm Kemp auch im deutschen Sprachraum, unter Kennern hochgeachtetes Werk geschaffen. Zu dem 1925 in Moudon geborenen, seit vielen Jahren in Grignan (Frankreich) lebenden Preisträger passt ein Stichwort seiner Dichtung: ‚L’effacement soit ma façon de resplendir’.

Neben dem Gottfried Keller-Preis für Jaccottet wurden mit einer Ehrengabe bedacht: Hans E. Braun (Genf) für seine Forschungen auf dem Gebiet des Innerschweizer Barocktheaters und für seine zehnjährige Tätigkeit als Direktor der Bibliotheca Bodmeriana in Cologny, und Fritz Güttinger (Zürich) für seine Übersetzungen aus der angelsächsischen Literatur und seine Beschäftigung mit dem frühen Film.

 

Ende 1981 wies unser Konto einen Saldo von Fr. 6’378,65 auf, wobei die eine Ehrengabe und die Spesen für die Jahre 1979 bis 1981 von insgesamt Fr. 1’726,90 noch nicht bezogen waren.

Daniel Bodmer, Zürich, den 15. April 1982.

 

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61. bis 63. Geschäftsjahr. Jahresbericht über die Jahre 1982 bis 1984

Nachdem 1981 der 25. Gottfried Keller-Preis dem Westschweizer Dichter Philippe Jaccottet zugesprochen worden war und ich meinen Jahresbericht über die Jahre 1979 bis 1981 verfasst und an das Eidgenössische Departement des Inneren, unserer Aufsichtsbehörde, geschickt hatte, wurde dieser genehmigt und unsere gemeinnützige Aktivität verdankt (am 27. April 1982). Gleichzeitig wurde der Wunsch ausgesprochen, dass wir in Zukunft, wie alle anderen Stiftungen, eine Kontrollstelle einsetzen und deren Bericht mit der Bilanz alljährlich nach Bern schicken sollten. Rückwirkend liegt denn diesem heutigen Jahresbericht nun bei:

Bilanz und Stiftungsrechnung 1979

Bilanz und Stiftungsrechnung 1980

Bilanz und Stiftungsrechnung 1981

Bilanz und Stiftungsrechnung 1982

Bilanz und Stiftungsrechnung 1983

Bilanz und Stiftungsrechnung 1984

Kontrollbericht der Stiftungsrechnung 1979 – 1981

Kontrollbericht der Stiftungsrechnung 1982 - 1983

Kontrollbericht der Stiftungsrechnung 1984

 
In den Jahren 1982 und 1984, Jahre ohne Gottfried Keller-Preis, fanden keine Sitzungen des Stiftungsrates statt. 1983 hingegen trafen wir uns zweimal, am 27. Juni und am 25. Oktober, und haben nach ausführlichen Gesprächen den süddeutschen Schriftsteller Hermann Lenz zum Gottfried Keller-Preisträger erkoren und mit je einer Ehrengabe Alice Vollenweider für ihre Mittlertätigkeit zwischen Italien und dem deutschen Sprachraum und Peter Marxer für seine Bemühungen um ein vorzügliches Schülertheater ausgezeichnet. Die Laudatio auf [richtig: Die Pressemitteilung für die Preisverleihung an] Hermann Lenz lautete so:

Damit wird ein Autor geehrt, der in Jahrzehnten des literarischen Engagements, in der Treue zu sich selbst und in der Beharrlichkeit des schöpferischen Prozesses ein bedeutendes episches Werk vorgelegt hat. Als Verfasser von Romanen, Erzählungen und autobiographisch inspirierter Literatur zeigt Lenz den Menschen in seinem Verhältnis zur Geschichte, herausgefordert durch die zeit, von der Zeit vor die Entscheidung gestellt. Die Werke von Hermann Lenz – unter ihnen „Das stille Haus“ (1947), dann „Die Augen eines Dieners“ (1964), „Neue Zeit“ (1975), „Der innere Bezirk“ (1980) und „Ein Fremdling“ (1983) – bezeugen auf gültige Weise die Erfahrung des Schriftstellers auf dem Weg zur humanen Substanz.

(Pressecommuniqué vom 30. November 1983)

 

Am 2. Dezember 1983 habe ich an einem Nachtessen in der „Ratsstube“ des Zunfthauses zur Saffran den Preis von Fr. 18’000.-- und die beiden Ehrengaben von Fr. 5’000.-- übergeben. Anwesend waren die Preisträger, die Kuratoren, angehörige und ein illustrer Kreis von früheren Preisträgern: Elias Canetti, Golo Mann, Emil Staiger, Max Wehrli. „Das es so etwas noch gibt“, meinte Golo Mann am Schluss dieses unvergesslichen Abends zu mir. Lothar Kempter hielt während des Essens eine sehr schöne Rede auf Hermann Lenz, der beglückt antwortete und sich bedankte.

Was unsere Finanzen betrifft, verweise ich auf den Bericht der Kontrollstelle vom 25. Mai 1984. Da der Mehraufwand Ende 1983 rund Fr. 3’000.-- betrug, stellt sich ernsthaft die Frage, die Herr Rutishauser am Ende seines Berichts aufwirft, ob wir nicht das nächste Mal die Preissumme oder die Ehrengaben reduzieren oder nur eine Ehrengabe verleihen sollten. Darauf werden wir an unserer nächsten Sitzung, an der wir den 26. Gottfried Keller-Preis für das Jahr 1985 besprechen, zurückkommen müssen.

Daniel Bodmer, Zürich, den 20. März 1985.

 

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64. und 65. Geschäftsjahr. Jahresbericht über die Jahre 1985 und 1986

An einer einzigen Sitzung, am 21. Juni 1985, beschloss das Kuratorium nach eingehender Diskussion, den 27. Gottfried Keller-Preis dem Historiker Herbert Lüthy zuzusprechen. Als Empfänger von Ehrengaben wurden der Tessiner Dichter und Übersetzer Giorgio Orelli und Charles Linsmeyer bestimmt, dieser für seine Tätigkeit als Herausgeber der 30-bändigen Reihe „Frühling der Gegenwart – Der Schweizer Roman 1890 – 1950“. Die Übergabe fand wie gewohnt anlässlich eines Nachtessens mit Damen im Zunfthaus zur Saffran statt und zwar am 29. November. Der Presse wurde folgender Text über Herbert Lüthy zur Verfügung gestellt, der, wie gewohnt, gekürzt in den Zeitungen erschienen ist:

Der diesjährige Preisträger hat sich in den Fünfzigerjahren einen Namen gemacht mit den Werken ‚Frankreichs Uhren gehen anders’ (1954) und ‚La Banque protestante en France’ (1959, 1961) und hat, neben seinen Professuren an der ETH und in Basel, wesentliche, glänzend geschriebene geschichtliche und geistesgeschichtliche Essays verfasst und ist auch als Übersetzer von Montaigne und von Aragon hervorgetreten. In Texten wie ‚Die Mathematisierung der Sozialwissenschaft’ (1970) oder ‚Fahndung nach dem Dichter Bertolt Brecht’ (1972) hat er immer auch unbequeme Themen aufgegriffen.

(Pressecommuniqué, ohne Datum (vor 30. November 1985))

 

Obschon wir auf dem Konto der Stiftung bei der Schweizerischen Kreditanstalt nur rund Fr. 20’000.-- hatten, wollte ich die beiden Ehrengaben an zwei sehr verdiente Persönlichkeiten nicht reduzieren und schlug dem Kuratorium vor, sie auf je Fr. 5’000.-- zu belassen und den Gottfried Keller-Preis auf Fr. 15’000.-- festzusetzen. Die Bank war ohne weiteres bereit, uns die fehlenden Fr. 5’000.-- vorzustrecken. Deshalb schloss unsere Rechnung Ende 1985 mit einem Soll-Saldo ab, das erst Mitte Mai 1986 wieder ausgeglichen werden konnte. 1986 war ohnehin ein „ruhendes“ Jahr, was den Gottfried Keller-Preis betrifft, und wir werden im Kuratorium darüber sprechen müssen, ob wir, was ich bereits in meinem letzten Bericht angedeutet habe, in Zukunft kleinere Beträge oder weniger Gaben in Betracht ziehen wollen, oder ob wir zu einem Dreijahres-Rhythmus übergehen sollten. Ende 1987 werden wir rund Fr. 23'000.-- zur Verfügung haben. Ende 1988 rund Fr. 36’000.--.

Daniel Bodmer, Zürich, den 4. März 1987.

 

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66. bis 68. Geschäftsjahr. Jahresbericht über die Jahre 1987 bis 1989

Nachdem Ende 1985 Herbert Lüthy der 27. Gottfried Keller-Preisträger war, ging es aus verschiedenen Gründen bis im Mai 1989, dass wir wieder einen Preis übergeben konnten, diesmal an den Waadtländer Schriftsteller und Literaturkritiker Jacques Mercanton. Eine Ehrengabe bekam die Tessiner Schriftstellerin Anna Felder. Zuerst galt es unser Kuratorium durch zwei Mitglieder zu erneuern, nachdem Wolfgang Binder im März 1986 plötzlich verstorben war und Fritz Hindermann aus unserem Kreis zurückzutreten wünschte. Es war mir eine grosse Freude, dass Roger Francillon und Peter von Matt, beide Professoren an der Universität Zürich, bereit waren, in unserem Kuratorium mitzuwirken.

Aus finanziellen Gründen hätte erst 1988 wieder an eine Preisverleihung gedacht werden können, und wir konnten dann den Preis auf Fr. 20’000.-- (bisher Fr. 15’000.-- und Fr. 18'000.--) und die Ehrengabe auf Fr. 6'000.-- (bisher Fr. 5'000.--) erhöhen. Dies schien uns notwendig, da der Literaturpreis der Stadt Zürich inzwischen auf Fr. 40'000.-- angehoben wurde und der Grosse Schillerpreis auf Fr. 30'000.--.

Das neue Kuratorium kam am 23. November 1988 erstmals zusammen, leider zum letzten Mal mit Max Wehrli, der ihm mehr als 30 [richtig: 40] Jahre angehört hat und der mir schon seit einiger Zeit von seinen Rücktrittsabsichten sprach. So konnte ich am Freitagabend, den 12. Mai 1989, bei einem Nachtessen im Hotel Storchen, die Herren Hindermann und Wehrli mit dem herzlichsten Dank für ihre Tätigkeit im Dienste unserer Stiftung verabschieden und die Herren Francillon und von Matt im Kuratorium begrüssen. Die Übergabe der beiden Auszeichnungen fand in diesem harmonischen Rahmen statt.

Mit dem 28. Gottfried Keller-Preisträger Jacques Mercanton wurde, nach Ramuz, Zermatten, Marcel Raymond und Philippe Jaccottet, zum 5. Mal ein Westschweizer ausgezeichnet, zum 16. Mal ein Schriftsteller. Die Mitteilung an die Presse lautete:

Die Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis hat dieses Jahr den Waadtländer Schriftsteller Jacques Mercanton mit dem Gottfried Keller-Preis ausgezeichnet. Die Preissumme beträgt Fr. 20’000.--. Zu den ersten Preisträgern gehörte C.F. Ramuz (1927), zu den letzten Hans Urs von Balthasar (1975), Elias Canetti (1977), Philippe Jaccottet (1981), Herbert Lüthy (1985).

Der 1910 in Lausanne geborene Jacques Mercanton hat vier Bände mit Erzählungen veröffentlicht, darunter „La Sibylle“ (1967), und fünf Romane, von denen „L’Été des Sept-Dormants“ (1974) als sein Meisterwerk gilt. Von Beruf zuerst Mittelschullehrer, dann Universitätsprofessor für französische Sprache und Literatur in Lausanne ist er auch als Literaturkritiker hervorgetreten. In den „Editions de l’Aire“ ist eben sein Gesamtwerk in elf Bänden erschienen.

Eine Ehrengabe von Fr. 6'000.-- erhält die in Aarau lebende Tessiner Schriftstellerin Anna Felder, von der zwei Werke auch auf deutsch erschienen sind: „Quasi Heimweh“ (1970) und „Umzug durch die Katzentür“ (1975). Leider sind beide vergriffen.

(Pressecommuniqué vom 8. Mai 1989)

 

Wie gewohnt brachte die „Neue Zürcher Zeitung“ einen grösseren Beitrag über den Preisträger, aus der Feder Roger Francillions, und dass Anna Felders „Quasi Heimweh“ inzwischen vom Suhrkamp-Verlag in seiner neuen Reihe mit Schweizer Literatur neu herausgegeben wurde, hängt vielleicht doch auch ein wenig mit unserer Auszeichnung zusammen.

Daniel Bodmer, Zürich, den 30. August 1990.

 

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69. bis 71. Geschäftsjahr. Jahresbericht über die Jahre 1990 bis 1992

In der zweiten Hälfte des Jahres 1989 sowie 1990 ruhte die Tätigkeit unserer Stiftung. 1991, im Jubiläumsjahr der Eidgenossenschaft, wollten wir wenn möglich einen bedeutenden Schweizer Dichter oder eine Schweizer Dichterin mit dem Gottfried Keller-Preis auszeichnen. Nach Jacques Mercanton, 1989, war wieder die deutschsprachige Schweiz an der Reihe.

An zwei Sitzungen am 24. Januar und am 28. Oktober 1991 und nach der Lektüre einer beachtlichen Anzahl Werke verschiedener Autoren entschieden wir uns für Erika Burkart als Preisträgerin (Fr. 20’000.--) und für Urs Hobi und Gert Westphal als Empfänger von Ehrengaben (je Fr. 5'000.--).

Erstmals gehörte Prof. Karl Pestalozzi unserem Kuratorium an, das Prof. Lothar Kempter aus Altersgründen nach genau zwanzigjähriger Zugehörigkeit zu verlassen wünschte. Das Amt der Vizepräsidenten übernimmt Prof. Peter von Matt.

Die Mitteilung über die Preisverleihung an die Presse, die für den 14. Dezember 1991 vorgesehen war, lautete:

Die Aargauer Dichterin und Schriftstellerin Erika Burkart erhält den Gottfried Keller-Preis der Martin Bodmer-Stiftung, die damit in den 70 Jahren ihres Bestehens nach Gertrud von Le Fort zum zweiten Mal eine Frau mit diesem wichtigen Schweizer Literaturpreis auszeichnet. Erika Burkhart hat in ihren zahlreichen Gedichtbänden, die seit 1953 erschienen sind, zuletzt in „Die Freiheit der Nacht“ (1981) und „Sternbild des Kindes“ (1984), „Schweigeminute“ (1988) und „Die Zärtlichkeit der Schatten“ (1991), aber auch in ihren Prosawerken „Moräne (1970), „Rufweite“ (1975), „Der Weg zu den Schafen“ (1979), „Die Spiele der Erkenntnis“ (1985) und „ich suche den blauen Mohn“ (1989) immer wieder gezeigt, dass sie zu den bedeutendsten Erscheinungen der literarischen Schweiz in dieser zweiten Jahrhunderthälfte gehört.

Eine Ehrengabe wurde dem Schauspieler und Regisseur Gert Westphal zugesprochen für seine verdienstvolle Vermittlung von Literatur durch Lesungen, unter anderem auch von Gottfried Kellers „Grünem Heinrich“. Eine zweite Ehrengabe erhält Hans Bernhard Hobi für seine aussergewöhnlich dichten Erzählungen in Sarganser Mundart.

 

Aus Termingründen fand die Übergabe erst am 6. Januar 1992, wiederum im stilvollen Hotel Storchen statt, wobei alle drei Empfänger sehr eindrucksvoll Texte lasen, eigene und Gert Westphal solche von Gottfried Keller. Der scheidende Lothar Kempter wurde von mir ganz herzlich verabschiedet, Karl Pestalozzi ebenso herzlich willkommen geheissen.

Nach dieser besonders schönen und harmonischen Feier verlief der Rest des Jahres 1992 für unsere Stiftung, wie üblich nach einer Preisverleihung, ereignislos. Wie gewohnt kümmerte sich die Schweizerische Kreditanstalt um die Verwaltung unseres Stiftungsvermögens, das Ende 1992 Fr. 307’007,40 betrug. Auf dem Konto bei der SKA standen Fr. 21’679,55 zur Verfügung.

Dr. Daniel Bodmer, Zürich, den 2. März 1993.

 

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[72. – 73.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf die Jahre 1993 und 1994.

Nach dem Tod meines Vaters am 17. Oktober 1994 ist es nun an mir, den Jahresbericht der Jahre 1993 und 1994 zu verfassen. Dies geschieht in Absprache mit der zuständigen Behörde. Das Geschäftsjahr wird in Zukunft mit dem Kalenderjahr synchronisiert.

Nachdem am 6. Januar 1992 Erika Burkart, Urs Hobi und Gert Westphal geehrt wurden, ruhten die Tätigkeiten der Stiftung für gut zwei Jahre. Am 21. März 1994 entschied sich das Kuratorium, den Schriftsteller Gerhard Meier für sein Gesamtwerk mit Fr. 20'000.-- auszuzeichnen. Ausserdem erhielt Angelika Maas für ihre Übersetzungen aus dem Katalanischen eine Ehrengabe, die mit Fr. 8'000.-- dotiert war. Gilbert Musy wurde ebenfalls eine Ehrengabe in derselben Höhe für seine Übersetzungen von Texten deutschsprachiger Schweizer Autoren und Autorinnen ins Französische zugesprochen.

Die Pressemitteilung, die am 19. November erschien, lautete:

Die Martin-Bodmer-Stiftung hat den Gottfried-Keller-Preis 1994 dem Erzähler und Lyriker Gerhard Meier für sein Gesamtwerk zugesprochen. Gerhard Meier, geboren 1917 in Niederbipp (Kt. Bern), seit 1971 freier Schriftsteller, hält in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur, was Stoff und eigenen Ton betrifft, einen besonderen Rang. In unauffälliger Kunst gibt er regional-alltäglichen Verhältnissen symbolische Weite. Seine wichtigsten Dichtungen sind in einer drei Bände umfassenden Ausgabe erschienen, unter anderem: "Einige Häuser nebenan" (Gedichte), "Papierrosen" (Prosaskizzen), "Der Besuch" (Roman), "Der schnurgerade Kanal" (Roman), "Baur und Bindschädler" (Roman).

Neben dem Gottfried-Keller-Preis hat die Martin-Bodmer-Stiftung Ehrengaben an Angelika Maas und Gilbert Musy verliehen. Angelika Maas (1952) hat die Werke der Erzählerin Mercè Rodoreda aus dem Katalanischen übertragen und so für den deutschsprachigen Kulturkreis Dichtungen von weltliterarischem Rang erschlossen. Bis jetzt sind erschienen die Bände "Reise ins Land der verlorenen Mädchen", "Der zerbrochene Spiegel", "Der Fluss und das Boot", "Aloma". Der Band "Und lass als Pfand, mein Liebling, Dir das Meer" sodann enthält fünfzehn Erzählungen zeitgenössischer katalanischer Autorinnen und Autoren.

Gilbert Musy (1944), bekannt geworden durch seine Romane "La tangente", "Le point de suite", "Le plomb", hat Prosa, Schauspiele, Reden von Autoren und Autorinnen der deutschsprachigen Schweiz - u.a. Hermann Burger, Rosmarie Buri, Friedrich Dürrenmatt, Thomas Hürlimann, Hugo Loetscher - ins Französische übertragen. Er hat damit einen Beitrag zum kulturellen Gespräch zwischen deutscher und welscher Schweiz geleistet.

 

Die Preisübergabe fand am 19. November 1994 im Zunfthaus zur Meisen statt. Gerhard Meier rahmte seine Rede in den "Grünen Heinrich" ein, indem er sich einleitend fragte, ob es zu Gottfried Kellers Zeiten auch schon Literaturpreise gab. Heute blühen hinter Meiers Haus Astern, so, wie sie vielleicht schon in Annas Gärtchen gestanden haben. Und vielleicht hätte sich, schloss Meier, Heinrich gelegentlich eine ins Knopfloch gesteckt. Nicht unkritisch verglich der Geehrte den Literaturbetrieb mit dem Spitzensport. Es werde trainiert, gemogelt, gesiegt und verloren im grossen Gerangel.

Gilbert Musy las aus seiner neusten Übersetzung eines Textes Matthias Zschokkes vor. Anschliessend durften wir den fremden und doch irgendwie bekannten Klängen der katalanischen Sprache zuhören, die uns Frau Maas aus Rodoredas Werk zum besten gab.

Nach dieser schönen Feier, die nicht etwa im Zeichen der Trauer stand, sondern vielmehr die Erinnerung an Daniel Bodmer aufleben liess, wurde von Seiten der Familie Bodmer darüber beraten, wer nun im Kuratorium vertreten sein sollte. Die Familie entschied sich für Ursina Schneider-Bodmer und Thomas Bodmer. Beide wurden mittels Zirkulationsbeschluss am 23. März 1995 in den Rat gewählt. Thomas Bodmer übernahm das Präsidium, Ursina Schneider-Bodmer die Verwaltung des Stiftungsvermögen.

Wie immer kümmerte sich die Schweizerische Kreditanstalt um die Verwaltung des Stiftungsvermögens, das Ende 1994 Fr. 285'379.35 betrug. Es standen Fr. 18'401.05 zur Verfügung, was bei einem Aufwand von Fr. 48'373.85 einen Rückschlag von Fr. 29'972.80 bedeutet. Die Revisionsstelle ist wie gewohnt die Hugger Treuhand AG, Zürich.

Thomas Bodmer, Zürich, den 20. Juni 1995.

 

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[74. – 75.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf die Jahre 1995 und 1996.

Nachdem am 19. November 1994 Gerhard Meier für sein Gesamtwerk mit Fr. 20'000.-- ausgezeichnet wurde, Angelika Maas für ihre Übersetzungen aus dem Katalanischen eine Ehrengabe erhielt, die mit Fr. 8'000.-- dotiert war und Gilbert Musy ebenfalls eine Ehrengabe in derselben Höhe für seine Übersetzungen von Texten deutschsprachiger Schweizer Autoren und Autorinnen ins Französische zugesprochen wurde, ruhten die Tätigkeiten der Stiftung 1995. Im Januar 1996 entschied sich das Kuratorium, dem Theaterprojekt Sauternes für seine Theateradaption von Gerhard Meiers „Toteninsel“ Fr. 5’000.-- zuzusprechen. Das Kuratorium verzichtete 1996 auf eine Preisvergabe und einigte sich darauf, für 1997 einen Preis zu verleihen.

Wie immer kümmerte sich die Schweizerische Kreditanstalt um die Verwaltung des Stiftungsvermögens, das Ende 1995 Fr. 305’133.50 betrug. Es standen Fr. 20’954.15 zur Verfügung. Ende 1996 betrug das Vermögen Fr. 312’385.95 und wies einen Ertragsüberschuss von Fr. 7’252.45 aus. Die Revisionsstelle ist die Hugger Treuhand AG, Zürich.

Thomas Bodmer, Zürich, den 23. Dezember 1997.

 

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[76.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 1997.

Das Jahr 1997 stand ganz im Zeichen der diesjährigen Preisvergabe.

Am 13. März 1997 traf sich das Kuratorium zu einer ersten Sitzung. Zuerst referierte der Präsident Thomas Bodmer über das Geschehen in und um die Stiftung, die seit dem Projekt „Toteninsel“ im Jahr 1995, als die Theatergruppe Sauternes mit Fr. 5’000.-- für ihre Bühnenadaption von Gerhard Meiers Prosastück unterstützt wurde, nicht mehr aktiv war. Die hauptsächliche Arbeit in den zwei Jahren, in denen die Stiftung ruhte, beschränkte sich vor allem auf das Schreiben von Absagen an Gesuchsteller aus der ganzen Welt. Damit verbunden ist die Zunahme an neuen Publikationen, in denen Stiftungen, Preise und Förderungsinstitute aufgelistet werden. Der Trend, dass Kultur mehr und mehr von privater Seite und immer weniger von der öffentlichen Hand getragen werden kann, wird spürbar.

Unter dem Traktandum Rechnung und Budget machte die Kassierin Ursina Schneider-Bodmer deutlich, dass aufgrund der guten Börsenjahre das Stiftungskapital eine Ausschüttung von gegen Fr. 40’000.-- erlauben würde. Peter von Matt meinte dazu, die Höhe der Preisgelder hätten in den letzten Jahren allgemein zugenommen und so sei es auch in unserem Preis angemessen, die Summe von Fr. 20’000.-- auf 25’000.-- zu erhöhen, bzw. eine Ehrengabe von Fr. 10'000.-- zu vergeben. Dies fand allgemeine Zustimmung.

 

Damit kam die zentrale Frage auf, wen die Stiftung 1997 auszeichnen sollte. Werner Weber appellierte sogleich an die Runde, endlich wieder einmal das Tessin, oder besser, die italienisch-sprachige Schweiz zu berücksichtigen. Bald fielen die Namen von Alberto Nessi und Giorgio Orelli. Orelli hatte allerdings 1985 die Ehrengabe des Gottfried-Keller-Preises und den Grossen Schillerpreis 1988 erhalten.

Das Kuratorium zog darauf Giovanni Orelli, den Vetter von Giorgio in Betracht, weil er auch ein wichtiger Repräsentat der Literatur aus dem Tessin ist. Im Gegensatz zu seinem poetischen Vetter ist er ein Volksschriftsteller, der z.B. mit Meinrad Inglin verglichen werden kann. Das Kuratorium entschied sich, bis zur nächsten Sitzung vor der Sommerpause, die Werke Giovanni Orellis zu studieren.

Wiederum Werner Weber schlug für die Ehrengabe das Ehegatten Peter und Doris Walser-Wilhelm vor, die seit Jahrzehnten in beinahe frondienstähnlicher Arbeit den umfangreichen Briefwechsel Karl Viktor von Bonstettens edieren und nun in wunderschön gemachten Bänden zur Veröffentlichung bringen. Es sei an der Zeit, diese immense Leistung zu würdigen, meinten neben Weber auch Pestalozzi und von Matt.

[...]

Karl Pestalozzi schlug vor, den Geehrten die Möglichkeit zu geben, einen Gast ihrer Wahl an die Preisübergabe mitzubringen. Giovanni Orelli wünschte, dass Frau Alice Vollenweider an die Übergabe eingeladen werde. Die Literaturkritikerin Alice Vollenweider trug massgeblich dazu bei, dass die italienisch-sprachige Literatur auch auf unserer Seite des Gotthards bekannt wurde. Herr und Frau Walser-Wilhelm baten, das Ehepaar Beatrix und Peter Michel, das, im Falle eines Wechsels der Herausgeber, mithelfen würde, die Bonstettiana weiterzuführen. Die Feier am 8. November 1997 im Zunfthaus „Zur Waag“ war ein sehr schöner, eindrücklicher und unvergesslicher Abend.

Wie immer kümmerte sich die Credit Suisse um die Verwaltung des Stiftungsvermögens, das Ende 1996 Fr. 314'085.95 betrug. Es standen 1997 Fr. 23'355.35 zur Verfügung, was bei einem Aufwand von Fr. 42'112.40 einen Rückschlag von Fr. 18'757.05 bedeutet. Die Revisionsstelle ist wie gewohnt die Hugger Treuhand AG, Zürich.

Thomas Bodmer, Zürich, den 24. Juni 1998.

 

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[77.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 1998.

Da 1997 kein Preis verliehen wurde, ruhten die Tätigkeiten der Stiftung 1998 weitgehend.

Thomas Bodmer fragte im Herbst 1998 die Nachkommen von Martin Bodmer an, ob sie bereit wären, das Stiftungskapital zu erhöhen. Von beinahe allen Familienmitgliedern kam eine positive Zusage von insgesamt Fr. 150'000.-- [richtig: Fr. 170'000.--]. Diese Summe wird aber erst 1999 dem Stiftungsvermögen zugeführt.

Per 31. Dezember 1998 trat das langjährige Mitglied des Kuratoriums, Herr Prof. Dr. Werner Weber von seinem Amt zurück. Er will sich in seinem achtzigsten Lebensjahr von seinen Pflichten trennen. Das Kuratorium nimmt dies mit Bedauern zur Kenntnis.

 
Die Rechnung 1998 wurde wie immer vom Treuhänder der Stiftung, Herrn Hugger, erstellt und revidiert. Die Stiftungsrechnung für das Jahr 1998 weist einen Ertragsüberschuss von FR. 8'612.25 aus, das Stiftungsvermögen per 31. Dezember 1998 beträgt FR. 302'241.15.

Thomas Bodmer Januar 1999.

 

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[78.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 1999.

Das Jahr 1999 war, nachdem 1997 der Gottfried Keller-Preis an Giovanni Orelli verliehen wurde, wieder ein Preisjahr. Das Kuratorium traf sich zu einer ersten Sitzung am 25. März. Es ging dabei nicht nur um mögliche Kandidaten für Preis und Ehrengaben, sondern auch um die Diskussion über das zu revidierende Reglement und vor allem auch um die Nachfolge Werner Webers, der per 31. Dezember 1998 aus seinem Amt nach 44-jähriger (!) Tätigkeit zurückgetreten ist.

Der Rat beschloss, Frau Alice Vollenweider anzufragen, ob sie in unserem Preis mitarbeiten möchte. Das Kuratorium war der Auffassung, dass Frau Vollenweider als Kennerin und Vermittlerin vor allem der italienisch-sprachigen Schweiz, aber auch durch eigene Auszeichnungen und andere Beziehungen zum Preis, hervorragend in den Rat passen würde. Die Zusage von Frau Vollenweider erreichte den Präsidenten im April.

[...]

Nach einer längeren, aber eindeutigen Diskussion beschloss das Kuratorium den Preis 1999 Peter Bichsel zu verleihen. Dieser Autor zeichnet sich durch ein Phänomen aus: trotz seines schmalen und vielleicht sogar unscheinbaren Werkes ist Bichsel jedem Kind ein Begriff. Er gehört sicherlich zu den bekanntesten lebenden Autoren der Schweiz und verdient es, für seine konsequente und kritische Arbeit gewürdigt zu werden.

[...]

Die Ehrengabe ging an Herrn und Frau Marti für ihre Tätigkeit für ihre Arbeitsstelle für kulturwissenschaftliche Forschungen in Engi (GL).

Werner Weber sollte an der Preisverleihung aus dem Kuratorium verabschiedet und mit einem Geschenk (Holzdruck von Félix Vallotton) geehrt werden.

Die Preissummen betrugen Fr. 25'000.--, bzw. Fr. 10'000.--. Der 13. November wurde für die Feier festgelegt. Dies war gleichzeitig der 100ste Geburtstag des Stifters Martin Bodmer.

 

Die Verleihung wurde im Zunfthaus zur Schmieden in Zürich gefeiert. Herr und Frau Bichsel haben den Suhrkamp-Lektor Herrn Rainer Weiss, Herr und Frau Marti haben Ihren Stiftungsratspräsident Dr. Wolfgang Rother und ihre langjährige Mitarbeiterin, Frau Mirjam Christen, als ihre Gäste mitgebracht.

[...]

Die Laudatio auf Peter Bichsel hielt Peter von Matt, diejenige auf Hanspeter und Karin Marti kam von Karl Pestalozzi, bei dem beide ihre Abschlüsse gemacht haben, bzw. Hanspeter Marti auch dissertierte.

 

Die Rechnung 1999 wurde wie immer vom Treuhänder der Stiftung, Herrn Hugger, erstellt und revidiert. Die Stiftungsrechnung für das Jahr 1999 weist einen Ertragsüberschuss von Fr. 126'776.95 aus, das Stiftungsvermögen per 31. Dezember 1999 beträgt Fr. 429'018.10.

Thomas Bodmer, Salzburg, den 13. Juli 2000.

 

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[79.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2000.

Das Jahr 2000 war, nachdem 1999 der Gottfried Keller-Preis an Peter Bichsel verliehen wurde, ein sogenannt stilles. Es stand keine Preisverleihung an.

 
Im April 2000 hat uns der Zwingliverein Zürich um eine Unterstützung für die Heinrich Bullinger-Ausgabe, die unter Prof. Emidio Campi im Entstehen ist, angesucht. Die Idee ist es, das literarische Schaffen Bullingers in modernem Deutsch zu einem günstigen Preis darzubieten. In Anbetracht des lobenswerten und interessanten Projekt und nicht zuletzt aufgrund der Verbundenheit des Preises zum reformierten Zürich, hat sich der Schreibende die Freiheit genommen und dem Zwingliverein Fr. 2'000.-- zukommen lassen.

 
Weitere Ausgaben waren mit der professionellen Archivierung der Preisdokumente verbunden. Sämtliche vorhandenen Schriftstücke wurden katalogisiert, in säurefreiem Papier und entsprechenden Boxen untergebracht. Die Arbeiten laufen auch noch im folgenden Jahr weiter.

Eine wesentliche Arbeit der Geschäftsstelle war die Planung einer Broschüre über den Preis. Die Publikation soll im Jahr 2001, dem 80. Preisjahr, erscheinen. Hierzu lieferte Bodmer ein erstes Konzept im Juni 2000. In der Folge nahm das Kuratorium erst schriftlich dazu Stellung. An der Sitzung vom 18. September 2000 wurden dann die Details diskutiert. Man beschloss, nicht nur eine Broschüre, sondern auch eine ergänzende Homepage zu schaffen.

 
Die Rechnung 2000 wurde wie immer vom Treuhänder der Stiftung, Herrn Hugger, erstellt und revidiert. Die Stiftungsrechnung für das Jahr 2000 weist einen Verlust von Fr. 8'483.75 aus, das Stiftungsvermögen per 31. Dezember 2000 beträgt Fr. 420'534.35.

Lic.phil. Thomas Bodmer, Präsident.

 

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[80.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2001.

In einer ersten (und langen) Sitzung am 27. Februar werden zu Beginn die geplante Broschüre und die damit verbundene Homepage im Detail besprochen. Ziel der Publikation und der Präsenz im Internet ist es, die Verbreitung von Informationen zur Stiftung und eine damit verbundene Aufwertung des Preises durch einen grösseren Bekanntheitsgrad zu erwirken. Die Texte werden in deutsch und französisch publiziert. Die Auflage der Broschüre soll maximal 1'000 Exemplare umfassen, da sie relativ schnell an Aktualität verliert. In erster Linie werden ehemalige und zukünftige AutorInnen, die Medien, Bibliotheken etc. mit der Broschüre versehen. Das Budget hat sich gegenüber der in der Einladung mitgeschickten Kostenübersicht etwas verbessert. Die Offerten der Druckereien differieren stark, sodass nun mit Kosten von etwa Fr. 32'000.-- zu rechnen ist.

Das zweite Thema des Abends widmet sich der 33. Preisvergabe der Stiftung, die für dieses Jahr ansteht.

[...]

Nach einer weiteren Diskussion einigt sich das Kuratorium auf Donata Berra, die in diesem Jahr die Ehrengabe der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis erhalten soll.

[...]

In Anbetracht dessen, dass die Ehrengabe in den letzten Jahren jeweils zwei Personen zukam, entscheidet sich das Kuratorium dafür, Donata Berra mit Fr. 8'000.-- zu ehren. Der Hauptpreis bleibt mit Fr. 25'000.-- fix. Die Laudationes werden freundlicherweise von Roger Francillon (Kristof) und Alice Vollenweider (Berra) gehalten. [...]

Die Rechnung 2001 wurde wie immer vom Treuhänder der Stiftung, Herrn Markus Hugger, erstellt und revidiert. Die Stiftungsrechnung für das Jahr 2001 weist einen Verlust von Fr. 62'907.30 aus, das Stiftungsvermögen beträgt per 31. Dezember 2001 Fr. 357'627.05. Der recht hohe Verlust beinhaltet nicht nur die Ausgaben, die durch die eigentliche Preisvergabe und die Verwaltungskosten entstanden sind, sondern liefen zu einem Drittel aufgrund der Kursverluste durch die schwache Börse auf.

Lic.phil. Thomas Bodmer, Präsident, 1. August 2002.

 

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[81.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2002.

Das Jahr 2002 war, nachdem 2001 der Gottfried Keller-Preis an Agota Kristof verliehen und Donata Berra eine Ehrengabe zugesprochen wurde, ein sogenannt stilles. Es stand keine Preisverleihung an.

Neben den üblichen Ausgaben wie jene für die Buchführung, die Revision, Abgaben an die Stiftungsaufsicht und allgemeine Bürospesen fiel im vergangenen Jahr mit Fr. 1'700.-- vor allem die Übersetzung der Broschüre ins Französische ins Gewicht. Dennoch hielten sich die Ausgaben in Grenzen. Dies ist auch notwenig, da das Stiftungskapital einen Reinverlust von Fr. 17'410.30 zu tragen hat. Durch die Kursanpassungen aufgrund der tiefbewerteten Börse kam es zu diesem beunruhigenden Kapitalverlust.

 

Die Rechnung 2002 wurde wie immer vom Treuhänder der Stiftung, Herrn Hugger, erstellt und revidiert. Das Stiftungsvermögen per 31. Dezember 2002 beträgt Fr. 326'451.00.

Lic.phil. Thomas Bodmer, Präsident.

 

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[82.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2003.

Da es das Stiftungsvermögen nicht zuliess, dass im Jahr 2003 turnusgemäss ein Preis verliehen werden konnte, beschloss das Kuratorium an seiner Sitzung vom 25. Februar 2003 die nächste Preisverleihung ins Frühjahr 2004 zu verlegen.

[...]

In der zweiten Sitzung vom 28. Oktober 2003 setzte die Diskussion um die möglichen Preisträger gleich zu Beginn der Sitzung ein.

[...]

Das gesamte Kuratorium fand das Werk von Merz herausragend und preiswürdig. Der Autor sei in einem guten Alter; er hätte schon ein bedeutendes Gesamtwerk vorzulegen, und man dürfe davon ausgehen, dass noch Einiges nachkomme. Das Kuratorium beschloss, Klaus Merz zum 34. Preisträger unserer Stiftung zu küren.

Auch die Ehrengabe schien gleich von Beginn an festzustehen: Jochen Greven, der Nestor der Robert Walser-Forschung, sollte für seine jahrzehntelange Arbeit am und mit dem Werk Walsers geehrt werden. Mit Erscheinen seiner Erinnerungen („Robert Walser – Ein Aussenseiter wird zum Klassiker“) an dieses dem Bieler Autor gewidmeten Leben habe unsere Stiftung erst- und wahrscheinlich auch letztmals die Gelegenheit, diese Arbeit zu würdigen.

[...]

Lic.phil. Thomas Bodmer, Präsident.

 

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[83.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2004.

Die Stiftung versandte am 24. Januar 2004 folgende Pressemitteilung:

Die Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis spricht ihren 34. Preis dem Schweizer Schriftsteller Klaus Merz für sein literarisches Gesamtwerk zu. Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, gehört heute zu den herausragenden Lyrikern und Erzählern. Mit grausam genauem Blick und bewegender Einfühlung holt Merz die Welt einfacher Menschen vor die Leser und steigert das Alltägliche ins Visionäre. Der Preis ist mit Fr. 25'000.-- dotiert. Die Ehrengabe von Fr. 8'000.-- vergibt die Martin-Bodmer Stiftung an den Doyen der internationalen Robert Walser-Forschung, Jochen Greven. Die Preisverleihung wird in privatem Rahmen am 13. März 2004 in Zürich stattfinden.

 

Der Preis, 1921 geschaffen, wird nun zum 34. Mal verliehen. Er ist neben dem Grossen Schiller-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung der älteste und angesehenste Literaturpreis der Schweiz und wird alle zwei bis drei Jahre vergeben. Zu den Preisträgern gehören u.a. Heinrich Federer, C.F. Ramuz, Hermann Hesse, Gertrud von Le Fort, Meinrad Inglin, Golo Mann, Ignazio Silone, Elias Canetti, Philippe Jaccottet, Gerhard Meier, Giovanni Orelli, Peter Bichsel und zuletzt Agota Kristof.

Klaus Merz geboren 1945 in Aarau, lebt als Erzähler und Lyriker in Unterkulm/Schweiz. Ausgezeichnet u.a. mit dem Solothurner Literaturpreis 1996 und mit dem Hermann-Hesse-Literaturpreis 1997. Prix Littéraire Lipp 1999.

Seit seinem Erstling Mit gesammelter Blindheit (1967) bringt Merz regelmäßig Werke heraus. Es folgten Obligatorische Übung (1975), Latentes Material (1978) und Tremolo Trümmer (1988). Seit 1994 erscheinen Merz’ Bücher im Haymon-Verlag Innsbruck. Am Fuß des Kamels. Geschichten & Zwischengeschichten (1994), Kurze Durchsage. Prosa und Gedichte (1995), Jakob schläft. Eigentlich ein Roman (1997), Kommen Sie mit mir ans Meer, Fräulein? Roman (1998), Garn. Prosa & Gedichte (2000), Adams Kostüm. Drei Erzählungen (2001), Das Turnier der Bleistiftritter. Achtzehn Begegnungen (2003). Mitte Februar 2004 erscheint Löwen Löwen. Venezianische Spiegelungen, wiederum bei Haymon.

Jochen Greven, 1932 in Mülheim/Ruhr geboren, promovierte 1960 mit der ersten deutschsprachigen Arbeit über Robert Walser. Für Greven wurde daraus das Thema seines Lebens. Von 1966 bis 1973 erarbeitete er die erste Gesamtausgabe der Werke Robert Walsers und entdeckte die Lesbarkeit der Mikrogramme, später gab er die Werkausgabe von 1978 und die Sämtliche Werke in Einzelausgaben (1985/86) bei Suhrkamp heraus. Unter dem Titel „Robert Walser - ein Außenseiter wird zum Klassiker. Abenteuer einer Wiederentdeckung“ (Libelle, 2003) hat Greven seine persönliche „Robert-Walser-Story“ verfasst. Jochen Greven lebt in Gaienhofen am Bodensee.

 

Am Samstag, den 13. März 2004, fand im Zunfthaus zur Zimmerleuten in Zürich die 34. Preisverleihung der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis statt. Klaus Merz, Gottfried Keller-Preis, und Jochen Greven, Ehrengabe, wurden an der letzten Kuratoriumssitzung im Oktober 2003 erkoren. Die Preisverleihung wurde aus terminlichen und finanziellen Gründen in das Jahr 2004 verlegt. Sie ist blieb die einzige Aktivität der Stiftung in diesem Jahr.

 

An der Preisverleihung haben neben den Laureaten und dem Kuratorium folgende Gäste teilgenommen: Klaus Merz’ Gattin Selma mit Sohn Laurin, Michael Forcher (Klaus Merz’ Verleger, Haymon) mit Gattin Elisabeth, Heinz Egger (Illustrator diverser Bücher Klaus Merz’), Ekkehard Faude (Libelle-Verleger, bei dem Jochen Grevens Erinnerungen an seine Arbeit am Werk Robert Walsers herauskam), Elisabeth Tschiemer (Mitinhaberin des Verlages Libelle), Andrea Bodmer, Ingrid Bodmer, Julia Pestalozzi, Peter Schneider, Beatrice von Matt. Liliane Francillon konnte krankheitshalber nicht teilnehmen.

Peter von Matt hielt die Laudatio auf Klaus Merz, die dieser mit einer Rede verdankte.

Karl Pestalozzi sprach auf Jochen Greven. Auch Greven antwortete mit einem Dank. Alle vier Ansprachen liegen in Kopien vor und sind im Preisarchiv abgelegt. Der Abend verlief in stimmiger und schöner Atmosphäre.

 

Thomas Bodmer, Präsident des Kuratoriums. 

 

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[84.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2005.

Das Jahr 2005 war, nachdem 2004 der Gottfried Keller-Preis an Klaus Merz verliehen und Jochen Greven eine Ehrengabe zugesprochen wurde, ein sogenannt stilles. Es stand keine Preisverleihung an. Es wurden keine Ausgaben über das Stiftungskonto getätigt. Aufgrund der verbesserten Situation an den Börsen, wäre eine Preisverleihung im Jahr 2006 möglich.

Die Rechnung 2005 wurde wie immer vom Treuhänder der Stiftung, Herrn Markus Hugger, erstellt und revidiert. Vgl. Beilagen. Thomas Bodmer.

 

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[85.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2006.

Die erste Sitzung des Kuratoriums fand am 13. März 2006 statt. Obwohl 2006 im mehr oder weniger regelmässigen Turnus der Vergaben hätte ein Preisjahr sein können und die finanzielle Situation dies auch erlaubt hätte, entschied sich das Kuratorium, die nächste Preisverleihung auf den Frühling 2007 festzusetzen.

[...]

Fabio Pusterla sei ganz grosse Klasse und gehöre zur ersten Liga in der italienischen Literatur und sei einem Giorgio Orelli ebenbürtig, merkte Vollenweider an. Pusterla setze sich sehr für die Literatur des Tessins ein und sei ein wichtiger Übersetzer. Pestalozzi und Francillon waren auch begeistert, und so beschloss das Kuratorium einstimmig, Fabio Pusterla zum 35. Gottfried Keller-Preisträger zu bestimmen.

[...]

Das Kuratorium kam in Sachen Ehrengabe zu keiner Einigung und beschloss daher, die Diskussion um die Ehrengabe auf den 10. Januar 2007 zu vertagen. Bis Weihnachten 2006 gingen bei Bodmer Vorschläge ein, die dieser an alle Kuratoriumsmitglieder weiterleitete. Die Preisverleihung wurde auf Samstag, 21. April 2007, 18.00 Uhr, festgelegt.

 

Die Rechnung 2006 wurde wie immer vom Treuhänder der Stiftung, Herrn Markus Hugger, erstellt und revidiert. Das Stiftungsvermögen betrug am 31. Dezember 2006 Fr. 423'854,79. Es konnte ein Jahresgewinn von FR. 61'957,64 erwirtschaftet werden. Frau Ursina Schneider-Bodmer, Rechnungsführerin der Stiftung, wandte der Stiftung freundlicherweise Fr. 25'000.-- zu, wofür ihr im Namen der Stiftung sehr herzlich gedankt sei.

Lic.phil. Thomas Bodmer, Präsident.

 

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[86.] Jahresbericht der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf das Jahr 2007.

Das Kuratorium hatte Fabio Pusterla schon im Herbst 2006 zum Preisträger gekürt. Für die Ehrengaben wurde aber eine weitere Sitzung benötigt. Bis Weihnachten 2006 wurden Vorschläge gesammelt und dann in der Sitzung vom 10. Januar 2007 diskutiert. In Kürze wurde sich das Kuratorium einig und so konnte Mitte Februar 2007 folgende Mitteilung an die Presse übermittelt werden:

[...]

Anlässlich der Preisverleihung hielt Alice Vollenweider eine Laudatio auf Fabio Pusterla. Diese Rede erschien gleichentags in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Roger Francillon würdigte Marlyse Pietri und Karl Pestalozzi lobte Martin Zingg und Rudolf Bussmann. Alle Geehrten dankten mit schönen Worten.

An der Preisverleihung haben neben den Laureaten und dem Kuratorium folgende Gäste teilgenommen: Pusterla brachte seine Frau Claudia und Tochter Nina mit. Die Lebensgefährtin, Margrit Schneider begleitete Rudolf Bussmann; Martin Zingg erschien mit seiner Lebensgefährtin Franziska Grob und der gemeinsamen Tochter Milena Grob. Herr Pietri musste krankheitshalber absagen. Wie stets waren auch Andrea Bodmer, Ingrid Bodmer, Liliane Francillon, Julia Pestalozzi, Peter Schneider und Beatrice von Matt anwesend. Die Preisverleihung blieb die einzige Aktivität der Stiftung in diesem Jahr.

 

Die Rechnung 2007 wurde wie immer vom Treuhänder der Stiftung, Herrn Markus Hugger, erstellt und revidiert. Das Stiftungsvermögen betrug am 31. Dezember 2007 Fr. 384’763,79. Für die Preisvergabe und die Unkosten und Spesen wurden Fr. 54'625,75 benötigt, was einen Verlust zulasten des Stiftungskontos von Fr. 42'463,10 mit sich brachte.

Thomas Bodmer, Präsident des Kuratoriums, 25. Mai 2008.