Fondation Martin Bodmer pour un prix Gottfried Keller

Fondazione Martin Bodmer per un premio Gottfried Keller

Fundaziun Martin Bodmer per un Premi Gottfried Keller

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16.5.2019 | Die Martin Bodmer-Stiftung vergibt im Jubiläumsjahr 2019 zum 200. Geburtstag von Gottfried Keller je einen Gottfried Keller-Preis an Thomas Hürlimann und Adolf Muschg.

 

Zur Feier des 200. Geburtstages von Gottfried Keller und dem 100. Jubiläum der Initiative zur Verleihung des Gottfried-Keller Preises, die zur Gründung der Martin Bodmer-Stiftung führte, stellt die Stiftung Wirken und Wirkung des Dichters ganz ins Zentrum ihrer Preisvergabe. Sie ehrt mit zwei Gottfried Keller-Preisen die Autoren Thomas Hürlimann und Adolf Muschg.

Damit zeichnet sie zwei Persönlichkeiten der Schweizer Literatur aus, deren Werk bis heute zentrale Bezüge zu Gottfried Keller ins Spiel bringt und die Keller-Rezeption mit ebenso eigensinnigen Beiträgen wie substanziellen Studien im Bewusstsein ihrer Zeitgenossen verankert. Ihre Beiträge im Jubiläumsjahr unterstreichen Kellers Aktualität auf eindrückliche Weise. Beide Autoren haben Keller in eigenen Theaterstücken auf die Bühne gebracht und den Echoraum seiner Romane auf polyphone Weise in ihren eigenen Werken der Gegenwart anverwandelt.

 

Thomas Hürlimann inszenierte Kellers Flucht vor den offiziellen Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag in seinem Stück Das Lied der Heimat  (1998) und entfaltet in seinem letzten Roman Heimkehr zahlreiche Bezüge zu Kellers Roman Der grüne Heinrich, zudem legt er diesen Sommer sein Keller-Lesebuch im Fischer Verlag vor.

Adolf Muschg hat Keller mit seinem Theaterstück Kellers Abend (1975), das am Vorabend von Kellers Amtseinsetzung als Staatssschreiber spielt, und seiner 1977 erschienen Keller-Biografie ein Denkmal gesetzt. Seither kam er in verschiedenen Vorträgen und Auftritten, wie etwa im Literaturclub des SRF, auf dessen Wirken zurück. Mit seinem aktuellen Roman Heimkehr nach Fukushima erkundet er die sinnliche Dialektik von Eros und Thanatos im Schatten einer aktuellen Katastrophe.

 

Die Vergabe der beiden Preise bringt diese herausragenden Stimmen der Schweizer Literatur in einen Dialog, der zugleich auf dialektische Weise unterschiedliche politische Positionen deutlich macht, die in Kellers Werk angelegt sind, und sie im Gemeinsamen ihrer Leidenschaft für den facettenreichen Autor versöhnt. Als Radikal-Liberaler hat sich Keller literarisch und politisch für diesen Staat engagiert, in den späten Jahren prangerte er den Verrat an den politischen Idealen von 1848 und den hemmungslosen Kapitalismus der Gründerzeit an. In diesem Sinn steht die ausserordentliche Preisverleihung von 2019 im Zeichen der Dialektik und Versöhnung.

 

Die Preisverleihung und ein Gespräch zwischen den Autoren über Gottfried Kellers Aktualität findet am Samstag, 7. September 2019 in Zürich statt.

 

Der Gottfried Keller-Preis

ist einer der angesehensten Literaturpreise der Schweiz. Zum 100. Geburtstag von Gottfried Keller 1919 wurde die Martin Bodmer-Stiftung initiiert. Seither verleiht diese alle zwei bis drei Jahre einen Gottfried Keller-Preis an Autoren oder Autorinnen. Die Stiftung vergibt auch Ehrengaben für besondere literarische Leistungen wie Übersetzungen, Herausgaben, wissenschaftliche Arbeiten usw. Zuletzt erhielten Pietro de Marchi im 2016 den Gottfried Keller-Preis und das Autorenkollektiv Ajar eine Ehrengabe .

 

Im Kuratorium des Gottfried Keller-Preises vertreten sind derzeit Thomas Bodmer (Präsident), Evelyn S. Braun und Ursina Schneider-Bodmer. Die Jury setzt sich zusammen aus Ursula Amrein, Vanni Bianconi, Ivan Farron und Stefan Zweifel.

 

Infos unter: www.gottfried-keller-preis.ch

 

Filme der Preisverleihung und Gespräch mit den Preisträgern

 

 

Der Preis ist mit sFr. 25'000.- dotiert.

 

In seiner Rede „Gottfried Keller kommt nicht nach Hause“ konfrontierte Thomas Hürlimann 2017 Kellers vergeblichen Versuch, bei sich und zu Hause anzukommen, mit seiner eigenen Sicht des Ichs: Das ist stets im Fluss und der „Besoffenheit durch den Überfluss aus dem Unendlichen“ ausgesetzt und sprengt so den engen Kerker des cartesianischen Vernunft-Ichs im poetischen Überschwang. Diese Erfahrung sieht Hürlimann auch bei Keller am Werk, was ihn zu einem modernen Vorläufer von Kafkas K. macht: „Einem dozierenden Pferd, dem der Heimgeher auf der Brücke begegnet, „laufen im Mund sämtliche Widersprüche herum“. (…) On ne revient jamais. Wer über so eine Brücke geht, ist ein verfrühter K. Ein K. namens Keller. Er überquert zwar den Fluss, aber das andere Ufer erreicht er nicht.“

Hürlimanns pikaresker Roman Heimkehr kreist ebenfalls um eine Brücke, wo der Erzähler auf der Fahrt zu seinem Vater fast ums Leben kommt. Der Roman lotet im geografischen Dreieck Zürich-Sizilien-Berlin die metaphorische Spannkraft des Gummi aus, der das kapitalistische Imperium des Vaters des Erzählers Heinrich Übel begründet; dessen Initialen (HUE) verweisen genauso wie das Geburtsdatum 21.12.1950 auf den Autor „HUEerlimann“ selbst.

Die Sprache zerfällt dem Erzähler nicht mehr wie bei Hofmannsthals zu „modrigen Pilzen“, sondern wird gummiartig in Werbesprüchen zerdehnt, die die Vormacht von Clichés und Stereotypen auf spielerische und humoristische Weise verhöhnen. Andererseits überschattet der Produktionszwang, für das väterliche Unternehmen unter dem Druck des Kapitals Werbe-Slogans zu erfinden, seine Versuche, eine Autobiographie zu schreiben. Doch während in Zürich das Wirken der Künstler im Gummi der „Gesellschaft des Spektakels“ zur reinen Künstlichkeit verkommt, findet der Erzähler in Sizilien, wo der Gummi natürlich wächst, zurück in eine sinnliche Gegenwart.

Ein beinahe tödlicher Unfall wirft den Erzähler dabei auf die Bahn einer homerischen Odyssee, auf der er dank der heidnischen Kraft sizilianischer Mythen von seiner Kopfwunde geheilt wird, um ausgerechnet in der Wunde des geteilten Berlin zu sich selbst zu finden und als Erzähler zu auferstehen.

 

 

 

Der Preis ist mit sFr. 25'000.- dotiert.

 

Im Nachhall seines Theaterstücks Kellers Abend vertiefte Adolf Muschg 1977 seine Auseinandersetzung mit seiner Keller-Biografie: Er spiegelte darin die Absenz des früh verstorbenen Vaters und das dominierende Bild der Mutter bei Keller im Nachgang einer eigenen Psychoanalyse als Trieb- und Treibkraft der Fantasie. Ihr ist es im Rahmen des literarischen Schaffens gegeben, das Manko in einen Überschuss des Kreativen zu verwandeln.

„Ein guter Freund“, so verriet Muschg kürzlich, „hat etwas maliziös bemerkt, meine Keller-Studie sei meine einzige Autobiografie … Wenn es so ist, dann habe ich ganz gewiss nichts davon gewusst, aber ebenso gewiss habe ich etwas davon gespürt beim Arbeiten.“

Max Frisch brachte damals die Provokation von Muschgs Studie in einem Artikel für den SPIEGEL auf den Punkt : „Also: Gottfried Keller auf der Couch. Dichtung als Trauerarbeit. Und sein Engagement als demokratischer Revolutionär, als Freischärler, als Patriot: Trauerarbeit auch das? Das passt nicht zu dem Keller-Bild, das als gesichert gilt, und schon gar nicht zu dem Denkmal, das eine helvetische Versicherungsgesellschaft grossherzig aufgestellt hat.“

Diesen Befund bestätigt heute Muschg mit seiner Aussage: „Martin Salander, ist das vernichtendste Buch über die Schweiz, das ich kenne. Martin Salander dokumentiert, was passiert, wenn das grosse Geld, die Spekulation und das Privatinteresse die Öffentlichkeit in Geiselhaft nehmen. Also etwa das, was bei uns passiert.“

Die Weltsicht des Protestantismus, die Muschgs Herkunft auszeichnet, weitet sich durch die Erfahrung des Shintoismus in Japan zu einem ganz eigenen Welt-Zugang. Das spiegelt auf eindrückliche Weise sein letzter Roman Heimkehr nach Fukushima: Im Schatten der atomaren Katastrophe von Fukushima zerfallen zunächst auch die Moleküle alter Partnerschaften. Doch im Zug einer burlesk geschilderten Zeugung neuen Lebens mitten in der verstrahlten Landschaft feiert der Roman die Kraft der Liebe und der Sprache.

Mit diesem Roman bestätigt Muschg den Auftrag der Dichtung, so wie er ihn in seiner Keller-Biografie auf den Punkt brachte: „Alle Dichtung, die wir bedeutend nennen, zieht ihre wahre Bedeutung aus dem Widerstand, den sie der Zeit, als ihr Genosse, geboten hat, und ihre Wahrhaftigkeit ist als der genaue Abstand zu beschreiben, den sie bewahrt zu allen Sprachen der Herrschaft und der Verfügbarkeit.“