GOTTFRIED KELLER-PREIS

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Der Gottfried Keller-Preis · Der Gottfried Keller-Preis
Der Gottfried Keller-Preis

Mit dem Gottfried Keller-Preis war von Anfang ein Nimbus verbunden, der bis heute wirkt. Vier Hauptgründe mögen für die Aura der Institution mit verantwortlich sein. Erstens war und ist der Stiftungsrat, hier Kuratorium genannt, stets hochkarätig besetzt. In der gesamten Geschichte des Preises bestimmten Persönlichkeiten dessen Geschicke, die das literarische Leben in der Schweiz entscheidend prägten und zum Teil heute noch beeinflussen. Zweitens verstanden und verstehen der Stifter und seine Nachfolger ihre Mitarbeit nicht nur als Amtsausübung, sondern auch als familiäre und daher persönliche Angelegenheit. Drittens wurden Werke und Autoren unter dem Namen Gottfried Kellers durchgängig nach den gleichen Kriterien ausgezeichnet, d.h. das Kuratorium fühlte sich der Tradition verpflichtet (mit Beginn des letzten Jahrzehntes des vorhergehenden Jahrhunderts löste sich die Skepsis gegenüber der avantgardistischen Moderne allerdings weitgehend auf). Nicht immer freilich blieb der eingeschlagene Kurs ohne Widerspruch. Viertens verfügte der Preis vor allem in den Anfangsjahren über beträchtliche finanzielle Mittel. Alle genannten Umstände trugen zur Ausstrahlung bei und sicherten die Kontinuität der Preisvergabe.

An Gottfried Kellers 102. Geburtstag, dem 19. Juli 1921, unterzeichneten Martin Bodmer, Robert Faesi, Eduard Korrodi und Max Rychner die Stiftungsurkunde der Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis auf dem Handelsregisteramt der Stadt Zürich. Korrodi (Ressortchef beim Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung), Faesi (Professor für deutsche Literatur an der Universität Zürich) und Rychner (Essayist und Literaturkritiker) wandten sich zusammen mit dem 22jährigen Martin Bodmer, der einer alten, wohlhabenden Zürcher Familie entstammte, angesichts ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Positionen und der überregionalen Bedeutung ihrer Stadt, selbstbewusst nach aussen.
Eduard Korrodi, für Martin Bodmer Zeit seines Lebens Mentor, Berater und Freund, war vor allem in den Anfängen des Preises die treibende Kraft des Gremiums. Robert Faesi, der dem Kuratorium bis 1969 angehörte, hielt sich als „Graue Eminenz“ etwas im Hintergrund. Der Einfluss von Faesi und Korrodi beruhte auch auf ihrer Mitgliedschaft in anderen angesehenen Institutionen. Beide waren seit 1913 im Lesezirkel Hottingen und in der Schweizerischen Schiller-Stiftung tätig, später auch im Schweizerischen Pen- Club. Rychner, im Gründungsjahr 24 Jahre alt, stand damals am Anfang einer vielversprechenden Karriere als Essayist und Literaturkritiker.
Ausser Rychner blieben alle Genannten dem Preis über Jahrzehnte verbunden. Die durchweg lange Mitgliedschaft im Kuratorium (Martin Bodmer 50 Jahre; Robert Faesi 48 Jahre; Werner Weber 44 Jahre; Max Wehrli 42 Jahre; Carl J. Burckhardt 37 Jahre; Daniel Bodmer 35 Jahre; Eduard Korrodi 34 Jahre) garantierte Kontinuität und liess den Preis Krisenzeiten, wie jene zwischen 1933 und 1945, in erstaunlicher Stabilität überstehen. Die Geschichte des Preises war daher unter Martin Bodmer zu einem wesentlichen Teil nicht nur eine Geschichte der ausgezeichneten Autoren und Autorinnen, sondern auch der Kuratoren.
Das familiäre Moment gehört zu den Charakteristika des Preises. Die Statuten der Stiftung bestimmten Martin Bodmer zum Präsidenten (und Korrodi zum Stellvertreter) auf Lebenszeit. Die Stiftungsurkunde hält fest, dass immer ein Familienmitglied im Rat Einsitz haben muss (vgl. Anhang). Die damit verbundene personen- und familienbezogene Struktur der Geschäftsführung lässt es zu, dass die Preisverleihung in intimem Rahmen und in unkomplizierter Art und Weise gestaltet werden kann. Damit unterscheidet sich der Gottfried Keller-Preis von vergleichbaren Institutionen, die nüchterner und vielleicht auch öffentlichkeitsbewusster arbeiten müssen. Martin Bodmer brachte noch kurz vor seinem Tod die umfangreiche Sammlung seiner „Bibliothek der Weltliteratur“ in eine Stiftung ein und bestimmte seinen Sohn Daniel zum Nachfolger für die Präsidien der Bibliotheca Bodmeriana in Genf und des Gottfried Keller-Preises. Daniel Bodmer hatte im Kuratorium des Preises seit 1959 Einsitz. 1994 verschied er ganz unerwartet an einem Herzversagen. Da er kein Testament hinterliess, kam es in der Folge zu mehreren Gesprächen in der Familie und mit den Kuratoren über die zukünftige Leitung der Stiftung. Gemäss Statuten muss immer ein männlicher Nachkomme des Vaters des Stifters im Kuratorium vertreten sein. Es setzte sich die Meinung durch, dass das Geschlecht nicht massgebend sein dürfe, zumal vielleicht keine männlichen Familienmitglieder dieses Erbe antreten möchten. Von Seiten der Geschwister Daniels meldete niemand Interesse an. Zu Beginn des Jahres 1995 wurden die älteste Tochter Daniel Bodmers, Ursina Schneider-Bodmer, und sein Sohn, Thomas Bodmer, ins Kuratorium aufgenommen. Ursina verwaltet seither die Finanzen, Thomas übernahm das Präsidium.
Die Initiatoren verbanden mit dem Preis einen hohen Anspruch. „Einen Einzigen verehren und dies nur in massvollen Abständen [...] sein [des Preises] tieferer und innerer Gewinn soll vor allem in der Seltenheit und Auslese liegen, womit er bewusst der Breitentendenz unserer nivellierenden Zeit entgegen tritt. [...] aber alles was heute zwischen ertötender Erstarrung und brauendem Chaos, zwischen Veräusserlichung und Zerwühlung – mit einem Wort zwischen Amerikanismus und Europäismus pendelt, zu überwinden, das ist die Pionierarbeit unserer Tage"3. Und: „Wir aber wollen jene Exklusivität, die in der Ursprungsbedeutung des Wortes aristokratisch ist – wir wollen das Beste. Wie ein edler Wein mit dem Alter kostbarer wird, müsste es auch ein Dichterpreis sein. Wir wagen keineswegs, es von diesem zu behaupten, aber es uns als Ziel zu setzen.“4 Es war auch kein Anliegen, Wunderkinder aufzuspüren, denn „nur Erprobtes und Bewährtes“ sollte honoriert werden.5 Diese Strenge, vielleicht auch Eigensinn, gehörte lange zu den spezifischen Eigenschaften des Preises. Sie hat ihm gelegentlich auch Kritik eingebracht. Im Zusammenhang mit der Wirkung des Preises darf die finanzielle Situation anfangs der 20er Jahre nicht ausser acht gelassen werden. Der Gottfried Keller-Preis zählte damals mit seinem Stiftungsvermögen von CHF 100'000.– und einer Preissumme von CHF 6'000.– zu den bestdotierten Preisen des deutschen Sprachgebietes.