|  | |  | | | Geschichte · Gottfried Keller als Namenspatron | |  |  | | Gottfried Keller als Namenspatron
Man kann sich fragen, warum der Preis nicht nach Conrad Ferdinand Meyer benannt wurde, diesem zweiten grossen Schweizer Dichter, der zusammen mit Keller das „Doppelgestirn“ über dem eidgenössischen Literaturhimmel bildete. Zum einen nämlich bestanden, allerdings entfernte, familiäre Bande zwischen den Familien Bodmer und Meyer, zum anderen war Bodmer Meyer geistig in besonderem Masse zugetan.
Dass Keller der Vorrang gegeben wurde, geht auf Korrodi zurück, dessen Idee der Preis eigentlich war. Korrodi hielt Keller für politischer als Meyer und daher schweizerischer, nationaler, und für eine überregionale „Preis-Patronanz“ besser geeignet. Bodmer griff diesen Gedanken auf und dehnte ihn noch weiter aus: „Der Preis will im Kellerschen Sinne mithelfen, das alte Erbgut des Landes zu wahren und zu fördern, dass es immer wieder lebe und fortlebe. Er [der Preis] soll über das Eigene und Begrenzte hinaus Vermittler sein mit dem grossen Brudergeist des Auslandes."
Auch Max Rychner betonte die Wirkung Kellers nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt über die Grenzen hinaus. Rychner sah in Kellers Werk ein Gegenstück zu einer „schweizerischen, literarischen Hausindustrie", die nur nach innen und also wenig wirkt. Es sollen und können daher auch ausländische Autoren für eine Auszeichnung mit in Betracht gezogen werden.
Keller stand aber auch für Tradition und Bewahrung. So lautete beispielsweise die Begründung der Preisvergabe an Gertrud von Le Fort (1952): „Es ist der lebendige Geist der Tradition, um den es hier geht, und der beim Zürcher [Gottfried Keller] wie bei der Westfalin eines Wesens ist. Werk und Wirkung beider gehören in einem höheren Sinne zusammen, und verkörpern in einer immer seelenloseren Welt dieselbe Ehrfurcht vor der Grösse des Lebens und seinen ewigen Ordnungen.“
Bis heute lebt der Preis mit dem und vom Namen Gottfried Kellers. Es gehört mit zu den Errungenschaften der Kuratoren der ersten Stunde, dass sie vor über 80 Jahren sich einen Namen auf ihr Banner schrieben, der noch immer in „alter Frische“ wirkt. Mit der ebenfalls im privaten Mäzenatentum gründenden Gottfried Keller-Stiftung (1890) hat unser Preis aber nur den Namen des Dichters gemein.
Die Linie, die das Kuratorium mit dem Preis verfolgte, rief auch Kritik hervor. Vor allem die Tagespresse erhob schon 1925 anlässlich der Preisverleihung an Heinrich Federer den Vorwurf, dass der Preis stets nur das bewährte Alte auf den Schild hebe und dem Ziel der Stiftung, nämlich Neues zu fördern, nicht gerecht werde. Man warf den Kuratoren eine konservative, ja reaktionäre Haltung vor. Dies gestand Bodmer in seinem Gratulationsschreiben an Federer durchaus ein: „Noch gilt es für die junge Stiftung sich zu bewähren, sich das Vertrauen und Sympathie zu erobern. Nur dann wird es ihr möglich sein, ihren Wirkungskreis allmählich auf schöne Art zu erweitern, Verborgenem ans Licht zu helfen, für Unbekanntes einzustehen.“ In seinem Jahresbericht von 1925 setzte sich Bodmer mit derselben Thematik auseinander: „Sind wir reaktionär, wenn wir die alte Garde heranziehen, um wenigstens Köpfe in der Führerreihe zu haben? Denn das ist unsere Aufgabe; auf Führer zu weisen. Ja können wir etwas dafür, wenn, nach einem hübschen Worte Korrodis, bei den Jungen nur Rekruten da sind und kein Marschall erscheint?"
Von der zeittypischen Metaphorik und dem Umstand einmal abgesehen, dass ‚Junge’ im Sinne des Vergleiches nie ‚Marschälle’ sein können, kristallisierte sich schon früh die für die Preisvergabe zentrale Streitfrage heraus, ob im konkreten Fall das Neue oder das Bewährte vorzuziehen sei. 40 Jahre später schrieb Bodmer dem Preisträger von 1965, Meinrad Inglin: „Es ist ja nie ihr [der Stiftung] Ehrgeiz, Talente zu entdecken, nicht ihr Ziel, einen Sensationsrummel auszulösen, wie er immer wieder vorkommt, sondern zu ehren, was sich in der Zeit bewährt.“ Die Abgeklärtheit dieser Zeilen konnte aber nicht über das alte, immer noch vorhandene Dilemma hinwegtäuschen.
Es blieb aber nicht nur bei der Unsicherheit dem Nachwuchs gegenüber. Auch grosse Namen wurden vom Kuratorium nicht berücksichtigt. So fehlen in der Liste der Ausgezeichneten Autoren wie beispielsweise Thomas Mann, Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt. Ein Preisträger machte einmal auf diesen Umstand aufmerksam und übte Kritik an der Vergabepolitik: Der elfte Gottfried Keller-Preis ging 1949, im 130. Geburtsjahr des Namenstifters, an den österreichischen Philosophen und Schriftsteller Rudolf Kassner. In seinem Dankesbrief meinte dieser: „Wenn man bedenkt, dass auch Hofmannsthal nie eine Ehrung erhalten hat und – wie ich leider erst Jahre nach seinem Tode erfuhr – über den Gottfried Keller-Preis beglückt gewesen wäre, so muss man die damals vielleicht allzugrosse Zurückhaltung des Kuratoriums bedauern.“ Vielleicht lassen sich für dieses Zögern noch Gründe finden.
Bei der Vergabe von Preisen und Beiträgen wurden immer wieder Leute aus den eigenen Reihen berücksichtigt. So erhielt schon 1925 Heinrich Federer für sein Werk den zweiten Gottfried Keller-Preis, noch bevor er aus dem Kuratorium der Stiftung zurückgetreten war. Martin Bodmer schloss Bedenken wegen dieser gleichsam internen Wahl aus, da „der spontane und warme Widerhall in der schweizerischen Presse" das Gegenteil beweise. | | |  | |
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